Efeu - Die Kulturrundschau

Großzügigkeit für alle

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11.08.2025. Bei den Innsbrucker Festwochen sind die Kritiker gespaltener Meinung, was Antonio Caldaras dreihundert Jahre alte Oper "Ifigenia in Aulide" angeht: Schlechter Trash, sagt die SZ, guter Trash, findet der Standard. Hinrich Baller ist tot: Der Architekt hat Berlin mit eigenwillig-symphatischen Bauten geprägt, erinnern sich die Zeitungen. Die Welt besucht die Wim-Wenders-Ausstellung in Bonn. Die SZ ist noch auf der Suche nach dem diesjährigen Sommerhit. Aber immerhin gibt es eine sensationelle Nick-Drake-Box, freut sich die FAZ.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2025 finden Sie hier

Bühne

"Ifigenia in Aulide." Bild: Birgit Gufler.


SZ-Kritiker Michael Stallknecht hätte eigentlich auch damit leben können, wenn die Innsbrucker Festwochen der alten Musik Antonio Caldaras "Ifigenia in Aulide" dreihundert Jahre nach Entstehen nicht wieder ausgegraben hätten. Die Gattung der Opera Seria muss man sowieso mögen, so Stallknecht, hier ist das Problem "Caldara, den selbst intime Barockliebhaber bislang fast nur als Komponist von geistlicher und Kammermusik kannten. Für seine Oper stöpselt er einfach Floskel an Floskel. Ein Reichtum der Orchesterbehandlung, wie ihn etwa Georg Friedrich Händel oder Antonio Vivaldi in der Opera seria pflegen, ist Caldara unbekannt. Und ein melodisches Genie ist er auch nicht." Zudem finden sich in der Inszenierung von Anna Fernández und Santi Arnal Puppen auf der Bühne, "die anscheinend irgendwas über die Objektivierung der Frau in der Antike erzählen sollen; während der Umbauten tritt eine Tänzerin auf, begleitet von Dantone am Cembalo mit Improvisationen, die jedem Jazzmusikstudenten einfallsreicher gelingen würden".

Im Standard hingegen fühlt sich Stefan Ender an Monty Python erinnert - und mag's: "Die Musik des damaligen Vizehofkapellmeisters ist erfrischend einfalls- und abwechslungsreich. Unter der Leitung des tollen Ottavio Dantone, des Musikchefs der Festwochen, verwandelt sich die Accademia Bizantina in einen barocken Live-Wurlitzer, der alle Stückln spielt: frisch, frech und flink, süffig, sahnig und elegant."

Szene aus "Drei Schwestern" bei den Salzburger Festspielen. Foto: S/F. Monika Rittershaus


Ein "großer Wurf" sind für tazlerin Regine Müller Péter Eötvös' Oper "Drei Schwestern" nach Tschechow bei den Salzburger Festspielen. Maxime Pascal dirigiert, Evgeny Titov inszeniert. Müller findet die Inszenierung "visionär: Die Partien der Schwestern Mascha, Olga und Irina sowie die der Natascha komponierte Eötvös nämlich für hohe Männerstimmen, also Countertenöre und Sopranisten, was eine verfremdende Distanz und erhellende Künstlichkeit herstellt. Die Stimmen der drei Schwestern haben im Orchestergraben jeweils ein instrumentales Alter Ego, das als seelischer Spiegel fungiert, Irina etwa korrespondiert mit der Oboe und dem Englischhorn. Titovs Personenregie überzeichnet die grotesken Momente, unfreiwillige Komik und Tragik des ausweglosen Unglücks liegen nah beieinander, die Personenführung ist gekonnt und präzise. Exemplarisch ist die musikalische Umsetzung von Eötvös' hoch komplexer Partitur: Im Graben sitzt das famose 18-köpfige Solistenensemble Klangforum Wien unter der souveränen Leitung von Maxime Pascal, erhöht hinter der Szene das 50-köpfige Klangforum Wien Orchestra unter der Stabführung von Alphonse Cemin." Weitere Besprechungen in der FAZ und der Nachtkritik


Weiteres: Zur Ethik des Zuschauens im Theater macht sich Judith von Sternburg in der FR Gedanken. Ulrich Seidler interviewt ebenfalls für die FR den Schauspieler Jens Harzer, der soeben ans Berliner Ensemble gewechselt ist. Besprochen werden Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Verdis "Macbeth" bei den Salzburger Festspielen (SZ, Standard), und Oona Dohertys "Specky Clark" beim Berliner Festival Tanz im August (Tagesspiegel).
Archiv: Bühne

