Efeu - Die Kulturrundschau
Sprich, Cecilia, sprich!
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05.04.2025. Im Perlentaucher protestiert der Schriftsteller Christian Kortmann gegen die schlechten Bedingungen, die sogenannte Schriftstellerstipendien und Stadtschreiberstellen bieten. Das Kino ist heute nicht mehr so frei wie früher, klagt der italienische Regisseur Paolo Sorrentino in der WamS. In der FAZ schwärmt der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký von der atemberaubenden Schönheit der Cecilia Gonzaga, die Donatello in einer Büste verewigt hat, zu sehen im slowakischen Zips.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
05.04.2025
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Literatur
In einer Perlentaucher-Intervention protestiert der Schriftsteller Christian Kortmann gegen das Unwesen der sogenannten Schriftstellerstipendien und Stadtschreiberstellen, die meist unter dem Deckmantel des Mäzenatentums kümmerliche Bedingungen offerieren: "So werden dem Stadtschreiber in Allstedt sage und schreibe vier Lesungen abverlangt, mit dem lakonischen Zusatz: 'Diese Lesungen sind kostenfrei zu halten.' Dabei entspricht ihr Marktwert sieben Wochen des gewährten Stipendiums, wenn man das Basishonorar für eine Lesung zugrunde legt, das Literaturfonds und die Gewerkschaft Verdi übereinstimmend mit 500 Euro veranschlagen. Wenn Gegenleistungen eingefordert werden, handelt es sich um kein Stipendium mehr, sondern um einen schlecht bezahlten Job, den man McGrant nennen könnte."
Edwin Frank von der New York Review of Books spricht in der Literarischen Welt mit Sarah Pines über die von ihm vor 25 Jahren gegründete Buchreihe "New York Review of Books Classics", bei der er besonderen Wert darauf legt, dass es gerade nicht die kanonischen Texte sind, die er dort herausbringt: Jane Austens große Romane etwa kämen für ihn nicht infrage. Auch um heutige Bedürfnisse geht es ihm mit Blick auf die aktuellen Auseinandersetzungen um Sprache in alten Texten nicht: "Mir ist es umso wichtiger geworden, brillante Werke zu publizieren, die zeigen, wie kompliziertund kompromittierend das Schreiben sein kann. Ich verlege sowjetische Autoren - und den umstrittenen Drieu de la Rochelle beziehungsweise sein Buch 'Das Irrlicht'. (... ) Der Autor war ein Faschist; in 'Das Irrlicht' geht es um einen unglücklichen Veteranen des Ersten Weltkrieges. Ich interessiere mich für Literatur, die auf historische Begebenheiten antwortet oder sich diesen unterwirft. Oder die chinesische Autorin Eileen Chang." Sie "lebte in den 1940er-Jahren im kommunistischen Shanghai und unter japanischer Besatzung. Sie konnte, durfte nicht explizit politisch schreiben, schrieb über die kleineren Dinge zwischen Mann und Frau. Auf eine Weise war sie eine sehr politische Schriftstellerin, eben, weil sie die Politik aussparte."
Weiteres: Im "Literarischen Leben" der FAZ erzählt Hannes Hintermeier von seiner Reise ins österreichische Hohenems, wo heute Abend das Literaturhaus Vorarlberg nun nach Jahren der Konzeption und Renovierung des genutzten Hauses endlich Eröffnung feiert und für die Zukunft auf ein Konzept setzt, "das sich deutlich vom gängigen Abspieltheater mit abendlichen Lesungen absetzen" will. Ekkehard Kraft erinnert in der NZZ an den jugoslawischen Literaturnobelpreisträger Ivo Andric, der vor 50 Jahren gestorben ist. Und der Schriftsteller Thomas Hettche gondelt im Literaturfeature von Dlf Kultur mit Casanova durch Venedig.
