Efeu - Die Kulturrundschau

Das Universum lebt von der Variation

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24.10.2025. Die Welt betrachtet in Paris überwältigt die bislang größte Gerhard-Richter-Retrospektive. Die FAZ lernt von Händel, dass Heldentum und Liebe sehr wohl vereinbar sind. Die taz tanzt zu Skizzen des Chicago Underground Duo. Critic.de besucht die Retrospektive des DOK Leipzig, die sich den amerikanischen Filmen widmet, die man dort zu DDR-Zeiten gezeigt hat. Im Interview mit dem Tages-Anzeiger erzählt der Schriftsteller Michael Fehr, was seine Blindheit für sein Schreiben bedeutet.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2025 finden Sie hier

Kunst

Gerhard Richter, Tisch, 1962 (CR 1) © Gerhard Richter 2025. Foto: © Jennifer Bornstein


Die Pariser Fondation Louis Vuitton zeigt gerade die bisher größte Retrospektive von Gerhard Richter mit 270 Werken aus sechzig Jahren. Wer kann, sollte sie unbedingt ansehen, wer weiß, ob man das so noch mal zu sehen bekommt, meint ein überwältigter Boris Pofalla in der Welt: "In der Zusammenschau fängt man an, sich Fragen zu stellen, die man vor dem einzelnen Bild vielleicht nicht hatte. Das erste farbige, verwischte Richter-Bild von 1964 zeigt Angehörige der Nuba in Afrika; es basiert laut Hinweistafel auf einer Aufnahme von Leni Riefenstahl - Hitlers Lieblingsregisseurin, die sich im Nachkriegsdeutschland über den Umweg exotisierender Dokumentationen zu rehabilitieren suchte. Zu was das ein Kommentar ist? Muss man selbst entscheiden. 'Stadtbild D' heißt die Luftaufnahme von Düsseldorf, 1968 abgemalt in Grau, Schwarz und Weiß. Darin stecken natürlich auch die Luftbilder zerbombter deutscher Städte. Aber man wird nicht gezwungen, das so zu sehen, und auf Riefenstahl gibt es im Bild gar keinen direkten Hinweis. Das Gemälde macht sich, wie immer bei Richter, mit keiner Deutung gemein, es gibt Fragen zurück an den Fragesteller."

Die Bührle-Stiftung scheint ihre Leihgaben ab 2034 - wenn der Vertrag mit dem Kunsthaus Zürich endet - abziehen zu wollen. In der NZZ wundert das Philipp Meier nicht: "Die Kritik, die ihr rund um die Kunst aus ehemaligem jüdischem Besitz und die Waffengeschäfte ihres Gründers mit Hitlerdeutschland entgegenschlug, wollte kein Ende nehmen. ... Die historische Aufarbeitung und Kontextualisierung wurde zum zentralen Gegenstand dieser Kunstsammlung, die Werke selber und ihr künstlerischer Wert traten dabei zusehends in den Hintergrund. Heute ist die Ausstellung ganz geschlossen - zwecks abermaliger Überarbeitung der Art und Weise, wie sie am besten zu vermitteln sei. Erst 2027 soll sie wieder eröffnet werden. Das erweckt den Eindruck, dass das Kunsthaus Zürich nicht recht weiß, wie mit dieser Sammlung umgehen. Man lässt es zu, dass die Kritiker einen vor sich hertreiben, und tut alles, um im Umgang mit den historisch befrachteten Werken als besonders vorbildlich zu gelten. Am Schluss bleiben dann die Türen zur Sammlung geschlossen."