Architektur

IBA-Wohnhaus Pohlstraße, Ecke Potsdamer Straße, Berlin-Tiergarten, 1982-1985. Foto: Gunnar Klack - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0


Der Architekt Hinrich Baller ist gestorben. Oft in Zusammenarbeit mit seiner Frau Inken Baller hat er zahlreiche markante Bauten in Berlin geschaffen, sein früherer Student Niklas Maak erinnert sich in der FAZ an ihn: "Baller hatte nicht nur Architektur, sondern auch Musik studiert, und das sah man seinen Entwürfen an. Er hasste rechte Winkel und wollte Schwingungen bauen. Er wollte die organische Moderne von Taut, Scharoun und Hermkes weiterdenken und die Belebungsenergien des Jugendstils neu erwachen lassen: Das Ergebnis waren Häuser, die sofort als 'typischer Baller' zu erkennen sind - mit wild aufschwingenden Balkonen, spitzen Ecken, viel Verglasung und tiefen Fenstern." Wer verstehen will, dass sozialer Wohnungsbau nicht langweilig sein muss, sollte genau hingucken, empfiehlt Maak: "Was dem Erfinder des Massenwohnungsbaus, dem Sozialutopiker Charles Fourier, vorschwebte, ein opulenter Palast für die Arbeiter, war auch ein Anliegen der Ballers: Großzügigkeit für alle."

Claudia Liebram fügt im Tagesspiegel hinzu: "Ein Wohnhaus in der Dessauer Straße in Kreuzberg fällt mit verwunschenen Erkerfenstern, filigranen Balkonen und die Durchmischung von Funktionalität und Ästhetik auf. Einige Projekte von Hinrich Baller sorgten zeitweise für heftige Debatten und Auseinandersetzungen. Besonders kontrovers war etwa das Hortgebäude der Spreewald-Grundschule in Schöneberg: Nach Fertigstellung musste das Gebäude wegen Baumängeln und fehlender Fluchtwege bald gesperrt werden." Monopol hat ein 2023 geführtes Interview mit Inken und Hinrich Baller noch einmal online gestellt.
Archiv: Architektur

Film

Dennis Hopper in "Der amerikanische Freund" von Wim Wenders (© 1977 Road Movies / Wim Wenders Stiftung / Bundeskunsthalle Bonn)

Am 14. August wird Wim Wenders 80 Jahre alt, die Bundeskunsthalle Bonn feiert den Regisseur mit einer (in enger Zusammenarbeit mit ihm erstellten) Ausstellung, die Boris Pofalla für die Welt besucht hat. Aufgewachsen ist Wenders in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs, "hier kommt er her, der Durst nach fremder Luft". Er "ist der Regisseur der Reise, der Roadtrips, der Wanderungen und des Verlorengehens. ... Und ja, da ist ein Hang zum Erhabenen und Nostalgischen auszumachen, ganz besonders in dieser Schau, die sich tief vor dem nun bald Achtzigjährigen verbeugt und wenig andere Weggefährten in eigener Stimme zu Wort kommen lässt. Das weiche Licht, die leeren Straßen, die sinnenden Männer, die handgemachte Musik, es scheint schon manchmal aus der Zeit gefallen. Aber was ist auch dagegen zu sagen? Ry Cooder, Nick Cave, Pina Bausch, Lou Reed, Francis Ford Coppola - dass so viele gute Künstler mit ihm zusammenarbeiten wollten, muss etwas bedeuten." Zuvor besprachen bereits Alexandra Wach (Filmdienst) und Andreas Kilb (FAZ) die Bonner Ausstellung.

Weiteres: Das Filmfestival Locarno ehrt Hongkong-Filmlegende Jackie Chan, freut sich Urs Bühler in der NZZ. In der taz spricht Katharina Böhm mit Graf Haufen, der seit 40 Jahren mit seiner Berliner Filmarchiv-Videothek Videodrom "Razzien, Streaming und Pandemien" trotzt. 

