Efeu - Die Kulturrundschau

Wo bin ich in der Musik?

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.07.2025. Die FAS sieht die Zukunft der Kunst zwischen neuen Steckdosen und alten Amphoren in einem Hamam in Prizren. Mit dem Abschied der Schriftkultur wird der Tanz tonangebend auf der Bühne, erkennt die Welt beim Festival in Avignon. In der Musik kann uns KI neue Perspektiven eröffnen, lernt die NZZ von dem Komponisten Ali Nikrang. Die taz erkennt im griechischen Herodeon, wie lang der Ruhm von Mäzenen andauern kann.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.07.2025 finden Sie hier

Kunst

Doruntina Kastrati, And So We Lay New Stones Upon the Old (2025) im Gazi Mehmed Pasha Hammam bei der Autostrada in Prizren. Foto: Autostrada


Laura Helena Wurth (FAS) sieht die Zukunft der Kunst auf der "Autostrada Biennale" im kriegsgezeichneten südkosovarischen Prizren: Kein Wanderzirkus von Großkünstlern wird hier geboten, statt dessen geht es um den Ort selbst und die Menschen, die dort leben, so Wurth. "Die Ausstellungsorte liegen mitten in der Stadt, und wenn man von einem zum anderen geht, begegnen einem die Besucher der Biennale, aber auch die Bewohner immer wieder. Genau so ist das wohl gedacht: dass zwei ältere Frauen mit Kopftüchern vor der Arbeit von Doruntina Kastrati stehen, ihre Telefone zücken, sich am Kopf kratzen, ein Bild schießen und sich dann wieder mit großem Interesse den neu eingebauten Steckdosen im alten Hammam zuwenden. ... Kastrati zeigt hier "eine Neuproduktion, die sich so nahtlos in den Hammam einfügt, dass man einen Moment braucht, um zu verstehen, was Kunst ist und was Überbleibsel der Baustelle sind. Kleine, zerbrochene Amphoren und Krüge hat sie auf runden Tischen angeordnet, die auch als Sitzgelegenheiten funktionieren."

Warum nicht ein Ausflug nach Cottbus an diesem Wochenende? Wie gestern Freddy Langer in der FAZ (unser Resümee) ist heute auch taz-Kritikerin Katrin Bettina Müller hin und weg von der Ausstellung "Unbeschreiblich weiblich" im Dieselkraftwerk Cottbus über Frauenbilder in der DDR: "Nicht nur, weil man viele wenig bekannte Künstler kennenlernt, sondern auch durch die Mischung von repräsentativen und metaphorischen Positionen." Flankiert wird die Ausstellung von einer Kabinettausstellung über Punk und jugendliches Rebellentum und einer Schau aus den Plakat- und Grafiksammlungen über Kommunikationsformen, "die unter dem Radar der staatlichen Kontrolle liefen".

Weiteres: Bettina Wohlfarth besucht für die FAZ den Garten des Künstlers Bernar Venets in Le Muy an der Cote d'Azur. Tilman Krause gratuliert in der Welt der Berliner Museumsinsel, die ihren 200. Geburtstag mit der Ausstellung "Grundstein Antike. Berlins erstes Museum" im Alten Museum feiert. Besprochen werden Ausstellungen der Fotografinnen Candida Höfer im Hessischen Landesmuseum Darmstadt (FR) und Petra Gall im Schwulen Museum Berlin (Tsp).
Archiv: Kunst

