Efeu - Die Kulturrundschau
Beliebigkeit einer Generation Yolo
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22.07.2025. Die FAZ widmet sich dem Thema Übersetzung und KI: Japanisch kann die Künstliche Intelligenz jedenfalls noch nicht so gut, stellt sie fest. Wird es in Russland bald verboten sein, Harry Potter zu streamen? Ein neues Gesetz könnte dafür sorgen, berichtet die FR. Der Guardian schwärmt in einer Ausstellung in Sydney von den "glühenden" Monden der Malerin Janet Dawson. Die Welt trauert derweil um den Deutschrap, der im Sterben liegt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
22.07.2025
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Literatur
Die FAZ widmet sich in einem Schwerpunkt dem Thema "KI in der Übersetzung". In der Branche schrillen durchaus einige Alarmglocken. Hochspezialisierte Übersetzerinnen und Übersetzer machen sich aber - zumindest derzeit - weniger Sorgen: "Geschützt fühlen sich manche Übersetzerinnen durch kulturelles Spezialwissen oder die Exotik ihrer Sprache, was eigene kleine Märkte mit besonderen Bedingungen schafft. 'Da Japanisch die KI heillos überfordert', schrieb uns Verena Maser, 'mache ich mir zumindest in der Hinsicht keine Gedanken um einen Berufswechsel'. ... Sabine Müller, die aus dem Indonesischen übersetzt, sieht den Menschen gegenüber der Maschine auch deshalb im Vorteil, weil es häufig persönliche Kontakte der Übersetzerin zu den (meist kleinen) Verlagen gebe, die aus weniger gefragten Literatursprachen ins Deutsche übersetzen lassen. Im eigenen Fall seien Kenntnisse der Geschichte, der Kultur und auch der Literaturen Indonesiens unerlässlich. Zu solchen Nuancierungen sei die KI nicht fähig. Gleichwohl bleibe, so Müller, ein Gefühl der Gefährdung. ... Ähnlich drückte es Freyja Melsted aus, deren Fremdsprache das Isländische ist. Die Verlage hätten ihr vermittelt, dass sie ihr Wissen um kulturelle Kontexte zu schätzen wüssten. 'Vieles davon', so Melsted, 'steht nirgendwo im Internet und ist somit für die KI unzugänglich.'"
Ganz anders sieht es offenbar mit leicht übersetzbarer Literatur aus. Bei einem auf Genre und leichte Kost spezialisierten Verlag wie Bastei Lübbe scheinen die Dämme schon gebrochen zu sein. Die Übersetzerin Janine Malz machte vor einiger Zeit öffentlich, dass der Verlag sie damit beauftragen wollte, eine KI-Übersetzung ins Reine zu übertragen - und das für ein Viertel des sonst üblichen Honorars. "Die Unverfrorenheit hat mich am meisten schockiert", sagt sie im FAZ-Gespräch gegenüber Paul Ingendaay. "Man bot mir keinen Übersetzungsvertrag, sondern einen Redaktionsvertrag an." In ersterem "werde ich als Urheberin genannt, das ist gesetzlich vorgeschrieben. Ich verkaufe also nicht mein Urheberrecht, sondern nur ein zeitlich befristetes Nutzungsrecht. Außerdem werde ich als Übersetzerin am Gewinn beteiligt, nämlich mit 0,8 Prozent des Nettoladenpreises ab 5.000 verkauften Exemplaren. ... Und man nimmt damit an den Ausschüttungen der VG Wort teil." Ein Redaktionsvertrag hingegen ist also "ein weiterer Schritt in die Selbstausbeutung. Weil ich zu einem sehr viel niedrigeren Honorar einen schlechten Text aufpolieren soll, dafür aber weder Urheberrecht noch Beteiligung sehe. Eine Lose-lose-Situation."
