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11.10.2025. Die FAZ ist enttäuscht über die geringe Ausbeute philippinischer Literatur zur Frankfurter Buchmesse. In der taz berichtet Übersetzerin Annette Hug von den Schwierigkeiten, philippinische Geisternamen ins Deutsche zu übertragen. Der Tagesspiegel verliert sich bei Yuval Baers Installation "Flüssige Matrix" in Berlin im Rausch der Farben und Formen. Die Nachtkritik ist zwiegespalten angesichts Elsa-Sophie Jachs Inszenierung von Rainald Goetz' "unaufführbarem" Stück "Lapidarium" am Müncher Residenztheater.
Die Ausbeute zur FrankfurterBuchmesse fällt dieses Jahr aber ziemlich schmal aus, muss Andreas Platthaus in der FAZ bekümmert feststellen: Nur 32 Bücher (14 davon Comics) wurden aus dem Gastland Philippinen übersetzt - selten gab es weniger und dann sind die Übersetzungen im einzelnen auch nicht immer voll gelungen. Auch sind es vor allem Kleinverlage, die sich diesmal bemühen, von den Großverlagen hört man so gut wie nichts. Was sind die Gründe dafür? "Der erste könnte lauten, dass es schlicht an Qualität fehle. Das ist Unsinn, wie ein Blick aufs breite Spektrum philippinischer Bücher lehrt. Und der ist ungeachtet fehlenden deutschen Übersetzungsinteresses leicht möglich. Denn der zweite mögliche Grund könnte darin gesehen werden, dass ein Großteil der Literatur der Philippinen einem hiesigen Publikum ohnehin leicht zugänglich ist, weil er auf Englisch erscheint." Unsere verschlagworteten Buchnotizen bieten Ihnen natürlich einen guten Überblick über die aktuellen Veröffentlichungen und Rezensionen.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die wenigen auf Filipino verfassten und nun auf Deutsch erscheinenden Romane aus den Philippinen hat Annette Hug übersetzt. "Als ich vor Bekanntwerdung des Gastlandauftritts der Philippinen Übersetzungsdossiers an Verlage schickte, reagierten die eher verhalten", sagt sie im taz-Gespräch gegenüber Julia Hubernagel. Auch erzählt sie von Herausforderungen beim Übersetzen, etwa von AllanDerains "Das Meer der Aswang", in dem vorkolonialeMythen eine große Rolle spielen: "Ich hatte eine große Scheu, europäische Begriffe für die vielen Geisterwesen zu verwenden, aber es waren zu viele! Hilfe habe ich dann tatsächlich bei Jacob Grimm in seinem Buch 'Deutsche Mythologie' gefunden. In den verschiedensten Landstrichen beobachtet er auch lateinische Begriffe, französische, wendische, sorbische, slawische, jeder Begriff hat vielfache regionale Abwandlungen - ähnlich unübersichtlich und kompliziert wie auf den Philippinen! Ich habe dann realisiert, wie sehr die Standardisierung von Sprachen mit der Etablierung eines starken Zentralstaates zusammenhängt, der die ganzen Institutionen schafft, eine Grammatik durchsetzt und Wörterbücher erzeugt."
Weiteres: "Literatur alleine kann nicht Frieden schaffen", schreibt die SchriftstellerinMaricaBodrožić in "Bilder und Zeiten" der FAZ, doch kann sie auf "erlittene Gedächtnisse ... aufmerksam machen". Thomas Lindemann erzählt in der FAZ von seiner Begegnung mit SiriHustvedt auf Mallorca, die nach dem Tod ihres Ehemanns PaulAuster allmählich "ins Leben zurückfindet". Ronald Pohl (Standard), Matthias Heine (Welt) und Roman Bucheli (NZZ) erinnern an den vor 200 Jahren in Zürich geborenen DichterConradFerdinandMeyer. Mladen Gladic hat sich für die Welt die aktuelle Folge des "LiterarischenQuartetts" angesehen, für deren Jubiläumsfolge Thea Dorn sich drei frühere Kulturstaatsministerinnen eingeladen hat. "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert einen vor Kindern gehaltenen Vortrag des LyrikersJanWagner über seinen Weg zum Dichten. Thomas Steinfeld erinnert in "Bilder und Zeiten" der FAZ an den im Ersten Weltkrieg gefallenen Dichter Walter Flex. Nina Apin spricht in der taz mit SarahKuttner über deren neuen Roman.
