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30.01.2026. Boualem Sansal wird in die Académie française aufgenommen - Kamel Daoud freut sich in Le Point. Zeit Online und NZZ erkennen in Bruce Springsteens Protestsong Teufelsaustreibung und Beginn einer neuen Widerstandsbewegung. Die FAZ lernt in Siegen, wieviel Einfluss Giorgio Morandi auch auf nachfolgende Künstlergenerationen hat. Und die nachtkritik sieht den leibhaftigen Robert Walser in Barbara Freys Wiener Adaption der Novelle "Der Spaziergang".
Eben darbte er noch in den Verliesen des algerischen Regimes, nun wird Boualem Sansal unsterblich, weil er von französischen Kollegen in die Académie française gewählt worden ist, und muss sich einen Frack grün besticken und ein Schwert anfertigen lassen. Kamel Daoudbegrüßt diesen Schritt in Le Point und denkt über das pathologische Verhältnis zwischen Algerien, dem "größten frankophonen Land außerhalb der Organisation internationale de la francophonie", und Frankreich nach. In Algerien wird das Französische in Schulen und Ämtern systematisch zurückgedrängt. Schriftsteller, die auf Französisch schreiben, wie Sansal oder Daoud selbst, werden nicht mehr als Brückenbauer betrachtet, sondern als Dissidenten, die zu bekämpfen sind. "Das heutige Algerien träumt nicht mehr von einer Versöhnung mit Frankreich, gestützt auf seine frankophonen Schriftsteller als Vermittler zur Universalität und lebendige Verbindungen zur Welt. Es träumt vielmehr von Abschottung, einem imaginären Krieg mit Frankreich und einer Überhöhung der Identität. Diese Hysterie führt zur Isolation der Algerier, verdrängt sie aus der Gegenwart und stürzt sie in kulturelles Elend und Sinnlosigkeit."
Bestellen Sie bei eichendorff21!"Dass es so was noch gibt", freut sich Bernhard Heckler in seinem SZ-Bericht vom offenbar eher nicht so erfolgreichen Versuch, mit dem jungen österreichischen SchriftstellerEliasHirschl ein smalltalkig-flauschiges Gespräch in einem Wiener Café zu führen. Aber Hirschl "ist die angenehm sperrige Antithese zum modernen Erfolgsschriftsteller", der nicht draufloslabert, sondern lieber zuhört, beobachtet, schreibt. Da passt es ja, dass in "Schleifen", Hirschls "kopfsprengendem, mindestens fünfdimensionalen, psychedelischen Wahnsinnswerk", "die Hauptprotagonistin die Sprache selbst" ist, meint Heckler. Das Buch "ist ein Urknall aus Sprachspielereien und Buchstabenvolten" und dabei "so kompliziert harmonisch, dass auch der verifizierte Ideenriese und Büchnerpreisträger ClemensJ. Setz anerkennend attestiert: 'So viel Unendlichkeit enthalten Romane normalerweise nicht.' 'Schleifen' hat vierhundert Seiten und pro Seite mindestens fünf originelle Einfälle, das heißt, in dem Buch stecken mindestens zweitausend originelle Einfälle."
Besprochen werden unter anderem StefanieSargnagels "Opernball" (FR), RagnarAlbuus Bilderbuch "Auf der Suche nach Georg" (FR) und FlorianKlenks "Ausreden. Elfriede Blauensteiner. Ein Bekenntnis" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau.
Szene aus "Der irrende Planet". Foto: Tommy Hetzel Am Burgtheater hat Barbara Frey Robert Walsers Novelle "Der Spaziergang" adaptiert. Es geht um einen Erzähler, der anhand ganz banaler Alltagsbeobachtungen das Leben zu fassen versucht. Die Inszenierung ist durchaus gelungen, findetNachtkritikerin Gabi Hift: "Die über allem liegende nachtschwarze Melancholie ist verführerisch und gefällt auch. Aber vom Schrecken in Walsers Text, der aus dem Kontrast zwischen hellem Sonnenschein, unablässigem Entzücken, und dem dahinter dräuenden Abgrund entspringt, würde man kaum etwas spüren, wäre da nicht Maria Happel. Wie sie schnellen Schrittes ihre Bahnen zieht und ihre Finger hinter dem Rücken unablässig klimpern, meint man paradoxerweise Walser zu sehen, wie man ihn von den Fotos kennt: groß, grobschlächtig, im schwarzen Dreiteiler und mit stechendem Blick. Wenn Maria Happel mit Ingrimm sagt: 'auch hat der schöne Tag eine Fröhlichkeit in mir angezündet', meint man Walsers Stimme zu hören. In Happel tobt ein wahnwitziger Kampf mit der Sprache - und sie gewinnt!"
