Efeu - Die Kulturrundschau

Weg mit allen Schnörkeln, Spielereien und Regeln

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23.08.2025. Mascha Schilinskis Cannes-Erfolg "In die Sonne schauen" soll bei den Oscars antreten - "mutig" findet die Welt das, ob des hohen Anspruchs. Die Literaturwelt trauert um den Jahrhundertdichter Eugen Gomringer: Seine Lyrik stand mitten im "gelebten Leben", erinnert die SZ. FAZ und nachtkritik feiern in Ivo van Hoves Musical-Hybrid "I Did It My Way" bei der Ruhrtriennale weniger den Star Lars Eidinger als die "provokant schillernde" Sängerin Larissa Sirah Herden
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.08.2025 finden Sie hier

Literatur

Eugen Gomringer auf dem Poesiefestival Berlin (Bild: Kritzolina, CC BY-SA 4.0)

Der Lyriker Eugen Gomringer ist im Alter von 100 Jahren gestorben. "Er war ein Jahrhundertdichter", schreibt Marc Reichwein in der Welt. "Er befreite die Lyrik von klassichen Versen und machte 'konstellationen' daraus. Weg mit allen Schnörkeln, Spielereien und Regeln." Sein Ziel war "eine Dichtung, die mitten im gelebten Leben steht", schreibt Marie Schmidt in der SZ. Denn "die Sprache der Gesellschaft, die ihn umgab, schien ihm nicht mehr die zu sein, die man sich langsam lesend und deutend aneignen muss. Sondern die man mit einem Blick erfasst, wie eine Schlagzeile, einen Werbeslogan oder, wie man inzwischen sagen würde, eine SMS."

Als Pionier der Konkreten Poesie bestand Gomringers Methode darin, "die Sprache nicht als Vehikel für außersprachliche Sinnkonstrukte zu nehmen, ... sondern sie als Material zu begreifen", schreibt Nico Bleutge in der FAZ, "und sie in ihrer Materialität erfahrbar und begreifbar zu machen. Als etwas, das man kneten und bearbeiten kann, um die Wörter, besonders die Klänge und Rhythmusmomente, beweglich zu halten. ... Das Wort tritt nun tatsächlich in den Vordergrund. Und zugleich in den Hintergrund. Und an den Rand. Ganz konkret. Denn die Art, wie die Wörter auf der Seite verteilt sind, die visuelle Kraft des Gedichts, spielt eine entscheidende Rolle."

Bei seinen Gedichten "handelt es sich um Texte, die nicht linear gelesen werden wollen, weil sie ihre Wirksamkeit einer Art von Plötzlichkeit verdanken", schreibt Gregor Dotzauer im Tagesspiegel. "Sie lässt sich zwar nicht nach Sekundenbruchteilen messen, entsteht aber in einem wie auch immer ausgedehnten 'augenblick des schauens', den eine Dichtung ermöglicht, 'deren zeitlicher ablauf reduziert, in den augenblick gebannt wird.'"

Außerdem: Jan Nicolaisen erinnert in "Bilder und Zeiten" daran, wie "disgusting" der Künstler Frank Auerbach, dessen Eltern in Auschwitz ermordet wurden, W. G. Sebalds literarische Interpretation seiner Person in "Die Auserwählten" fand: Ein dafür "wesentlicher Grund dürfte gewesen sein, dass Sebald den Maler in eine Opferrolle gerückt und somit ein Bild geprägt hat, in dem dieser sich nicht wiedererkennen konnte und wollte." Im Literaturfeature von Dlf Kultur befasst sich Margarete Blümel mit Lyrik aus Taiwan.

