Efeu - Die Kulturrundschau
Niemand hat darüber Rechenschaft abgelegt
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06.11.2025. Die taz fragt sich, woher das plötzliche Kunstinteresse des usbekischen Präsidenten Shavkat Mirziyoyev kommt: Will da jemand von der Menschenrechtsproblematik im Land ablenken, fragt sie. Die FR erkennt in Rüsselsheim: Auch Simone de Beauvoirs Schwester Hélène kämpfte für Frauen - in Gemälden. Die Welt rauft sich die Haare, wenn jetzt plötzlich 200 Kasernen reaktiviert werden sollen, die man vorher ungeniert verfallen ließ. Die Zeit erleidet mit Florian Lutz und seiner Inszenierung von Verdis "Aida" in Kassel Schiffbruch. Die NZZ verliebt sich in Agnieszka Hollands Biopic "Franz K." in den Schauspieler Idan Weiss.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
06.11.2025
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Kunst

Mit weit über hundert Werken hat es sich die Ausstellung "Mit anderen Augen sehen" in den Rüsselsheimer Opelvillen zum Ziel gesetzt, Hélène de Beauvoir aus dem Schatten ihrer älteren Schwester Simone zu holen - und das gelingt, findet Sylvia Staude, die in der FR auch feststellt, dass Hélène ebenso politisch und feministisch wie Simone war: Sie "malte Figuren in Richterroben, die nackte Frauen kujonieren ('Frauen leiden. Männer urteilen über sie', 1977), malte in hohem Alter einen Bosnien-Zyklus: Flüchtende mit Bündeln, aufmarschierende Soldaten, eine weinende Nackte. Aber auch zu den Studentenprotesten in Paris, 1968, entstand ein Zyklus, darauf schwarze Helme, gespenstische Gasmasken hinter einer Wand aus Schilden, Knüppel, die auf Knieende niedersausen. Wenn man als Malerin 'klare Worte' sprechen kann, dann tat sie das, immer wieder."
Hili Perlson schaut sich in der taz in der Kunstszene von Kasachstan und Usbekistan um, wo derzeit allerhand in Bewegung ist. Kasachstan verdankt zahlreiche neue Kulturinstitutionen privaten Geldgebern, in Usbekistan setzt sich Präsident Shavkat Mirziyoyev höchstselbst für die kulturelle Transformation ein, etwa in dem die staatlichen Stiftung für Kunst- und Kultur (ACDF) ein gigantisches Staatliches Museum plant oder Biennalen ausrichtet. Da möchte Perlson schon wissen, woher das plötzliche Interesse an Kunst kommt. Soll die miserable Lage der Menschenrechte verdeckt werden? Das könnte klappen, immerhin ist "die Kunstwelt in dieser Frage nicht gerade für ihre Integrität bekannt ist, ohne Bedenken zieht jetzt die Kunstmesse Art Basel auch nach Katar. Laut einem jüngeren Bericht der NGO Freedom House wird Usbekistan als 'unfrei' eingestuft. Unter Präsident Shavkat Mirziyoyev sind Oppositionsparteien oder freie Versammlungen nicht geduldet, staatlich kontrollierte Medien, Justiz und Legislative fungieren weitgehend als Instrumente der Exekutive. Es herrscht keine Meinungsfreiheit, Folter in der Haft ist üblich."
Weitere Artikel: Nachdem die Bührle-Stiftung die rechtlichen Grundlagen geschaffen hat, um ihre Kunstsammlung aus der Stadt Zürich abziehen zu können (unsere Resümees), macht sie sich nun in einem öffentlichen Dokument doch Luft, meldet Marius Huber auf Seite 1 der NZZ: "Die Sammlung sei mit der pauschalen Behauptung diskreditiert worden, sie sei 'letztlich das Ergebnis des Holocaust'. Und: 'Die negativen finanziellen, personellen und reputationsmäßigen Auswirkungen auf die Stiftung (...) waren enorm.'" Im Tagesspiegel fragt sich Birgit Rieger, was die Erhöhung von zwei Euro bei den Eintrittspreisen der Berliner Museen genau bringen sollen. Ebenfalls im Tagesspiegel stellt Birgit Rieger den Ukrainer Vasyl Cherepanyn vor, der die nächste Berlin Biennale kuratieren wird. Georg Imdahl porträtiert für die FAZ die Berliner Künstlerin Taslima Ahmed, die digitale Gemälde schafft.