Moritz Kienemann als "Fake Jew". Foto: Jasmin Schuller Auch das von dem israelischen Regisseur Noam Brusilovsky am Deutschen Theater inszenierte Stück "Fake Jews" über das Wilkormirski-Syndrom überzeugt vor allem durch die Wucht des Schauspielers Moritz Kienemann, meintNachtkritiker Janis El-Bira, der hier vor allem den Fall Fabian Wolff zu erkennen glaubt: "Kienemann spielt einen 'jüdischen' Journalisten und gleichzeitig dessen Kumpel David, einen nicht-jüdischen Schauspieler, der aber auf jüdische Rollen abonniert ist. Beim gemeinsamen Besuch des Jüdischen Friedhofs in Weißensee wird David vor der Gedenktafel für die im Holocaust Ermordeten 'ganz ernst und klein' und beginnt - inklusive angedeutetem Willy-Brandt-Kniefall - 'ehrfürchtig deutsche erinnerungskulturelle Arbeit zu leisten'. Und wie Kienemann diese 'Arbeit' zeigt, weich die Knie, hochgezogen die Schultern, die Hände verschränkt, da wird die Last der deutschen Schuld ebenso sprechend wie die Lächerlichkeit, ihr einen körperlichen Ausdruck geben zu wollen. Ein großartiger, brutal komischer Moment."
Der Regisseur Tobias Kratzer inszeniert aktuell an der Hamburger Oper das Stück "Monsters Paradise" von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek über zwei Vampirinnen, die den Niedergang der Menschheit beobachten und von einem Monster gerettet werden soll. Im Welt-Gespräch mit Stefan Grund erklärt Kratzer, auch mit Blick auf die USA, weshalb es aktuell auch Monster braucht: "Gegen ein Monster hilft nur ein Monster. Was das aber wiederum für Konsequenzen hat, wenn die Opposition selbst monströs werden muss, das ist eine Frage, die das Stück so eigentlich an die Realität zurückgibt."
Weiteres: Für den Tagesspiegel spricht Corina Kolbe mit der Sopranistin Ambur Braid, die die Titelpartie in Schostakowitschs Thriller "Lady Macbeth von Mzensk" an der Komischen Oper in Berlin singt. Katrin Bettina Müller erinnert in der taz an den im Dezember verstorbenen Intendanten der Berliner Festspiele, Ulrich Eckhardt. Besprochen werden außerdem der Tanzabend "Shakespeare & Love" von Stephan Thoss am Nationaltheater Mannheim (FR) und Bastian Krafts Inszenierung "Zu ebener Erde und erster Stock" nach Johann Nestroy am Wiener Burgtheater (nachtkritik).
Antonioni, Fellini, Pasolini, Paul Auster oder Siri Hustvedt - sie alle bezogen sich auf Giorgio Morandi, erinnert Alexandra Wach in der FAZ. Das MGK in Siegen setzt nun das Werk des Vertreters der Pittura Metafisica in einen Dialog mit bildenden Künstlern - und zwar mit besonderem Blick auf Morandis Arbeitsprinzip der Wiederholung und Variation, erkennt Wach: "Bei den Stillleben aus Morandis Spätwerk der Sechzigerjahre fällt die Zeitgenossenschaft zu einer jüngeren Generation überdeutlich auf, wie dem japanischen Konzeptkünstler On Kawara und dessen Date Paintings, die er an unterschiedlichen Orten nach strengen Regeln jeweils an einem Tag gemalt hat. Der deutsche Maler Peter Dreher steigerte das Prinzip mit seiner ikonischen Serie 'Tag um Tag guter Tag' weiter. Seit 1974 malte er jedes Jahr mindestens 50 Bilder, die ein leeres Wasserglas auf weißer Tischfläche vor weißem Hintergrund zeigten, um die sich verändernden Nuancen des Tageslichts oder der Spiegelungen einzufangen."