Besprochen werden außerdem die Ausstellungen "Verborgene Moderne. Faszination des Okkulten um 1900" im Wiener Leopold Museum (FAZ), "Solastalgie. Spaziergänge durch veränderte Landschaften" im Frankfurter Museum Giersch (FR), "Herausgeforderte Gemeinschaft" im Kunstmuseum Magdeburg (FR), "Apropos Sex" im Berliner Museum für Kommunikation (BlZ), "Wege zu einem verzauberten Land" mit Fotos des amerikanischen Fotografen Robert McCabe in der griechischen Botschaft in Berlin (BlZ), "Out of the Box" mit Glanzstücken aus dem Archiv der Berliner Akademie der Künste (Tsp) und "Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst" mit Arbeiten von 2000 v. Chr. bis Rebecca Horn im Potsdamer Museum Barberini (Tsp).
Archiv: Kunst

Film

Oral History der linken USA: Der Film "Union Maids" von Jim Klein, Miles Mogulescu und Julia Reichert. USA 1976


Eine spannende Zeitkapsel: Das DOK Leipzig zeigt in der Retrospektive in diesem Jahr (soweit ermittelbar) alle amerikanischen Filme, die zu DDR-Zeiten auf dem Festival gelaufen sind. Kuratiert wurde die Schau von Perlentaucher-Kritiker Tilman Schumacher und Tobias Hering. Lukas Foerster hat für critic.de sehr ausführlich mit den beiden gesprochen. "Das Interesse" der DDR-Organisatoren "war tatsächlich grundsätzlich ein thematisches", sagt Hering, um eine "möglicherweise experimentelle Machart" ging es nicht. "Von Dokumentarfilmen aus den kapitalistischen Ländern wurde erwartet, dass sie dortige Missstände thematisierten und sich kritisch dazu positionierten. Das spricht aber noch nicht gegen die Filme. Missstände der eigenen Gesellschaft zum Thema zu machen, ihr den Spiegel vorzuhalten etc. ist ja ein weit verbreiteter und respektierter Selbstanspruch von Dokumentarfilmer*innen. Tendenziös wurde dann erst der Kontext, in dem diese Filme in Leipzig gezeigt wurden, denn in den Filmen aus den sozialistischen Ländern fand eine vergleichbar kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Gesellschaft nicht statt."

Weiteres: Yelizaveta Landenberger berichtet in der taz vom Ukrainischen Filmfestival in Berlin. Besprochen werden Kirill Serebrennikows "Das Verschwinden des Josef Mengele" nach dem gleichnamigen Roman von Olivier Guez (FAZ, mehr zum Film bereits hier), Agnieszka Hollands Kafka-Biopic "Franz K." ("Weitere Filmbiografien des Dichters aus Prag braucht niemand mehr", stöhnt Andreas Kilb genervt in der FAZ, Welt, mehr zum Film bereits hier), Guillermo del Toros "Frankenstein" (SZ, unsere Kritik) und Scott Coopers Biopic "Deliver Me From Nowhere" über den jungen Bruce Springsteen (Welt).
Archiv: Film
Stichwörter: Dok.leipzig, Filmgeschichte

Literatur

Nora Zukker unterhält sich für den Tagesanzeiger mit dem nahezu erblindeten Schriftsteller Michael Fehr. Seine Texte verfasst er mit dem Diktiergerät: "Hören und Reden ist meine Welt. Was die Leute mit der Schrift machen, ist mir nicht ganz klar. Und entsprechend habe ich mich auf das besonnen, was ich kann, was meinem Wesen entspricht. Unterdessen habe ich genug Selbstvertrauen, dass ich weiß, das Universum lebt von der Variation und nicht von der Repetition - insofern ist meine Kunst wertvoll. ... Die Tonaufnahme ist meine Möglichkeit, meine Texte festzuhalten. Aber erst mit etwa vierzig habe ich begriffen, dass ich trotz dieser grundlegend anderen Arbeitsweise immer noch probiere, bestimmten Formen zeitgenössischer Literatur gerecht zu werden. Und da ich mit einer Behinderung auf dem Spielfeld der Gegenwartskunst angetreten bin, ist es für ein prosperierendes Fortkommen wichtig, dass ich mich davon befreie."

