Efeu - Die Kulturrundschau
Lasst die Schwäne tanzen!
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
23.10.2025. Der Perlentaucher sieht in Guillermo del Toros "Frankenstein"-Film einen alchemistischen Wahnsinnsakt mit Höhen und Tiefen, die FR schwärmt von der opulenten Bildgestaltung. Die Zeit untersucht den Hergang der Tat im Louvre und stellt fest: dreister ging es wirklich nicht. Die taz porträtiert die Band "Stoptime", die in Russland Musik gegen das Regime macht. Die FAZ schmökert im neuen "Asterix"-Comic, der mal wieder die Bilanz des Buchhandels retten wird.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
23.10.2025
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Film

Als "alchemistischen Wahnsinnsakt" sieht Perlentaucher Kamil Moll Guillermo del Toros "Frankenstein" - Film: "Augenfällig und erfreulich vulgärpsychologisch verlagert er eines der Kraftzentren der Geschichte: Den inneren Antrieb, neues, unschuldiges Leben zu erschaffen verbindet der Film mit dem Bemühen Frankensteins, die eigene verlorene Kindheit wiederzuerlangen. Die früh verstorbene Mutter, von der für den jungen Viktor nur ein blutiger Handabdruck auf seinem Hemd bleibt, erscheint ihm Jahre später ersatzödipal in Gestalt der Verlobten seines Bruders William (Felix Kammerer) wieder. Beide Frauenrollen spielt die sonst für ihr wundersam expressives Spiel bekannte Schauspielgöttin Mia Goth erstaunlich zurückgenommen und ätherisch: ein unerreichbares Sehnsuchtsobjekt, das del Toro hintersinnig in zahlreiche farbsatte Gewänder kleidet, geschmückt mit blau gefärbten Federn im Haar oder einem strahlend roten Kruzifix aus Glas." Es gibt also viele tolle Ideen, allerdings droht der Film bisweilen unter dieser Fülle an Details und Einfällen erdrückt zu werden, so Moll.
In der FR schwärmt Daniel Kothenschulte von der "malerischen Bildgestaltung" - sieht aber auch Schwächen : "Mit seiner schwelgerischen Ausstattung, traumhaften Kostümen und betörenden Filmsets sowie der lyrischen Sinfonik des Soundtracks von Alexandre Desplat hat sich del Toro nun selbst in die vorderste Reihe aller Shelley-Verfilmungen eingeschrieben. Ganz ohne Narben und Fehlstellen ist aber auch sein Monster nicht gelungen. Unentschlossen in der Balance zwischen Fantasy und Horror würzte er den Film mit selbstzweckhaft-blutrünstigen Szenen wie dem Auftritt eines Wolfsrudels, das in seiner Digitalanimation mit dem Reiz des Handgemachten bricht. Merkwürdig unentschlossen ist auch sein Verhältnis zur Sexualität: Einerseits deutet sich eine homosexuelle Lesart an. Andererseits verdeckt er jedes vermeintlich anzügliche anatomische Detail."
Weiteres: Antonia Baum hat sich für die Zeit die neue Haftbefehl-Doku auf Netflix angeschaut, in der FAZ schreibt Sebastian Eder dazu. In der taz sprechen drei BetreiberInnen von Independent-Kinos in Berlin, die von der Schließung bedroht waren, darüber, wie sie es geschafft haben, durchzukommen. Besprochen wird Scott Coopers Film "Deliver Me From Nowhere" über den jungen Bruce Springsteen (FAZ, NZZ), Agnieszka Hollands Film "Franz K." (unser Resümee) (taz) und Kirill Serebrennikows "Das Verschwinden des Josef Mengele" (taz).
Musik
Musik wird in Russland zum Mittel des Protests, berichtet Yelizaveta Landenberger in der taz. Die Band Stoptime hatte bei einem Straßenkonzert auf dem Newski-Prospekt im Stadtzentrum von Sankt Petersburg regierungskritische Songs gespielt. Die 18-jährige Sängerin Diana "Naoko" Loginowa wurde festgenommen, aber im Internet kursieren Solidaritätsvideos. Und kurz vor ihrer Festnahme hatte die Band noch ein Video mit dem Song "Kooperative Schwanensee" des russischen Rappers Noize MC eingespielt: "Jener Protestsong, den Noize MC 2022 nur kurz nach Beginn der russischen Großinvasion in die Ukraine veröffentlicht hatte, wurde von einem russischen Gericht im Mai als 'extremistisch' eingestuft. Darin kritisiert der Rapper den Krieg, die Staatspropaganda mit hasserfüllten Talkshows von Moderatoren wie Wladimir Solowjow sowie das mangelnde Verantwortungsbewusstsein der russischen Gesellschaft: 'Wo wart ihr acht Jahre lang, ihr verfickten Unmenschen! / Ich will Ballett sehen / Lasst die Schwäne tanzen! / Lasst den Opa um seinen See zittern! / Weg mit Solowjow vom Bildschirm - lasst die Schwäne tanzen!' Mit 'dem Opa' ist wohl Putin gemeint, und 'Schwanensee' ist nicht nur das Ballett von Tschaikowski, sondern auch eine Metapher für den Zusammenbruch der politischen Ordnung."
