Joachim Meyerhoff

Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke

Roman. Alle Toten fliegen hoch, Teil 3
Cover: Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2015
ISBN 9783462048285
Gebunden, 352 Seiten, 21,99 EUR

Klappentext

Die Kindheit auf dem Gelände einer riesigen Psychiatrie und das Austauschjahr in Amerika liegen hinter ihm, der gerade zwanzig gewordene Erzähler bereitet sich auf den Antritt des Zivildienstes vor, als das Unerwartete geschieht: Er wird auf der Schauspielschule in München angenommen und zieht in die großbürgerliche Villa seiner Großeltern in Nymphenburg. Seine Großmutter ist eine schillernde Diva und selbst ehemalige Schauspielerin, sein Großvater emeritierter Professor der Philosophie, eine strenge und ehrwürdige Erscheinung. Ihre Tage sind durch abenteuerliche Rituale strukturiert, bei denen Alkohol eine nicht unwesentliche Rolle spielt. Unter ihrem Einfluss wird der Erzähler zum Wanderer zwischen den Welten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.12.2015

Christoph Schröder gefällt der dritte Band der autobiografischen Romantrilogie von Joachim Meyerhoff am besten. Hier zeigt der Autor nicht nur wiederum sein Gespür für die Balance zwischen ironischer Distanz oder Tragik, mit deren Hilfe er den Kitsch umschifft, wie Schröder erklärt, sondern erzählt auch mit großer Empathie und Beobachtungsvermögen von seinen in Ritualen erstarrten großbürgerlichen Großeltern und seiner eigenen, mitunter sehr komisch gefassten Künstlerwerdung zwischen 1989 und 2004. Die Mischung aus Anrührung und brüllendem Witz scheint dem Rezensenten bemerkenswert und macht den Autor für ihn zu einem Phänomen unter den autobiografischen Erzählern.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 01.12.2015

Rezensent Christopher Schmidt findet Joachim Meyerhoffs neuen Roman "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" einfach zu gut für die Literaturkritik. Denn für den Kritiker ist der dritte Teil von Meyerhoffs autobiografischem Familienporträt im Gegensatz zu seinen Klagenfurter Kollegen keinesfalls "süffige Ausschmückungsprosa", sondern faszinierend unmittelbar und authentisch, dabei berührend und komisch. Hingerissen liest Schmidt wie der Autor seine mondänen und spleenigen Großeltern beschreibt, die Großmutter etwa, die ihre gefeierte Schauspielkarriere aufgeben musste, als sie 1946 von betrunkenen GIs überfahren wurde. Großartig auch, wie Meyerhoff, der schon früh den Tod des Bruders und des Vaters, später auch der Großeltern verkraften musste, von seinen schwierigen Anfängen als Schauspieler erzählt, meint der Rezensent, der dem Autor eine staunende Teilhabe an der Welt attestiert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.11.2015

Sandra Kegel ist hin und weg vom dritten Band des Meyerhoffschen Erinnerungsprojekts. In den ersten beide Bänden erzählte der Schauspieler vom Aufwachsen in einer psychiatrischen Klinik, in der der Vater Direktor war, und vom Austauschjahr in Amerika. In diesem dritten Band nun schildert er seine Jahre an der Otto-Falckenberg-Schauspielschule in München. Dort machte er sich mit seinem "Starkstromspiel", so Kegel, keine Freunde. Die Demütigungen, Unsicherheiten und Ängste in der Schule konterkariert er mit der Wohnung seiner Großeltern, in der er in dieser Zeit unterkommt. Hier werden hochtheatralie Rituale gepflegt und die Zeit steht still, lesen wir. Wie Meyerhoff Situationen erspüren und Räume beschreiben kann, wie er Vergangheit assoziativ und "erfindend rekonstruiert", erweckt in Kegel höchste Bewunderung. Schreiben als Hochseilakt ohne Netz, intensiver geht nicht, versichert die Rezensentin.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 14.11.2015

Auf gekonnte und höchst unterhaltsame Weise bekommt Claus-Ulrich Bielefeld die Tragikomik menschlicher Existenz serviert bei Joachim Meyerhoff. Im dritten Band von dessen Familiensaga, in dem Bielefeld die Hauptfigur als Schauspielschüler Ende der 80er bei den lieben Großeltern in München beobachten darf, kippt das Komische dauernd ins Tragische und umgekehrt, erklärt der Rezensent. Beeindruckt hat ihn Meyerhoffs Erzähllust, die den Leser überraschen möchte, wie er meint. Und auch das dramaturgische Talent, mit dem der Autor sein Material gestaltet, findet er enorm.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 11.11.2015

Irgendwie seltsam findet es Rezensent Detlef Kuhlbrodt, nach Karl Ove Knausgard wieder Joachim Meyerhoff zu lesen, der in seinem auf sechs Bände angelegten Zyklus in ähnlich extremistischer Ausführlichkeit sein Leben erzählt. "Ach, diese Lücke" ist der dritte Band, und Meyerhoff schreibt darin über seine Zeit an der Schauspielschule in München, vor allem aber über seine bürgerlichen Großeltern, bei denen er zu jener Zeit wohnte und deren Parcours durch den Alltag fest abgesteckt war durch "Ritual, Disziplin und Skurrilität". Wenn Meyerhoff vom Schauspielen erzählt, erkennt Kuhlbrodt, worauf sich die Lücke des Titels bezieht: auf das Nebensichstehen, den ständigen Zwang, sich selbst zu analysieren. Was im Leben und beim Schauspielen etwas Krampfiges hat, zahlt sich beim Schreiben eher aus, vermutet Kuhlbrodt, der das Buch ganz prima findet, wenn auch nicht so unbeschwert und nicht so komisch wie die beiden vorangegangenen Bände.