In der SZ resümiert Christoph Koopmans den Fall um die palästinensische Künstlerin Basma al-Sharif, die von der Kunstakademie Düsseldorf zu einer Vortragsreihe eingeladen wurde, obwohl sie in Posts Israel das Existenzrecht absprach und ein Foto mit einem PFLP-Manifest veröffentlichte (unser Resümee). Aufgrund von Protesten fand die Veranstaltung unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt - nun fordert die Jüdische Gemeinde Düsseldorf den Rücktritt von Akademiedirektorin Donatella Fioretti, die sich wiederum auf Hochschulautonomie und Kunstfreiheit beruft. Al-Sharif wollte sich gegenüber der SZ nicht äußern, hat sich von den Posts aber halbherzig distanziert. Vielleicht wäre miteinander reden nicht schlecht gewesen, statt nur nur über offene Briefe, Pressekonferenzen und Stellungnahmen zu kommunizieren, seufzt Koopmans.
Besprochen werden die Ausstellung "The Tunnels We Die" des Künstlerduos Bárbara Wagner & Benjamin de Burca in der Frankfurter Schirn (FR) und die Raoul-Hausmann-Retrospektive "Vision. Provokation. Dada." in der Berlinischen Galerie (taz).
Filme wie "Qui Vit Encore" und "Die Stimme von Hind Rajab" legen zwar einen Schwerpunkt auf das Leid der Palästinenser, "aber sie haben eine entscheidende Leerstelle", schreibt Tobias Sedlmaier in der NZZ. "Ein Akteur bleibt völlig unbenannt - die Hamas. Kein Wort über die Verursacher des Krieges, keine Andeutung über die politische Führung im Gazastreifen. 'Der schlimmste Tag' sei 'der 13. Oktober' gewesen, sagt einer. Was zuvor passiert ist, als die Terroristen unter dem Jubel der Bevölkerung die geschundenen israelischen Geiseln öffentlich präsentierten, wird verschwiegen. Die politische Kontextlosigkeit ist frappant: Die Bomben fallen, als ob es unabänderliches Schicksal wäre, dass sie fallen. ... Dabei finden sich selbst in Gaza Mutige, die die Hamas für das Elend verantwortlich machen, die trotz Repression gegen die islamistischen Herrscher demonstrieren."
Weitere Artikel: "Es ist erstaunlich, wie sehr sich das Finanzministerium um die Produzenten kümmert und sich für letztzuständig erklärt", schreibt Helmut Hartung in der FAZ angesichts der anhaltend ergebnislosen Gespräche in der Regierungskoalition zur Reform der Filmförderung. Philipp Bovermann hört sich für einen SZ-Longread in der Branche um, wie sie es mit der KI hält: Sehr viele sind sehr interessiert, sehr viele experimentieren bereits - nur so richtig und wirklich losgehen will es noch nicht. "Die diesjährigen Oscar-Nominierungen sind ein Gipfel an Uniformität", ärgert sich Rüdiger Suchsland in seiner wöchentlichen Kinokolumne auf Artechock. Der Tages-Anzeigerbringt ein ursprünglich in La Repubblica veröffentlichtes Gespräch mit LivUllmann. Joachim Valentin unternimmt für den Filmdienst einen Streifzug durch die Geschichte der Filmmusik.
Besprochen werden Lukas Röders "Scham" (Artechock), UrskaDjukics "Little Trouble Girls" (Artechock, mehr dazu bereits hier), SimonVerhoevens "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" nach dem gleichnamigen Roman von Joachim Meyerhoff (Artechock), SamRaimis Robinsonade "Send Help" (critic.de, SZ, unsere Kritik), VinceGilligans neue Serie "Pluribus" (Jungle World), die vierte Staffel von "Bridgerton" (gut zum "Hirnausschalten" und ist dabei auch noch "gesünder als Alkohol", schreibt Elmar Krekeler in der Welt) und Angel Manuel Sotos auf Amazon gezeigter Actionfilm "The Wrecking Crew" (Standard).