Glaubt man Pop-Kritiker Jens Balzer in der Zeit in einem kleinen Eassy über die "Zukunft der Pop-Kritik im Feuilleton", dann kriegt man als Pop-Kritiker Morddrohungen, wenn man das neue Taylor-Swift-Album verreißt - ein lebensgefährlicher Job also. Besonders rabiat scheinen K-Pop-Fans zu sein. "Wenn man früher glaubte, dass Künstler Angst vor ihren Kritikern haben müssen, dann müssen heute eher Kritiker Angst vor den Fans der von ihnen kritisierten Künstler haben." Und dann noch die Influencer: "Der Influencer will keine Distanz zu seinen Gegenständen, er will reine Unmittelbarkeit."
Weiteres: Max Nyffeler gratuliert dem Komponisten Toshio Hosokawa in der FAZ zum Siebzigsten. Besprochen werden ein Konzert der Weltmusikstars Dhafer Youssef und Sona Jobarteh in Frankfurt (FR) und das "rundum lebendige" Suede-Album "Antidepressants" (Ebenfalls FR).
Und Florian Eichel hat für die Zeit den Chopin-Wettbewerb in Warschau, einen der renommiertesten Kalvier-Wettbewerbe weltweit, besucht. Wenn der 24-jährige Georgier David Khrikuli Chopin spielt, klingt es, als höre man ihn zum ersten Mal, schreibt er. Hier kann man sich Bild und Ton machen, sein Auftritt in Warschau steht bei Youtube online:
Glaubt man Pop-Kritiker Jens Balzer in der Zeit in einem kleinen Eassy über die "Zukunft der Pop-Kritik im Feuilleton", dann kriegt man als Pop-Kritiker Morddrohungen, wenn man das neue Taylor-Swift-Album verreißt - ein lebensgefährlicher Job also. Besonders rabiat scheinen K-Pop-Fans zu sein. "Wenn man früher glaubte, dass Künstler Angst vor ihren Kritikern haben müssen, dann müssen heute eher Kritiker Angst vor den Fans der von ihnen kritisierten Künstler haben." Und dann noch die Influencer: "Der Influencer will keine Distanz zu seinen Gegenständen, er will reine Unmittelbarkeit."
Weiteres: Max Nyffeler gratuliert dem Komponisten Toshio Hosokawa in der FAZ zum Siebzigsten. Besprochen werden ein Konzert der Weltmusikstars Dhafer Youssef und Sona Jobarteh in Frankfurt (FR) und das "rundum lebendige" Suede-Album "Antidepressants" (Ebenfalls FR).
Und Florian Eichel hat für die Zeit den Chopin-Wettbewerb in Warschau, einen der renommiertesten Kalvier-Wettbewerbe weltweit, besucht. Wenn der 24-jährige Georgier David Khrikuli Chopin spielt, klingt es, als höre man ihn zum ersten Mal, schreibt er. Hier kann man sich Bild und Ton machen, sein Auftritt in Warschau steht bei Youtube online:
Kunst
"Traumatische Fehlfunktionen" prägen die Kreaturen von Amelie von Wulffen, die Georg Imdahl (FAZ) im Kölnischen Kunstverein betrachten kann: "Seltsame Wesen wie Untote gestrandet, triggern Assoziationen von Verwesung und Moder, sind zudem auch noch flankiert von allerlei Insekten, die die Szenerie nicht einladender machen. Wenn Kunst auch mal hässlich sein darf, um eine desillusionierende Gegenwart von allgemeiner gesellschaftlicher Regression, von Klima, Krieg, heraufziehendem Faschismus zu beschreiben, dann erfüllt sie hier ebendiese Funktion. Das ist mutig. Zumal auch die Landschaftsmalereien, Veduten, Stillleben, die diesen Gestalten aufkaschiert sind, als kleine Fluchten in eine schönere Welt nicht wirklich funktionieren."
Die Aufregung über den Kunstraub im Louvre ist groß. In der Zeit schildern Hanno Rauterberg und Tobias Timm den Hergang der Tag, geprägt von "der Dreistigkeit der Siegesgewissen" (unser Resümee). Zunächst gelangten sie mit einem ausfahrbaren Lastenaufzug auf einen Balkon des Gebäudes, das Museum war schon geöffnet: "Auf dem Balkon angekommen, hatten sie mit Trennschleifern eine große Öffnung ins Glas der Balkontür geschnitten. Eine Tür übrigens, die vom Wetter und der Zeit recht mitgenommen wirkt, man sieht ihr den Renovierungsbedarf deutlich an. Was dann geschah, lässt sich auf einem kurzen, verwackelten Video besichtigen, aufgenommen von einem Museumsbesucher. Zu sehen ist einer der maskierten Täter in schwarzer Kleidung und gelber Warnweste, der sich ganz unaufgeregt, als würde er hier tun, was er immer tut, an einer der durchaus stabilen Vitrinen in der Mitte der Galerie d'Apollon zu schaffen macht. Die mit Trennschleifern bewaffneten Täter ahnten offenbar, dass die vier Wärter, die den Saal an diesem Vormittag bewachten, nicht sofort einschreiten würden (...) Und so konnten die Täter zehn der ungemein wertvollen Schmuckstücke aus der Vitrine reißen."
