Efeu - Die Kulturrundschau

Vom Lieben, Leiden, vom Balzen und Begehren

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
19.12.2025. Die FAZ entflieht im Berliner Brücke-Museum mit berückenden Seestücken von Karl Schmidt-Rotluff für einen Moment den Katastrophen der Welt. Anfang des Jahrtausends kam das aufregendste Kino der Welt aus Asien, erinnert sich die FR.  Und alle trauern um den niederländischen Choreografen Hans van Manen, den "Mondrian des Tanzes".
9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2025 finden Sie hier

Film

"Yi Yi" von Edward Yang (Rapid Eye Movies)

Dass Edward Yangs taiwanesischer Filmklassiker "Yi Yi" aus dem Jahr 2000 nun wieder in die Kinos kommt, stimmt FR-Kritiker Daniel Kothenschulte sehr nostalgisch - wie war das noch, damals um die Jahrtausendwende, als das aufregendste Kino der Welt aus Asien kam und jedes Festival auf neue Auteurs aus den Regionen aufmerksam machte. Und da "Edward Yang nur sieben Jahre später, ohne seinen nächsten Film vollendet zu haben, starb, blieb sein Film zurück wie ein weitererzähltes Geheimnis. Er ist nicht der einzige Meister unter den langsamen Filmerzählern seiner Zeit, auch seine Landsleute Hou Hsiao-hsien und Tsai Ming-liang reüssierten. Und die Goldene Palme gewann damals Wong Kar-wais auf andere Art ebenso faszinierender und vielleicht etwas eingänglicherer Film 'In the Mood for Love'. Für einen Film, der von der Zeit handelt, erweist sich 'Yi Yi' beim Wiedersehen auf faszinierende Weise zeitlos. Wer ihn heute entdeckt, kommt nicht zu spät." Bereits beim ursprünglichen Kinostart 2001 zerflossen die Kritiker: Wir zitierten damals in unseren Presseschauen Andreas Kilb und Hanns Zischler.

Weitere Artikel: Josef Schnelle schreibt im Filmdienst einen Nachruf auf Rosa von Praunheim (weitere Nachrufe hier). Tanja C. Krainhöfer spricht für den Filmdienst mit Johannes Kostenzer und Elisabeth Stark, die das Nature Film Festival in Innsbruck leiten. Florian Schoop und Tobias Sedlmaier plaudern in der NZZ mit dem Schauspieler Christoph Maria Herbst über "Stromberg". Außerdem kürt das Filmdienst-Team die besten Serien des Jahres.

Besprochen werden Eva Victors "Sorry, Baby" (Tsp, unsere Kritik sowie hier unser Resümee), Ari Asters Pandemie-Groteske "Eddington", die in Deutschland schon seit einem Monat in den Kinos läuft (NZZ, unsere Kritik), die Lanzmann-Ausstellung im Jüdischen Museum in Berlin (NZZ, mehr dazu bereits hier), die neue Staffel der Erfolgsserie "Emily in Paris" (Welt, SZ) und die beiden neuen Mozart-Serien auf ARD und Sky (NZZ).
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Literatur

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Für Intellectures spricht Thomas Hummitzsch mit Matthias Fersterer, einem der Übersetzer, die in den letzten Jahren die 2018 verstorbene Science-Fiction-Klassikerin Ursula K. Le Guin ins Deutsche übertragen, unter anderem für den in Sachen SF-Geschichte überaus engagierten Carcosa Verlag. Die Autorin, die ihre großen Werke in den Siebzigern und Achtzigern verfasste, aber bis zuletzt das Zeitgeschehen kommentierte, ist heute vielleicht wichtiger denn je, meint Fersterer: Ihre Romane "erweitern unseren Möglichkeitssinn hin zu der Erkenntnis, dass gesellschaftliche Konventionen und Sozialbeziehungen keineswegs genau so sein müssen, wie wir sie heute gewohnt sind, und Machthierarchien alles andere als zwangsläufig sind." Ihre Erzählwelten "sind nicht beliebig, sondern fußen auf anthropologischer Beobachtung, fast möchte ich sagen: Sie sind, wenngleich fiktiv, in einem menschheitsgeschichtlich Sinn 'wahr'."

Besprochen werden unter anderem László Krasznahorkais "Zsömle ist weg" (Standard), eine Sonderausgabe von Thomas Manns "Buddenbrooks" (FR), Irina Scherbakowas Memoir "Der Schlüssel würde noch passen" (FR) und Maria Lazars Erzählband "Gedankenstrahlen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Bühne

Der niederländische Choreograf Hans van Manen ist im Alter von 93 Jahren gestorben. In der SZ erinnert Dorion Weickmann nicht nur an einen "Grandseigneur" seines Fachs, der das von ihm mitbegründete Nederlands Dans Theater und das Het Nationale Ballet prägte, sondern an einen der "einflussreichsten Erneuerer" des Balletts: "Hans van Manen hat das europäische Ballett aus dem Prokrustesbett der Tradition gelöst und neoklassisch modelliert. Seine Schöpfungen waren kristallin, klar und so scharf konturiert, dass es keiner abendfüllenden Erzählstoffe bedurfte, um vom Kern der menschlichen Natur zu erzählen. Vom Lieben, Leiden, vom Balzen und Begehren, Sehen und Sehnen. Diesem Meister wird so schnell keiner nachwachsen." In der FR ruft Sylvia Staude nach.