Besprochen werden unter anderem Sczepan Twardochs "Die Nulllinie" (FR), Raphaela Edelbauers "Die echtere Wirklichkeit" (Welt), Muñoz' und Sampayos Comic "Joe's Bar" (Intellectures), Marius Goldhorns "Die Prozesse" (taz), Christina Fonthes' "Wohin du auch gehst" (Presse), Verena Keßlers "Gym" (FAS) und Jonathan Coes "Der Beweis meiner Unschuld" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie schreibt Steffen Siegel über Nasima Sophia Razizadehs "Morgens":

"Mein Marmorner,
mein Murmelner,
noch so verwoben ..."
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Film

Feinstofflichkeit und Todesahnung in dreidimensionalem Klang: "In die Sonne schauen"

Dass die Kommission "German Films" Mascha Schilinskis am kommenden Donnerstag in den deutschen Kinos startenden Cannes-Erfolg "In die Sonne schauen" bei den Oscars einreichen will, ist angesichts des hohen Anspruchs, den der Film an sein Publikum stellt, durchaus "mutig", findet Hanns-Georg Rodek in der Welt. In ihrer taz-Kritik ist Barbara Schweizerhof derweil sehr umgehauen von diesem Film, der in einem assoziativen Erzählfluss das Schicksal von Frauen aus vier ganz unterschiedlichen Zeiten schildert, die alle auf einem Gutshof in Sachsen-Anhalt leben: "Das sinnliche Erinnern steht bei alldem ganz im Vordergrund. Es gewinnt durch eine herausragend fein gearbeitete Tonspur - man glaubt den Wind in den Gräsern zu hören - an Dreidimensionalität. Anders als bei Reflexionen zum Spätsommer führt es jedoch nicht ins Sentimentale. Im Gegenteil, in diesem Erinnern, das von Todesahnungen durchdrungen ist oder auch gleichsam aus dem Jenseits heraus erfolgt, wird auf ganz eigene Weise die Vielfalt der patriarchalen Gewalt spürbar, die alle Zeitebenen durchzieht."

Der Gutshof im Film ist tatsächlich jener Hof, in dem die Regisseurin mit der Drehbuchautorin Louise Peters Corona überwintert hat - und hier ist ihnen auch die Idee zu diesem Film gekommen, verrät Schilinski Bert Rebhandl im FAS-Gespräch. "Wir sind auf eine Fotografie gestoßen, ungefähr aus dem Jahr 1920. Sie wirkte wie ein Schnappschuss, was ungewöhnlich war für die Zeit. Drei Frauen standen zwischen Hühnern auf diesem Hof und schauten direkt in die Kamera. Wer waren diese Frauen? Was haben sie gesehen? Wir standen an der Stelle, wo die Person gestanden haben musste, die das Foto gemacht hat. Die Gleichzeitigkeit von Zeit, das jemand an der einen Stelle von diesem Hof steht und etwas ganz Profanes tut, von mir aus auf dem Handy zu daddeln, während jemand anderes an derselben Stelle eine existenzielle Erfahrung gemacht hat oder machen wird, hat mich filmisch sofort interessiert. Das gegeneinander zu montieren. Mit dem Hof hatten wir ein Gefäß gefunden für ganz feinstoffliche Fragen, denen wir gerne nachlauschen wollten", etwa "was sich durch die Zeiten in unsere Körper schreibt".

Weiteres: Michael Ranze resümiert im Filmdienst die Retrospektive des Locarno Film Festivals, das in diesem Jahr aufs britische Nachkriegskino geblickt hat. Matthias Penzel und Ambros Waibel haben für die taz die Schauspielerin Y Sa Lo besucht, die einst für Fassbinder vor der Kamers stand. Hanns-Georg Rodek schreibt im Filmdienst zum Tod von Terence Stamp (weitere Nachrufe bereits hier). In der Langen Nacht von Dlf Kultur erinnert Jörg Magenau an Manfred Krug. Hannes Stein informiert sich für die Welt im Kino der Neunzigerjahre und insbesondere in Filmen, in denen Michael Douglas die Hauptrolle spielte, über die Ursprünge der Männlichkeitshysterie heutiger fragiler Männer. Jan Küveler denkt in der WamS über die Geschichte des Rachefilms nach und wie dieser Gewalt "pornografisch" codiere. Max Florian Kühlem porträtiert für die SZ das filmschaffende Schwesternpaar Yasemin und Nesrin Şamdereli. Martin Scholz plaudert für die WamS mit den Schauspielern Olivia Colman und Benedict Cumberbatch (letzteren müssen wir übrigens korrigieren: Bei der Musik der britischen Musikgruppe Napalm Death handelt es sich nicht um Death Metal, sondern um Grindcore).