Literatur

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Die auf der Krim aufgewachsene, seit 2017 in Deutschland lebende Schriftstellerin Anna Melikova legt in der FAS dar, warum sie bei der Verleihung des Internationalen Literaturpreises des Hauses der Kulturen der Welt aus ihrem zunächst in einer Mischung aus Russisch, Ukrainisch und Deutsch verfassten, dann aber auf Deutsch fertiggestellten Roman "Ich ertrinke in einem fliehenden See" nicht auf Russisch vorlesen will: Nach der großflächigen Invasion Russlands in die Ukraine "konnte ich nicht mehr auf Russisch weiterschreiben." Denn "die russische Sprache wurde zu einer Art chemischen Waffe gemacht, die in Körper injiziert wurde, um durch sie zu sprechen, zu handeln, Narrative zu verbreiten, die im Interesse ihrer Produzenten liegen. Diese Waffe hat viele Jahre geschlafen - und wurde dann mit einem Klick aktiviert. Sie erwachte und befahl den Besitzern dieser Körper, andere Menschen zu hassen und gar zu töten. So hat mein auf der Krym lebender Onkel eine reale Waffe in die Hand genommen, um - wie er glaubte - als Teil der russischen Armee die russischsprachige Bevölkerung in der Ukraine zu 'befreien'. Er ist letztes Jahr im Krieg gestorben."

Der im Pariser Exil lebende algerische Autor Kamel Daoud artikuliert in einem Tweet an den algerischen Präsidenten seinen ohnmächtigen und tragischen Zorn: "Es gibt Tage, die man nie vergisst. Heute ist meine Mutter gestorben. Ich kann sie nicht sehen, um sie trauern, mich von ihr verabschieden und sie beerdigen, weil ihr mich aus meinem Zuhause verbannt und mir verboten habt, in mein Land zurückzukehren."



Weitere Artikel: Tilman Krause schlendert für die WamS mit der Schriftstellerin Antje Rávik Strubel durch den Park Babelsberg in Potsdam. Im "Literarischen Leben" der FAZ erzählt die Schriftstellerin Ulrike Almut Sandig von ihrem Besuch bei ihren Eltern in der Gohrischheide, wo ein verheerender Waldbrand auf alte Munition im Boden traf. In der FAZ spricht Rainer Schmidt mit dem Schauspieler Christian Berkel über dessen Roman "Sputnik". Iris Berben präsentiert in der Literarischen Welt (online nachgereicht) die Bücher, die sie geprägt haben.

Besprochen werden unter anderem Juan S. Guses "Tausendmal so viel Geld wie jetzt" (taz, mehr dazu auch in unserem Bücherpodcast), die Friederike-Mayröcker-Ausstellung im Literaturmuseum Strauhof in Zürich (NZZ), Taina Tervonens "Die Reparatur der Lebenden" über den Genozid in Srebrenica (Standard), Ocean Vuongs "Der Kaiser der Freude" (Jungle World), Annika Büsings "Wir kommen zurecht" (FR), Charlotte Runcies "Standing Ovations" (taz), Sue Hincenbergs Krimi "Very Bad Widows" (online nachgereicht von der FAZ), Marie Hermansons Krimi "Im Finsterwald" (online nachgereicht von der FAZ) und David Safiers "Die Liebe sucht ein Zimmer" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der Frankfurter Anthologie schreibt Rüdiger Görner über Regina Ullmanns Gedicht "Im Mohnfeld zur Gewitterszeit":

"Ich ging im Mohnfeld zur Gewitterszeit
vor vielen Jahren ..."
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Bühne

Anne Teresa De Keersmaeker und Solal Mariotte in "Brel". Foto: Christophe Raynaud de Lage / Festival d'Avignon


Der Tanz ist gerade eher auf der Höhe der Gegenwart als das Schauspiel, denkt sich Jakob Hayner in der Welt nach ersten Aufführungen beim Festival von Avignon. Anlass sind die rätselhafte Eröffnungschoreografie "Nôt" von Marlene Monteiro Freitas und Anne Teresa De Keersmaekers "Brel", "ein kosmisches Ereignis. Was bei 'Brel' zusammenkommt, ist kaum zu glauben: Chanson, moderner Tanz, Breakdance. ... Vielleicht ist der Tanz auch deswegen gerade im Theater tonangebend, weil er seine Utopie nicht aus der Sprache schöpft, deren Kraft als Sinnträger heute erschöpft scheint, zudem die geschichtlichen Zeichen mehr und mehr auf Abschied von der Schriftkultur stehen. Vor politischen Analphabetismus schützt das jedoch nicht, wie man in Avignon auch sehen kann: Während beim Schlussapplaus oft eine Kufiya oder palästinensische Flagge auftauchen, ist zum Beispiel von einem Zeichen der Solidarität für den in Algerien inhaftierten Boualem Sansal nichts zu sehen."