Er wurde "Mondrian des Tanzes" genannt, erinnert in der Welt Manuel Brug: "'Weniger ist mehr', war sein Leitspruch. Fusselfrei, auf die Essenz reduziert. So war Hans van Manen, der privat so dandyhaft wie barock-überbordend sein konnte, schon immer in seiner Kunst. Und mehr noch: Lange vor unseren Genderdebatten hat er etwa Männer in Röcke wie Frauenkleider gesteckt. Bei ihm waren Tänzer erstmals nackt, er zeigte konsequent auch im Duo tanzende Männer, und stets waren eigentlich die Frauen bei ihm die Stärkeren. Ein Geschlechterkämpfer vor der Zeit, der solches nie vorhatte." "In klassischer, gelassener Manier schritt er mit seinen Tänzen einen himmlisch weiten Kreis vollkommener Schönheit ab", schreibt Wiebke Hüster, die sich in der FAZ nicht entscheiden kann, welches von Manens Stücken sie für das beste hält: "Vielleicht 'Two Gold Variations', vielleicht 'Variations for Two Couples', 'Frank Bridge Variations', 'Metaforen', 'Große Fuge'?" 

Oder sind es vielleicht die "Polish Pieces"?



Die Regisseurin Lena Brasch und der Drehbuchautor Juri Sternburg, Teil der Theaterfamilie Langhoff, stammen beide aus jüdisch-kommunistischen Familien - mit "East Side Story - A German Jewsical" am Berliner Gorki-Theater bringen sie ihr erstes gemeinsames Projekt auf die Bühne. Erzählt wird die Geschichte einer jüdischen Familie vom Kriegsende bis zur Wiedervereinigung - und zwar mit vierköpfiger Band, staunt Nachtkritiker Georg Kasch: "All die Verzweiflung, die Trauer, die Wut, als Jüdin und Jude in Deutschland immer eine Rolle zugewiesen zu bekommen, nie ganz zu Hause zu sein, sie vibriert nicht zuletzt in diesen Liedern. Und der Wunsch danach, solidarisch zusammenzustehen, wenn's mal wieder drauf ankommt." Im Tagesspiegel keimt bei Tom Mustroph nach der Aufführung der Gedanke auf, dass "angesichts des aktuell aufflammenden Faschismus und Nationalismus ... in der Rückschau dieses 'Jewsicals' auch Züge einer neuen, eher dunklen Zukunft liegen könnten".

Besprochen werden Nikolaus Habjans Inszenierung von Beethovens "Fidelio" unter dem Dirigat von Franz Welser-Möst an der Wiener Staatsoper (In einem Festakt erinnert die Staatsoper anlässlich der Zerstörung vor achtzig und der Wiedereröffnung vor siebzig Jahren auch an die Künstler und Angestellten des Hauses, die ab 1938 vom Betrieb ausgeschlossen wurden, informiert Stefan Ender in der NZZ, weitere Besprechung in der FAZ), Marco Damghanis Stück "Die Allerletzten" am Berliner Maxim-Gorki-Theater (FAZ), Julia Lwowskis Inszenierung "Ignorance is Bliss" vom Musiktheaterkollektiv Hauen & Stechen und Ensemble Trisolde in den Berliner Sophiensälen (nachtkritik, taz) und Antonia Baehrs Stück "Gut gemacht!" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik).
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Kunst

Andreas Kilb (FAZ) fühlt sich fast wie im Sommerurlaub im Berliner Brücke-Museum, das in der Ausstellung "Immer wieder muss die Welt neu gesehen werden" seinen Gründer Karl Schmidt-Rotluff feiert. Denn Schmidt-Rotluff ließ in seinen Gemälden alle Krisen und Katastrophen außen vor, beobachtet Kilb: "In seiner Kunst herrscht immer Dorfstille oder Zimmerdunkel, die Bootsrümpfe schaukeln im spiegelglatten Wasser, der Mond glänzt über den Dünen, und alles, was dem Menschen wehtut, bleibt vor der Tür." Anders als sein Brücke-Antipode Ernst Ludwig Kirchner: Wo dieser "seine Meereswellen mit unruhigen Nackten bevölkerte, brachte Schmidt-Rottluff Jahr für Jahr berückende Seestücke aus der Ferienfrische in Friesland, Kurland oder Hinterpommern zurück, eine pointillistische Steilküste mit Ausguckterrasse hier ('Am Meer', 1906), ein in Rot ertrinkendes Deichpanorama dort ('Deichdurchbruch', 1910)."