Besprochen werden François Ozons "Wenn der Herbst naht" (WamS), Martín Rejtmans auf Arte gezeigter argentinischer Yogalehrer-Film "La Practica" (FAZ), die auf MagentaTV gezeigte Serie "The German" (Jungle World) und die ZDF-Serie "Chabos" (Zeit Online).
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Architektur

Laura Helena Wurth erinnert in der wochentaz an die Architektin Astra Zarina, die das märkische Viertel in Berlin mitgestaltete: "In Berlin traf Zarina auf einen starren, bürokratischen Apparat, dem das Einhalten von Bauvorschriften und Normen wichtiger war als klug durchdachte Abweichungen. So sah man in ihren ersten Entwürfen für den Teil des Märkischen Viertels, den sie gemeinsam mit ihrem Ehemann Douglas Philipp Haner planen sollte, Wohneinheiten, die eine Art Innenhof formten und ebenerdige Ladenzeilen: eine Durchmischung und ein Nebeneinander von Leben, Wohnen und Arbeiten. Doch die damaligen Berliner Bauherren verstanden das neue Viertel als Blaupause am Reißbrett, in dem sich die verschiedenen Lebensbereiche kaum berühren sollten: Es sei 'Brutalität, mit der wir da Lyrik gemacht haben', beschrieb Düttmann das Viertel noch 1967 gegenüber dem Tagesspiegel."
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Stichwörter: Märkisches Viertel

Kunst

Camille Corot. Marino:  © Privatsammlung, Foto: Alexander Paul Englert.

Schon fünfzig Jahre, bevor die Impressionisten dafür berühmt wurden, begeisterten sich Maler für das "Flüchtige" der Landschaften, lernt Judith von Sternburg im Deutschen Romantikmuseum in Frankfurt, das in der Schau "Freiräume" 110 Arbeiten von 70 Künstlern zeigt - "Postkartenansichten" gibt es hier nicht, versichert die Kritikerin: "Louis Gurlitt positioniert sich über einem Fjord, aber nicht, um dessen imposante Gesamtheit zu erfassen, sondern um ein Holzhaus zu skizzieren, einen spröden Ort, an dem offenbar Holz verarbeitet wird. Nicht zuletzt das Schnappschusshafte des Ausschnitts nimmt so viel Impressionismus vorweg, dass man noch einmal auf die Jahreszahl schauen wird. 1835. Im selben Jahr steht Adolf Henning an der Villa d'Este in Tivoli, aber von der Villa ist nichts zu sehen, die berühmte Zypressenallee ist nur mehr ein Zitat an den Rändern. Der Blick geht ins weite Land, unidyllische Häuschen, ein Abendhimmel zum Greifen." 

In Serbien gerät zunehmend auch die freie Kunstszene ins Visier der Regierung, berichtet Philine Bickhardt in der taz. Kürzlich wurde das berüchtigte Studentische Kulturzentrum (SKC), in den siebziger Jahren eine "Keimzelle der Avantgardekunst", wo spätere Ikonen wie Neša Paripović und Marina Abramović auftraten, von der Polizei geräumt, weil die Studenten es besetzt hatten. Auch die heutige Kunstszene hat eine politische Vision, so Bickhardt, so protestierten die Künstlerinnen Ana Stojković und Ivanja Todorović im Frühjahr gegen Gentrifizierung und Klassismus: "'Monetarijum' beschäftige sich nämlich auch mit 'Privatisierungsprozessen' und einem Klassismus in der Kunstszene. Kurioserweise forderten Stojković und Todorović diejenigen auf, die an der Ausstellung teilnehmen wollten, nicht nur (...) einen Gegenstand mitzubringen, sondern auch 'Eintritt' zu zahlen, also eine Gebühr zur Teilnahme. Kunst im heutigen Kapitalismus sollte als ein Produkt, als zu bezahlender Konsum entlarvt werden, denn Kunst anzuschauen und sie zu schaffen, muss man sich erst einmal finanziell leisten können - das SKC hatte vor seiner Besetzung auch sehr hohe Eintrittspreise verlangt."