In Berlin beginnt die Fashion Week, die eigentlich eher ein ausgedehntes Fashion Weekend ist. Unkenrufe, dass es Berlin einfach nicht kann, dass die Fashion Week in Berlin am Ende sei, hört man zwar immer wieder. Doch Grit Thönnissen stellt sich dem im Tagesspiegel entschieden entgegen: Sie sieht in der Fashion Week Berlin eher eine Erfolsgeschichte, wenn auch eine, in der nicht die ganz großen internationalen Namen, sondern die "vielen zarten Pflänzchen in der Berliner Mode" im Vordergrund stehen. ... Die fehlende Gewissheit, wer im nächsten Jahr dabei sein wird, ist gleichzeitig die Stärke und Schwäche dieser Fashion Week. Es gibt zwar immer etwas zu entdecken, aber der stetige Wandel macht es auch schwer, zu vermitteln, wie diese Fashion Week funktioniert. ... Überall hier ist man nah dran an den Ideen der Designer. Persönlicher wird es nicht, wenn man etwas sucht, das zu einem passt. Die Fashion Week macht all das zweimal im Jahr sichtbar."
"Dieser Song ist nicht nur ein gutes, angemessen zornig vorgetragenes Statement gegen dieautoritäre und tödliche Politik des aktuellen US-Präsidenten und seiner Schergen", schreibt Jens Balzer auf Zeit Online über BruceSpringsteens unter den Eindrücken der ICE-Exzesse in den USA entstandenes Stück "Streets of Minneapolis", er ist auch "als Protestsong ... geradezu idealtypisch gelungen". Dies nicht zuletzt darin, wie es Woody Guthrie als Stichwortgeber aufruft. Und es ist "ein zutiefst patriotisches Lied. Es verteidigt ein richtiges gegen ein falsches Verständnis von Patriotismus." Denn die Menschen auf der Gegenseite "sind ebenso falsche Christen, wie sie falsche Patrioten sind. ... 'ICE out / ICE out', lässt Bruce Springsteen am Schluss seines Songs einen Demonstrationschor skandieren. Es klingt wie eine Teufelsaustreibung."
"Offensichtlich sieht Springsteen die Zeit gekommen, um eine breitere Widerstandsbewegung gegen die Politik Donald Trumps zu formieren", schreibt Ueli Bernays in der NZZ. "Subtil" ist die Lyrik zu diesem Zweck zwar nicht gerade, "aber in der gegenwärtigen Situation muss man eben direkt sein", kommentiert Dirk Knipphals in der taz. Nicht nur Springsteen ruft zum Protest auf, auch im eher Trump zugeneigten Country zeigen sich insbesondere unter jüngeren Musikern kritische Stimmen, schreibt Gerrit Bartels im Tagesspiegel und hebt hier JesseWelles und ZachBryan hervor.
Weitere Artikel: Christoph Irrgeher fragt sich im Standard, ob das millionenschwere Strauss-Jahr der Stadt Wien nicht eine große "Geldvernichtung" war. Anastasia Zejneli stellt in der taz die polnischenHiphop vor. Einst als feministische Ikone zur Queen of Rap geadelt, ist NickiMinaj jetzt, da sie mit Trump küngelt, höchstens noch die Queen of Cringe, ärgert sich Alice von Lenthe in der taz. Lotte Thaler berichtet in der FAZ vom Streichquartettfestin Heidelberg.
Besprochen werden ein gemeinsames Konzert von MarthaArgerich und den Brüdern Renaud und Gautier Capuçon in Wien (Standard), ein von Santtu-MatiasRouvali dirigiertes Gastspiel des Londoner PhilharmoniaOrchestra in Wien (Standard) und das Debütalbum der Leipziger Indie-Band FrauLehmann (SZ).
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