Außerdem: Leonard Hillmann erzählt im Tagesspiegel die Geschichte der "Fantastic Four", auf denen das Marvel-Comicimperium seinen Erfolg aufbaute. Besprochen werden unter anderem Isabel Kreitz' Comic "Die letzte Einstellung" (NZZ), Claudio Magris' "Kreuz des Südens" (Standard), Henning Sußebachs "Anna oder: Was von einem Leben bleibt" (Tsp), Martina Clavadetschers "Die Schrecken der anderen" (FR), Raphaëlle Reds "Adikou" (Intellectures) und die Erstausgabe von Michail Kusmins im Original vor fast 100 Jahren erschienenem Gedichtband "Der Engel der Verwandlung ist zurück" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Ganz anders sieht es offenbar mit leicht übersetzbarer Literatur aus. Bei einem auf Genre und leichte Kost spezialisierten Verlag wie Bastei Lübbe scheinen die Dämme schon gebrochen zu sein. Die Übersetzerin Janine Malz machte vor einiger Zeit öffentlich, dass der Verlag sie damit beauftragen wollte, eine KI-Übersetzung ins Reine zu übertragen - und das für ein Viertel des sonst üblichen Honorars. "Die Unverfrorenheit hat mich am meisten schockiert", sagt sie im FAZ-Gespräch gegenüber Paul Ingendaay. "Man bot mir keinen Übersetzungsvertrag, sondern einen Redaktionsvertrag an." In ersterem "werde ich als Urheberin genannt, das ist gesetzlich vorgeschrieben. Ich verkaufe also nicht mein Urheberrecht, sondern nur ein zeitlich befristetes Nutzungsrecht. Außerdem werde ich als Übersetzerin am Gewinn beteiligt, nämlich mit 0,8 Prozent des Nettoladenpreises ab 5.000 verkauften Exemplaren. ... Und man nimmt damit an den Ausschüttungen der VG Wort teil." Ein Redaktionsvertrag hingegen ist also "ein weiterer Schritt in die Selbstausbeutung. Weil ich zu einem sehr viel niedrigeren Honorar einen schlechten Text aufpolieren soll, dafür aber weder Urheberrecht noch Beteiligung sehe. Eine Lose-lose-Situation."
Außerdem: Leonard Hillmann erzählt im Tagesspiegel die Geschichte der "Fantastic Four", auf denen das Marvel-Comicimperium seinen Erfolg aufbaute. Besprochen werden unter anderem Isabel Kreitz' Comic "Die letzte Einstellung" (NZZ), Claudio Magris' "Kreuz des Südens" (Standard), Henning Sußebachs "Anna oder: Was von einem Leben bleibt" (Tsp), Martina Clavadetschers "Die Schrecken der anderen" (FR), Raphaëlle Reds "Adikou" (Intellectures) und die Erstausgabe von Michail Kusmins im Original vor fast 100 Jahren erschienenem Gedichtband "Der Engel der Verwandlung ist zurück" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Film
Russland will diese Woche ein Gesetz verabschieden, das es Onlineanbietern verbieten soll, Filme zu vertreiben, die "die traditionellen geistig-moralischen Werte Russlands diskreditieren", berichtet Stefan Scholl in der FR. "Wie die meisten repressiven Gesetze der Putin-Legislative ist auch dieser Entwurf sehr schwammig", ähnlich wie schon genannte Werte nur raunend beschrieben werden. So "rätseln auch linientreue Portale, welche Filme welche dieser Werte verletzen könnten. In Gefahr seien 'Game of Thrones', 'Harry Potter', 'House of Cards' und 'Sex and the City', vermutet das Unterhaltungsportal dtf.ru. Allerdings gerieten diese US-Serien schon vorher unter Beschuss. Denn sie spielen zumindest in Passagen mit Motiven und Gedanken der in Russland inzwischen gesetzlich verbotenen 'Bewegungen' LGBT oder Childfree. Die neuen Verbote drohen also vor allem westlichen Filmen, deren Personal Phobien bei der nationalpopulistischen Szene Russlands hervorruft.. ... 'Welchen Zuschauer wir haben', verkündete Vizepremier Tatjana Golikowa schon 2023, 'das hängt vor allem davon ab, welchen Zuschauer wir erziehen.' Aber ein Großteil der russischen Jugend konsumiert längst kostenfrei Netflix-Serien auf ausländischen Piratenportalen, VPN ist für 14-Jährige Alltag."
Weiteres: Stefan Stiletto arbeitet sich in einem Werkporträt für den Filmdienst durch die Animationsfilme von Adam Elliot. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath dem Schauspieler Willem Dafoe zum 70. Geburtstag. Besprochen werden Maura Delperos "Vermiglio" (Tsp), Jennifer Kaytin Robinsons neuer Film aus der Slasher-Reihe "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" (Standard) und Mike Flanagans Stephen-King-Verfilmung "The Life of Chuck" (SZ).
