Efeu - Die Kulturrundschau

Tempo, Tempo, Tempo

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21.07.2025. Welt, nmz und FR genießen in der von Andrea Breth inszenierten Fauré-Oper "Pénélope" gediegene Langeweile und eine gefühlsintensive Partitur. Robert Prosser reist für den Standard in die Ukraine, um mit Schriftstellern zu sprechen, die auch Soldaten sind. Die FAZ bestaunt Mensch-Maschine-Überschneidungen im Werk von Rebecca Horn im Castello di Rivoli. FR und FAZ trauern um den Dirigenten Roger Norrington, der temperamentvoll die Freiräume der Musik offengelegt hat.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2025 finden Sie hier

Bühne

"Pénélope", Bild: Bernd Uhlig.


Manuel Brug begibt sich für die Welt in Gabriel Faurés "Pénélope" in der Bayerischen Staatsoper, Andrea Breth inszeniert. Bei der Geschichte um Odysseus und Penelope, die sich nach zwanzig Jahren wiedersehen, begreift er trotz der Fauré-typischen schönen und einfühlsamen Musik, warum dieser nur eine Oper geschrieben hat. Sie ist "von eigenwilliger Faktur, wellt sich fein, ist zart, schmiegsam und weich. Aber: Es passiert (fast) nichts. Hier ist das Warten Musik geworden. Es gibt Ausbrüche, aber kaum Dramatik. Und das Ende wirft mehr Fragen auf als es Antworten gibt."

Juan Martin Koch blickt in der Neuen Musikzeitung in mehrere Räume gleichzeitig, die das Bühnenbild zeigt. Hoch anspruchsvoll spielen sich verschiedene Szenerien des Wartens ab: "Kompliziert zu durchdringen ist diese visuelle Aufspaltung, weil sich die singend dialogisierenden Figuren oft in verschiedenen Räumen befinden, was rätselhafte Stellvertreterbegegnungen hervorruft. Dies zu entwirren, wäre durchaus spannend, wäre Breth nicht auf die Idee verfallen, alles in Zeitlupe ablaufen zu lassen. Gerade im ersten Akt wirkt das eher wie eine Karikatur von Faurés hinreißend undramatischer Musik. Susanna Mälkki lässt sich mit dem Bayerischen Staatsorchester mit großer Präzision und lyrischer Gespanntheit auf die Partitur ein, die in der Rückschau wie ein Gegenentwurf zu Wagner einerseits und Debussy andererseits wirkt. Wenn die unterschwellig brodelnden Gefühls- und Erinnerungsregungen an die Oberfläche dringen, entwickelt sie eine von innen her leuchtende Strahlkraft, die einen in den Bann zieht."

Judith von Sternburg genießt für die FR derweil die Exerzitien in Geduld: "Niemand lässt sich in die Karten blicken. Langeweile steht vor allem den Frauen ins Gesicht geschrieben. Der Kopf der Amme ist in den Eimer auf ihrem Schoß gesunken. Wie in der Musik Stillstand per se nicht möglich ist - Stillstand ist fortschreitende Länge, also Bewegung -, ist szenisch selten echter Stillstand. Es passiert wenig, aber es passiert ununterbrochen etwas. Vieles davon ist unerwartet, unerklärlich. Nichts ist uninteressant." In der SZ ist Michael Stallknecht ebenfalls fasziniert von der Geduldigkeit, die die Oper erfordert, vermutet aber, dass sie wegen der schwierig zu besetzenden Partien wohl weiterhin selten aufgeführt werden wird.

Weiteres: "Matthias Rädel soll als General Manager mit Katharina Wagner bei den Bayreuther Festspielen aufräumen. Wenn das mal gut geht", zweifelt Florian Zinnecker für die Zeit m Angesicht der Tatsache, dass die letzten zehn Jahre in Bayreuth von abberufenen Regisseuren bis sinkenden Kartenverkäufen vor allem von Problemen geprägt waren. Katrin Ullmann sieht sich für die taz auf dem Festival d'Avignon um. Karl-Martin Hentschel rechnet uns für die taz vor, warum die Oper, die Klaus-Michael Kühne der Stadt Hamburg schenken will, bei einem Jahresverdienst von 2,3 Milliarden Euro viel weniger großzügig ist als wenn er einfach Steuern zahlen würde.