Außerdem: Sieglinde Geisel unterzieht Dorothee Elmigers Buchpreis-Gewinner "Die Holländerinnen" dem Page-99-Test von Tell. Besprochen werden unter anderem der Briefwechsel zwischen Gottfried und Nele Benn (online nachgereicht von der FAZ), Jens Harders Comic-Epos "GAMMA … visions" (Intellectures), Ishbel Szatrawskas "Die Tiefe" (NZZ), Marion Fayolles "Aus gleichem Holz" (FR), der neue "Asterix"-Band (NZZ), Stefan Buschs Studie "Über den Sex, den Romane verschweigen" (FAZ) und Sibylle Bergs "PNR: La Bella Vita" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur
Stichwörter: Fehr, Michael

Architektur

So hätte die ganze Karl-Marx-Allee aussehen können: Laubenganghaus von Ludmilla Herzenstein in der Karl-Marx-Allee 126/128. Foto: Jean-Pierre Dalbéra unter CC BY 2.0-Lizenz


In der taz empfiehlt Uwe Rada einen Besuch der Berliner U-Bahnhöfe Weberwiese und Schillingstraße, die gerade die sehr interessante Geschichte der Stalinallee erzählen, die 1961 in Karl-Marx-Allee umbenannt wurde. "Die Geschichte des sozialistischen Boulevards ist auch die Geschichte eines internen Ringens um die Werte und die Gestalt einer zeitgemäßen Architektur der Nachkriegszeit. International wie beim Bauhaus? Oder Zuckerbäckerstil wie in Moskau? Zunächst hatte das Bauhaus die Nase vorn" so Rada. "Von 1949 bis 1951 errichtete die Architektin Ludmilla Herzenstein, die zu Scharouns Kollektiv gehörte, am Eingang des heutigen U-Bahnhofs Weberwiese die sogenannte Wohnzelle Friedrichshain", schmucklos und ganz in der Tradition des Bauhauses. "Man kann sich die Wut in den Gesichtern und die Faust in der Tasche der DDR-Architekten und Funktionäre gut vorstellen, die als Reaktion darauf 1950 nach Moskau reisten - und mit 16 Grundsätzen des Städtebaus in der Tasche zurückkamen", die für Walter Ulbricht Gesetz werden sollten: "Statt internationalem Bauhausstil wurden nun 'nationale Traditionen' großgeschrieben. Und der Moskauer Zuckerbäckerstil wurde nach Ostberlin importiert."
Archiv: Architektur

Bühne

Heldentum und Liebe in Händels "Deidamia". Foto: Pádraig Grant/ WFO2025


Gina Thomas berichtet in der FAZ vom Wexford-Opernfestival an der irischen Ostküste, dessen Highlight für sie Händels "Deidamia" war, eine Verkleidungsoper "über den vergeblichen Versuch des Achilles, sich als Frau auszugeben, um ihn vor seinem vorbestimmten Schicksal zu bewahren". Hier gab es "Momente von betörender melancholischer Schönheit, wie am Schluss, wenn sich die Sopranstimmen von Sophie Junkers Deidamia und Sarah Gilfords Nerea mit denen ihrer jeweiligen Liebhaber, der von dem agilen Countertenor Niccolò Balducci verkörperte Odysseus und Bruno de Sás wunderbar kessem Achilles, in der Aussage verweben, dass Heldentum und Liebe nicht unvereinbar seien."

