Efeu - Die Kulturrundschau

In erster Linie Selbstverrat

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11.03.2026. Russland wieder auf der Biennale in Venedig? Die Feuilletons sind weiterhin nicht einverstanden. Die Welt spricht mit dem ukrainischen Künstler Pavlo Makov, den das europäische Appeasement nicht wundert. Richard Linklaters "Nouvelle Vague" zeigt, wie Godard & Co 1960 in Paris wie nebenbei ein Meisterwerk herunterkurbelten, freut sich der Perlentaucher. Die taz applaudiert der US-Indieband Geese, die nicht nur die Konzerthallen erobert, sondern auch eine eigene Memekultur hervorgebracht hat.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.03.2026 finden Sie hier

Kunst

Die Ankündigung der Biennale von Venedig, dieses Jahr Russland wieder auf die Kunstschau zurückkehren zu lassen (vor zwei Jahren hatte Russland seinen Pavillon an Bolivien abgegeben, unser Resümee), stößt in den Feuilletons weiter auf Unverständnis. In der Welt interviewt Marcus Woeller den ukrainischen Künstler Pavlo Makov, der von der Entwicklung keineswegs überrascht ist: "Ich glaube, es ist die logische Fortsetzung dessen, was ich lange vor 2022 empfunden habe. Meine 'Fountain of Exhaustion' handelte von diesem seltsamen Gefühl, dass wir Zeugen der Erschöpfung der Menschlichkeit werden und des Mangels an einem wirklichen Willen, das zu schützen, was von ihr noch übrig ist. Die Schwäche der sogenannten demokratischen Welt, die Unwilligkeit, fest zu den Prinzipien zu stehen, auf denen sie aufgebaut wurde. Es geht nicht darum, ob die Ukraine verraten wird oder nicht - es geht in erster Linie um Selbstverrat." Katharina Rustler fasst im Standard die fast durchweg negativen Reaktionen auf die Biennale-Entscheidung zusammen. Für die SZ kommentiert Jörg Häntzschel eher reserviert; er fände es "schön, sich mal wieder über Kunst zu streiten".

Wie es derweil in Russland selbst um die Kunst bestellt ist, kann man heute in der FAZ nachlesen. Kerstin Holm hat sich den in einem Seminar an der Ruhr-Universität Bochum vorgeführten Film "Fragil" angeschaut, in dem die Exilanten Egor Isaev und Konstantin Koryagin die desolate Lage dissidenter Kunst thematisieren. Unter anderem lernt Holm: "Nachdem im linguistisch noch freien Jahr 2009 Kriminalfahnder dem Nowosibirsker Künstler Artjom Loskutow, der die Nonsense-Monstrationen erfunden hatte, Rauschgift unterschoben, um ihn vor Gericht zu bringen, erlaubte das 2013 verabschiedete Gesetz zum 'Schutz der Gefühle Gläubiger' und insbesondere die seit den Protesten 2019 bei Strafprozessen verstärkt eingesetzten linguistischen Expertisen, kirchenkritische Aussagen etwa von 'Pussy Riot' per se zu kriminalisieren beziehungsweise gar ein vor Islamismus warnendes Theaterstück kreativ in ein terroristisches umzudefinieren, wie es im Fall der Dichterin Schenja Berkowitsch und des von ihr inszenierten 'Lichten Falken Finist' 2024 geschah."

Andernorts bringt der Iran-Krieg die Kunstwelt in Unordnung. Die Art Dubai zum Beispiel ist gefährdet, seit ein wichtiges Hotel der Stadt von einer iranischen Rakete getroffen wurde. Werner Bloch berichtet für die NZZ, kann sich aber nicht vorstellen, dass dieser Rückschlag den Kunstaufschwung in der Golfregion ernsthaft gefährdet. Weil: "Zum Lamentieren neigt hier niemand. Wo in Europa Massenpanik und Hysterie ausbrechen würden, gibt man sich am Golf cool und relaxed, voll Improvisationsdrang und bereit, sich Herausforderungen zu stellen." Der Perlentaucher ergänzt: Das haben Autokratien so an sich, Lamentierer haben da nunmal einen schweren Stand. Bloch weiter: "Diese unerschrockene Attitüde hat Dubai immer wieder sein Überleben und Weiterkommen gesichert. Außerdem ist bereits enorm viel in die Kultur investiert worden. Dubai und Abu Dhabi sind 'too big to fail', nicht nur für die Araber. Europa und der Westen könnten es sich gar nicht leisten, dieses Modell fallenzulassen, ohne selbst enorme Verluste einzufahren."