Besprochen werden unter anderem Herfried Münklers "Macht im Umbruch- Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts" (taz), Katja Petrowskajas "als wäre es vorbei. Texte aus dem Krieg" (FR), Amira Ben Saouds "Schweben" (Dlf Kultur), Mary Shelleys "Mathilda" (online nachgereicht von der Welt), Julia Schneidawinds "Schicksale und ihre Bücher. Deutsch-jüdische Privatbibliotheken zwischen Jerusalem, Tunis und Los Angeles" (taz), Urszula Honeks "Die weißen Nächte" (NZZ), Martin Prinz' "Die letzten Tage" (Presse), Liz Moores Krimi "Der Gott des Waldes" (taz), Bernhard Robbens Neuübersetzung von F. Scott Fitzgeralds "Der große Gatsby" (LitWelt), Helene Hegemanns "Striker" (FAS), Patrick Modianos "Die Tänzerin" (FAZ) und Thomas Wagners "Abenteuer der Moderne - Die großen Jahre der Soziologie 1949-1969" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Edwin Frank von der New York Review of Books spricht in der Literarischen Welt mit Sarah Pines über die von ihm vor 25 Jahren gegründete Buchreihe "New York Review of Books Classics", bei der er besonderen Wert darauf legt, dass es gerade nicht die kanonischen Texte sind, die er dort herausbringt: Jane Austens große Romane etwa kämen für ihn nicht infrage. Auch um heutige Bedürfnisse geht es ihm mit Blick auf die aktuellen Auseinandersetzungen um Sprache in alten Texten nicht: "Mir ist es umso wichtiger geworden, brillante Werke zu publizieren, die zeigen, wie kompliziertund kompromittierend das Schreiben sein kann. Ich verlege sowjetische Autoren - und den umstrittenen Drieu de la Rochelle beziehungsweise sein Buch 'Das Irrlicht'. (... ) Der Autor war ein Faschist; in 'Das Irrlicht' geht es um einen unglücklichen Veteranen des Ersten Weltkrieges. Ich interessiere mich für Literatur, die auf historische Begebenheiten antwortet oder sich diesen unterwirft. Oder die chinesische Autorin Eileen Chang." Sie "lebte in den 1940er-Jahren im kommunistischen Shanghai und unter japanischer Besatzung. Sie konnte, durfte nicht explizit politisch schreiben, schrieb über die kleineren Dinge zwischen Mann und Frau. Auf eine Weise war sie eine sehr politische Schriftstellerin, eben, weil sie die Politik aussparte."
Weiteres: Im "Literarischen Leben" der FAZ erzählt Hannes Hintermeier von seiner Reise ins österreichische Hohenems, wo heute Abend das Literaturhaus Vorarlberg nun nach Jahren der Konzeption und Renovierung des genutzten Hauses endlich Eröffnung feiert und für die Zukunft auf ein Konzept setzt, "das sich deutlich vom gängigen Abspieltheater mit abendlichen Lesungen absetzen" will. Ekkehard Kraft erinnert in der NZZ an den jugoslawischen Literaturnobelpreisträger Ivo Andric, der vor 50 Jahren gestorben ist. Und der Schriftsteller Thomas Hettche gondelt im Literaturfeature von Dlf Kultur mit Casanova durch Venedig.