Besprochen werden unter anderem Christine Wunnickes "Wachs" (Standard), AbdulrazakGurnahs "Diebstahl" (taz), Matteo Melchiorres "Der letzte Cimamonte" (FAZ), Dimitré Dinevas "Zeit der Mutigen" (Zeit), ein Bildband mit Fotografien ungewöhnlicherBibliotheken (FAZ), der von RainerWerning und JörgSchwieger herausgegebene Band "Von Marcos zu Marcos. Die Philippinen seit 1967" (taz), MaggieNelsons "Pathemata - Die Geschichte meines Mundes" (FAS) und GritStraßenbergers Biografie über HannahArendt (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
FAZ, FAS und SZ bringen heute ihre Literaturbeilagen zur FrankfurterBuchmesse. Die Literarische Welt ist de facto ebenfalls eine - hier haben wir sie bereits ausgewertet. Zudem empfiehlt die NZZ-Feuilletonredaktion Bücher für den Herbst.
In der Frankfurter Anthologie schreibt Norbert Hummelt über Joseph von Eichendorffs "Zum Abschied"
"Der Herbstwind schüttelt die Linde, Wie geht die Welt so geschwinde! Halte dein Kindelein warm ..."
Szene aus "Lapidarium" am Münchner Residenztheater. Foto: Sandra Then.
Rainald Goetz' neues Stück "Lapidarium" gilt eigentlich als unaufführbar ob der zahllosen Referenzen, Namen und Ortswechsel - nun hat Elsa-Sophie Jach es trotz allem im Münchner Residenztheater auf die Bühne gebracht. Ist es ihr gelungen? Nachtkritikerin Dorte Lena Eilers ist ein bisschen zwiegespalten: "Wie schreiben über das, was am Ende zählt? Über Freundschaft. Über ein Lebensgefühl. Über Kunst. Über den Tod. Oberflächlich betrachtet scheint 'Lapidarium' ein Stück aus lauter Skizzen zu sein. In seiner Tiefenstruktur ist es eine fein gesponnene Komposition aus Sprache und Sprache und Sprache. Jachs Inszenierung ist immer dann stark, wenn sie Sprachkomposition und szenische Konkretion in der Schwebe zu halten vermag, und das Goetz'sche Panorama nur für Momente von der Totalen auf das Close-up springen darf. Für Augenblicke geraten da ins Bild: Herr Geiser, Max Frischs einsamer Witwer aus seiner Erzählung 'Der Mensch erscheint im Holozän'. Michael Rutschky, Schriftsteller und früher Mentor des Autors Rainald Goetz. Wolfgang Herrndorf, dessen Selbstmord das Stück nahezu minutiös seziert." Leider "misstraut" die Regisseurin im Laufe der Inszenierung immer mehr dem Text, findet die Kritikerin, dabei bleibt manches, was bei Goetz "zart, eindringlich und erschütternd" ist, hier etwas an der Oberfläche.
Besprochen werden Adrian Figueroas Adaption von Jenny Erpenbecks Roman "Heimsuchung" an der Staatsoper Hannover (nachtkritik), Tomas Schweigens Inszenierung von Miriam Unterthiners Stück "Blutbrot" im Theater am Werk in Wien (nachtkritik), Ulrich Lenz' Inszenierung von Dimitri Schostakowitschs Operette "Moskau, Tscherjomuschki" an der Oper Graz (SZ) und Christoph Marthalers Inszenierung von "Mein Schwanensee" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (FAZ).
Helene Röhnsch wirft für die FAZ einen Blick auf die Dlf-Recherchen zu angeblichen Missständen hinter den Kulissen des Filmfestivals Köln, deren Leitung die Vorwürfe abstreitet. Valerie Dirk stimmt im Standard auf die Viennale ein. Rahel Zingg erinnert in der NZZ an die Aufenthalte AlfredHitchcocks in der Schweiz. Besprochen werden RaduJudes "Kontinental '25" (Zeit Online), FatihAkins "Amrum" (Standard) und die ARD-Serie "Hundertdreizehn" (FAZ).
