Yulia Marfutova

Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel

Roman
Cover: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel
Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
ISBN 9783498007690
Gebunden, 144 Seiten, 22,00 EUR

Klappentext

Ende der Achtziger, das ist im letzten Jahrtausend. Ende der Achtziger, das ist genau jetzt. Marina träumt davon, der Sowjetunion den Rücken zu kehren, die Chance auf ein anderes Leben zu ergreifen, und sei sie noch so klein. Sie weiß: Eine Chance ist ein höchstens spatzengroßer Vogel, der nicht stillsitzt und wartet, dass man ihn fängt. Jahre später und unzählige Kilometer entfernt versuchen Marinas Töchter, sich ihre Mutter als junge Frau vorzustellen. Wie war ihr Leben, bevor sie Mutter wurde? Wie ihr Verhältnis zur Großmutter, die sie nie kennengelernt haben: eine Ingenieurin mit einem Talent nicht nur für Zahlen, sondern auch für Deutungen der Zukunft. Nach und nach reimen sich Marinas Töchter die Geschichte ihrer Familie zusammen. Eine Geschichte, bevölkert von Geistern, eine Geschichte, die zeigt, wie die Zeiten vergehen: ohne je ganz vergangen zu sein.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 07.11.2025

Rezensent Paul Jandl liest mit Yulia Marfutovas zweitem Roman einen verzwickten Text, mit einem spannenden erzählerischen Konzept, das jedoch leider nicht ganz aufgeht. Als Erzähler treten hier ein paar Mäuse auf. Im Zentrum ihrer sprunghaften Erzählung über drei Generationen russischer Frauen stehen drei Jugendliche, die in den 80er Jahren in Moskau aufwachsen. Diese Anlage ermöglicht es der Autorin, den Alltag und die explosive Stimmung dieser Zeit aus einer ungewöhnlichen Perspektive zu schildern, lesen wir. Allerdings fällt es dem Text zunehmend schwerer, Relevantes und Irrelevantes zu trennen, so gelingt es ihm leider nicht, sein Potenzial auszuschöpfen, die vielschichtige Wirklichkeit erzählerisch angemessen auf verschiedenen Wirklichkeitsebenen zu spiegeln. Stattdessen bleibt der Roman eine "irrlichternde" Schimäre aus "Phantasmagorie, Zeitgeschichte und Autofiktion", so der Rezensent.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 23.10.2025

Die Idee, ein "Mäusekollektiv" als Erzähler einzusetzen, findet Rezensentin Judith von Sternburg schon mal originell. Und sie schaffen Distanz zu der schrecklichen Geschichte, die sie drei Schwestern erzählen, die etwas über das Schicksal ihrer Mutter wissen möchten. Die Mäuse fragen sie, weil ihre Mutter nicht darüber reden will und es sonst niemanden gibt, den sie fragen können. Es geht um Antisemitismus, den Holodomor, Stalin und Gorbatschow, lesen wir. Die Mäuse erzählen gewitzt, wenn auch nicht immer zuverlässig, so Sternburg, die sich in ihrer Rezension ein wenig verheddert. Aber gefallen hat es ihr offenbar.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 13.08.2025

Rezensent Jörg Plath hat eine Menge Herkunftsromane gelesen, dieser aber sticht hervor: Erzählinstanz ist ein Mäusekollektiv, an das sich die Töchter der über ihre Vergangenheit schweigende Marina wenden: Marina, aufgewachsen in der UdSSR der 1980er, ist jüdischer Herkunft, ihre Töchter sind in einem anderen Land geboren. Von den Mäusen nun erfahren sie, oft in Andeutungen und Mutmaßungen, von Perestrojka, Gorbatschow, aber auch von Russifizierung, Pogromen und Holodomor. Plath scheint dieses "Umkreisungs-Parlando" mit Gewinn gelesen zu haben.

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