Besprochen werden: "Der Prozess Pélicot" von Milo Rau auf dem Festival d'Avignon (FAZ), "Die Schweigsame Frau" von Richard Strauss an der Staatsoper Berlin, inszeniert von Jan Philipp Gloger (FAZ, taz), der Ballettabend "An American in Paris" mit Jeroen Verbruggens "An American in Paris" und Marco Goeckes "Le sacre du printemps" im Münchner Staatstheater am Gärtnerplatz (SZ) und "Último Helecho", geschrieben und inszeniert von Nina Laisné auf dem Wiener Impulstanz-Festival (Nachtkritik).
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Literatur

Der österreichische Schriftsteller Robert Prosser erzählt in einer großen Reportage für den Standard von seiner Reise in die Ukraine, zu einem Literaturfestival in Charkiw, aber auch zu vom Krieg gezeichneten Orten in der Provinz. Kennengelernt hat er dort Literaten, die selbst im Krieg kämpfen und dies literarisch verarbeiten. Etwa die Drohnenpilotin Jaryna Tschornohus, die in Charkiw ihren dritten Gedichtband vorstellt. Es sind "Texte, die mit Verweisen auf Celan und Plath die Sicht einer Soldatin abseits der propagierten Stereotype verhandeln. Im Gespräch wechseln wir zwischen dem Leben an der Front und dem Schreiben, beides ist für Jarina eng miteinander verwoben. Vor wenigen Monaten fielen zwei ihrer Kameraden, die Lebenden verliert man, und die Toten sind nicht aus der Erinnerung zu scheuchen. Einmal sagt sie einen Satz, von dem ich nicht weiß, ob er aus ihren Texten stammt oder ihr eigenes Empfinden ausdrückt: Sometimes you want to die, just to get rid of the emptiness."

Weiteres: Philipp Schröder amüsiert sich in einer FAZ-Glosse darüber, dass der britische Faber-Verlag den neuen Roman von Sarah Hall mit dem Aufkleber "Human Written" in den Handel bringen will. In der FAZ gratuliert Birte Förster der Lyrikerin Wendy Cope zum 80. Geburtstag. Besprochen werden unter anderem Gabriel Yorans Essay "Die Verkrempelung der Welt" (NZZ), Benjamin Myers' "Strandgut" (Presse) und neue Hörbücher, darunter Pascal Houdus' Lesung von Kaleb Erdmanns Roman "Die Ausweichschule " (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Fast atemlos umkreist Ursula Scheer für die FAZ die Rebecca Horn-Retrospektive "Cutting Through The Past" im Turiner Castello di Rivoli in Turin, die ein ganzes Künstlerinnenleben zeigt, das sich auffallend oft mit dem Zirkelförmigen befasst hat: "Mit belebt, zuweilen fast beseelt wirkenden Maschinen, hat Horn die Grenze zwischen Objekten und Organismen der Anmutung nach schon vor Jahrzehnten verwischt - und vorausgedeutet auf digitale Entwicklungen unserer Tage. Zirkelbewegungen wiederum zeichnen ihr Werk auch dahingehend aus, dass die Künstlerin sich immer wieder im Rückgriff auf zuvor Erarbeitetes schöpferisch voranbewegte. Das vollzieht die Ausstellung nach. Die 1964 gefertigte Zeichnung 'Lippenmaschine' legt eine prothetische Erweiterung des Körpers nahe, wie sie Horn mit Freunden in Performances der Siebziger etwa als 'Einhorn' mit Flügeln unter den Armen oder 'Bleistiftmaske' realisierte."

Weiteres: Jan Kage interviewt für monopol die DDR-Künstler Beate Düber und Jan Kummer.

