Efeu - Die Kulturrundschau

Radikal politisch bis radikal dumm

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12.08.2025. Zombies, Zahnschmerzen und Penisse, die an Bäumen wachsen: Dem Standard schwirrt nach Radu Judes "Dracula"-Film, der beim Filmfestival Locarno zu sehen war, der Kopf. Die SZ erinnert anlässlich des 70. Todestages von Thomas Mann an dessen Exiljahre in den USA, als er im Verdacht stand, Kommunist zu sein. Die FR trauert mit den Korallen-Drucken der australischen Künstlerin Janet Laurence um das "verbrannte Meer". 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.08.2025 finden Sie hier

Film

Jede Sekunde passiert etwas Neues: "Dracula" von Radu Jude

Beim Filmfestival Locarno wurde der neue Film des rumänischen Auteurs Radu Jude aufgeführt: In "Dracula" dreht er die Geschichte des angeblich rumänischen Blutsaugers, den in Rumänien aber tatsächlich jahrzehntelang niemand kannte, gehörig durch den KI-Fleischwolf. Jakob Thaller vom Standard verließ den Saal mit schwirrendem Kopf: Die Episoden des Films "reichen von radikal politisch bis radikal dumm. Man sieht Bäume, an denen Penisse wachsen, sowieso sehr viele Darstellungen männlicher und weiblicher Sexualität, Zombies, Zahnschmerzen und einen Zahnarzt namens Dr. Caligari, wahre Liebe, Kapitalismuskritik und eine rumänische Longevity-Klinik, die ihre Kunden aussaugt." Der Film "fühlt sich an, als hätte man zu viele Tabs im Browser auf einmal offen, als würde man unter dem Einfluss narrischer Schwammerln durch Tiktok scrollen. Jede Sekunde passiert etwas Neues, Fenster in digitale Welten öffnen sich und schließen sich wieder, flimmernde KI-Bilder verschmelzen mit verzerrten Sounds zu einem Strudel aus Popkultur, reichlich Fellatio und rumänischer Identität. Der Strom aus Assoziationen ... reißt einen manchmal mit - erschöpft jedoch viel öfter." Im Filmdienst resümiert Irene Genhart die ersten Tage des Festivals.

In Sachen James Bond stehen im Grunde alle wichtigen Posten bereits in den Startlöchern, nur die allerwichtigste Position ist noch vakant. Ja, wer soll denn nun die legendäre Doppel-Null spielen, fragt sich David Steinitz in der SZ. Das klassische Profil - weiß, männlich, heterosexuell, mindestens 30 plus - wäre allen Unkenrufen zum Trotz für ihn weiterhin die naheliegendste Lösung, schließlich "war Bond nämlich immer dann am spannendsten, wenn er als das gezeigt wird, was er nicht erst seit dem Jahr 2025 ist: ein Anachronismus, eine aussterbende Art, ein alter Mann in einer neuen Welt." Dies macht die Figur "nicht obsolet, sondern überhaupt erst interessant. ... Denn je weiter die Welt sich drehte, je mehr die politischen Konstellationen und gesellschaftlichen Normen sich verschoben, unter denen Ian Fleming die Figur einst erfunden hatte, desto besser wurden die Filme. Bond stand mit seiner Brutalität und seinem Machotum plötzlich eher als Psychopath denn als Gentleman da."

Außerdem: Marisa Buovolo gratuliert in der NZZ Wim Wenders zum 80. Geburtstag, den dieser am 14. August feiert. Ihr Kollege Jörg Restorff hat die dem Regisseur gewidmete Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn (hier unser Resümee) besucht. Anja Reich schreibt in der Berliner Zeitung einen Nachruf auf die Regisseurin Uljana Havemann. Besprochen wird die zweite Staffel von Tim Burtons Netflix-Serie "Wednesday" (NZZ).
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Literatur

Thomas-Mann-Jubiläumsjahr, zweite Runde. Im vergangenen Juni jährte sich der Geburtstag des Schriftstellers zum 150. Mal, heute ist sein 70. Todestag. Hilmar Klute erinnert in der SZ an Thomas Manns Exiljahre in den USA, wo er im Zuge der aufkeimenden politischen Paranoia wegen seines Engagements für Demokratie und Freiheit bald in Verdacht geriet, mit dem Kommunismus zu sympathisieren. "Als der FBI seine Drohkulisse derart groß werden ließ, dass die Library of Congress einen Vortrag Thomas Manns aus Furcht vor Repressalien absagte, begann für den amerikanischen Staatsbürger der allmähliche Rückweg nach Europa. Von dort aus starrte Mann auf das sich wandelnde Amerika, die Botschaft, die er in dessen Wandel zu erkennen glaubt, ist uns heute auf bedrückende Weise vertraut: 'Öffentliche Vorstellung eines neuen, blitzblanken Amerika, mythische Idee des Anbruchs neuer Zeit des Glücks.' Verheißungen in diesem Sound bedeuten für demokratisch gestimmte Nationen nichts Gutes. Dieser Tage hört man ihn wieder."