Besprochen werden außerdem die Ausstellung "Klangwelten" auf der Art Basel, die Einblick in die Kunstsammlung der Landesbank Baden-Württemberg gibt (Welt) und die Ausstellung der Scharf Collection in der Alten Nationalgalerie in Berlin (Tsp, mehr hier).
Musik
Kennen Sie ein Instrument namens Oktokontrabassklarinette? Vermutlich nicht, und zwar, weil es bislang nur ein einziges Exemplar dieses kurz Okto benannten Geräts gibt, dessen tonaler Umfang noch eine Oktave tiefer reicht als bei der Kontrabassklarinette. Gebaut hat sie, berichtet Ralf-Thomas Lindner in nmz, Martin Foag, und jetzt hat dessen Konstrukt einen ersten Praxistest bestanden. Mit Bravour: "Es war ein erster zärtlicher bis kraftvoll-wechselhafter Kuss zwischen Instrument und Musik. Der in Freiburg lebende Komponist Tobias Eduard Schick hat das Werk 'New Holland Drive' für Okto und Zuspielband geschrieben. Er schreibt dazu: ''New Holland Drive' reflektiert das oftmals als Gegensatzpaar konzipierte Spannungsfeld zwischen dem Natürlichen und dem Maschinellen. […] Die Körperlichkeit des Interpreten als unhintergehbarer Ausgangspunkt der Komposition durchläuft das Medium eines ausgeklügelten mechanischen Apparats mit Hilfsklappen, Baudenzügen und vielem mehr, der umso beeindruckender ist, da er die physikalischen Bedingungen der klanglichen Tiefe mit den physischen Begrenzungen des menschlichen Körpers vereinbaren muss.'"
Jens Balzer geht im Aufmacher des Zeit-Feuilletons geradezu auf die Knie vor der katalanischen Pop-Sängerin Rosalia, die auf ihrem vierten Album "Lux" achtzehn Songs in nicht weniger als dreizehn Sprachen singt (darunter Deutsch, Latein, Hebräisch und Arabisch) und mit wuchtigen Orchesterklängen nicht weniger sucht als Erlösung vor einem Gott jenseits der Amtskirchen. "Es geht um Schmerz und Verzweiflung - und um die Liebe und um den Glauben, mit dem man den Schmerz und die Verzweiflung vielleicht überwinden kann. Es geht hier also um alles, und es geht auch darum, dass Rosalía alles will, und zwar am besten gleichzeitig. Sie will Erleuchtung und Gnade, sie will ihren Geist in den Himmel erheben, aber sie will andererseits auch nicht den irdischen Freuden entsagen". Wir hören rein:
Weitere Artikel: In der NZZ erklärt Stefan Ender, wie es überhaupt zu dem Vorschlag kam, dem Dirigenten Teodor Currentzis die höchste Kulturauszeichnung Österreichs zu verleihen. In der Welt erinnert Elmar Krekeler an den heute vergessenen Beethoven-Schüler Ferdinand Ries. Ebenfalls in der Welt findet Manuel Brug: Justus Frantz war ohnehin immer nur ein Musiker zweiter Klasse. Ein aus Anlass ihrer nun auch auf Deutsch erscheinenden Biografie "Bread of Angels" führt Peter Kümmel (Zeit) ein großes Gespräch mit Patti Smith über ihr Leben als Musikerin und Schriftstellerin, ihre Freundschaften mit Klaus Biesenbach, Wim Wenders und Christoph Schlingensief und ihre nie versiegende Hoffnung.
