Im Kino
Wie eine ungeschützte Marmorstatue
Die Filmkolumne. Von Kamil Moll
22.10.2025. Mal erfreulich vulgärpsychologisch, mal aufdringlich middlebrow ist Guillermo del Toros epische "Frankenstein"-Adaption geraten. Im Zentrum steht ein erstaunlich gutaussehendes Monster.
Das Gesicht der Kreatur (Jacob Elordi) ist unter einer weit geworfenen Kapuze versteckt, gehüllt in Bandagen, aus denen nur ein Paar wütend funkelnder Augen herausragt. Inmitten der Arktis verfolgt er unermüdlich seinen Schöpfer, den Wissenschaftler Viktor Frankenstein (Oscar Isaac), der, auch nachdem er sich an Bord eines Expeditionsschiffes gerettet hat, nicht vor ihm sicher ist. Verschleiern künstlich geschaffene Geschöpfe in Horrorfilmen ihre Physiognomie, tun sie dies in der Regel, um sicherer unter Menschen wandeln zu können, denen sie bei näherem Augenschein nicht zureichend ähneln können. Wenn Guillermo del Toro jedoch zu Beginn seiner Verfilmung Frankensteins Monster verdeckt, ist über eine Stunde später im Film die enthüllende Pointe eine andere: Dessen athletischer, hochgewachsener Körper ist von einer erstaunlichen Schönheit, ganz der seines Schauspielers Jacob Elordi und eher dem von David Bowie gespielten überirdischen Wesen in "The Man Who Fell To Earth" verwandt als den klassischen Filmungeheuern des Universal-Horroruniversums.
Seit mehreren Jahrzehnten bemüht sich del Toro schon darum, seine Version von Mary Shelleys "Frankenstein" zu inszenieren, einem literarischen Werk, das einst die Vorstellungskraft seiner Kindheit antrieb und aus dessen Motiven und Details sich seitdem unzählige seiner Filme speisen, die von unbefleckt geborenen Monstern und ungeheuerlichen Erzeugern erzählen. Gleich in zwei Teilen wollte er den Stoff ursprünglich verfilmen, auch eine Miniserie war im Gespräch. Entstanden ist nun ein einziger Film mit langem erzählerischem Atem, unterteilt in ein Präludium und mehrere Kapitel; ein überbordendes Ungetüm, dem man in jedem Moment anmerkt, dass del Toro mehrere Dekaden lang skrupulös Shelleys Geschichte immer wieder aufs Neue durchgearbeitet hat, bis sie schließlich seine eigene wurde.
Augenfällig und erfreulich vulgärpsychologisch verlagert er eines der Kraftzentren der Geschichte: Den inneren Antrieb, neues, unschuldiges Leben zu erschaffen verbindet der Film mit dem Bemühen Frankensteins, die eigene verlorene Kindheit wiederzuerlangen. Die früh verstorbene Mutter, von der für den jungen Viktor nur ein blutiger Handabdruck auf seinem Hemd bleibt, erscheint ihm Jahre später ersatzödipal in Gestalt der Verlobten seines Bruders William (Felix Kammerer) wieder. Beide Frauenrollen spielt die sonst für ihr wundersam expressives Spiel bekannte Schauspielgöttin Mia Goth erstaunlich zurückgenommen und ätherisch: ein unerreichbares Sehnsuchtsobjekt, das del Toro hintersinnig in zahlreiche farbsatte Gewänder kleidet, geschmückt mit blau gefärbten Federn im Haar oder einem strahlend roten Kruzifix aus Glas.

Einige der Einfälle und Inspirationen gehören zu jenen middlebrow-Ideen, die seit jeher den etwas aufdringlichen Hintergrund für del Toros Filme bilden: Als begüterter Mäzen Frankensteins tritt der Waffenproduzent Heinrich Harlander (Christoph Walz) auf, der den Wissenschaftler mit schier unerschöpflichen finanziellen Mitteln fördern kann. Für diese Pointe verlegte del Toro die Handlung des Romans um einige Jahrzehnte nach vorne, um inmitten des Krimkrieges in den 1850er-Jahren Schlachtfelder als unbegrenzte Lieferanten für menschliche Leichen zur Verfügung zu haben. Wie ein Markthändler kann Frankenstein inmitten der Berge an Kriegstoten nach den besten Körperteilen für seinen Homunkulus suchen.
Betonten Verfilmungen des Stoffes seit Boris Karloffs ikonischer Darstellung des Monsters stets das unzulänglich Zusammengesetzte, die Nähte, Narben und Klammern am Körper, agiert Isaacs Frankenstein als ein lebensweltlicher Ästhet, der ausdrücklich Schönes erschaffen möchte. Er selbst ist in flamboyante Kleider gehüllt: gestreifte Anzüge und scharlachrote Roben, Schnitte und Formen, die mit Absicht eher an die Saville-Row-Mode der Swingin' Sixties gemahnen, denn an das mittlere 19. Jahrhundert. Del Toro lässt ihn als einen Menschen auftreten, der aus seiner Zeit herausragen möchte, als einen, der letztlich doch vor seiner Kreatur zurückschrecken muss, weil er einer Verantwortung gewahr wird, die er nicht erfüllen kann.
Nach der Hälfte der Geschichte wechselt der Fokus empathisch vom Schöpfer zum Geschöpf: Muskulös den Rücken gebeugt, die kraftvollen Hände schützend um den kahlen Kopf gelegt, kniet Elordis Monster im Verlies der Werkstatt graziös wie eine ungeschützte Marmorstatue. Vom Wissenschaftler ausgestoßen sinnt er zunächst nicht nach Vergeltung und Rache, sondern nach Herzensbildung. Den aus menschlicher Gesellschaft Verstoßenen und Verfolgten nobilitiert del Toro schließlich etwas übereifrig als nachgerade eloquente zweite Erzählerstimme des Films: "purer than the common man".
Als Frankenstein im royalen Medizininstitut Edinburghs seine ersten Belebungsversuche toter menschlicher Materie an einem Torso - ein freigelegter Totenschädel mit herausgerissener Wirbelsäule und offen liegenden Lungenflügeln - demonstriert, regt sich Kritik: Das reanimierte Objekt halte er so eng umschlungen, dass es dadurch wieder erdrückt werde. Mit seiner "Frankenstein"-Verfilmung riskiert Guillermo del Toro Ähnliches - unter unzähligen Details und Ideen, neuen Akzentuierungen und unerschrockenen Hinzudichtungen droht der Film bisweilen begraben zu werden. Vielleicht ist aber auch gerade das die adäquateste Art, sich dem Stoff zu nähern: in der Form eines alchemistischen Wahnsinnsakts, der, mal vor Elektrizität sprühend, mal leblos, zum glorreichen Scheitern verurteilt ist.
Kamil Moll
Frankenstein - USA 2025 - Regie: Guillermo del Toro - Darsteller: Oscar Isaac, Jacob Elordi, Mia Goth, Christoph Waltz, Felix Kammerer, Lars Mikkelsen - Laufzeit: 150 Minuten.
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