Efeu - Die Kulturrundschau
Sehr tarkowskihaft all das
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10.12.2025. Wird Netflix nach der Warner-Übernahme wirklich zum Totengräber des Kinos, fragt sich der Freitag. Die Welt begibt sich schauernd in die eisigen Steppen einer Mailänder Schostakowitsch-Inszenierung. Die FAZ mokiert sich über Claire Tabourets teils nach Kölner Karneval ausschauende neue Fensterentwürfe für Notre Dame. Wolfram Weimer lässt sich von den Streamern über den Tisch ziehen, ärgert sich Zeit Online angesichts aktueller Verhandlungen über mögliche Beiträge von Netflix & Co zur deutschen Filmwirtschaft.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
10.12.2025
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Bühne

Welt-Autor Manuel Brug kann einiges anfangen mit Vasily Barkhatovs Inszenierung der Schostakowitsch-Oper "Lady Macbeth von Mzensk" an der Mailänder Scala. Musikalisch ist die Aufführung ohnehin über jeden Zweifel erhaben, und auch die szenische Umsetzung sticht: "Das Stück wird realistisch ernst genommen, nie ironisiert, aber immer wieder in die Klammer des Als-ob gestellt - und gewinnt so an Poesie. Dafür bricht dann in der eisigen Steppe des Finales ein riesiger Gefangentransporter durch die Glaswand, die filigranen Lüster senken sich als Eiskristalle herab. Die neue Geliebte ihres Lovers Sergej, den die rachsüchtige Katerina mit ins Wasser zieht, wird hier zum Brandopfer als flackerndes Fanal. Sehr tarkowskihaft all das." Max Nyffeler ist in der FAZ nicht gar so begeistert und vermutet angesichts eines Plots voller Heimtücke und - vor allem - Vergewaltigungen: "Es ist wohl die Faszination des Bösen, die den Theaterbesucher in Atem hält."
Einen denkwürdigen Ballettabend erlebt FAZ-lerin Wiebke Hüster an der Hamburger Staatsoper. "La Sylphide", eine Sternstunde des Tanztheaters der Romantik, überzeugt ebenso wie Aleix Martinez' "Äther", eine zeitgenössische Antwort auf August Bournonvilles Klassiker. Der neue Ballettdirektor Lloyd Riggins, der das schwere Erbe Demis Volpis antritt, startet mit einem Volltreffer. Tatsächlich "wurden nicht nur die guten Tänzer, sondern auch das Philharmonische Staatsorchester Hamburg, seine Solisten und sein Dirigent Markus Lehtinen gefeiert, weil sie wie die Tänzer den ästhetischen Sprung über fast zwei Jahrhunderte hinweg nahmen, als wäre es gar nichts. Es ist großartig zu erleben, dass Musiker und Tänzer beides können und beides lieben, die Romantik und das Zeitgenössische, und zwei in den Mitteln und Anforderungen so weit voneinander entfernten Epochen an einem Abend Gerechtigkeit widerfahren lassen."
Außerdem: Manuel Brug schaut sich für die Welt in der Pariser Musical-Szene um. Mit dem arg braven Emanzipationsspektakel "La Cage Aux Folles" im Théâtre du Châtelet kann er wenig anfangen, Jacques Offenbachs "Robinson Crusoe" am Théâtre des Champs-Élysées kommt besser weg. Nicht nur in Berlin, auch in Baden-Württemberg wird im Kulturbereich fleißig gekürzt, berichtet Björn Hayer in der taz. Esther Slevogt erinnert auf nachtkritik an den jüdischen Theaterkritiker Arthur Kürschner. Ebenfalls auf nachtkritik gedenkt Christian Rakow seines 2022 verstorbenen Kollegen Nikolaus Merck, der das Online-Theatermagazin einst mitgegründet hatte. Und noch einmal nachtkritik: Martin Thomas Pesl schaut sich in der Wiener Theaterszene um.
Besprochen werden eine "Madame Butterfly" an der Wiener Staatsoper (Walter Dobner hat in der Presse weder für die Sopranistin Eleonora Buratto noch für Dirigent Giampaolo Bisanti viel lobende Worte übrig) und "Dinner for one" von Guillaume Poix und Rebekka Kricheldorf am Theater Neumarkt Zürich (nachtkritik; "Eigentlich geht hier gar nichts auf, aber mit gewissem Witz").