Besprochen werden das bombastische Lady Gaga-Konzert in Berlin (taz, Tagesspiegel, Zeit Online), das Album "Batakari" des ghanaischen Rappers Ata Kak (taz), ein 22-stündiger Orgel-Marathon in der Leipziger Thomaskirche, wo Johannes Lang das gesamte Orgelwerk von Johann Sebastian Bach spielte (FAZ), der Auftakt der Radiohead-Tour in Madrid (SZ) und ein Konzert der Wiener Symphoniker mit Werken von Beethoven und Mahler in der Alten Oper Frankfurt (FR).
Jens Balzer geht im Aufmacher des Zeit-Feuilletons geradezu auf die Knie vor der katalanischen Pop-Sängerin Rosalia, die auf ihrem vierten Album "Lux" achtzehn Songs in nicht weniger als dreizehn Sprachen singt (darunter Deutsch, Latein, Hebräisch und Arabisch) und mit wuchtigen Orchesterklängen nicht weniger sucht als Erlösung vor einem Gott jenseits der Amtskirchen. "Es geht um Schmerz und Verzweiflung - und um die Liebe und um den Glauben, mit dem man den Schmerz und die Verzweiflung vielleicht überwinden kann. Es geht hier also um alles, und es geht auch darum, dass Rosalía alles will, und zwar am besten gleichzeitig. Sie will Erleuchtung und Gnade, sie will ihren Geist in den Himmel erheben, aber sie will andererseits auch nicht den irdischen Freuden entsagen". Wir hören rein:
Weitere Artikel: In der NZZ erklärt Stefan Ender, wie es überhaupt zu dem Vorschlag kam, dem Dirigenten Teodor Currentzis die höchste Kulturauszeichnung Österreichs zu verleihen. In der Welt erinnert Elmar Krekeler an den heute vergessenen Beethoven-Schüler Ferdinand Ries. Ebenfalls in der Welt findet Manuel Brug: Justus Frantz war ohnehin immer nur ein Musiker zweiter Klasse. Ein aus Anlass ihrer nun auch auf Deutsch erscheinenden Biografie "Bread of Angels" führt Peter Kümmel (Zeit) ein großes Gespräch mit Patti Smith über ihr Leben als Musikerin und Schriftstellerin, ihre Freundschaften mit Klaus Biesenbach, Wim Wenders und Christoph Schlingensief und ihre nie versiegende Hoffnung.
Besprochen werden das bombastische Lady Gaga-Konzert in Berlin (taz, Tagesspiegel, Zeit Online), das Album "Batakari" des ghanaischen Rappers Ata Kak (taz), ein 22-stündiger Orgel-Marathon in der Leipziger Thomaskirche, wo Johannes Lang das gesamte Orgelwerk von Johann Sebastian Bach spielte (FAZ), der Auftakt der Radiohead-Tour in Madrid (SZ) und ein Konzert der Wiener Symphoniker mit Werken von Beethoven und Mahler in der Alten Oper Frankfurt (FR).
Bühne

Für die Zeit sieht sich Christine Lemke-Matwey "Das Wunder von Kassel" genauer an. Die Stadt hat es in nur fünfzehn Monaten geschafft, eine Interimsspielstätte für ihr baufälliges Staatstheater zu errichten. Nun kann es für den neuen Intendanten Florian Lutz losgehen, der hier eine ganz neue Form des Theaters schaffen will - Stichwort "Partizipation" und "Theater des Erlebnisses", erklärt die Kritikerin. Bei seiner Aida-Inszenierung, die auf einem Kreuzfahrschiff spielt, ist das für die Kritikerin noch nicht so ganz geglückt: "Bevor man sich richtig fragen kann, ob es eine gute Idee ist, die Kunst zu verzwergen, indem man sie ins Korsett einer notorisch galoppierenden Realität presst ('Stadtbild'-Debatte inklusive), sinkt der Vergnügungsdampfer. Krieg? Havarie? Radames und Aida irren fortan mit Taschenlampen übers nachtschwarze Bühnenbaugerüst, und würden einen ihre Lichter nicht so hart blenden, das Finale besäße wohl - Poesie. So aber, mit schmerzenden Augäpfeln, saust doch bloß das alte Holzhämmerchen hernieder: Glotzt nicht so romantisch, ihr saturierten, kriegslüsternen Kulturbürger!"