Besprochen werden unter anderem Herfried Münklers "Macht im Umbruch- Deutschlands Rolle in Europa und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts" (taz), Katja Petrowskajas "als wäre es vorbei. Texte aus dem Krieg" (FR), Amira Ben Saouds "Schweben" (Dlf Kultur), Mary Shelleys "Mathilda" (online nachgereicht von der Welt), Julia Schneidawinds "Schicksale und ihre Bücher. Deutsch-jüdische Privatbibliotheken zwischen Jerusalem, Tunis und Los Angeles" (taz), Urszula Honeks "Die weißen Nächte" (NZZ), Martin Prinz' "Die letzten Tage" (Presse), Liz Moores Krimi "Der Gott des Waldes" (taz), Bernhard Robbens Neuübersetzung von F. Scott Fitzgeralds "Der große Gatsby" (LitWelt), Helene Hegemanns "Striker" (FAS), Patrick Modianos "Die Tänzerin" (FAZ) und Thomas Wagners "Abenteuer der Moderne - Die großen Jahre der Soziologie 1949-1969" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Film

Im Gespräch mit Jan Küveler für die WamS gibt sich der italienische Regisseur Paolo Sorrentino, dessen neuer Film "Parthenope" kommenden Dienstag bei uns in den Kinos anläuft, als Herold der sinnlichen Schönheit. Dass er heute als Auteur in den Zusammenhang des klassischen italienischen Autorenfilms gestellt wird, nimmt er nur mit Einschränkungen an: "Das Kino der Vergangenheit konnte sich frei ausdrücken. Es war frei, zu sagen, was es wollte. Möglicherweise gab es Formen der Zensur, aber die spielte letztlich keine Rolle - die Zensur durch die Kirche etwa. Da schwang höchstens etwas Bigotterie mit. Das heutige Kino hat diese Freiheit eingebüßt. Es unterliegt Einschränkungen, diktiert durch den herrschenden Zeitgeist und seine Ideologien. ... Wir leben in einer Epoche, ... in der das, was gesagt wird, oft als beleidigend empfunden wird. Und auch als potenziell gefährlich, vor allem von den Finanziers. Daraus entsteht ein Mangel an Freiheit. Eine unfreie Kunst kann weniger provozieren und ist in ihren Möglichkeiten überhaupt beschränkt."
Sorrentino ist ein "Anachronismus" im italienischen Gegenwartskino, schreibt Bert Rebhandl in der FAS. Sein Film erzählt das ganze Leben einer gleichnamigen und umwerfend schönen Frau in Neapel, der alle Männer verfallen. "Den größten Teil ihrer Jugend verbringt sie im Licht der neapolitanischen Sonne. Sorrentino hat Kleider für die Schauspielerin Celeste Dalla Porta schneidern lassen, die hyperkokett mit der Anmutung spielen, sie jederzeit einfach fallen zu lassen. Doch entblößt werden eher die Männer." Dennoch bleibt Parthenope "eine Frau ohne weitere Eigenschaften als ihre einzigartige Schönheit. In seinen besten Momenten findet Sorrentino mit seinen Filmen eine Melancholie hinter den Oberflächen, eine Stunde der wahren Empfindung wie in jener Bootsfahrt auf dem Tiber in 'La grande bellezza', die wie eine Sammlung nach enormer Zerstreuung wirkte. In 'Parthenope' grenzt das Wunder ein wenig an einen Bluff."
Andreas Busche lehnt im Tagesspiegel-Kommentar die Vehemenz ab, mit der Rüdiger Suchsland darauf reagierte (unser Resümee), dass das Indiefilm-Festival Achtung Berlin mit einem Gesprächsangebot die anonym im Netz geäußerte Kritik an Laura Laabs' preisgekröntem Film "Rote Sterne überm Feld" abfedern will. Dem Film wird ein sehr kurzer Auftritt von Rammstein-Sänger Till Lindemann vorgeworfen. Für Busche "zeugt es schon von einem besonderen Verständnis von Meinungsfreiheit, ein offenes Gespräch als Zensur zu bezeichnen." Auch die Regisseurin begrüßt die Aussprache. Sie habe den Film zwar "bewusst mit Lindemann besetzt", weil dieser "eine Form von viriler, toxischer Männlichkeit zur Schau stelle, die bis in die deutsche Romantik zurückreicht. 'Wir haben nach langen Überlegungen beschlossen, die Szenen im Film zu lassen, weil die Vorwürfe, die später gegen Lindemann erhoben wurden, eine wichtige Auseinandersetzung mit diesem Aspekt der deutschen Geschichte anstoßen.'" Und das füge sich laut Busche in diesen "klugen Film über die historischen Ablagerungen in unserer kollektiven nationalen Erinnerung, im Film symbolisiert durch eine Moorlandschaft in Mecklenburg."
