Im Kino
Was einen Menschen zum Killer macht
Die Filmkolumne. Von Nicolai Bühnemann
05.11.2025. Kapitalismus, Kriminalität und ein Amok laufendes menschliches Bein: Kleber Mendonça Filho wendet sich in seinem neuen Film der brasilianischen Militärdiktatur der 1970er zu. "The Secret Agent" ist nichts weniger als ein neues Nationalepos.
Eine abgelegene Tankstelle irgendwo im tropischen Norden Brasiliens im Jahr 1977: Marcelo (Wagner Moura) befindet sich auf der Durchreise. In der Nähe liegt, notdürftig mit Pappkartons verdeckt, die Leiche eines Mannes, der wegen eines Diebstahls erschossen wurde. Eine Polizeistreife, die zufällig vorbeikommt, interessiert sich aber mehr dafür, Marcelo zu kontrollieren und zu schikanieren. Die Miniatur, mit der Autorenfilmer Kleber Mendonça Filho seinen neuen Film beginnen lässt, ist in verschiedener Hinsicht bestimmend für alles Folgende: die Mischung aus grellen Farben (etwa das Gelb des VW Käufers der Hauptfigur) und Period Piece-Patina geben einen ersten Eindruck vom Look des Films. Die Art, wie der Tankwart, dessen massiger Bauch aus seinem offenen Hemd quillt, in Szene gesetzt wird, steht exemplarisch für eine spezifische Form von Körperlichkeit. Schließlich lernen wir eine Welt kennen, in der korrupte Autoritäten stets bereit sind, den Lebenden kleine Gefälligkeiten abzupressen, während sie sich für die Toten offensichtlich weniger interessieren als die streunenden Hunde der Umgebung.
Mendonça Filho hat sich in "The Secret Agent" nicht weniger vorgenommen, als ein 160-minütiges brasilianisches Nationalepos zu drehen. Sein Film ist verschlungen erzählt, die Handlung wird immer wieder von allerlei Vor- und Rückblenden und Nebenerzählsträngen unterbrochen. Marcelo war Forscher an einer Universität, bis er wegen eines Konflikt mit dem Großindustriellen Ghirotti (Luciano Chirolli) in Ungnade fiel. Eine Texttafel zu Beginn beschreibt die brasilianischen 70er als "politisch unruhige Zeiten", was ein Euphemismus für die Militärdiktatur unter Präsident Ernesto Geisel ist, und sich gesellschaftlich etwa darin niederschlägt, dass Leute, die dafür verantwortlich sind, Fördergelder für Forschungsprojekte zu bewilligen, zugleich so tief in die organisierte Kriminalität verstrickt sind, dass sie ihren Feinden Auftragskiller auf den Hals hetzen.
Die Weitergabe eines Mordauftrags führt Stufe um Stufe die soziale Leiter hinab, von der Industriellenvilla bis ins Fabrikarbeiter-Milieu. Dabei wird auf jeder Stufe über den Preis gefeilscht, der angemessen ist, um jemanden umzubringen. Die wenig subtile Durchdringung von Kapitalismus, Kriminalität und Figurenpsychologie suggeriert, dass der Instinkt, sich nicht einen Real vom für seine mörderische Arbeit veranschlagten Preis herunterhandeln zu lassen, gerade das ist, was einen Menschen zum Killer macht.

Seit dem Tod seiner Frau, lebt Marcelos Sohn bei seinem Schwiegervater Alexandr (Carlos Francsico), während er selbst unter falschem Namen in einer Unterkunft für Geflüchtete und politisch Verfolgte untergekommen ist, und in der staatlichen pathologischen Klinik arbeitet. Eine undurchsichtige Organisation, die ihm dabei hilft, unterzutauchen, erklärt ihm, dass das Ziel ihrer Anstrengungen darin bestünde, ihn vor Brasilien zu beschützen. Das Kino, das Alexandr betreibt, ist ein zentraler Ort für den Film, weil seine Topographie eine doppelte Perspektivierung beschreibt: Durch das Fenster zur Straße schaut Marcelo auf ein prächtiges Panorama der Innenstadt Recifes. Durch die Luke, die vom Projektionsraum über den Kinosaal blickt, sieht er hingegen, wie während einer Vorführung im Publikum eine Frau einem Mann einen Blowjob gibt.
Diese zwei Blickrichtungen stehen nicht nur für die Oberfläche der Gesellschaft auf der einen Seite, und das, was im Verborgenen, im Schutz der Dunkelheit, geschieht, auf der anderen. Der Blick ins Innere des Kinos zeigt vielmehr auch die filmhistorische Grundierung von "The Secret Agent" an, eines Films, der seinen Titel bei einem Belmondo-Film entlehnt, und den seinerzeit überaus populären "Der Weiße Hai" als eine Folie unter den gesamten Film legt. Unter anderem wird der Spielberg-Blockbuster zum Ausgangspunkt einer Nebenhandlung um ein im Magen eines Hais gefundenes menschliches Bein. In einer bizarr-blutigen Geburtsszene plumpst es zu Beginn auf dem Tisch eines medizinischen Instituts aus dem aufgeschnittenen Bauch des Tieres. Gegen Ende des Films läuft das Bein auf dem nächtlichen Straßenstrich Amok.
Das ist gutes Beispiel dafür, wie Mendonça Filho seine Motive überdeterminiert: Das mordende Bein ist Ausdruck einer monströsen Körperlichkeit, die sich durch den gesamten Film zieht; von einer siamesischen Zwillingskatze bis zu den Narben, die deutsche Geschichte auf dem Leib Udo Kiers, der in einem kleinen Gastauftritt zu sehen ist, hinterlassen hat. Der Allgemeinplatz, demzufolge das gefährlichste Tier der Mensch ist, wird dadurch überhöht und ad absurdum geführt, dass er selbst noch für seine untoten Körperteile gilt. Dass das Bein ursprünglich einem Mann gehörte, der Opfer krimineller Machenschaften wurde, aber nun zurückkehrt, um selbst zum Täter zu werden, wendet den Sozialrealismus des Films ins Übernatürliche, weil das die einzige Art zu sein scheint, wie die allerorten grassierende mörderische Gewalt doch noch Konsequenzen zeitigen kann. Zugleich unterminiert die Geschichte des Beins Versuche, die Kategorien von Tätern und Opfern zu essentialisieren.
"The Secret Agent" ist ein Film, in dessen weit gespannten Netz aus Leitmotiven und Verweisen man sich gut verlieren kann, und der zuverlässig da am besten ist, wo er sich ganz seiner überbordenden Fabulierlust hingibt. Am schwächsten hingegen ist das Ende, wenn allzu versöhnlich und gründlich das Chaos und die Verwerfungen der Geschichte in der Gegenwart in einer Erzählung von Ordnung und Fortschritt aufgelöst werden: Die Schrecken der Vergangenheit werden aufgearbeitet, der Vater, der nicht vor Brasilien zu retten war, lebt in seinem Sohn fort, und da, wo einst ein Kino war, gibt es jetzt Bluttransfusionen.
Nicolai Bühnemann
The Secret Agent - Brasilien 2025 - Regie: Kleber Mendonça Filho - Darsteller: Wagner Moura, Maria Fernanda Cândido, Gabrel Leone, Carlos Francisco, Alice Carvalho - Laufzeit: 158 Minuten.
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