Architektur
Boris Pistorius will 200 leer stehende Kasernen wieder mit Soldaten besetzen, da schaut Dankwart Guratzsch in der Welt genauer hin - und rauft sich die Haare, denn: "Der Raubbau an Gesellschaftsvermögen, der hier getrieben worden ist, lässt sich in seinen Dimensionen kaum abschätzen", schreibt er. Was für Ressourcen wurden hier in den letzten Jahren verschwendet, denn man ließ nicht nur architektonische Werke und deutsche Geschichte verfallen: "In jeder dieser Anlagen stecken kulturelle Werte und Steuergelder in Millionenhöhe, darüber hinaus aber auch noch unmessbare Mengen an 'grauer Energie'. Niemand hat darüber Rechenschaft abgelegt, welche Potenziale davon auf den Müll gewandert sind. Jetzt aber sollen sie zurückgezahlt und vom strapazierten Verbraucher und der Industrie mittels Wasserstofftechnologie, Wärmepumpen, Windrädern und Solarpaneelen Kilowattstunde für Kilowattstunde ein zweites Mal zusammengespart werden. Wenn jetzt auf einen Schlag 200 Kasernenkomplexe reaktiviert werden, kann erahnt werden, um was für Größenordnungen es hier geht."
Literatur

Weiteres: In der FAZ untersucht der Soziologe André Kieserling die Debattenkultur der "Gruppe 47". Im SZ-Interview unterhält sich der Schriftsteller Frank Schätzing mit Christian Mayer über seine neues Buch "Space Boy", in dem er den Einfluss von David Bowies Musik auf seine Jugend schildert. Besprochen werden Lukas Potschs Buch "Nullpunkt der Ordnung. Modernes Denken über den Bürgerkrieg" (FAZ), Felix Bohrs "Vor dem Untergang. Hitlers Jahre in der 'Wolfsschanze'" (FAZ), Sarah Jägers Roman "Das Feuer vergessen wir nicht" (Zeit) und Jörg Mühles Bilderbuch "Das war doch keine Absicht!" (FR). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Film

NZZ-Kritikerin Susanna Petrin verliebt sich vom Fleck weg in den jungen Franz Kafka in Agnieszka Hollands Biopic "Franz K.". Im deutsch-israelischen Schauspieler Idan Weiss habe Holland "eine Inkarnation Kafkas gefunden. Er ist dem Schriftsteller wie aus dem Gesicht geschnitten: große, dunkle, verwundert schauende Augen, leicht abstehende Ohren, zarte Haut, bleiche, magere Gestalt. In den besten Szenen verharrt die Kamera etwas länger auf diesem schönen, melancholischen Gesicht, können wir Kafkas eigene, verrätselt-philosophischen Sätze genießen oder seinen Humor." Leider kann das nicht darüber hinweg helfen, dass die Kritikerin vom Gesamtergebnis ein wenig enttäuscht ist. Holland hat "erstaunlich wenig eigene Sichtweisen auf Franz hinzuzufügen".
Besprochen werden Laura Laabs' "Rote Sterne überm Feld" (Perlentaucher), Kleber Mendonça Filhos "The Secret Agent" (FAZ, Perlentaucher) Mehmet Akif Büyükatalays Film "Hysteria", die RTL+ - Serie "Die Nibelungen - Kampf der Königreiche" (FAZ), Jan Kounens "Der Mann, der immer kleiner wurde - Die unglaubliche Geschichte des Mr. C." (FR), Jan Komasas Thriller "The Change" (taz), Anatol Schusters Film "Chaos und Stille" (taz), Jan-Christoph Schultchens "Unten - Im Ortsverein" (SZ) und Dan Trachtenbergs "Predator: Badlands" (FR).
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