Man muss mehr tun, um die gestohlenen Schmuckstücke wiederzufinden, meint der Anwalt und "Kunstdetektiv" Christopher A. Marinello in der NZZ: "Ich wünschte, die Staatsanwaltschaft hätte eine Belohnung ausgesetzt. Ich wünschte, die Staatsanwaltschaft wäre ins öffentliche Fernsehen gegangen und hätte gesagt, dass die Kriminellen, wenn sie gefasst werden und die Juwelen zerbrochen haben, mit der zwei- oder dreifachen Gefängnisstrafe belegt werden. Um eine Botschaft zu senden, diese Stücke nicht aufzubrechen und zu zerstören. Gegenwärtig arbeiten etwa sechzig Beamte an dem Fall. Man hat auch eine israelische Ermittlungsfirma engagiert, die bereits beim Dresdner Diebstahl 2019 an den Untersuchungen beteiligt war. Man weiß es nie. Am Louvre-Raub waren vier Personen beteiligt. Vielleicht entscheidet sich einer von ihnen, die anderen drei zu verpfeifen. Kriminelle sind nicht für ihre Loyalität bekannt."
Außerdem: Für die taz sieht sich Ingo Arend auf der Istanbuler Biennale um (unser Resümee).
Die Aufregung über den Kunstraub im Louvre ist groß. In der Zeit schildern Hanno Rauterberg und Tobias Timm den Hergang der Tag, geprägt von "der Dreistigkeit der Siegesgewissen" (unser Resümee). Zunächst gelangten sie mit einem ausfahrbaren Lastenaufzug auf einen Balkon des Gebäudes, das Museum war schon geöffnet: "Auf dem Balkon angekommen, hatten sie mit Trennschleifern eine große Öffnung ins Glas der Balkontür geschnitten. Eine Tür übrigens, die vom Wetter und der Zeit recht mitgenommen wirkt, man sieht ihr den Renovierungsbedarf deutlich an. Was dann geschah, lässt sich auf einem kurzen, verwackelten Video besichtigen, aufgenommen von einem Museumsbesucher. Zu sehen ist einer der maskierten Täter in schwarzer Kleidung und gelber Warnweste, der sich ganz unaufgeregt, als würde er hier tun, was er immer tut, an einer der durchaus stabilen Vitrinen in der Mitte der Galerie d'Apollon zu schaffen macht. Die mit Trennschleifern bewaffneten Täter ahnten offenbar, dass die vier Wärter, die den Saal an diesem Vormittag bewachten, nicht sofort einschreiten würden (...) Und so konnten die Täter zehn der ungemein wertvollen Schmuckstücke aus der Vitrine reißen."
Man muss mehr tun, um die gestohlenen Schmuckstücke wiederzufinden, meint der Anwalt und "Kunstdetektiv" Christopher A. Marinello in der NZZ: "Ich wünschte, die Staatsanwaltschaft hätte eine Belohnung ausgesetzt. Ich wünschte, die Staatsanwaltschaft wäre ins öffentliche Fernsehen gegangen und hätte gesagt, dass die Kriminellen, wenn sie gefasst werden und die Juwelen zerbrochen haben, mit der zwei- oder dreifachen Gefängnisstrafe belegt werden. Um eine Botschaft zu senden, diese Stücke nicht aufzubrechen und zu zerstören. Gegenwärtig arbeiten etwa sechzig Beamte an dem Fall. Man hat auch eine israelische Ermittlungsfirma engagiert, die bereits beim Dresdner Diebstahl 2019 an den Untersuchungen beteiligt war. Man weiß es nie. Am Louvre-Raub waren vier Personen beteiligt. Vielleicht entscheidet sich einer von ihnen, die anderen drei zu verpfeifen. Kriminelle sind nicht für ihre Loyalität bekannt."
Außerdem: Für die taz sieht sich Ingo Arend auf der Istanbuler Biennale um (unser Resümee).
Literatur

Besprochen werden Ilma Rakusas Tagebuchprosa "Wo bleibt das Licht" (NZZ), Yulia Marfutovas Roman "Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel" (FR), Florian Illies' Buch über den Exilort Sanary-sur-Mer (SZ), Anja Kampmanns Roman "Die Wut ist ein heller Stern" (SZ).
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