Efeu - Die Kulturrundschau

Irre. Einfach irre

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18.07.2025. Um Menschenrechte und Antisemitismus schert sich die Kunstwelt wenig, wenn es um Katar geht, weiß die Welt. Artechock blickt mit Vahid Vakilifars Film "K9" in die Finsternis eines hündischen Iran. Der Auftakt der Bregenzer Festspiel mit George Enescus einziger Oper "Œdipe" ist als europäisches Statement stark, als Inszenierung von Andreas Kriegenburg leider schwach, befinden taz und FAZ. Wenn die Organistin Anna Lapwood spielt, muss sogar die Polizei eingreifen, berichtet Backstage Classical.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2025 finden Sie hier

Kunst

Katar ist der einzige Staat, der nach dreißig Jahren wieder einen Länderpavillon auf dem Hauptgelände der Giardini in Venedig bekommt, nun steigt das Emirat als Mitveranstalter der Art Basel ein, gleichzeitig verlagern Galerien, Auktionshäuser und Museen ihre Aktivitäten zunehmend in die kaufkräftige Golfregion. Zu den Verletzungen der Menschenrechte schweigt der Kunstbetrieb hingegen zumeist, kritisiert Gesine Borcherdt in der Welt. Sie verweist auf den Artikel "How Katar bought America" in der Online-Zeitung The Free Press, der die Lobbyarbeit Katars recherchierte: "Laut dem Artikel hat Katar 100 Milliarden Dollar in Politik, Medien und Universitäten investiert und 225 Millionen seit 2017 für Lobbyarbeit und PR in Washington. Noch nie wurde eine demokratische Supermacht so schnell und konsequent unterwandert, zumal von einer absoluten Monarchie, die, wie der Artikel argumentiert, dem radikalen Islamismus offenbar auch aus ideologischen Gründen nicht abgeneigt ist." Aber es ist nicht nur das Geld, das die Kunstwelt und den Golfstaat verbindet, so Borchardt, sondern auch der Antisemitismus: "Genau hier gibt es eine gruselige Überschneidung mit dem Kunstbetrieb. Dessen lauter, linker Teil, bestehend aus propalästinensischen Künstlern, Kritikern und Kuratoren zelebriert den Hamas-Terror als 'Widerstand' und will Israel von der Kunstlandkarte wischen. Mit Kufiyas und Palästinenserflaggen wird links dasselbe gefordert, was Katar mit hyperkapitalistischem Bling-Bling erreichen will." 

Geradezu beispielhaft dafür steht die südafrikanische jüdische Künstlerin Candice Breitz. Sie fiel zuletzt nicht nur mit Aktivismus gegen Israel auf, sondern warf Deutschland auch "McCarthyismus" vor und solidarisiert sich mit der antiisraelischen Boykott-Bewegung Strike Germany, erinnert Hannes Hintermeier, der in der FAZ nur den Kopf darüber schütteln kann, dass die Neue Nationalgalerie Breitz kürzlich zur Veranstaltung "Zerreißprobe Talks" lud: "Verkleidet ist sie an diesem Abend als Christoph Schlingensief - so, wie der 1999 in seiner Performance 'Deutschland versenken' aufgetreten ist, als orthodoxer Jude mit Schläfenlocken und Hut, dazu einen Deutschlandschal. Irgendwie, so stellt sich in der Fragerunde am Ende heraus, will Breitz damit das 'Jewfacing', wie sie sagt, also das gewaltsame Aneignen jüdischer Kultursymbole durch den vermeintlichen deutschen Nazitäter-Erben Schlingensief, kritisieren. Sie könnte aber auch als Mitglied der holocaustrelativierenden jüdisch-orthodoxen Messias-Sekte Neturei Karta durchgehen. Deren antizionistische Inhalte teilt Breitz online oft."

Bild: Ausstellungsansicht "Wotruba International", Belvedere 21. Foto: Johannes Stoll

Im Standard freut sich Katharina Rustler, dass das Wiener Belvedere 21 dem österreichischen Bildhauer Fritz Wotruba nach dreißig Jahren endlich wieder eine Ausstellung widmet. Selten ließ sich die stilistische Entwicklung Wotrubas so gut verfolgen: "Beispielsweise wie sich der Bildhauer nach seiner Rückkehr aus dem Schweizer Exil 1945 nach Wien vom klassizistischen Stil verabschiedete und einer kubischen Zerlegung des Körpers zuwandte. Während seine 1946 entstandene Stehende (Weibliche Kathedrale), die er angeblich aus einem Steinblock des schwer beschädigten Stephansdom schlug, noch einer realistischen Formensprache folgt, sind die Körperteile seines Denkers aus dem Jahr 1948 bereits in stereometrische Grundformen gestückelt. Die Abstraktion begann."
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Bühne

