Efeu - Die Kulturrundschau

Rau und bereit, hässlich zu sein

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
05.06.2025. Der Tagesspiegel spürt beim Literaturfestival "HeadRead" im estnischen Tallinn die unterschwellige Angst vor einem russischen Einmarsch. Der Guardian kämpft mit Yoshitomo Naras Cartoon-Girls gegen Atomkraft. In der Zeit denkt der Musikproduzent Johann Scheerer über eine genossenschaftlich organisierte Musik-Plattform nach. Und die Filmkritiker blicken mit fiesem Body-Horror von Emilie Blichfeldt durch die Augen von Cinderellas hässlicher Stiefschwester.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.06.2025 finden Sie hier

Literatur

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Einen "Hauch von Angst" vor einer Okkupation der Russen spürt Gregor Dotzauer (Tagesspiegel) überall beim Literaturfestival HeadRead im estnischen Tallinn. Ziel vieler estnischer Künstler sei es daher, "Nachgeborenen, die keine Okkupationserfahrung haben, vermitteln, was es heiße, unter einer fremden Macht zu leben", erzählt etwa der Dichter Indrek Koff. "Russland … ist über seine kommunistische Vergangenheit hinaus eine imperiale Macht geblieben, die Verbrechen ohne Strafe begeht und Strafen ohne Verbrechen verhängt", warnt auch die finnisch-estnische Schriftstellerin Sofi Oksanen, die letztes Jahr das Buch "Putins Krieg gegen die Frauen" veröffentlichte, das die Entmenschlichung in Russland dokumentiert: "Die Verrohung spiegelt sich im Stolz einer russischen Mutter auf ihren Sohn, dessen Freude an der Folterung von Feinden sie teilt: Das zeige, dass sie aus demselben Holz geschnitzt seien. Oder sie artikuliert sich in den Worten einer Ehefrau, die es ihrem Mann erlaubt, an der Front ukrainische Frauen zu vergewaltigen - vorausgesetzt, er benutze ein Kondom."

Weitere Artikel: Für die Zeit spricht Anna-Elisa Jakob mit dem französischen, in Syrien geborenen Zeichner und Regisseur Riad Sattouf, der in seinen "Esther"-Comics neun Jahre lang ein Mädchen bis zur Volljährigkeit beim Aufwachsen in Paris porträtiert hat.  FAZ-Kritiker Jannis Koltermann gratuliert dem Sachbuchautor Uwe Wittstock zum Siebzigsten. Lars von Törne interviewt im Tagesspiegel den Berliner Comicautor Flix, der mit "Man of Kruppstahl" eine Superman-Geschichte zum Band "Superman: The World" beisteuert.

Besprochen werden unter anderem die Lyriktage Frankfurt (FR), Milica Vučkovićs Roman "Der tödliche Ausgang von Sportverletzungen" (NZZ), Tillman Lahmes Thomas-Mann-Biografie (Zeit), Milan Babićs "Geoökonomie. Anatomie der neuen Weltordnung" (SZ), Ocean Vuongs Roman "Der Kaiser der Freude" (FR) und Jean-Baptiste Andreas Roman "Was ich von ihr weiß" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Film

Szene aus "The Ugly Stepsister"

Cinderella mal anders: Der Body-Horror-Film "The Ugly Stepsister" der norwegischen Regisseurin Emilie Blichfeldt fragt, wie sich eigentlich Aschenputtels hässliche Stiefschwester bei dem Ganzen so gefühlt hätte. Wenn sich Elvira, gedrängt von der Mutter und der Männerwelt, einer Schönheitsoperation nach der anderen unterzieht, geht es ziemlich drastisch zu, wie Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher festhält: "Man ist mit 'The Ugly Stepsister' sehr schnell vom Körperhorrormärchenvergangenheitsbild bei den strukturell narzisstischen Zurichtungsmedien der Gegenwart. Zurichtung für den Blick des anderen, des Mannes zumeist, oder auch mal der Mutter, die hier aber nur die Verlängerung des männlichen Blicks ist. Erst im lustvoll Angeschautwerden des Bildes, das man von sich (auf dem Prinzenball wie auf Instagram) abgibt, kann so etwas wie ein Wert entstehen..." Leider macht es sich der Film ein wenig zu einfach: "Dieses sich-lustig-Machen über eklig-doofe Menschen hat keinen ermächtigenden Effekt, sondern bewirkt paradoxerweise, dass die Zurichtung wie eine Selbstverletzung ohne Sinn wirkt."