Weitere Artikel: Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ widmet sich Thomas Combrinck dem Phänomen der Napoleon-Karikatur. Ebendort fragt Raquel Erdtmann, warum der DDR-Künstler Werner Tübke heute als "Staatskünstler" wahrgenommen wird.
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Bühne

Marco Labellarte, Lars Eidinger, Samuel Planas (v.l.n.r.) © Jan Versweyveld, Ruhrtriennale 2025

Einen "Theaterabend, der in keine Schublade passt" erlebte Hubert Spiegel für die FAZ bei der Eröffnung der Ruhrtriennale: Ivo van Hoves hat mit "I Did It My Way" einen Hybrid aus Schauspiel- und Tanzabend, Musical und Operette geschaffen, so Spiegel. Gesungen werden Songs von Frank Sinatra und Nina Simone und zwar von Schauspieler Lars Eidinger und der Sängerin Larissa Sirah Herden. Und da gibt es deutliche Unterschiede in den Performances: "Er singt, er tanzt, er ist in manchen Songs staunenswert gut, in anderen deutlich überfordert, aber nur in den seltensten wirkt er frei - Eidinger wird in Sinatras 'Watertown' einfach nicht heimisch, während sein weibliches Gegenüber in die provokant schillernden Hüllen von Nina Simones grandiosen Songs schlüpft wie in eine zweite Haut (...) Die Sängerin, die auch als Schauspielerin und Songwriterin aktiv ist, trägt den Abend über weite Strecken mit ihrer expressiven Soul- und Bluesstimme und einer geschmeidigen Körpersprache, neben der Eidinger seiner Beweglichkeit zum Trotz doch zuweilen wirkt wie ein angeleinter Mehlsack."

Auch Max Florian Kühlem ist in der Nachtkritik (nur) streckenweise überzeugt: "Lary (Larissa Sirah Herden) findet als Frau, die irgendwann 'Goodbye' sagt und im Klischeebild ihren Koffer packt, zu Stärke, einer neuen Identität. Sie entdeckt die Geschichte ihrer schwarzen Schwestern und Brüder und in diesem Zwischenteil wird das Popmusiktheaterding vollends zur amerikanischen Erzählung: Da flimmern Bilder und Reden von Martin Luther King über die amerikanische Landhaus-Rückwand im Zentrum des Bühnenbilds, Lary singt 'Why? (The King of Love is Dead)', rückt auf die Publikumstribünen vor und berührt mit berückendem Gesang und einer Mimik, die den Tränen nah scheint."

Alexander Menden zollt der experimentellen Seite in der SZ Tribut: "Van Hove will Menschen, die in einem performativen Bereich sehr trittsicher sind, in einen anderen versetzen, und dann sehen, wie sich solide Bühnenerfahrung mit tastender Erkundung von Neuland mischt. Das Ergebnis ist nicht immer technisch perfekt, aber immer spannungsreich und reizvoll. Aus dem unroutinierten Gestus heraus entsteht etwas Wahrhaftiges."

Weitere Artikel: Egbert Tholl teilt in der SZ Impressionen vom Kunstfest Weimar. In der FAZ gratuliert Irene Bazinger der Schauspielerin Carmen-Maja Antoni zum Achtzigsten.
Archiv: Bühne

Musik

Albrecht Selge hört für die FAZ Kammermusik beim Molyvos International Music Festival auf der Insel Lesbos. Elmar Krekeler flaniert für die WamS mit dem Bariton Christian Gerhaher durch Bad Kissingen. Julie Queloz spricht im Tages-Anzeiger mit der Schweizer Sängerin Vendredi sur Mer. Christian Schachinger freut sich im Standard auf das Wiener Konzert der Band Goat, denn "irgendwie kann einen diese Musik total begeistern". Peter Richter schreibt in der SZ einen Nachruf auf den Gitarristen Brent Hinds der Progressive-Metal-Band Mastodon, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen ist.

Besprochen werden ein Jazzkonzert von Jacob Karlzon in Frankfurt (FR) und das Album "The New Eve is Rising" von The New Eves (Standard).

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Stichwörter: Metal