Weiteres: Stefan Stiletto arbeitet sich in einem Werkporträt für den Filmdienst durch die Animationsfilme von Adam Elliot. In der FAZ gratuliert Dietmar Dath dem Schauspieler Willem Dafoe zum 70. Geburtstag. Besprochen werden Maura Delperos "Vermiglio" (Tsp), Jennifer Kaytin Robinsons neuer Film aus der Slasher-Reihe "Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast" (Standard) und Mike Flanagans Stephen-King-Verfilmung "The Life of Chuck" (SZ).
Kunst

Eine Ikone der australischen Kunstszene feiert Guardian-Kritikerin Kelly Burke in der Art Gallery of New South Wales in Sydney. Janet Dawson, Pionierin der abstrakten Kunst in den Sechzigern, bekommt hier ihre erste Retrospektive gewidmet: "Dawsons frühe Beherrschung des tonalen Realismus zeigt sich im allerersten Werk der Ausstellung, einem exquisiten Selbstporträt, das sie im Alter von nur 18 Jahren malte. Unmittelbar rechts daneben ist eine Taube im postkubistischen Stil zu sehen, die ebenfalls etwa zur gleichen Zeit gemalt wurde und einen Vorgeschmack auf den wechselhaften Stil der Künstlerin gibt." Später entdeckte Dawson ihre Vorliebe für Naturphänomene, vor allem den Mond: "Bei einigen Werken malte sie das, was sie sah, mit Hilfe der Technik, wie zum Beispiel bei dem Werk 'Moon at Dawn through a Telescope' aus dem Jahr 2000: 'Dem Mond wohnt ohnehin eine wunderbare Poesie inne, aber Janet macht aus ihm etwas wunderschön Glühendes und Energetisches', sagt die Kuratorin Denise Mimmocchi."
Viel Streit gab es um das Deutsche Fotoinstitut (unsere Resümees): Nun wurde ein 5-Punkte-Plan für den Standort Düsseldorf festgelegt, berichtet Freddy Langer in der FAZ. Einiges ist aber noch unklar: "Noch aber ist nicht einmal die Trägerform geklärt. Und die finanziellen Mittel von jeweils gut vierzig Millionen Euro von Bund und Land stehen nur noch bis 2028 bereit, unter der Bedingung, dass bis dahin ein überprüfungsfähiges Angebot steht. Die Stadt Düsseldorf hingegen kann keine finanziellen Zusicherungen geben, will aber ihren Beitrag leisten, dass das Institut 'gedeihen kann'. Wie überhaupt auch noch nicht geklärt ist, wer für die jährlichen Ausgaben aufkommen wird. Bei den Nachlässen aber, so viel scheint klar, hofft man auf Schenkungen. Für Ankäufe ist kein Etat angedacht."
Weiteres: In der Welt berichtet Tilman Krause von den (sehr) erotischen Briefen, die Gustave Courbet an seine Bekanntschaft Mathilde de Svazzema geschrieben hat (und die diese erwiderte). Besprochen werden die Ausstellung "Fünf Freunde", die sich den New Yorker Künstlern Jasper Johns, Cy Twombly, Robert Rauschenberg, John Cage und Merce Cunningham im Museum Brandhorst in München widmet (SZ), die Ausstellung "Berlin, Paris und anderswo" mit Werken des Fotorafen Mario von Bucovich in der Kunsthalle Mannheim (FR), die Ausstellung "Niki de Saint Phalle, Jean Tinguely, Pontus Hulten" im Grand Palais in Paris (NZZ) und das Kunstprojekt "From the Cosmos to the Commons" mit Ausstellungen an verschiedenen Standorten in Hamburg (taz).