FAZ-Kritikerin Greta Zieger zeigt dieser Film hingegen gekonnt, wie durch verinnerlichte Schönheitsideale nicht nur die Männer, sondern auch Frauen füreinander zum Problem werden: "Blichfeldt steigert das Mitgefühl für Elvira durch gezielten Body-Horror: Während Flo Fagerli in der Rolle der kleinen Schwester Alma das Entsetzen des Zuschauers spiegelt, sieht die Mutter ruhig dabei zu, wie ihrer älteren Tochter mehrfach die Nase gebrochen wird, um sie danach zu richten. Um die körperliche Erfahrung spürbar zu machen, zwingt die Regisseurin das Publikum in Elviras Perspektive." In der FR gefällt Daniel Kothenschulte unter anderem die Optik, die das "osteuropäische Märchenkino der siebziger Jahre" aufgreift: "In wunderbar ausgestatteten Szenen schwelgt sie in seiner handgemachten Pracht und seinem volkstümlichen Surrealismus - nur die Geschlechterrollen nimmt sie unter die Lupe. Der Prinz streift mit Freunden wie im tschechoslowakischen 'Aschenputtel'-Klassiker jagend durch die Wälder, entzaubert sich aber durch sexistische Sprüche."

Weitere Artikel: In der FR unterhält sich Patrick Heidmann mit den SchauspielerInnen Mia Threapleton und Riz Ahmed über ihre Arbeit an Wes Andersons "Der phönizische Meisterstreich" (unsere Kritik). Besprochen werden Martin Provosts Film "Die Bonnards - Malen und lieben" über den Maler Pierre Bonnard (FR, SZ) und Appolain Siewes Dokumentarfilm "Code der Angst" (taz).
Archiv: Film

Kunst

Missing in Action, 1999, by Yoshitomo Nara. Photograph: Courtesy of Sally and Ralph Tawil and Yoshitomo Nara Foundation

Die große Yoshitomo-Nara-Retrospektive in der Londoner Hayward Gallery stellt das Weltbild von Guardian-Kritiker Stuart Jeffries auf den Kopf: Kommt aus Japan nicht nur der Schönheit verpflichtete Kunst? Mitnichten, stellt Jeffries beim Anblick der von Mangas und Disney inspirierten Cartoon-Mädchen fest: Seine Kunst ist "rau und bereit, ohne Angst, hässlich zu sein, knurrend mit wenig subtilen Anti-Atom-Agitprop-Graffiti, manchmal auf alte Briefumschläge gekritzelt, und durchdrungen von britischem und amerikanischem Rock'n'Roll." Wirklich verändert wurde seine Kunst im Jahr 2011 durch den Tsunami in Japan, erzählt er: "Das große Erdbeben in Ostjapan löste den Tsunami aus, der die Reaktoren des Kernkraftwerks Fukushima beschädigte und große Teile seiner Heimatpräfektur verwüstete. Mehrere Monate lang war er so traumatisiert, dass er kaum arbeiten konnte. Als er in sein Atelier zurückkehrte, fertigte er die ersten Werke aus Ton an, die er scheinbar wütend bearbeitete. Es war, als würde er die Tonklumpen, die er zu Skulpturen von noch mehr unschuldigen und/oder geplagten kleinen Mädchen formte, körperlich angreifen."

Das New Yorker Metropolitan Museum hat seinen Rockefeller-Flügel mit afrikanischer, ozeanischer und lateinamerikanischer Kunst neu eröffnet, auch die Künster hinter den Artefakten sollen nun gewürdigt werden, erfährt Andreas Robertz im Gespräch mit Met-Direktor Max Hollein. Von Rückgaben an die Herkunftsländer hält er offenbar nicht viel: "Viele der Objekte, die hier sind, sind de facto gemacht worden, um weiterzureisen. Andere sind fast schon Botschafter ihres Landes. Andere sind Objekte, die an ihrem Ursprungsort quasi nie dafür gedacht gewesen waren, als Objekte 'weiterzuleben', sondern Teil eines Rituals waren, über das Entstehung und Vergehen. Was uns wichtig ist: dass die Integrität und die Authentizität sowohl des Werks als auch des Autors in aller Form gewährleistet ist."

Weitere Artikel: Für die SZ nimmt Peter Richter Donald Trumps neuestes Präsidenten-Porträt unter die Lupe, das den Präsidenten in geradezu an Caravaggio gemahnendes Licht taucht. In der FAZ klärt uns Stefan Trinks darüber auf, weshalb das Amsterdamer Rijksmuseum nun ein Kondom aus Schafsdarm aus dem Jahr 1830 ausstellt: "Es zeigt auf seiner Längsseite eine qualitativ gute Radierung und gehört mithin inventarisch zu den 'Drucken auf anderen Materialien' als Papier."

