Im Kino

Zumindest in Bad Kleinen ist das so

Die Filmkolumne. Von Alice Fischer
05.11.2025. Moorleichen, Mettigel, Nazis und über allem Walter Benjamins Engel der Geschichte: Laura Laabs' Debütfilm "Rote Sterne überm Feld" quillt regelrecht über vor Ideen und Handlungssträngen.

Am Anfang von Laura Laabs' Film "Rote Stern überm Feld" wehen rote Fahnen auf dem Reichstag. Im Deutschland aus Laabs erzählter Welt wird das als terroristischer Anschlag gewertet, weshalb Protagonistin Tine (Hannah Ehrlichmann), die die Aktion mit ihrer linksaktivistischen Gruppe durchgeführt hat, in ihrem Heimatdorf Bad Kleinen auf dem Hof ihres Papas untertauchen muss. 

Bad Kleinen gibt es wirklich, es liegt in Mecklenburg-Vorpommern und ist der Heimatort der Regisseurin. In diesem kleinen Ort lässt Laabs nun ein ganzes Feuerwerk an Ideen, Figuren, Erzählsträngen, versteckten Hinweisen, Anspielungen und Plottwists los: Da ist erstmal der Fund einer Moorleiche, die von einer Forschergruppe ausgegraben wird, und deren Identität Tine in der Folge auf die Spur zu kommen versucht - ist es vielleicht der damals verschwundene Willy, Leiter der LPG, zu der der Hof von Tines Vater einst gehörte? Dann gibt es noch die im Schrank versteckten und von einem schwarzen Kater bewachten Feldbriefe von den in Russland gefallenen Söhnen einer Familie, die einst dort wohnte. Man merkt es schon, es sind die Geister der deutschen Geschichte, die diesen Film heimsuchen. Die verstorbenen Soldaten besuchen Tine dann schonmal als durchsichtige Schemen in der Gegenwart. Dabei gibt es auch hier genug Nazis, nämlich die Clique von Tines Jugendfreund Martin, in der man sich fett "Deutschland" auf den Hals tätowieren lässt und im Suff die Parole "Frei. Sozial. National" grölt. Die linke Socke Tine schockt das nicht, vielleicht, weil sie weiß, dass es nur ein paar Bier und ein paar Nasen Koks braucht, damit sich Links- und Rechtsextreme auf ihre Gemeinsamkeiten besinnen - zumindest in Bad Kleinen ist das so.

Wirklich böse ist hier sowieso niemand, höchstens vielleicht der todbringende Erlkönig, der von Till Lindemann gespielt wird, und dem Film eine deftige Cancel-Culture-Debatte bescherte. Zwar wurde der Film vor den Missbrauchs-Vorwürfen gegen den Rammstein-Sänger gedreht, vielen waren aber selbst die wenigen Szenen mit ihm, die nach einem rigorosen Schnitt übrig blieben, noch zu viel. Klar, Lindemann ist auch ohne Erlkönig-Kostüm eine absolute Gruselfigur. Die Forderung mancher empörter Internetstimmen, die Vorführung des Films beim Festival "achtung berlin" komplett abzusagen, schoss jedoch mal wieder übers Ziel hinaus. Zum Glück passierte das nicht, der Film ging, ganz im Gegenteil, bei den New Berlin Film Awards als Hauptgewinner hervor.

Nun aber zurück nach Bad Kleinen: Tines Ermittlungen im Fall Moorleiche laufen eher ins Leere, dafür gibt es Sommerküsse mit einem Nachwuchs-Wissenschaftler, Schnaps und Kartenspiele, und eine Schülergruppe, mit der Tine die Festnahme von mehreren RAF-Terroristen am Bahnhof in Bad Kleinen als eigenwilliges Reenactment nachstellt.


Was man diesem Film nun wirklich nicht vorwerfen kann, ist Ideenlosigkeit. Drehbuch und Regie scheinen geradezu überzuquellen vor kreativen Einfällen, Fabulierlust, unkonventionellen Konstellationen. In jeder Hinsicht wird hier experimentiert: die Szenen aus der NS-Zeit sind in schummrigem schwarz-weiß gehalten, traumartige Sequenzen wechseln ab mit quietschbunter Gen-Z-Ästhetik, es gibt Anspielungen auf alte TV-Formate, auf den "Tatort" undundund. Diese Originalität und der Humor bescheren dem Zuschauer herrlich überraschende Szenen, zum Beispiel als Martins zunächst eher nicht ganz so geisteswissenschaftlich-geschult wirkende Mutter einen absurd-intellektuellen Vortrag über Medienkritik hält, während gleich darauf einem Huhn der Kopf abgehackt wird. Oder wenn die Forschertruppe, die den Moorleichen-Fund untersucht, in einer Art Abendmahl-Szenerie, samt Mettigel, zusammensitzt, oder wenn Tine als postmoderner Don Quijote gegen die Windräder anreitet, die das mecklenburg-vorpommersche Panorama bestimmen. 

Die Ideenfülle ist Tugend und Problem des Films in einem: Es gibt eine Szene, in der Martins Mutter vom Konzept der LPGs erzählt: "Die Idee war gut. Funktioniert hat's nicht." Wollte man ein bisschen böse sein, könnte man sagen, dass der Satz auch auf Laabs Film zutrifft. Das wäre allerdings unfair und würde die Originalität des Werks unterschlagen. Dennoch muss man fragen, ob weniger nicht vielleicht ein bisschen mehr gewesen wäre. In diesem wilden Kaleidoskop der deutschen Geschichte wird alles durcheinandergewirbelt: Traum und Realität, Tod und Leben, Nazis und Linke, Aktivismus, Kunst und Terrorismus. Das untergräbt interessanterweise den hohen politischen Anspruch, den der Film zu haben scheint. Denn, wenn alles alles ist, bleibt an politischer Botschaft nicht mehr viel übrig. In dieser konsequenten Inkonsequenz leuchten zwar interessante Ansätze auf, letztendlich offenbart sich aber doch eine fast apolitische Haltung, die sich nicht traut, zu verurteilen oder zu analysieren, sondern alles Konkrete in einem wilden Potpourri an Ideen untergehen lässt.

Dabei wirft Laab ohne Zweifel sehr wichtige Fragen auf: Schon seltsam, dass die Gruppe "Ästhetische Linke" am Ende plötzlich feststellt, dass sie mit ihrem Kampf gegen die Windräder, die für sie das "große Reingewaschene des westlichen Kapitalismus" bedeuten, genau das gleiche Ziel verfolgt wie die ortsansässige AfD-Fraktion. Am Ende vereinen sich die Geister der Geschichte mit den ehemaligen LPG-Arbeitern, Tines Schülern, der Moorleiche und Traktoren zu einer gemeinsamen Parade, als deren Höhepunkt dann doch noch ein Windrad in die Luft fliegt. Über all dem thront per vorgelesenem Zitat Walter Benjamins Engel der Geschichte, der die Vergangenheit als Trümmerhaufen heraufbeschwört. So möchte Laura Laab auch ihren Film verstanden wissen: Aus einer Ansammlung disparatester Elemente soll historische Erkenntnis erwachsen. Hat's funktioniert? Das muss jeder Zuschauer für sich selbst entscheiden.

Alice Fischer

Rote Sterne überm Feld - Deutschland 2025 - Regie: Laura Laabs - Darsteller: Hannah Ehrlichmann, Hermann Beyer, Emma Bliemel, Matthi Faust u.a. - Laufzeit: 133 Minuten.