Weiteres: Im Interview mit der SZ spricht der Kabarettist Maxi Schafroth über sein Stück "Wachse oder weiche", das heute abend in den Münchner Kammerspielen Premiere hat, im Besonderen und das Kabarett im Allgemeinen. Besprochen wird Michel Schröders "Die Vollversammlung" am Theater St.Gallen ("lokalpolitischer Versammlungswahnsinn auf die Spitze getrieben", freut sich nachtkritikerin Julia Nehmiz).
Archiv: Bühne

Musik

"Alles pulsiert, und die Skizzen werden tanzbar", schreibt tazler Benjamin Moldenhauer über "Hypgerglyph", das neue Album des Chicago Underground Duo, das auf dem renommierten Label International Anthem sein Comeback nach über zehn Jahren feiert. "Chad Taylor spielt polyrhythmische Muster, die man mit afrikanischen Musiktraditionen assoziiert. Rob Mazurek passt meist kurze, oft äußerst expressive Trompetenlinien in das überbordende Drumming ein, die in ihrer Rohheit und manchmal auch ihrer Brüchigkeit viel vom Spiel Don Cherrys haben." Es gelingt ihm "wie kaum einem anderen Jazztrompeter zurzeit, Gegensätzlichkeiten zu spielen und zugleich zu forcieren. Reizdichte und Leichtigkeit, Chaos und Struktur, Lounge-artiges und Freejazz-Zitate. In 'Contents of Your Heavenly Body' geht es um Körperlichkeit und Schönheit und implizit auch darum, dass die Zuschreibung, Jazz sei geschmäcklerisch und feingeistig, Blödsinn bleibt."



Wenn der öffentlich-rechtliche Rundfunk nach Ansicht der Politik kürzen soll - wohlgemerkt nicht etwa an der Menge von Heimatschnulzen und TV-Kommissaren, sondern an den Rundfunkorchestern -, dann gründet er erstmal, und zwar in der Regel eine Arbeitsgruppe. Im März machte die Politik ihre Forderung laut und schon im August meldeten die ARD-Anstalten Vollzug - Arbeitsgruppe gegründet. Was tut sich seitdem? VAN fragte nach. "Zugegeben, das war etwas übermütig", kommentiert Hartmut Welscher. "Geduld, Geduld, lautete folgerichtig die Antwort der freundlichen ARD-Pressestelle. Die Zusammensetzung der Arbeitsgruppe werde mitsamt Auftrag schließlich erst in der nächsten Sitzung der Intendantinnen und Intendanten Ende September 'besprochen und beschlossen'." Weitere Nachfragen seitdem ergaben, dass mit Entwicklungen irgendeiner Art wohl überhaupt erst Ende 2026 zu rechnen sei. "Bis wir im nächsten Reformherbst wieder aufwachen, könnte die ARD vielleicht eine Arbeitsgruppe eingerichtet haben zu der Frage, warum bei ihr noch jede simple Angelegenheit in kafkaesker Verantwortungsdiffusion endet."

Weitere Artikel: Jeffrey Arlo Brown spricht für VAN mit Raphaël Pichon über dessen Arbeit mit dem Ensemble Pygmalion und mit Adam Pultz Melbye über dessen Forschungen, wie sich KI zur experimentellen Musik nutzen lässt. Arne Löffel spricht für die FR mit Teinel Throssell alias HAAi. Konstantinos Kosmas schreibt auf Zeit Online einen Nachruf auf Dionysis Savvopoulos, den "Liedermacher der 68er-Bewegung in Griechenland". Ueli Bernays schreibt in der NZZ zum Tod des Soft-Cell-Keyboarders Dave Ball.

Besprochen werden das neue Album von Tame Impala (es fehlt eine "Idee von Klangwahrhaftigkeit", schreibt Juliane Liebert auf Zeit Online, "für Menschen, die sich nicht für Musik interessieren, ist diese Musik ein Geschenk", schreibt Karl Fluch im Standard), ein neues Album der Chicks on Speed, denen zugleich eine Retrospektive in München gewidmet ist (taz), ein neues Album der Cellistin Sol Gabetta (NZZ), Bob Dylans Konzert in Hamburg (FR) und Joanne Robertsons Album "Blurrr" ("purer musikalischer Genuss", schwärmt tazler Johann Voigt).

Archiv: Musik