Bühne
Wegen seiner Putin-Treue verlor der russische Dirigent Valery Gergiev im Westen ein Engagement nach dem anderen. Stattdessen ist er nun zum "Zar des Musiklebens" in Moskau avanciert, erzählt Kerstin Holm in der FAZ. Prokofjews Bürgerkriegsoper "Semjon Kotko" wird so am Moskauer Bolschoi zum Propagandastück über den Ukrainekrieg. Man "lässt auf der Drehbühne ein ukrainisches Dorf kreisen, wo ukrainische Nationalisten und deutsche Interventen mit Feuer und Schwert versuchen, die Revolution der Bolschewiki rückgängig zu machen. Der Titelheld, vom Tenor Igor Morosow lyrisch-kraftvoll gesungen, will nach seiner Demobilisierung die Tochter des enteigneten Großgrundbesitzers ehelichen, der aber seine Zusage bereut und sie mit einem anderen Latifundisten zwangsverheiraten will. In der Chorszene im Wald, da Partisanen sich zum Kampf rüsten, schlägt eine Texteinblendung die Verbindung zu Russlands heutiger Großinvasion in die Ukraine und erklärt sie zum Hilfs- und Rettungsfeldzug für die bedrohten Menschen dort - ein öffentlicher Akt der Vergewaltigung von Hochkultur durch Propaganda, klagte die emigrierte russische Journalistin Natalja Kisseljowa."
Besprochen wird Christian Thielemanns Inszenierung der Strauss-Oper "Die schweigsame Frau" (SZ) und Andrea Breths Inszenierung von Gabriel Faurés Oper "Pénélopé" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ).
Besprochen wird Christian Thielemanns Inszenierung der Strauss-Oper "Die schweigsame Frau" (SZ) und Andrea Breths Inszenierung von Gabriel Faurés Oper "Pénélopé" an der Bayerischen Staatsoper (FAZ).
Musik
Viel Trubel um Rap gerade. Deutschrap diffundiert in den Pop-Mainstream, will von der alten Szene nichts mehr wissen und liegt damit im Sterben, stellt Dennis Sand bekümmert in der Welt fest: Anders als bei früheren Reibereien zwischen alter Garde und dem Nachwuchs, würden "heute keine neuen Werte, Ideen oder Ästhetiken mehr geschaffen, sie werden einfach aufgelöst. Deutschrap geht bloß im Pop auf. Und ja, damit wird Deutschrap so groß, bunt, breit und erfolgreich, wie er es gerade ist, er wird aber auch so beliebig wie nie zuvor. Wer heute Deutschrap hört, der hört auch Schlager, Techno, Pop, Ballermann oder einfach nur Radio. Wer vom Mainstream gefressen wird, der tauscht Erfolg gegen kulturelle Potenz. Und das führt dazu, dass das tragende Fundament einer Subkultur zerbricht. Festivals werden nicht mehr von distinktiv Gleichgesinnten, sondern von der Beliebigkeit einer Generation Yolo geflutet, Mode als Erkennungscode spielt keine Rolle mehr, und die großen Stars sind lange abgetreten."
Beim großen Vorbild aus den USA sieht es nicht viel besser aus, stellt Jakob Biazza in der SZ anlässlich des neuen Albums von Travis fest: Rap tendierte zuletzt musikalisch arg in Richtung Unauffälligkeit und Innovationsunlust - ein Phänomen, das in anderen Spielarten populärer Musik schon seit vielen Jahren zu beobachten ist. "Rap nun hatte über viele, viele Jahre das Privileg (und, wohl wichtiger: den innovativen Drang), sich qua steter Weiterentwicklung davor zu bewahren, dass seine Codes allzu abgegriffen wurden. ... Gut möglich, dass diese Epoche des Rap wenigstens für den Moment, wenigsten in den erfolgreichsten Varianten, vorbei ist. Künstlerisch. Gut möglich, dass der Rap gerade den Peak dessen erreicht hat, was man mangels eines etablierten Begriffs vielleicht 'Playlistisierung' nennen könnte." Wobei Biazza dann doch wiederum staunt, dass Tyler, the Creator mit seinem eben ohne Vorankündigung veröffentlichtem Album "Don't Tap The Glass" das genaue Gegenteil seiner zuvor dargelegten Thesen vorlegt.