Szene aus "Œdipe". Bild: © Bregenzer Festspiele / Daniel Ammann

Die neue finnische Festspiel-Intendantin Lilli Paasikivi eröffnet die 79. Bregenzer Festspiele unter dem Dirigat des Finnen Hannu Lintu mit "Œdipe", der einzigen Oper, die der Rumäne George Enescu je komponierte. Klug, findet Joachim Lange in der taz, denn: "Die Entscheidung für den großformatigen Enescu-Vierakter ist ein dezidiert europäisches Statement, hat damit doch ein frankophiler Rumäne einen zentralen Stoff aus der Frühzeit der europäischen Zivilisation zum Gegenstand einer expressiven, von vielen Einflüssen inspirierten, aber doch eigenständigen Tragédie Lyrique gemacht." Andreas Kriegenburgs Inszenierung fällt indes sowohl bei Lange als auch bei Werner M. Grimmel in der FAZ durch: "Rituelle Choreografie und realistisch gezeigte Äußerungen individueller Emotionen stehen einander im Weg. Ruppiges Schubsen wirkt aufgesetzt, salbungsvolles Getue, theatralisches Händeringen oder Stöhnen wirken unbeholfen. Derlei Klischees wollen sich nicht mit Enescus mythisch raunender Musik verbinden und banalisieren deren Beschwören großer Themen wie Prädestination, Erbsünde und über Generationen weitergereichte Schuld, die modernen Vorstellungen von Chancengleichheit diametral entgegenstehen."

Die Zeitungen bringen weitere Nachrufe zum Tod von Claus Peymann: In der Welt verneigt sich Peter Huth, einst Chefredakteur der BZ, und erinnert sich an gemeinsame Streitigkeiten über Stierkampf und Christian Klar. In der FR fragt sich Ulrich Seidler, wie die Gegenwart ohne den "Vater des deutschen Theaters" auskommen soll. In der FAZ erinnert sich Harald Schmidt an Peymann-Inszenierungen vor und auf der Bühne. Hannes Hintermeier sammelt ebenda Stimmen aus Österreich zum Tod von Peymann. In der taz scheibt Uwe Mattheis.

Weitere Artikel: Im SZ-Gespräch mit Egbert Tholl erzählt die Regisseurin Andrea Breth, die derzeit Gabriel Faurés "Pénelope" für die Münchner Opernfestspiele inszeniert, weshalb die Oper für Regie und Publikum eine Herausforderung ist und wie man das Warten auf der Bühne inszeniert.
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Literatur

Annette Kögel porträtiert im Tagesspiegel die aus Syrien nach Deutschland geflüchtete Comiczeichnerin Reem Helou, die einen Comic über ihre Fluchtgeschichte via Crowdfunding finanzieren will. Die Tagesspiegel-Jury hat die besten Comics des Quartals gekürt, meldet Lars von Törne. Auf der Spitzenposition: "Die letzte Einstellung" von Isabel Kreitz. Besprochen werden unter anderem Yanick Lahens' "Mondbad" (FR) und Jonas Hassen Khemiris "Die Schwestern" (NZZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Stichwörter: Geflüchtete

Film

"Rhinos Conquered the Middle East' von Vahid Vakilifar (Cinema Iran)

Wolfgang Lasinger führt auf Artechock durch das Programm des Festivals Cinema Iran, das zum nunmehr zehnten Mal in München stattfindet. Ziemlich drastisch "schlagen sich die bedrückenden Verhältnisse im Iran in den zwei Filmen von Vahid Vakilifar nieder. ... Die ästhetische Radikalität seiner Filme sucht ihresgleichen. 'Rhinos Conquered the Middle East' (2024) kriecht der persönlichen Krise des desperaten Schauspielers Elias förmlich bis in die Eingeweide nach, um seiner selbstquälerischen Männlichkeit Ausdruck zu verleihen. 'K9' (2020) ist eine beklemmend ausbuchstabierte Science-Fiction-Dystopie. Dieser visuell konsequent durchkomponierte Film entwirft die postapokalyptische Szenerie einer Erde, von der sich die Sonne zurückgezogen hat. Das Kürzel K9 steht für 'ca-nine', Hunde also, und das Arbeitslager Iran K9 (ein hündischer Iran gewissermaßen), in dem der Film spielt, lässt sich als Parabel auf die in Düsternis und Aussichtslosigkeit versunkene islamische Herrschaft im Iran lesen."