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Mehr Mann: Die "Neu- und Wiederentdeckung des Schriftstellers als Redner gehört zu den auffälligen Akzenten" dieses Jahres, schreibt Marc Reichwein in der Welt, denn beim letzten Gedenkjahr vor 50 Jahren seien es noch Manns literarische Werke gewesen, die im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen. Die Japanologin Nicole M. Mueller gibt in der FAZ Einblick in den regelrechten Kult, der im literarischen Japan um Manns "Tonio Kröger" herrscht. Michael Hesse erinnert in der FR an Manns Leidenschaft für das Meer. Andrea Fried erzählt im Standard von ihrer Reise an den Fischerort Sanary-sur-Mer, wohin einst die literarische Bohème zur Sommerfrische kam und so in den 1930er-Jahren ein Hotspot des literarischen Exils entstand, an dem auch Thomas Mann und seine Familie bei ihrer Flucht Station machten. Und Lothar Müller und Gustav Seibt (beide SZ) lesen neue Buchveröffentlichungen zum Jubiläumsjahr, darunter Tilmann Lahmes neue Mann-Biografie.

Besprochen werden unter anderem Regina Dürigs Erzählungsband "Frauen und Steine" (taz), Chaim Nachman Bialiks "Wildwuchs" (NZZ), Helmut Lethens "Stoische Gangarten. Versuche der Lebensführung" (online nachgereicht von der Literarischen Welt), Maria Judite de Carvalhos "Leere Schränke" (online nachgereicht von der Zeit) und Oleg Jurjews "Verse vom himmlischen Drucksatz" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Stichwörter: Mann, Thomas

Bühne

Das Kulturzentrum Kampnagel in Hamburg wird für 168 Millionen Euro saniert, berichtet Till Briegleb in der SZ. Besprochen werden Ottavio Dantones Inszenierung von Antonio Caldaras Oper "Ifigenia in Aulide" bei den Innsbrucker Festspielen (FAZ), Péter Eötvös Inszenierung der Tschechow-Oper "Drei Schwestern" bei den Salzburger Festspielen (NZZ) und Bruno Max' Inszenierung von "Horrible Habsburger!" im Theater im Bunker Mödling (nachtkritik).
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Kunst

Janet Laurence. "The burnt sea" 2025.  Fotodruck auf Seidenvoile Stoffen© Janet Laurence

Auf eine kleine, aber bewegende Ausstellung in der Alfred-Ehrhardt-Stiftung in Berlin weist Ingeborg Ruthe in der FR hin. Die australische Künstlerin Janet Laurence hat sich Fotografien von "Wind und Meer geformten Sandstrukturen" und "bizarr schönen Korallengebilden" vorgenommen, sie vergrößert und auf Seidentücher gedruckt. Sie stammen vom deutschen Fotograf Alfred Ehrhardt, der sie in den Dreißiger und Vierziger Jahren an der Ostsee machte. Damals ging es dem Meer noch ein bisschen besser: "Die Australierin vergrößert die Strukturen der Meereslebewesen, Grauwerte und Kontraste lassen abstrakte Bildwelten entstehen. Zudem betonen feine weiße Stickereien (von Jessica Martin) und deren lose Fäden die Verluste der Korallenstrukturen. Laurence zeigt die Korallen als aschefarbene, abgestorbene, zerfallende Überreste einstigen geheimnisvollen, schönen Unterwasserlebens. Steigende Wassertemperaturen lassen Korallen ausbleichen und sterben, Plastikmüll und Schadstoffe vergiften ihre Lebensräume. Die Künstlerin betont damit den 'brennenden' Zustand der ökologischen Systeme."

Weiteres: In der taz stellt Jonathan Guggenberger den jüdischen Künstler und Influencer Navot Miller vor, dessen Bilder in der Ausstellung "Paradise" in der Galerie Dittrich & Schlechtriem in Berlin zu sehen ist. Besprochen wird die Ausstellung "Netzwerk Paris - Abstraction-Création 1931-1937" im Arp-Museum Rolandseck (FAZ).
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Musik

Robert Mießner führt in der taz anhand der Compilation "Rövolution" durch die überaus lebendige Indieszene in Chemnitz. In der taz gratuliert Benjamin Moldenhauer dem Berliner Indielabel Noisolution zum 30-jährigen Bestehen. Besprochen werden der Berliner Abend "TSA: in transmission" mit experimenteller Musik aus Georgien (taz), ein Schostakowitsch-Konzert der Wiener Philharmoniker (Standard), ein Konzert von Drake in Zürich (TA), Robbie Williams' Auftritt in Frankfurt (FR), Mark Ernestus' Album "Khadim" (FR) und eine öffentliche Generalprobe des Mozarteumorchesters unter Roberto González-Monjas (FAZ).
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Stichwörter: Georgien