Besprochen werden die neuen Folgen von Tim Burtons Netflix-Serie "Wednesday" (taz), Zach Creggers vorab ziemlich gehypter Horrorfilm "Weapons" (taz), die 3sat-Doku "Comic-Journalismus: Wirklichkeit als Kunstform" (FAZ) und die Arte-Doku "Apollo 1 - Die wahre Geschichte" (FAZ).
Archiv: Film

Literatur

Die Autorin Clarissa Stadler erzählt im Standard von ihren Reisen zu Thomas Manns wichtigsten Wirkungsstätten. Außerdem gibt das Standard-Team Lesetipps für den offenbar doch noch kommenden Sommer.

Besprochen werden unter anderem Ann Schlees "Die Rheinreise" (Welt), Milica Vučkovićs "Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen" (online nachgereicht von der FAZ), Benjamin Woods "Der Krabbenfischer" (FR), Curt Blochs "Das Unterwasser-Cabaret 1943-1945" (NZZ) und Georgi Gospodinovs "Der Gärtner und der Tod" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

Auch ein verregneter Sommer kann einen Sommerhit hervorbringen, schreibt Joachim Hentschel in der SZ. 1980 gelang das etwa der Goombay Dance Band mit "Sun of Jamaica" (gottlob längst vergessen), aber auch Lipps Inc mit "Funkytown" (bis heute ein Abräumer). Die Voraussetzungen dafür sind natürlich trotzdem eingeschränkt, denn Sommerhits machen "ja besonders ihre völlig ungefragte Präsenz aus. Diese bestimmte, nicht verhinderbare Art von Play-ohne-Demand, wie man sie fast nur im Sommer erlebt, wenn öffentliche Orte, Flussufer oder Plastikstuhl-Sitzgruppen zu ständigen Schauplätzen werden." Und in diesem Jahr? Vielleicht schafft es ja auf den letzten Metern doch noch dieser Youtube-Zufallsfund der früheren Viva-Moderatorin Luca Vasta, der "auf magische Art alles einlöst, für einen Moment. 'Disco Mare', Ende Juli hochgeladen, hört sich an wie der letzte Blick in die tiefstehende Feriensonne. Ein wunderbarer kleiner Ohrwurm mit klarer, nicht zu aufdringlicher Spätachtziger-Farbe, zum Tanzen, aber auch ein Stich ins Herz."



Für Nick-Drake-Philologen ist die umfangreiche Box "The Making Of 'Five Leaves Left'" schlicht eine "Sensation", versichert Jürgen Goldstein in der FAZ. Zu hören sind zahlreiche Probeaufnahmen und abweichende Einspielungen aus den Sessions zu Drakes Debütalbum von 1969. "Für Puristen, die das Debüt für überproduziert halten, werden diese Einspielungen die gültigen Fassungen darstellen. Der Klang ist superb, die Songs sind bemerkenswert. ... Drake eilt der Ruf voraus, ein einsamer Schweiger gewesen zu sein, ein schüchterner Melancholiker. Nun aber hört man einen entspannten Drake kommentieren, mal humorvoll, immer zupackend. Als Musiker wusste er, was er wollte. Die ersten Einspielungen lassen auch das Potential erkennen, das Boyd entfalten sollte. Was bei den Proben nach Rohdiamanten klingt, hat auf dem Album seinen letzten Schliff erhalten. ... Das Herantasten an die finalen Fassungen wird nacherlebbar."



Weitere Artikel: Max Nyffeler spricht für die FAZ mit Michael Haefliger, der nach 26 Jahren seinen letzten Jahrgang als Leiter des Lucerne Festivals bestreitet. Adrian Schräder stellt in der NZZ den Schweizer Rapper OG Florin und dessen Produzenten Melodiesinfonie vor.

Besprochen werden Konzerte von Roman Borisov und dem Tenebrae Choir beim Rheingau Musik Festival (hier und dort in der FR), François Lazarevitchs Album "Voix humaines" mit Kompositionen von Marin Marais (FAZ) und das Album "Puff of Smoke" von den Wood Brothers ("Selten hat man einen Kontrabass auf einer Studioaufnahme derart scheppern und schnarren, dabei aber schlafwandlerisch sicher grooven gehört wie jenen von Chris Wood", freut sich Jan Wiele in der FAZ).

Archiv: Musik

Kunst

Hilka Dirks berichtet in der taz von der Ostfriesland Biennale. Nicola Kuhn porträtiert Kathleen Reinhardt, die Direktorin des Georg Kolbe-Museums, im Tagesspiegel.

Besprochen wird: Die Ausstellung "The Lure of the Image - Wie Bilder im Netz verlocken" im Fotomuseum Winterthur (NZZ).
Archiv: Kunst