Die ganze "Bandbreite der durch und durch widersprüchlichen jüdischen Wagner-Rezeption" lernt NZZ-Kritiker Robert Jungwirth in der Ausstellung "Tabu Wagner? Jüdische Perspektiven" kennen, die im Luzerner Richard-Wagner-Museum gezeigt wird: "Die Ausstellung zeigt, dass beispielsweise viele jüdische Musikerinnen und Musiker sich dessen ungeachtet für seine Kunst interessierten und auch engagierten. Wagner seinerseits hatte offenbar keinerlei Probleme damit, jüdische Künstlerinnen und Künstler für die Aufführungen seiner Opern in Anspruch zu nehmen. ... Beinahe bizarr mutet die Wagner-Begeisterung Theodor Herzls an. Der Begründer des politischen Zionismus schrieb 1895 an seiner visionären Schrift 'Der Judenstaat'. Zur Entspannung ging er dagegen abends gern in Aufführungen von Wagner-Opern."

Weitere Artikel: Katharina Granzin besucht für die taz in Athen das Medley "(Another) Winter Journey" in der Griechischen Nationaloper und eine "Turandot" im Herodeon ("die wohl beliebteste Spielstätte der Stadt überhaupt, belegt eindrucksvoll, dass privates Mäzenatentum sich in lang anhaltendem Nachruhm auszahlen kann. Herodes Atticus, der Stifter dieses ältesten noch erhaltenen antiken Odeon-Theaters, starb vor fast 2.000 Jahren, doch noch immer ist sein Name in aller Munde"). In der FR fragt sich Christian Thomas, warum eigentlich Goethes "Götz von Berlichingen" in diesem Bauernkriegsgedenkjahr nicht gespielt wird. In der SZ denkt Alexander Menden über das FlipFlop-Verbot an der Scala nach: Bekleidungsvorschriften dürften wenig fruchten, glaubt er: "Vielleicht lässt es sich in einer Epoche, in der vor allem für die Selbstfeier der größte äußerliche Aufwand betrieben wird, so erklären: Zieh dich für die Oper so an, wie du gerne auf den Insta-Fotos von der Hochzeit deines besten Freundes aussehen möchtest. Zeig Respekt!"

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Roland Schimmelpfennigs Neudichtung der Nibelungen-Sage als "See aus Asche", inszeniert von Mina Salehpour bei den Nibelungenfestspielen Worms (nachtkritik), Mozarts "Zauberflöte", inszeniert als patriarchatskritischer Klassiker von Marielle Sterra und Dennis Depta in der alten Stasizentrale in Berlin (nachtkritik), Philipp M. Krenns Inszenierung des "Fliegenden Holländers" an der Oper im Steinbruch (nmz), Philipp Westerbarkeis' Bühnenspektaktel "Schiff der Träume" nach Fellini am Theater Regensburg (nmz) und Julian Warners Soloabend "Der Soldat", eine Hommage an Frantz Fanon, am Theater Rampe in Stuttgart (nachtkritik).
Archiv: Bühne

Film

Aurelie von Blazekovic porträtiert für die SZ den Intimitätskoordinator David Thackeray, der bei Dreharbeiten zu intimen Szenen darauf achtet, dass es zu keinen Übergriffen oder unangenehmen Situationen kommt. David Steinitz (SZ) und Mariam Schaghaghi (FAS) sprechen mit Gillian Anderson über ihre Rolle in "Der Salzpfad". Im Filmdienst gratuliert Josef Nagel dem internationalen Filmkritikverband FIPRESCI zum 100-jährigen Bestehen. Micky Beisenherz stutzt in der SZ, dass die Produktion des neuen Films aus der "Tribute von Panem"-Reihe ausgerechnet in Duisburg nach Komparsen sucht.