Besprochen werden die Ausstellungen "Die Entdeckung der Natur. Landschaftsbilder der Weimarer Malerschule in der Sammlung Rasmus" im Kulturforum Schleswig-Holstein-Haus in Schwerin (FAZ) "Chinas Gold und Gothas Schätze" im Herzoglichen Museum Gotha (FAZ), "Für Kinder. Kunstgeschichten seit 1968" im Haus der Kunst in München (Zeit) und "Sigmar Polke" in der Fondation Vincent van Gogh in Arles (NZZ).
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Film

Yelizaveta Landenberger berichtet in der taz vom Internationalen Filmfestival Queer Voices in Chișinău in Moldau. Das Filmfestival von Locarno kämpft um den Erhalt ihrer ikonischen Open-Air-Leinwand auf der Piazza Grande, berichtet Matthias Daum in der Zeit.

Besprochen werden Oliver Rihs' fördermittellos entstandene Berlin-Komödie "#SchwarzeSchafe", die tazler Ekkehard Knörer allerdings nicht überzeugt ("Figuren wie Publikum hetzen durch einen windschiefen Plot, der sich selbst und seiner Botschaft nicht glaubt"), die Netflix-Miniserie "Untamed", die laut tazler Florian Schmid als Krimi im Yosemite-Nationalpark beginnt, sich dann aber zum "komplexen Opus voller Gewalt und Traumata vor dem Hintergrund geradezu verstörend schöner Landschaftsbilder entwickelt", Thor Kleins und Lena Vurmas Biopic "Leonora im Morgenlicht" über die Künstlerin Leonora Carrington (Standard) und ein Arte-Porträt des Schauspielers Jeff Bridges ("über weite Strecken nervtötend", insbesondere wegen des "prätentiösen Off-Kommentars", schreibt Heike Hupertz in der FAZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Moldau, Queer

Musik

Der Dirigent Roger Norrington ist im Alter von 91 Jahren gestorben. Er richtete sich entschieden "gegen das Vibrato, eine der größten Selbstverständlichkeiten des Orchesterlebens, die er aber für eine späte, erst in den 1920ern in Mode gekommene Unart hielt", schreibt Judith von Sternburg in der FR. "Man mag das Radikale daran entnervt ablehnen und den Aufnahmen Norringtons dennoch erstaunliche Hörerlebnisse verdanken", denn "Norrington eröffnet beim Hören Freiräume. Seine Beethoven-Sinfonien sind das Paradebeispiel dafür, weil hier noch sein zweites großes Thema hinzukommt: Tempo, Tempo, Tempo." Er "war zu Späßen aufgelegt, aber nicht in der Frage Beethovenscher Metronomangaben. Diese gelten als unwahrscheinlich hoch, und es gibt Theorien, woran das liegen könnte (bis hin zum falsch eingestellten Metronom). Norrington hingegen tat wie geschrieben und dirigierte seine Werke rasant."

"Im Kern der Sache ging es ihm darum, den reichen, schillernden Klang der Musik freizulegen", schreibt Laszlo Molnar in der FAZ. "Seine Einspielung aller Beethoven-Sinfonien mit den London Classical Players von 1987 bis 1989 war ein Paukenschlag, der in der ganzen Musikwelt vernommen wurde. Norrington zeigte mit seiner Darstellung, dass diese Musik weniger einer 'Interpretation' bedurfte als einer strukturierten Aufführungsweise, in der alle Stimmen des Orchesters zu ihrem Recht - und damit zu Gehör - kommen. Mit Instrumenten in ihrer Beschaffenheit zur Zeit der Komponisten, mit passenden Verhältnissen zwischen der Zahl der Streicher und jener der Bläser, mit hörbar getrennten ersten und zweiten Geigen und mit einem deutlich schnelleren Tempo. Mit seiner temperamentvollen, etwas aufgekratzten Art nahm er gleichzeitig all den Kritikern den Wind aus den Segeln, die meinten, die historische Aufführungspraxis bedeute automatisch eine vor lauter Korrektheit akademische Bräsigkeit."

Hier spielt er die "Eroica" mit dem SWR-Symphonieorchester: 



Weiteres: Francois Barras spricht für den Tages-Anzeiger mit Mike Love, dem letzten verbliebenen Beach Boy. Besprochen werden Hans Platzgumers Buch "Kleine Geschichte der Popmusik" (FR), ein Auftritt des Austropop-Duos Seiler und Speer (Standard) und zwei Konzerte von Will Smith (FR, TA).
Archiv: Musik