Weitere Artikel: Esther Buss resümiert in der Jungle World den Schwerpunkt der Diagonale zum österreichischen Satirefilm der Siebziger und Achtziger. Barbara Schweizerhof blickt im Freitag auf die kulturkämpferischen Auseinandersetzungen um Disneys Realverfilmung "Schneewittchen". Kathleen Hildebrand porträtiert in der SZ die Schauspielerin Sydney Sweeney, die aktuell in Ron Howards "Eden" im Kino zu sehen ist. Elmar Krekeler erzählt in der WamS von dem Tag, den er mit der Schauspielerin Jasmin Tabatabai verbracht hat. Thomas Klein schreibt im Filmdienst zum Tod von Val Kilmer (weitere Nachrufe bereits hier).
Besprochen werden Luzia Schmids Dokumentarfilm "Ich will alles" über Hildegard Knef (Jungle World, online nachgereicht von der Welt), Constanze Klaues "Mit der Faust in die Welt schlagen" (Welt, mehr zum Film hier), Fleur Fortunés Science-Fiction-Film "The Assessment" (Zeit Online), Pia Hierzeggers "Altweibersommer" (Presse) und das bislang nur in den USA zu sehende Revival der aus den Neunzigern bekannten Anwaltsserie "Matlock", in der nun Kathy Bathes die Hauptrolle übernimmt (FAZ).
Kunst
Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ schwärmt der slowakische Schriftsteller Michal Hvorecký von einer Frauenbüste, die in seiner slowakischen Heimatstadt Levoča entdeckt wurde: Die Kunsthistorikerin Marta Herucová fand diese im Archiv des Zipser Museum lagernde Büste der "Cecilia Gonzaga" wieder und stellte fest, dass es sich wohl um einen echten Donatello handelt. Auch wenn es im Moment sonst kaum Gutes aus der slowakischen Kulturszene zu berichten gibt, diese Cecilia ist ein echtes Highligt: "'Sprich, Cecilia, sprich!', würde ich bei der Beobachtung der Marmorbüste am liebsten sagen, die, wie die meisten Donatello-Skulpturen, durch eine seltsame Magie das Phantom des Lebens einzufangen scheint. Sie könnte in seinem beeindruckenden Werk eine der erstaunlichsten sein: so durchsichtig, so lichtdurchlässig! Die Oberfläche scheint zu flimmern, wenn man sich bewegt: als wäre da ein Film in hartnäckigem Marmor konzipiert. Die flachen 'Schiacciato'-Reliefs - das atemraubendste seiner Experimente - sind so leicht, so präzise, so natürlich, so lebendig! Und wie schön diese junge Frau war! Der Kopf ist in seiner Zerbrechlichkeit geisterhaft wie ein Gespenst, und doch stellt das Bildnis eine durchaus lebhafte Persönlichkeit dar. Donatello verstand wie kein anderer seiner Generation, wie man Trauer und Mut im Abbild einer menschlichen Figur verkörpert." Hier kann man ein 3D-Modell von Cecilia bewundern.
Weiteres: Der Schriftsteller Michail Schischkin erinnert in der NZZ an den russischen Bildhauer Ernst Neiswestny, der am 9. April hundert Jahre alt geworden wäre. In der FAZ berichtet Rose-Maria Gropp von einer Online-Auktion des Wiener Dorotheum, bei der 221 Zeichnungen Andy Warhols zu Rekordpreisen versteigert wurden. Besprochen werden die Ausstellung "Connecting Threads" mit Fotografien von Christiane Eisler in der Leipziger Baumwollspinnerei (FAZ), die Ausstellung "Von der Seite in den Raum - Grenzenlosigkeit im zeitgenössischen Comic" im Klingspor-Museum Offenbach (FAZ) und die Ausstellung "Andrea Fraser: Art Must Hang" in der Nationalgalerie Zachęta (FAS).