Und dann ist da ja noch das Ärgernis namens Macklemore. Dem BDS-Rapper aus Seattle ist das fragwürdige Kunststück gelungen, sich innerhalb eines halben Jahres nicht durch seine Musik, sondern durch seine Fixierung auf Pali-Parolen einen Namen gemacht zu haben - wobei ihm Richtung Hamas und Hisbollah auch schon der eine oder andere vielsagende Ausrutscher passiert ist. Beim Deichbrand-Festival bekam er dessen ungeachtet "die große Bühne", schreibt Sabine Winkler in der Welt. Die hat er genutzt, auch um dunkle Machenschaften zu suggerieren, die ihm und seinesgleichen das Leben schwer machen. "Das Publikum beim Deichbrand applaudierte während der Rede, es waren 'Free Palestine'-Rufe zu hören, Plakate mit Wassermelonen-Symbolen wurden in die Höhe gehalten, Palästina-, aber auch einige Israel-Flaggen wurden geschwenkt. Der Auftrifft wurde nicht boykottiert, der Besucherraum war voll." Es "zeigt sich das komplette Versagen der Veranstalter: Wie kann es bitte sein, das 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Schoah, dem größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein Musiker eindeutig antisemitische Liedtexte performen darf vor mehr als 60.000 Besuchern?"
Weiteres: Die Agenturen melden, dass das für Ende Juli in Italien angekündigte Konzert von Valery Gergiev abgesagt wurde. Wolfram Goertz (Zeit Online) und Wolfgang Stähr (NZZ) schreiben Nachrufe auf den Dirigenten Roger Norrington (hier unser Resümee der ersten Nachrufe). Besprochen werden ein Auftritt von Dee Dee Bridgewater in Wiesbaden (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein postumes Album von Mark Stewart (Standard).
Beim großen Vorbild aus den USA sieht es nicht viel besser aus, stellt Jakob Biazza in der SZ anlässlich des neuen Albums von Travis fest: Rap tendierte zuletzt musikalisch arg in Richtung Unauffälligkeit und Innovationsunlust - ein Phänomen, das in anderen Spielarten populärer Musik schon seit vielen Jahren zu beobachten ist. "Rap nun hatte über viele, viele Jahre das Privileg (und, wohl wichtiger: den innovativen Drang), sich qua steter Weiterentwicklung davor zu bewahren, dass seine Codes allzu abgegriffen wurden. ... Gut möglich, dass diese Epoche des Rap wenigstens für den Moment, wenigsten in den erfolgreichsten Varianten, vorbei ist. Künstlerisch. Gut möglich, dass der Rap gerade den Peak dessen erreicht hat, was man mangels eines etablierten Begriffs vielleicht 'Playlistisierung' nennen könnte." Wobei Biazza dann doch wiederum staunt, dass Tyler, the Creator mit seinem eben ohne Vorankündigung veröffentlichtem Album "Don't Tap The Glass" das genaue Gegenteil seiner zuvor dargelegten Thesen vorlegt.
Und dann ist da ja noch das Ärgernis namens Macklemore. Dem BDS-Rapper aus Seattle ist das fragwürdige Kunststück gelungen, sich innerhalb eines halben Jahres nicht durch seine Musik, sondern durch seine Fixierung auf Pali-Parolen einen Namen gemacht zu haben - wobei ihm Richtung Hamas und Hisbollah auch schon der eine oder andere vielsagende Ausrutscher passiert ist. Beim Deichbrand-Festival bekam er dessen ungeachtet "die große Bühne", schreibt Sabine Winkler in der Welt. Die hat er genutzt, auch um dunkle Machenschaften zu suggerieren, die ihm und seinesgleichen das Leben schwer machen. "Das Publikum beim Deichbrand applaudierte während der Rede, es waren 'Free Palestine'-Rufe zu hören, Plakate mit Wassermelonen-Symbolen wurden in die Höhe gehalten, Palästina-, aber auch einige Israel-Flaggen wurden geschwenkt. Der Auftrifft wurde nicht boykottiert, der Besucherraum war voll." Es "zeigt sich das komplette Versagen der Veranstalter: Wie kann es bitte sein, das 80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der Schoah, dem größten Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein Musiker eindeutig antisemitische Liedtexte performen darf vor mehr als 60.000 Besuchern?"
Weiteres: Die Agenturen melden, dass das für Ende Juli in Italien angekündigte Konzert von Valery Gergiev abgesagt wurde. Wolfram Goertz (Zeit Online) und Wolfgang Stähr (NZZ) schreiben Nachrufe auf den Dirigenten Roger Norrington (hier unser Resümee der ersten Nachrufe). Besprochen werden ein Auftritt von Dee Dee Bridgewater in Wiesbaden (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein postumes Album von Mark Stewart (Standard).
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