Film
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer knickt vor den Streamingdiensten ein, lautet der Befund der Analyse von Thomas E. Schmidt und Katja Nicodemus auf Zeit Online. Ein aktuell kursierendes Papier zum Stand der Verhandlungen - sollen Netflix und Co. per Gesetz zur Investition in die deutsche Filmproduktion gezwungen werden oder nicht - lasse keinen anderen Schluss zu. Die hohen Beträge, die dem deutschen Film künftig dennoch zukommen würden, seien "eher Blenderei". Im anvisierten Freiwilligenmodell stellen die Streamer "1,83 Milliarden Euro für fünf Jahre in Aussicht. Das entspricht bloß in etwa dem bisherigen Investitionsaufkommen." Laut Produktionsallianz "sind Weimers Zahlen zudem veraltet (Stand von 2022) und würden das prognostizierte Wachstum der Streamingdienste nicht berücksichtigen".
Barbara Schweizerhof ist sich im Freitag uneins, was sie von der geplanten Übernahme von Warner durch Netflix halten soll. Droht damit wirklich das Ende des Kinos, wie manche bereits rufen? Ein Blick auf die Zahlen: "Zwölf bis 13 Filme bringt Warner jedes Jahr in die Kinos", zumindest in diesem Jahr war "ein Großteil der umsatzstärksten Filme dabei. Was sich in den ersten Antworten von Netflix-Chef Ted Sarandos abzeichnet, scheint die Neuverhandlung der 'Auswertungsfenster', also darüber, ob ein Film zwei, drei oder zehn Wochen nach Kinostart über Streaming erhältlich ist. ... Andererseits ist das Kino ein so wichtiges Standbein von Warner, dass die Übernahme keinen Sinn ergibt, wenn man an diesem Geschäftszweig so gar nicht interessiert ist. Oder macht sich hier tatsächlich der Vampir zum Blutbankverwalter?"
David Steinitz spricht in der SZ mit James Cameron über dessen neuen "Avatar"-Film. Was den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Filmproduktion angeht, zeigt er sich als Pionier der Tricktechnik tiefenentspannt: "Ich glaube, kaum jemand" wird arbeitslos und noch habe die VFX-Branche selbst in der Hand, ihre Jobs zu retten: "Die großen Studios müssen sparen, also machen sie weniger große, effektlastige Filme. Das spüren die Unternehmen schon jetzt brutal. Wenn sie mit KI einen Weg finden, die Sache günstiger hinzubekommen, fliegen sie nicht aus dem Geschäft, sondern kommen dadurch überhaupt erst wieder rein." Denn "um KI fürs Kino zu verwenden, braucht es filmspezifische Lösungen. Das ist den großen KI-Firmen aber, pardon, scheißegal. Die interessieren sich nicht für Hollywood, weil das ein kleiner Markt ist. Die haben die komplette Menschheit als Kunden im Visier."
Weitere Artikel: Tobias Sedlmaier erinnert in der NZZ anlässlich der Literaturnobelpreisverleihung an László Krasznahorkai an das "formstrenge, radikale Kunstkino", das der ungarische Schriftsteller als Drehbuchautor gemeinsam mit Béla Tarr realisiert hat. Fabian Tietke blickt im Filmdienst zurück auf das einjährige Experiment des geschichtsträchtigen Berliner Kino Arsenals, das die Zeit zwischen Verlust der alten und Eröffnung der neuen Spielstätte damit überbrückt hat, Programm in anderen Kinos zu machen. Ausgehend von einer Schreibblockade angesichts eines nichtssagenden Film macht sich Patrick Holzapfel in einem großen Filmdienst-Essay Gedanken über Sprache und Filmkritik. Die Welt hat Hanns-Georg Rodeks Bericht darüber, wie Achim von Borries Wolfgang Beckers letzten, in der taz besprochenen Film "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße" vollendet hat, online nachgereicht.
Besprochen werden Christian Marclays in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigte Filmcollage "The Clock" (taz, mehr dazu hier), die Ausstellung "Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen" im Jüdischen Museum Berlin (SZ, mehr dazu bereits hier) und der NDR-Film "Prange - Man ist ja Nachbar" mit Bjarne Mädel (FAZ).