Weiteres: Der Schriftsteller Michail Schischkin erinnert in der NZZ an den russischen Bildhauer Ernst Neiswestny, der am 9. April hundert Jahre alt geworden wäre. In der FAZ berichtet Rose-Maria Gropp von einer Online-Auktion des Wiener Dorotheum, bei der 221 Zeichnungen Andy Warhols zu Rekordpreisen versteigert wurden. Besprochen werden die Ausstellung "Connecting Threads" mit Fotografien von Christiane Eisler in der Leipziger Baumwollspinnerei (FAZ), die Ausstellung "Von der Seite in den Raum - Grenzenlosigkeit im zeitgenössischen Comic" im Klingspor-Museum Offenbach (FAZ) und die Ausstellung "Andrea Fraser: Art Must Hang" in der Nationalgalerie Zachęta (FAS).
Bühne

So "außergewöhnlich" findet SZ-Kritiker Boris Herrmann eine Performance von Sarah Snook am Music Box Theatre in New York, dass er sogar mal kurz die politische Krise vergisst, in der die USA stecken. Der Succession-Star übernimmt in Kip Williams Adaption von Oscar Wildes "Das Bildnis des Dorian Gray" nämlich alle fünfundzwanzig Rollen: "Mitunter sind bis zu sieben Snooks in sieben verschiedenen Rollen auf einmal auf der Bühne; diejenige aus Fleisch und Blut interagiert dann mit ihren digitalen Versionen, die auf Leinwänden und Bildschirmen durch die Szenerie schweben." Dabei seien "es aber eher die kleinen Momente, die wenigen ruhigen und intimen Szenen, die Nahaufnahmen, in denen diese Kunst ihre volle Kraft entfaltet. Wohl selten hat eine brennende Zigarette, an der nicht ein einziges Mal gezogen wird, einen solch bleibenden Eindruck hinterlassen. Je nachdem wie sie diese Zigarette in ihrer Hand hält, wechselt Snook in der atemraubenden Eröffnungssequenz ihre Identitäten."
Besprochen werden Jan Friedrichs Adaption von Kim de L'Horizons "Blutbuch" am Schauspiel Magdeburg (taz), Miriam Ibrahims Inszenierung von Penda Dioufs Stück "May Landschaften" über die Lyrikerin May Ayim am Theater Münster (nachtkritik), Manuela Infantes Inszenierung von "Was wir im Feuer verloren" am Theater Basel (nachtkritik), Stefan Schneiders Inszenierung von Alistair Beatons und Dietmar Jacobs' Komödie "Kardinalfehler" an der Frankfurter Komödie (FR), Lola Arias Inszenierung des Stücks "Los días afuera" im Mousonturm Frankfurt (FR) und Jan Bonnys Inszenierung seines Stücks "Eisenfaust" nach Johann Wolfgang von Goethes "Götz von Berlichingen" am Schauspiel Köln (nachtkritik).
