Im Kino

Die Bilder wirken nun anders

Die Filmkolumne. Von Benjamin Moldenhauer
01.10.2025. Ein Film über den 7. Oktober, der keine Bilder des Hamas-Massakers zeigt: Tom Shovals "A Letter to David" ist ein tieftrauriges Werk über Verbundenheiten.

Jedes Bild der Gewalt ist nicht nur ein Abbild der Gewalt, sondern setzt sich ins Verhältnis zu ihr. Und "Verhältnis" lässt sich auffächern in verschiedene Aspekte: einen ästhetischen, einen ethischen und einen filmhistorischen, mindestens. Das ist als Aufschlag oder, sanfter formuliert, Beginn einer Filmkritik etwas spröde und banal vielleicht auch. Aber es ist wichtig. Das Wissen vom 7. Oktober (und damit auch die Imagination, die wir uns von der brachialen Gewalt machen müssen) ist bestimmt von den Bildern, die die Täter selbst fabriziert haben. Nicht zu Dokumentations-, sondern zu Terrorzwecken: Snuff-Videos als psychologische Kriegsführung. Wer sie gesehen hat, sollte erkennen, dass sich mit der Hamas an diesem Tag nicht die Verdammten der Erde gegen ihre Unterdrücker erhoben, sondern soldatische Männer ein Schlachtfest und Massenvergewaltigungen veranstaltet haben. Man sieht das Töten und das Lachen der Täter. Darüber hinaus erklären sie nichts. Die Bilder erschöpfen sich in ihrer Funktion als Waffe. Im besten Fall sollten sie klarstellen, mit was man es hier zu tun hat.

Der Regisseur Tom Shoval hat eine der wenigen Dokumentationen gedreht, die bislang zum Massaker der Hamas produziert worden sind. "A Letter to David" zeigt die Bilder der Tötungen und Vergewaltigungen nicht. Die filmhistorische Referenz wäre, zumindest in Hinblick auf das Verbot, die Gewalt zu zeigen, Claude Lanzmanns "Shoah". Die Interviewsettings bilden eine weitere Analogie (andere Dinge, wie zum Beispiel der Einsatz von Musik und voice over lassen das filmische Verfahren dann aber wieder ganz anders werden als bei Lanzmann).

Im Zentrum von "A Letter to David" stehen die Zwillingsbrüder Eitan und David Cunio. Beide haben bis zum 7. Oktober 2023 im Kibbuz Nir Oz gelebt. Eitan hat mit seiner Frau und seinen Töchtern in dem Schutzraum seines Hauses überlebt, das die Hamas angezündet hat. David wurde mit seiner Familie entführt. Seine Frau und seine Töchter werden nach 52 Tagen im Rahmen eines Abkommens zwischen Israel und der Hamas freigelassen, er selbst ist nach wie vor in der Gefangenschaft der Hamas.


In einer zentralen Szene steht Eitan vor dem Schutzraum des ausgebrannten Hauses. Die Analogie zu "Shoah" besteht in der Weise, wie die Kamera Eitan Cunios Rede und ihren körperlichen Ausdruck aufzeichnet, wie er damit als eine Art Medium der Veranschaulichung der Gewalt fungiert, die ihm angetan worden ist. Körper und Sprache erzählen von einem Geschehen, das als unmittelbares Bild nicht zeigbar wäre. Und, würde Lanzmann wahrscheinlich und zurecht sagen, auch nicht aufgezeichnet werden darf.

In ethischer und filmhistorischer Hinsicht erfassen die Bilder die Gewalt also in ähnlicher Weise wie in "Shoah". Allerdings vermeiden sie die inszenatorische Gewalt, die in Lanzmanns Film trotz des Zeigeverbots noch steckt. "A Letter to David" ist nämlich außerdem ein Dokument verschiedener Verbundenheiten. Zum Beispiel der zwischen einem Filmemacher und seinen zwei Hauptdarstellern. David Cunio spielte gemeinsam mit seinem Bruder die Hauptrolle in Shovals Film "Youth", der 2013 seine Weltpremiere auf der 63. Berlinale feierte. David Cunio war damals auf dem Festival zu Gast. Bei der Berlinale 2024 wurde er, anders als die palästinensischen Opfer des israelischen Gegenschlags, in keiner Rede erwähnt.

In dem Dokumentarfilm "A Letter to David" sind immer wieder Szenen aus dem Spielfilm "Youth" eingeflochten. Letzterer erzählte ebenfalls von einer Entführung, mit David und Eitan Curio als Schauspielern in der Rolle der Entführer. Die Bilder wirken nun anders, sein Film sei durch das Geschehen am 7. Oktober ein anderer geworden, sagt Shoval im Voice Over.

Die Filmbilder wie auch die Home Videos, die die Familie Curio von sich aufgenommen haben, lassen auf eine tiefe Verbundenheit der Zwillinge schließen. Er könne die Abwesenheit seines Bruders ununterbrochen körperlich spüren, erzählt Eitan Cunio der Kamera. Am Ende von "A Letter to David" schließt sich über eine Szene aus "Youth" doch noch ein Kreis, und der Film von 2013 bekommt nicht nur eine neue Bedeutung. Das Wiedersehen, die Umarmung der beiden Brüder, der verzweifelte Trost, den es in der Wirklichkeit nicht geben kann, steckt in diesen Bildern, als traurig-verzweifelte Phantasie; traurig, weil alle wissen, wie gering die Wahrscheinlichkeit inzwischen ist, David Cumio jenseits der Filmbilder noch einmal lebend zu sehen.

In diesem Ende kristallisiert sich so etwas wie die Ethik dieses Films, der von Unschuldigen erzählt, die zum Opfer brachialer Gewalt geworden sind. Diese Gewalt nicht im Bild zu reproduzieren, sondern sich in jedem Moment für ihre visuelle Aussparung zu entscheiden, ist in diesem Sinne keine rein ästhetische Entscheidung. "A Letter to David" ist in seinem Gestus ein sanftes, tastendes und tieftrauriges Unternehmen. Versteht man den Film als Beitrag zu einer filmischen Ästhetik der Gewalt, dann ist er ein Plädoyer für den stillen Einspruch. Seine Bilder treten bewusst gewaltlos für einen behutsam einfühlenden, fassungslosen und zugleich sanften Blick ein.

Benjamin Moldenhauer

A Letter to David - Israel 2025 - Regie: Tom Shoval - Laufzeit: 75 Minuten.