Besprochen werden die Ausstellung "Der Engel der Geschichte" im Berliner Bode-Museum (taz), die Ausstellung "Tankstellen in Georgien" mit Fotografien von Klaus Andrews im Stadtmuseum Schleswig (taz) und die Medienkunst-Schau "The Story That Never Ends. Die Sammlung des ZKM" im Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe (FAZ, mehr hier), die Kathrin Linkersdorff-Ausstellung "Microverse" im Berliner Haus am Kleistpark (Monopol, mehr hier)
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "Perzen". Foto: Kurt van der Elst

Hoffnung machen an diesem Abend nur die abschließenden Umarmungen der israelischen und palästinensischen Schauspieler, seufzt Wolfgang Kralicek bei den Wiener Festwochen. "Kühn" verbindet Regisseur Chokri Ben Chikha in seiner Inszenierung "Perzen" Aischylos' Drama "Die Perser" mit dem Nahostkonflikt. "Das Stück spielt im Jahr 2030, und das Zukunftsszenario wird einigermaßen dystopisch gezeichnet: Trump ist immer noch im Amt, Putin auch, Russland hat die Ukraine und große Teile Polens besetzt. Nach einem Nukleareinsatz ist nicht nur der Gazastreifen, sondern auch Israel zerstört; Benjamin Netanjahu lebt im Exil in Deutschland, der Staat Israel existiert nicht mehr, es gibt nur noch eine israelische Zone in einem Gebiet, das H.U.M.U.S. heißt. Das steht für 'Human Unified State' und ist wohl als eine Art Zweistaatenlösung zu interpretieren." Ob das alles so gut funktioniert? Krischke will sich nicht festlegen, wichtige Fragen werden aufgeworfen, aber oft zuckt der Kritiker auch zusammen, wenn zum Beispiel die Zerstörung in Gaza mit den Warschauer Ghettos verglichen wird. Einen "Triumph der Empathie", so der Untertitel des Stücks, kann der Kritiker hier beileibe nicht erkennen.

Weitere Artikel: Stella Schalamon und Florian Zinnecker berichten in der Zeit detailliert über die Affäre um den Intendanten des Hamburg Balletts Demis Volpi (unsere Resümees).
Archiv: Bühne

Musik

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Es ist nicht mal nur die Tatsache, dass Spotify zwar Millarden-Umsätze einfährt, während der überwältigende Teil der Musiker von dem Geldsegen so gut wie nichts abbekommt - was Liz Pelly in ihrem Buch "Mood Machine" offenlegt - die den Hamburger Musikproduzenten Johann Scheerer in der Zeit wütend macht. Auch "das Überangebot an Musik auf Plattformen wie Spotify, entstanden durch den Wegfall von Gatekeepern wie Plattenfirmen oder Musikjournalistinnen, hat einen massiven Wertverlust verursacht", meint er und denkt über die Zukunft der Musikindustrie in "genossenschaftlich organisierten Plattform" nach, die "beliebig erweiterbar - physische Produkte, digitale Downloads, Konzertkarten und vieles mehr anbietet. Hundert Prozent der Einnahmen fließen direkt an die Musikerinnen und Musiker, während die Plattform durch freiwillige Spenden finanziert wird."

Eines teilt SZ-Kritiker Jakob Biazza mit Obama, Jay-Z und Kendrick Lamar: Sie sind große Fans der britischen Rapperin Little Simz. Kaum zu glauben, dass die in den letzten Jahren von Ängsten und Blockaden geplagt war, entstanden ist daraus aber das herausragende Album "Lotus", das Biazza nicht nur zeigt, was aus Ängsten entstehen, sondern auch wie frei Pop heute noch sein kann. Etwa die Songs "Lonely" und vor allem "Blue": "Gütige, vergebende Klavierakkorde, eine sanft eingesprenkelte Nylonsaiten-Gitarre, im Hintergrund huschen ein paar Geister herum und der gar nicht genug anzuhimmelnde Sänger Sampha, der die ganze Schönheit und Trauer der Welt in der Stimme hat, singt den Refrain. Und darüber wieder diese federleichten Texte, mehr rezitiert als gerappt diesmal, die fragen, wie man das aushalten soll, wenn die ganze Welt sich plötzlich abwendet und die Geliebten einen verraten." Im Tagesspiegel ist auch Nadine Lange ganz hingerissen. Das lassen wir uns nicht entgehen:



Weitere Artikel: Ebenfalls für die Zeit trifft sich Stella Schalamon mit Billie Eilishs Bruder Finneas, der nicht nur die Songs der Schwester schreibt und produziert, sondern mit seinem zweiten Album "For Cryin' Out Loud!" auch gerade selbst tourt. Für Zeit Online spricht Juliane Liebert indes mit der Britpop-Band Pulp. Besprochen werden außerdem ein Berliner Konzert der Sängerin FKA twigs (Zeit), ein Berliner Konzert der Rockband Blue Öyster Cult (Welt), das von Jonathan Meese, seiner Mutter und DJ Hell aufgenommene Album "Gesamtklärwerk Deutschland" (FR) und ein Liederabend in Frankfurt, bei dem Marina Rebeka Lieder von Tschaikowsky, Rachmaninow oder Cesar Cui sang (FR).
Archiv: Musik