Architektur
Auf den Bilder und Zeiten-Seiten der FAZ berichtet Mikhail Ilchenko davon, wie sich russische Aktivisten in Initiativen zum Erhalt architektonischen und kulturellen Erbes einen intellektuellen Freiraum schaffen, um subtile Kritik an der Regierung zu üben: "Die Arbeit mit dem Gedächtnis, den Familienarchiven und der persönlichen Geschichte ist zu einer Art Trend für russische Kulturaktivisten geworden. Sie gibt ihnen die Möglichkeit, frei über die Vergangenheit zu sprechen und versteckte Hinweise auf die Gegenwart zu geben. Zu Sowjetzeiten sah die gebildete Jugend in freiwilligen Initiativen rund um das kulturelle Erbe die Möglichkeit, einen Raum frei von aufgezwungener Ideologie zu finden. Folkloristische und architektonische Exkursionen ins Landesinnere trugen dazu bei, eine ganze Generation von Intellektuellen heranzuziehen, die lernten, in einer gleichnishaften, nur für Eingeweihte verständlichen Sprache zu sprechen und in einem Parallelraum zur sowjetischen Realität zu leben. 'Die Freiwilligenarbeit von heute ähnelt der der Sechziger- und Siebzigerjahre sehr. Es ist die gleiche Suche nach alternativen kleinen Geschichten im Gegensatz zu den großen Narrativen. Gleichzeitig ist sie äußerst populär und wächst weiter', bemerkt Alexej Izosimov."
Musik
"Den ganz großen Besserwisser-Hammer" hätte der Musikwissenschaftler Laurenz Lütteken in seiner Kritik am Klassikprogramm der Öffentlich-Rechtlichen (unser Resümee) mal lieber nicht rausholen sollen, kommentiert Axel Brüggemann auf Backstage Classical. Rein der Sache nach pflichtet er Lütteken zwar durchaus bei, doch übersehe dieser Wesentliches: "Das Radio ist im Wandel. Dass in Zukunft jeder Regionalsender ein Klassik-Vollprogramm sendet, ist illusorisch" und ziele am Medienkonsum von Klassik-Afficionados heute auch meilenweit vorbei. "Musik ist heute nicht mehr auf das lineare Versenden durch Radiosender angewiesen." Daher "muss Klassik im Radio eigentlich noch viel radikaler neu gedacht werden. Kultur-Fenster innerhalb von Info-Sendern wie Bremen 2, radio3, SR k oder WDR3 und dazu einen wirklichen nationalen Klassik-Sender, der sich ernsthaft und ausführlich als Vollprogramm um Musik kümmert: die wichtigsten Rezensionen, tiefgründige Reportagen und - natürlich! - die besten Konzerte und Mitschnitte. Und, nein, es muss nicht jedes Konzert der Radioorchester linear ausgestrahlt werden." Aber "um so wichtiger wird es, die wenigen verbleibenden Flächen qualitativ abzusichern: Wo Kultur gesendet wird, muss sie klug, wissend und journalistisch integer aufbereitet werden."
"Ich bin auf den 1980ern hängen geblieben, weil die Musik so frei war, lustig, selbstironisch, abstrakt, abstrus", bekennt Künstler Jonathan Meese im FAS-Gespräch mit Thomas Lindemann anlässlich seines neuen Albums "Gesamtklärwerk Deutschland", einer gemeinsam mit DJ Hell auf die Beine gestellten Hommage an Kraftwerk. Was es mit dem Albumtitel und den zahlreichen Deutschland-Bezügen in den Songtiteln auf sich hat, erfahren wir auch: "Deutschland steht vor der Tür, und wir müssen schauen, wie wir dieses Deutschland reinlassen. Wir müssen es mit Kunst füllen, mit Liebe füllen, mit Respekt, mit Zukunft. Das ist unsere Aufgabe mit dem Album. Hell ist als Produzent und DJ wie Zeus, der die Blitze schleudert, und wir tanzen danach. Wir tanzen das Böse weg. Wir machen klar Schiff zu Hause, deswegen Klärwerk. Wir klären Deutschland, wir klären Europa, wir klären die Zukunft. Wir müssen jetzt durch die Scheiße durch, damit es wieder geil wird."