Besprochen werden Willy Hans' "Der Fleck" (FAZ, unsere Kritik), Johann Betz' Dokumentarfilm "Sep Ruf - Architekt der Moderne" (Welt), James Gunns "Superman" (critic.de) und Oliver Rihs' Komödie "#SchwarzeSchafe" (FAS).
Archiv: Film

Musik

Im Interview mit der Welt ist Peter Gelb, Generaldirektor der New Yorker Met, empört, dass Putin-Unterstützer Valeri Gergiev Ende Juli - "noch dazu indirekt mit EU-Geldern finanziert" - im Königsschloss von Caserta bei Neapel dirigieren soll: "Es ist ein Beispiel für moralische Korruption, Schwäche und möglicherweise Naivität. Die Menschen sollten es eigentlich besser wissen. Denn Valery Gergiev ist de facto Kulturminister Russlands, auch wenn es da noch einen anderen Apparatschik gibt. Ich finde es einfach schrecklich für die Welt, dass ein westliches Land, das an irgendeine Form von Demokratie glaubt, einen solchen Auftritt in diesem Moment zulässt, in dem Putin ukrainische Städte mit enormer Wucht bombardiert."

Hinter den Kulissen der Musikproduktion dürfte sich gerade eine Revolution abspielen, nimmt Dorothea Walchshäusl in der NZZ mit Blick auf aktuelle KI-Entwicklungen an. Von Alarmismus hält sie aber spürbar wenig, weshalb sie sich vor allem bei Projekten und Forschern umgehört hat, die die Sicht vertreten, dass Mensch und Maschine zum Vorteil der ersteren Hand in Hand arbeiten können. Etwa Ali Nikrang, Komponist und Professor an der Musikhochschule München: "Einen Widerspruch zwischen künstlerischer Originalität und kalter Statistik sieht er nicht. Tatsächlich komponieren Menschen ja auch nicht im luftleeren Raum ... Im Gegensatz zum Menschen hat die KI allerdings keine gefilterte Wahrnehmung, die eine ästhetische Bewertung vornehmen könnte. Für den Forscher liegt darin auch eine Chance: 'Die KI kann uns neue Perspektiven geben auf die Musik.'" Bloße Kopien sind für KIs kein Problem mehr. "'Für einen Komponisten aber ist das nicht besonders interessant. Ihn interessiert vielmehr: Wo bin ich in der Musik? Wie kann ich die KI so nützen, dass sie nicht einfach nur nachahmt, sondern für mich als Person mit meinem Ausdruckswillen nützlich ist?", sagt Nikrang."

Weiteres: Detlef Diederichsen erinnert in seiner taz-Kolumne mit Kittler daran, dass Pop-, Rock- und elektronische Musik einst aus militärischer Technologie entstanden sind, weshalb es wohl ein gallig-zynischer Treppenwitz der Geschichte ist, dass Spotify-CEO Daniel Ek heute seine den Musikern abgezockten Millionen in KI-Kriegsgerät investiert. Gerald Felber erzählt in "Bilder und Zeiten" der FAZ vom Weg in den Tod des im April verstorbenen Komponisten Christfried Schmidt. Claudia Reinhard ärgert sich im Tagesspiegel über das Comeback von Xavier Naidoo. Außerdem bringt die NZZ eine Beilage zum Lucerne Festival.

Besprochen werden Hans Ulrich Gumbrechts Essay "Leben der Stimme" (FR), die Ausstellung "Afrosonica Soundscape" im Ethnografischen Museum in Genf ("Es ist interessant, einem Museum beim Nachdenken über sich selbst zuzusehen", schreibt Andi Schoon in der taz), Justin Biebers neues Album "Swag" (Tsp, SZ), der Auftritt von Erci Ribb beim Rheingau Musik Festival (FR), das Auftaktkonzert der Frankfurter Reihe Jazz im Palmengarten (FR), das Jubiläumskonzert in Köln zu 30 Jahren Erdmöbel (FAZ) und das neue Album von Wet Leg (SZ, Zeit Online).

Archiv: Musik