Weitere Artikel: Rüdiger Suchsland wird auf Artechock beim Rückblick auf das Filmfest München, wie es vor dreißig Jahren war, sehr nostalgisch und, bei aller Sympathie, sehr bitter, wenn er auf die Gegenwart des Festivals blickt. Sein Kollege Thomas Willmann resümiert das Festival ebenfalls. Leonard Krähmer berichtet für critic.de das 59. Filmfestival in Karlovy Vary.

Besprochen werden die den Filmschaffenden Véréna Paravel und Lucien Castaing-Taylor gewidmete Ausstellung im soylent green in Berlin (critic.de, mehr dazu bereits hier), Alex Ross Perrys auf Mubi gezeigtes Porträt der Indieband Pavement (critic.de), Elsa Kremsers und Levin Peters "Dreaming Dogs" (Artechock), Oliver Rihs' "#Schwarze Schafe" (Artechock), Chris Millers "Die Schlümpfe" (Artechock, unsere Kritik), Marianne Elliotts "Der Salzpfad" (NZZ, Standard), Lena Dunhams neue Fernsehserie "Too Much" (NZZ) und die Netflix-Serie "Untamed" (FAZ, Zeit Online).
Archiv: Film

Musik

Dass es an Musikhochschulen beim Einzelunterricht zu Übergriffen kommen kann, heißt nicht, dass der Einzelunterricht an sich das Problem ist, argumentiert Shoko Kuroe auf Backstage Classical: "Nicht der Einzelunterricht vergewaltigt, sondern die Täterpersonen. ... Im Übrigen gehört die Macht der Lehrenden auch systemisch zum Musikstudium - durch ihre fachliche Expertise, durch die Notengebung und die Fördermöglichkeiten an der Hochschule sowie ihre Gatekeeper-Funktion in die Berufswelt. Auch hier sollte es darum gehen, die Macht nicht per se zu verteufeln, sondern damit verantwortungsbewusst und konstruktiv umzugehen. ... Strukturdebatten sind essenziell. Richtlinien und Verhaltenskodex beispielweise waren unbedingt notwendig, um die Schutzlücken im Antidiskriminierungsgesetz auf eine andere Weise zu schließen."

"Was da kürzlich in Köln ablief: Irre. Einfach irre", schreibt Guido Krawinkel auf Backstage Classical: Die via Social Media äußerst populäre gewordene Organistin Anna Lapwood ("Sie gilt vielen als Taylor Swift der Orgel", sagt der Moderator eines Konzertmitschnitts auf BR Klassik), sollte im Dom - ohne Reservierung und obendrein gratis! - spielen und mit einem Mal fanden sich unter entsprechend chaotischen Bedingungen 13.000 Menschen ein, die sich das nicht entgehen lassen wollten: "Lapwood selbst wirkte völlig aus dem Häuschen. Die Polizei bei einem Orgelkonzert, das hatte sie auch noch nicht erlebt." Und die Musik selbst? Es war "insgesamt ein wirklich außergewöhnliches Konzerterlebnis. ... Alles war tiptop gespielt. Man hörte wirklich, dass Lapwood sich zwei Nächte mit Einregistrieren um die Ohren geschlagen hatte. Von Müdigkeit allerdings keine Spur! Selten hat man die Domorgeln so differenziert registriert gehört." Lapwood selbst hat über den Abend ein Reel auf Instagram veröffentlicht.

Weitere Artikel: "Der Kissinger Sommer ist nicht klein, aber intim, er ist regional abgefedert, schmeckt aber nach großer Weltmusikkultur", schwärmt Manuel Brug in der Welt beim Besuch des erlesenen Festivals in der unterfränkischen Provinz. Merle Krafeld spricht für VAN mit der Musiktherapeutin Beatrix Evers-Grewe, die sich für eine stärkere Regulierung ihres Berufsstands stark macht, da die Berufsbezeichnung nicht geschützt ist und zu oft Laien auf gefährdete Personen angesetzt werden. Hartmut Welscher unterhält sich für VAN mit der Dirigentin Ruth Reinhardt. Martin Fischer staunt im Tages-Anzeiger, wie viele junge Menschen zu den Revivalkonzerten von Oasis pilgern. Harry Nutt (FR) und Philipp Blanke (Tsp) schreiben zum Tod der Schlagersängerin Connie Francis.

Besprochen werden ein neues Album der Berliner Hip-Hop-Crew Tiefbasskommando (taz), ein Konzert von Iron Maiden in Wien (Standard), der von Erika Thomalla herausgegebene Band "Die Wahrheit über Kid P" mit ausgewählten Texten des Pop-Journalisten Andreas Banaski (FAZ) und das neue Album von Wet Leg (NZZ).

Archiv: Musik