Weitere Artikel: Tobi Müller spricht für Zeit Online mit DJ Koze über dessen neues Album "Music Can Hear Us" (mehr zu dem Album bereits hier). Jan Brachmann ist für die FAZ nach Venedig gereist, wo man im Palazzetto Bru Zane Georges Bizet anlässlich dessen 150. Todestags feiert. Michael Stallknecht berichtet in der SZ von einem Experiment der Berliner Philharmoniker, die gemeinsam mit der Forscherin Birgit Arabin untersuchen, wie sich Kammerkonzerte auf Schwangere auswirken. Richard Kämmerlings porträtiert für die WamS den amerikanischen Sänger Craig Finn, den es sehr umtreibt, dass die Abgehängten des Mittleren Westens in den USA, die er besingt, scharenweise in die Arme von Donald Trump rennen.
Besprochen werden das neue Album von Mumford & Sons ("Sie schleppen sich über einige sehr unspektakuläre Songs ziellos über die Ziellinie", gähnt Karl Fluch im Standard), ein Konzert der Münchner Philharmoniker in Wien unter Pablo Heras-Casado mit der Violinistin Vilde Frang (Standard), ein gemeinsames Album von Elton John und Brandi Carlile (Tsp, SZ), Zartmanns "Schönhauser EP" (Zeit Online) und das neue Album der Dirty Projectors, auf dem laut tazlerin Johanna Schmidt "alles gleichzeitig betrachtet wird. Natur, ihre Schönheit, der Mensch darin sowie Vergänglichkeit und Flüchtigkeit."
"Ich bin auf den 1980ern hängen geblieben, weil die Musik so frei war, lustig, selbstironisch, abstrakt, abstrus", bekennt Künstler Jonathan Meese im FAS-Gespräch mit Thomas Lindemann anlässlich seines neuen Albums "Gesamtklärwerk Deutschland", einer gemeinsam mit DJ Hell auf die Beine gestellten Hommage an Kraftwerk. Was es mit dem Albumtitel und den zahlreichen Deutschland-Bezügen in den Songtiteln auf sich hat, erfahren wir auch: "Deutschland steht vor der Tür, und wir müssen schauen, wie wir dieses Deutschland reinlassen. Wir müssen es mit Kunst füllen, mit Liebe füllen, mit Respekt, mit Zukunft. Das ist unsere Aufgabe mit dem Album. Hell ist als Produzent und DJ wie Zeus, der die Blitze schleudert, und wir tanzen danach. Wir tanzen das Böse weg. Wir machen klar Schiff zu Hause, deswegen Klärwerk. Wir klären Deutschland, wir klären Europa, wir klären die Zukunft. Wir müssen jetzt durch die Scheiße durch, damit es wieder geil wird."
Weitere Artikel: Tobi Müller spricht für Zeit Online mit DJ Koze über dessen neues Album "Music Can Hear Us" (mehr zu dem Album bereits hier). Jan Brachmann ist für die FAZ nach Venedig gereist, wo man im Palazzetto Bru Zane Georges Bizet anlässlich dessen 150. Todestags feiert. Michael Stallknecht berichtet in der SZ von einem Experiment der Berliner Philharmoniker, die gemeinsam mit der Forscherin Birgit Arabin untersuchen, wie sich Kammerkonzerte auf Schwangere auswirken. Richard Kämmerlings porträtiert für die WamS den amerikanischen Sänger Craig Finn, den es sehr umtreibt, dass die Abgehängten des Mittleren Westens in den USA, die er besingt, scharenweise in die Arme von Donald Trump rennen.
Besprochen werden das neue Album von Mumford & Sons ("Sie schleppen sich über einige sehr unspektakuläre Songs ziellos über die Ziellinie", gähnt Karl Fluch im Standard), ein Konzert der Münchner Philharmoniker in Wien unter Pablo Heras-Casado mit der Violinistin Vilde Frang (Standard), ein gemeinsames Album von Elton John und Brandi Carlile (Tsp, SZ), Zartmanns "Schönhauser EP" (Zeit Online) und das neue Album der Dirty Projectors, auf dem laut tazlerin Johanna Schmidt "alles gleichzeitig betrachtet wird. Natur, ihre Schönheit, der Mensch darin sowie Vergänglichkeit und Flüchtigkeit."
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