Julian Weber porträtiert in der taz den Musiker SatchHoyt, der für seinen Sound auf Instrumente aus ethnologischen Museen zurückgreift. Wenn er diese "entstummt, klingen afrikanische Fingerklaviere aus dem 19. Jahrhundert wie futuristische Beatmaschinen." Diese "Aufnahmen der historischen Fingerklaviere werden ergänzt um Percussion aus Hoyts eigenem Fundus. Dazu mischt er elektronische Klangfarben eines Roland-Synthesizers und die Stimme einer Frau, die der schwedische Missionar Karl-Edvard Laman bei einer Kolonialexpedition im Kongogebiet 1910 aufgenommen hat. Hoyt hat diese Aufnahme in einem Berliner Schallarchiv gefunden. Der unwiderstehliche Sog seiner Musik entsteht durch die ÜberblendungvonGeschichte, GegenwartundZukunft. ... Alles wird transparent gemacht und trotzdem bleiben Geheimnisse, die Geisterstimmen des Kolonialismus spuken weiter. ... Sein Konzept hat Satch Hoyt als 'Sonic Restitution' bezeichnet, als symbolische Rückgabe von Sound. 'Ich feiere damit die hybride Kreativität Schwarzer Diaspora.'"
Wir hören rein:
Außerdem: Nachdem bereits ein Auftritt von Robbie Williams in Istanbul nach propalästinensischenProtesten abgesagt wurde, werden nun auch Konzerte von PaulMorrissey in Istanbul und Ankara aus denselben Gründen abgesagt, meldet Gerrit Bartels im Tagesspiegel. Ljubiša Tošić porträtiert im Standard den Musiker LukasLigeti. Elmar Krekeler porträtiert in der WamS den Pianisten HayatoSumino, der von den WamS-Lesern als bester Nachwuchskünstler ausgewählt wurde.
Besprochen werden ein Konzert von SophiaKennedy in Frankfurt (FR), ein Konzert von Igorrr und ImperialTriumphant (FR), ein Konzert von Meute in Frankfurt (FR), das Album "Something to Consume" von DieSpitz (FR), Nemos neues Album (NZZ) und eine Netflix-Dokuserie über Ex-Spice-GirlVictoriaBeckham (TA).
"Natur, Kultur und Imagination" vermischen sich in der Installation "Flüssige Matrix" des israelischen Architekten Yuval Baer zu einem "Rausch" aus Farben und Formen, dem sich Tagesspiegel-Kritikerin Christiane Meixner im Kunstraum "The Ballery" in Berlin kaum entziehen kann. Dass das Werk "auf den Lehren der Kabbala basiert, der mystischen Lehre des Judentums, und mit uralten Daten aus dem 'Buch der Schöpfung' operiert, mit deren Hilfe man im Idealfall zu universellen Einsichten gelangen kann, muss man Baer glauben. Ohne ein Wissen darüber lässt sich kaum etwas entziffern. Im Raum selbst legt sich die Projektion wie eine luzide Schicht zwischen die Architektur, die ihre Konturen verliert. Auch die Besucher werden Teil des Loops, in dem Blüten wachsen und verwelken, wo tiefrote Flammen tanzen und es blaue Codes vom Himmel regnet."
Weitere Artikel: Im WamS-Interview unterhält sich der Fotograf Andreas Gursky mit Boris Pofalla über seine neue Ausstellung in der White Cube Gallery in London. Anlässlich einer Ausstellung im Musée de l'Orangerie in Paris stellt Bettina Wohlfahrt in der FAZ die Galeristin Berthe Weill vor. Besprochen wird die Suzanne-Duchamp-Retrospektive in der Schirn in Frankfurt (FR, unser Resümee).
Wenn SandraHüller für MiuMiu bei der Fashion Week Paris in Arbeitsschürze über den Laufsteg stapft, weckt das in der SchriftstellerinMarlenHobrack Erinnerungen an ihre Mutter in der DDR, die Ähnliches trug, wenn sie patent ihre Arbeit verrichtete. "Miu Miu verlautbart zur Fashion-Week, es wolle die Unsichtbarkeit der Frauenarbeit würdigen", schreibt Hobrack genervt im Freitag. "Die Frauenarbeit in der DDR war sichtbar. Sie war so vorzeigbar, dass sie nachträglich verkitscht wurde. ... So, wie sich die DDR die Frauenarbeit aneignete und überhöhte, ohne ihre Mühen zu adressieren, so eignet sich nun ein High-Fashion-Label Begrifflichkeiten des intersektionalen Klassenkampfes an. Irgendwas mit Sozialismus, aber in chic! Nicht die Arbeiter tragen Designerklamotte; Wohlhabende verkleiden sich als Arbeiterinnen und denken an die Textilarbeiterinnen von Pakistan und Shenzhen. Sobald Temu die Looks kopiert, schließt sich der Fashion-Kreis. Man kann nur hoffen, dass bald auch die chinesische Arbeiterin mit 'Würde und Respekt' behandelt wird!"
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