Besprochen werden die Fotoausstellung "Tanzbild" in der Wiener Albertina modern (Standard) und "Project a Black Planet: The Art and Culture of Panafrica" im MACBA Barcelona (monopol).
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Film

Auf spielerische Weise authentisch: Richard Linklaters "Nouvelle Vague"

Kann das gutgehen? Ein amerikanischer Regisseur dreht einen Film über die Dreharbeiten eines französischen Films, bei dem wiederum die Liebe zum amerikanischen Kino in jeder Sekunde mitläuft? Es kann, jubeln die Kritiker, und feiern Richard Linklaters "Nouvelle Vague", in dem es - stilecht in Schwarzweiß - um die Produktion von Jean-Luc Godards Spielfilmdebüt "Außer Atem" geht, mit dem die französische Neue Welle international so richtig zündete (hier unser Resümee zur Weltpremiere des Films in Cannes). Es "ist ein aufregender Clash der Kinogeschichte", schwärmt Fritz Göttler in der SZ. "Linklater hat die Leute der Nouvelle Vague mit jungen, relativ unbekannten Akteuren besetzt", aber "es sind alle dabei. ... Die Ähnlichkeit mit den Originalen ist selten vollkommen, aber der Ernst, mit dem alle bei der Sache sind, berührt und verleiht dem Film eine sagenhafte Lässigkeit, eine spielerische Authentizität."

Lukas Foerster ist im Perlentaucher ebenfalls begeistert. "Dass das Ergebnis wunderschön leichtfüßig und großzügig geraten ist und nicht etwa pedantisch besserwisserisch und steril, liegt" nicht zuletzt "am Linklater Touch, der alles, was er berührt, in ein hangout movie verwandelt. 'Außer Atem' entstand, wenn wir Linklater glauben können, primär nicht am Set oder gar am Schreibtisch, sondern in einem Pariser Bistro zwischen den Drehpausen, wo Jean-Luc, Jean, Jean-Paul und die anderen wertvolle Drehzeit mit Sprücheklopfen und gutmütig genervten Geldgebern auf die Nerven gehen (Jean-Luc), beziehungsweise Flirten (Jean und Jean-Paul) totschlugen; und dabei durch eine Laune des Cine-Gottes genau in die richtige Stimmung versetzt wurden, um wie nebenbei ein Meisterwerk herunterzukurbeln."

Der Film steckt voller historisch verbriefter Bonmots, die Godard bekanntlich am laufenden Meter von sich gab. Doch "Linklater lässt beides, die Worte und die Bilder, nicht wie historische Fakten, sondern wie filmische Einfälle aussehen", schreibt Andreas Kilb in der FAZ und dankt dem Regisseur, "keine Dokufiction, sondern ein wahres Märchen über die Entstehung von 'Außer Atem'" gedreht zu haben. Bei "all der Zitiererei bildet der Film auch ab, wie sehr Godard und Konsorten bereits an der eigenen Mythosbildung arbeiteten", hält Barbara Schweizerhof in der taz fest. Zugleich "lässt Linklaters Entspanntheit genug Raum für jene Art von 'Fun', die den 'kulturellen Moment' gut trifft." Johanna Adorján erzählt in der SZ von ihrer Begegnung mit Guillaume Marbeck, der Godard spielt.

Außerdem: Rüdiger Suchsland spricht für den Filmdienst mit der Regisseurin Mona Fastvold über deren Film "The Testament of Ann Lee". In der SZ fasst Kathleen Hildebrand ein Interview zusammen, das der Hollywood Reporter mit dem inhaftierten Harvey Weinstein geführt hat. Besprochen wird die Wim-Wenders-Ausstellung im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt (FR).
Archiv: Film

Bühne

Theater Magdeburg - Leben mit einem Idioten. © Gianmarco Bresadola

Zuviel des Guten wird FAZ-Kritiker Gerald Felber am Theater Magdeburg serviert: Julien Chavez inszeniert hier Alfred Schnittkes "Leben mit einem Idioten", eine vor lauter "Blut, Sperma, Scheiße" geradezu überquellende Oper, die dann auch noch musikalisch wie szenisch ideenreich umgesetzt wird. Nur leider lässt "das Fehlen jeder positiven Utopie oder Katharsis (…) das Geschehen trotz aller Bewegtheit zunehmend von innen her statisch werden. Wir Opernbesucher sind eine seltsame Spezies: Wie oft erregt man sich über verkopft dahermoralisierende, besserwisserische und demgemäß langweilige Inszenierungen! Davon ist nun hier, wo alle Säue und Sauereien herausgelassen werden, keine Rede. Doch die grundsätzliche und geradezu bösartig durchgezogene Alternativlosigkeit des Geschehens generiert nun ebenfalls eine eigene, immerhin eher mechanisch wirbelnde als einfach platt drückende Langatmigkeit."