Dass die Ruhe auch trügen kann, erkennt Alexandra Wach (monopol) in den Gemälden von Giorgio Morandi, dem das Siegener Museum für Gegenwartskunst derzeit eine Ausstellung widmet. Morandi nahm für sich in Anspruch unpolitisch zu sein, tatsächlich stand er aber "bereits in den 1920er-Jahren der 'Strapaese'-Bewegung nahe, die der agrarischen Identität Italiens den Vorzug vor der europäischen Moderne gab und auch durch antisemitische Parolen auffiel", erinnert Wach, auf die Morandis Gemälde "modern und zugleich antimodern, widersprüchlich und entwaffnend leise" wirken. Eine politische Deutung erkennt sie jedenfalls nicht: "Morandi meditierte über die Banalität und zugleich die Poesie der Dinge, die er häufig in einem grauen, konturlosen Raum anordnete. Einzeln betrachtet sind es Studien von Rhythmus und Balance. In der Serie offenbaren sich jedoch komplexe Schemata, da sich die Objekte von Bild zu Bild in Form, Position und Farbton verändern."

Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Five Preludes" im Hamburger Bahnhof, in der der französische Künstler Saâdane Afif unter anderem sein Langzeitprojekt "The Fountain Archives" ausstellt (FR) und die Ausstellung "Unterschätzt! Starke Frauen der Künstlerkolonie Ekensund" im Museumsberg Flensburg, in der Frank Keil (taz) Künstlerinnen wie Marie Schlaikier, Marie Nissen, Emmy Gotzmann oder Sophie Eckener entdeckt.
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Musik

Der SWR prüft aktuell, ob sich die Deutsche Radio Philharmonie (DRP) zwecks Einsparung zu einem Kammerorchester verkleinern lässt - und stößt damit erwartungsgemäß auf Widerstand. Hartmut Welscher spricht für VAN mit Ilka Emmert, Michael Gärtner und Susanne Ye aus dem Orchesterverstand. Begründet werde die aktuelle Prüfung "neben medienpolitischem Druck und Geldmangel" damit, "dass sowohl im SWR als auch in der ganzen ARD ein erstklassiges Kammerorchester im Portfolio fehle. ... Wir können das nicht nachvollziehen, denn der regionale Bedarf hat bei Orchestern natürlich Priorität vor dem der gesamten ARD, und diesen Bedarf gibt es in unserem Sendegebiet nicht." Außerdem "gibt es seit 25 Jahren das BR Kammerorchester, das aus Mitgliedern des BR Symphonieorchesters besteht. ... Da wir in der Region für sinfonisches Repertoire bekannt und beliebt sind, und es auch bereits ein renommiertes Kammerorchester, das Kammerorchester der Großregion, gibt, dürfte es künstlerisch schwierig werden, unseren jetzigen hohen Stellenwert beizubehalten. Einige Veranstalter haben uns schon zu verstehen gegeben, dass sie für uns als Kammerorchester keinen Platz mehr in ihren Veranstaltungsreihen sehen."

Benjamin Moldenhauer freut sich in der taz, dass Tapete Records mit einer Zusammenstellung das Werk der Hamburger Band Huah! wieder zugänglich macht. Diese gab es um 1990 herum, mit dabei waren später in der Indie-Szene namhafte Leute wie Knarf Rellöm und Bernadette La Hengst. Zu hören gibt es "Zitatpop, aber nicht, um das eigene Wissen herauszustellen", sondern "um Vielheiten und einen eigenen Bandkosmos zu fabrizieren, in dem man es aushalten und den man auf der Flucht aus der Provinz nach Hamburg mitnehmen konnte." Eine Frühform der Hamburger Schule also? Nicht ganz, denn hier "finden das Politische und die schönsten Popgefühle noch einmal anders zusammen". Diese Lyrics haben "Leichtigkeit und strahlenden Witz. Die musikalische Entsprechung ist ein Punkverständnis, das Rockistisches und laute Gitarren freundlich beiseite schiebt und stattdessen Bubblegumsound und Zitate von potenziell überallher umschließt." Wir hören rein: 



Weitere Artikel: Eine Delegation deutscher Musiker bestehend aus Peter Maffay, Balbina, Herbert Grönemeyer und Christopher Annen hat hinter verschlossener Tür mit Wolfram Weimer diskutiert, ob und wie sich bessere Tantiemenzahlungen für Musiker aus dem Streaming durch politische Interventionen erzwingen lassen können, berichtet Tobias Timm auf ZeitOnline. Für VAN streift Eleonore Büning in der wiedereröffneten Beethovenhalle in Bonn "selig durchs Erinnerungslabyrinth meiner musikalischen Jugend". Joseph Kreider schildert in einem VAN-Essay, wie die Musik von Bach, Beethoven und Wagner ihm dabei halfen, seine Alkoholsucht trocken zu legen: "Während ich mich auf einen weiteren Tag des Widerstands gegen Rückfall und Selbstzerstörung vorbereitete, fühlte ich mich von ihrer Energie fast körperlich gestützt." In der SZ gruselt sich Philipp Bovermann vor der patriotischen Wende des Rappers Kollegah (mehr dazu bereits hier). Und 90s-Revival, CD-Comeback, KI-Schwemme auf den Streamingdiensten und Pop als Trost vor durchlässig werdenden Brandmauern: Das taz-Team resümiert das Musikjahr 2025.
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