Barbara Schweizerhof ist sich im Freitag uneins, was sie von der geplanten Übernahme von Warner durch Netflix halten soll. Droht damit wirklich das Ende des Kinos, wie manche bereits rufen? Ein Blick auf die Zahlen: "Zwölf bis 13 Filme bringt Warner jedes Jahr in die Kinos", zumindest in diesem Jahr war "ein Großteil der umsatzstärksten Filme dabei. Was sich in den ersten Antworten von Netflix-Chef Ted Sarandos abzeichnet, scheint die Neuverhandlung der 'Auswertungsfenster', also darüber, ob ein Film zwei, drei oder zehn Wochen nach Kinostart über Streaming erhältlich ist. ... Andererseits ist das Kino ein so wichtiges Standbein von Warner, dass die Übernahme keinen Sinn ergibt, wenn man an diesem Geschäftszweig so gar nicht interessiert ist. Oder macht sich hier tatsächlich der Vampir zum Blutbankverwalter?"
David Steinitz spricht in der SZ mit James Cameron über dessen neuen "Avatar"-Film. Was den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Filmproduktion angeht, zeigt er sich als Pionier der Tricktechnik tiefenentspannt: "Ich glaube, kaum jemand" wird arbeitslos und noch habe die VFX-Branche selbst in der Hand, ihre Jobs zu retten: "Die großen Studios müssen sparen, also machen sie weniger große, effektlastige Filme. Das spüren die Unternehmen schon jetzt brutal. Wenn sie mit KI einen Weg finden, die Sache günstiger hinzubekommen, fliegen sie nicht aus dem Geschäft, sondern kommen dadurch überhaupt erst wieder rein." Denn "um KI fürs Kino zu verwenden, braucht es filmspezifische Lösungen. Das ist den großen KI-Firmen aber, pardon, scheißegal. Die interessieren sich nicht für Hollywood, weil das ein kleiner Markt ist. Die haben die komplette Menschheit als Kunden im Visier."
Weitere Artikel: Tobias Sedlmaier erinnert in der NZZ anlässlich der Literaturnobelpreisverleihung an László Krasznahorkai an das "formstrenge, radikale Kunstkino", das der ungarische Schriftsteller als Drehbuchautor gemeinsam mit Béla Tarr realisiert hat. Fabian Tietke blickt im Filmdienst zurück auf das einjährige Experiment des geschichtsträchtigen Berliner Kino Arsenals, das die Zeit zwischen Verlust der alten und Eröffnung der neuen Spielstätte damit überbrückt hat, Programm in anderen Kinos zu machen. Ausgehend von einer Schreibblockade angesichts eines nichtssagenden Film macht sich Patrick Holzapfel in einem großen Filmdienst-Essay Gedanken über Sprache und Filmkritik. Die Welt hat Hanns-Georg Rodeks Bericht darüber, wie Achim von Borries Wolfgang Beckers letzten, in der taz besprochenen Film "Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße" vollendet hat, online nachgereicht.
Besprochen werden Christian Marclays in der Neuen Nationalgalerie in Berlin gezeigte Filmcollage "The Clock" (taz, mehr dazu hier), die Ausstellung "Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen" im Jüdischen Museum Berlin (SZ, mehr dazu bereits hier) und der NDR-Film "Prange - Man ist ja Nachbar" mit Bjarne Mädel (FAZ).
Literatur

Besprochen werden László Krasznahorkais "Zsömle ist weg" (FR, NZZ), Joan Didions "Notizen für John" (Tsp), John Irvings "Königin Esther" (Standard) und Lea Ypis Essay "Aufrecht" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Kunst

Radikale Kirchenkritik besichtigt Till Briegleb für die SZ im Hildesheimer Dommuseum. Inspiriert von Aby Warburgs Mnemosyne-Tafeln spüren die Kuratoren und Konzeptkünstler Andreas Siekmann und Alice Creischer in der kryptisch "Die Zirkulation von Arbeit, Kapital und Leben als Lieferkette" betitelten Schau interkontinentalen Gewaltgeschichten nach. In deren Zentrum, wie der ziemlich beeindruckte Briegleb erläutert, immer wieder sakrale Kunst steht: "Mit kirchlichen Bildern und klarsichtigen Zeugnissen der Inka über die falschen Motive der Missionierung, mit Statistiken über den Rohstoffabbau im Kongo im Verhältnis zum dort betriebenen Völkermord oder auch in der Dokumentation über traumatisierte Soldaten, die für die gierigen Ziele ihrer Herrscher ihr Leben ruinierten, spinnen die Erinnerungskünstler ein feines Netz der Argumente und Dokumente - das am Ende leider eines beweist: dass Nietzsches rücksichtslose Herrenmoral schon der Katechismus ökonomischer Gewaltanwendung war, als diese sich noch auf Jesus Christus berief."