Ebenfalls eher lauwarm besprochen wird Jan Lauwers Inszenierung der Mozart-Oper "La Clemenza di Tito" an der Wiener Staatsoper, die weder Wilhelm Sinkovicz in der Presse ("Lauwers, der die Akteure in Christbaumkugel-Glitzerkostüme hüllt, kann sich nicht entscheiden für eine durchgängige - und sei es parodistische - Erzählweise") noch Christoph Irrgeher im Standard ("Die kinetische Energie des Beginns ist rasch verpufft, das Tanz-Geschehen nimmt ab - und die wenigen, anderen Attraktionen auf der kargen Bühne fesseln nicht allzu lange den Blick") so recht munden mag.

Weitere Artikel: In der SZ berichtet Helmut Mauró, wie sich Bühnenkünstler der Sparten Oper und Ballett gegen Timothée Chalamets Verunglimpfung ihrer Zünfte ("interessiert niemand mehr" - siehe auch hier) wehren. Janis El-Bira fragt sich auf nachtkritik ebenfalls anlässlich des viel diskutierten Chalamet-Interviews, warum polemische Kritik an der Hochkultur nicht einfach mit souveränem Weglachen quittiert wird. In der Berliner Zeitung porträtiert Michael Maier den Zürcher Opernintendant Matthias Schulz.
Archiv: Bühne

Literatur

Heiner Müller, Max Frisch und noch ein paar andere: Aktuell häufen sich die Fundstücke mit jugendlichen Texten späterer prominenter Autoren. Für Paul Jandl (NZZ) ein willkommener Anlass, auch bei anderen Großautoren mal auf die allerersten Gehversuche zu blicken. Sein Fazit: "Man kann aus ihnen nicht viel mehr herauslesen als die Tatsache, dass auch kluge Menschen einmal jung waren." Clemens J. Setz würde sicher nicht widersprechen, ihn befällt beim Lesern erster literarischer Stolpereien gar "Fremdschämgänsehaut. Es gibt diese komplementäre Literaturgeschichte. Dichter, die sich von ihrem früheren dichterischen Ich distanzieren wie von einem ungeliebten Verwandten. Wenn das Jugendwerk schneller altert als man selbst, dann ist das kein gutes Zeichen. Was bleibt, ist allenfalls ein ironischer Blick zurück." Auch "das Frühwerk Rainer Maria Rilkes ist eine Zumutung. Sein Biograf Manfred Koch fällt ein vernichtendes Urteil: 'Kaum ein anderer großer Autor hat so miserabel begonnen wie Rilke." 

Besprochen werden unter anderem Ronen Steinkes "Meinungsfreiheit. Wie Polizei und Justiz unser Grundrecht einschränken - und wie wir es verteidigen" (NZZ), Natascha Gangls "Frische Appelle & andere Sprechtexte" (Standard), Norbert Gstreins "Im ersten Licht" (online nachgereicht von der LitWelt), Uwe Kolbes Gedichtband "Das Alter der Elbe" (FR) und neue Sachbücher, darunter Jana Hensels "Es war einmal ein Land" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Literarische Gehversuche

Musik

"Der Kult um Geese ist eine unwahrscheinliche Geschichte einer mysteriösen Band in einer verrückten Zeit", staunt Julian Zwingel in der taz: Gerade noch spielte die US-Indieband in kleinen Locations, jetzt füllt sie die großen Hallen - und das, obwohl in den USA das Konzept "Band" zugunsten von Solo-Acts eigentlich komplett abgemeldet ist. Nicht so hier: "Jeder gemeinsame Auftritt, jedes Solokonzert der einzelnen Bandmitglieder, jede öffentliche Äußerung wird zitiert, interpretiert, auf Social Media massenhaft verbreitet. In Collegeradios hat Geese, die stilistisch zwischen experimentellem Indie, Postpunk und Art-Rock changieren, Powerplay-Status. Sänger Cameron Winter steht im Mittelpunkt einer eigenen Memekultur. Sein Gesangsstil wirkt entfesselt. Er kratzt, kreischt bis zur Unkenntlichkeit, flüstert und croont, fleht und mäandert durch die Songs."



Christian Putsch stellt in der Welt das südafrikanische MIAGI-Orchester vor, das demnächst für ein Konzert nach Deutschland kommen wird. Die Musiker lernten ihre Kunst in Förderprogrammen für Townships erfahren wir. "Programme wie MIAGI oder Initiativen von Universitäten und Musikschulen haben in den vergangenen Jahrzehnten Tausenden jungen Menschen Zugang zu klassischer Ausbildung ermöglicht." Die Folge: "Wohl noch nie gab es in Südafrika so viele gut ausgebildete klassische Musiker. Doch eine stabile Berufskarriere schaffen nur die wenigsten", auch wenn "das Land über die wohl beste Infrastruktur für klassische Musik in Subsahara-Afrika verfügt".

Besprochen werden ein Auftritt von Florence + the Machine in Berlin (taz), Bruno Mars' neues Album (NZZ) und Morisseys neues Album "Make-up is a Lie" ("Politisch ein Trottel", doch "bei den Tränendrückern kennt er sich aus", schreibt Christian Schachinger im Standard).

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