Auch die FAZ übt sich in radikaler Kirchenkritik: Stefan Trinks ist entsetzt über Fensterentwürfe Claire Tabourets, die, auf Geheiß Macrons und des Erzbischofs von Paris, in Notre Dame bald historisch ältere Fenster des Architekten Eugène Viollet-le-Duc ersetzen sollen. Eine groteske Fehlentscheidung, so Trinks, der sich am "scheußlichen Hustensaftrosé" der Himmelsornamente ebenso stört wie an den "geradezu bedröhnt" wirkenden, um Maria herumstehenden Jüngern. "Der wie mit buntem Konfetti beim Kölner Karneval bestreute Boden darunter, der genauso gut aus einem geschmacklosen Hotel der Neunzigerjahre stammen könnte, wie auch das schiefe Himbeerrosa zusammen mit den lieblos gestalteten Gewandfalten wird nicht nur für große Freude bei der handwerklichen Umsetzung in viele kleine Glaskompartimente sorgen. Er wird vor allem das von Viollet-le-Duc fein austarierte Lichtspiel in der Kirche brachial stören." Selbst schauen und urteilen kann man im Pariser Grand Palais, wo die Entwürfe derzeit ausgestellt sind. Für einen ersten Eindruck siehe hier.
Außerdem: Olga Kronsteiner schreibt im Standard über Erbstreitigkeiten im Zusammenhang mit wiederaufgetauchten Kronjuwelen aus dem Hause Habsburg. Für monopol unterhält sich Elke Buhr mit Fatima Hellberg, der neuen Direktorin des Wiener Mumok. Besprochen wird Nedko Solakovs Schau "Being Vallotton" in der Villa Flora, Winterthur (NZZ).
Design
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Noch einmal sehr bewusst wird Standard-Kritikerin Katharina Rustler beim Besuch der Helmut-Lang-Retrospektive im Wiener Museum für angewandte Kunst, dass dessen Shows "keine einfachen Modepräsentationen waren, sondern künstlerische Performances. ... Auf dem Boden aufgedruckte, detaillierte Sitzpläne lassen das Publikum der Ausstellung zum Publikum der Modenschau werden. ... Die auf Bildschirmen in Schwarz-Weiß gezeigten Models laufen einem direkt entgegen. ... Behind-the-Scenes ist bei Lang Teil des Konzepts, der Mensch im Vordergrund. Aus diesem Grund werde die Kleidung nicht einfach auf Schaufensterpuppen oder Kleiderbügeln gezeigt, sagt Kuratorin Marlies Wirth. Solche Präsentationen seien dem in New York lebenden Modemacher ein Graus. Langs geradlinige, coole, ungewöhnlich geschnittene Outfits werden an Menschen vorgeführt, weswegen die Ausstellung von originalem Foto- und Videomaterial lebt."
Musik
Geigenbogenbauer atmen auf, da das Washingtoner Artenschutzübereinkommen mit Blick auf den für sie wichtigen Rohstoff Fernambukholz nicht so rigoros ausgefallen ist, wie zuvor befürchtet, berichtet Stefan Schickhaus in der FR. Das Schweizer Jodeln soll Weltkulturerbe werden, berichtet Nicolas Freund in der SZ. Besprochen werden ein Konzert von Radiohead in Berlin (Welt, FAZ), ein neuer Memoirenband von Patti Smith (online nachgereicht von der Welt) und neue Pop- und Rockveröffentlichungen, darunter Curtis Hardings "Departures & Arrivals: The Adventures of Captain Curt" (online nachgereicht von der FAZ). Wir hören rein:
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