Efeu - Die Kulturrundschau

Barfuß auf der glühenden Lava

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04.04.2025. Die Raubkunst-Affäre in Bayern zieht immer weitere Kreise: FAZ, SZ und NZZ vermuten, dass Bernhard Maaz als Sündenbock für das Fehlverhalten von Minister Markus Blume herhalten muss. Wie schwierig es war, im Nachwende-Osten aufzuwachsen, lernt der Tagesspiegel von Constanze Klaues Film "Mit der Faust in die Welt schlagen" nach dem Roman von Lukas Rietzschel. Kader Attous "Prélude" überzeugt die FR auf dem Tanzmainz-Festival durch seine Rhythmusbetontheit. SpOn kann in der Debatte um den Preis der Leipziger Buchmesse an Kristine Bilkau nicht nachvollziehen, woher der Vorwurf kommt, männliche Kritiker würden ihr den Preis nicht gönnen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2025 finden Sie hier

Kunst

Jörg Häntzschel ist in der SZ skeptisch bezüglich der neuesten Entwicklungen in der Raubkunst-Affäre der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen (unsere Resümees). Er hegt große Zweifel, dass Meike Hopp als "Provenienzkontrolleurin" ihrem Job überhaupt angemessen nachkommen kann, wo sie zugleich noch Leiterin des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste und Vorsitzende des Arbeitskreises Provenienzforschung ist, der die SZ-Berichte als "Halbwahrheiten", "konstruiert pauschale Anschuldigungen" und "skandalisierende öffentliche Empörung" bezeichnete, wie Häntzschel weiß: "Stehen also für die vermeintlich neutrale Aufklärerin Hopp die Ergebnisse ihrer Untersuchung bereits fest? Sie hat außerdem in München studiert und jahrelang dort gearbeitet. Die Welt der Provenienzforschung ist winzig. Es ist schwer vorstellbar, wie sie die Arbeit ihrer Kolleginnen und Kollegen an den Staatsgemäldesammlungen mit Distanz bewerten kann." Für Häntzschel ist klar, warum der Minister niemanden von außen dazuholt, der ein unbelastetes "Mandat" zur Aufklärung erhält: "Der Minister versucht, Versäumnisse an die Staatsgemäldesammlungen auszulagern und sie dem geschassten Maaz anzuhängen. Dabei ist er mitverantwortlich dafür. In Wahrheit will Bayerns Kunstminister seine Versäumnisse nur auslagern."

"Die bayerische Kunstverwaltung erlebt eine Revolution von oben", konstatiert Patrick Bahners in der FAZ, das Handeln des Ministers Blume ist auch ihm ein besonderer Dorn im Auge: "Blume kündigte die Einsetzung von nicht weniger als fünf Kommissionen und anderen Gremien an, die weiter 'schonungslos aufklären' und zu gegebener Zeit Vorschläge zum Umbau der Museumslandschaft ausarbeiten sollen. Die 'Vertrauenskrise' ist nach seiner Einschätzung 'nicht beendet', weil 'neue Vorwürfe' aufgetaucht sind." Diese Vorwürfe hätten aber gar nicht mehr direkt mit dem ursprünglichen Raubkunst-Anlass zu tun, sondern mit "Fehlverhalten" von Aufsichtspersonen, eingeschlossen sexuelle und rassistische Belästigung, aber auch um Überwachung von Mitarbeitern unter Missbrauch von Kameras.

Hier spielt Bahners auf einen Bericht des Dlf-Rechercheurs Stefan Koldehoff an. So "soll es laut den Unterlagen zum Missbrauch von Videoanlagen in den Museumsräumen gekommen sein - demnach wurden diese zur rechtswidrigen Verhaltenskontrolle von Mitarbeitenden eingesetzt. In der Sicherheitszentrale sollen auch andere Datenschutz- und Sicherheitsvorschriften nicht eingehalten worden sein. Vorwürfe gibt es nach Informationen des Deutschlandfunks auch bezüglich der Sicherheit der Kunstwerke in mindestens einem Haus der BStGS."

Paul Jandl schließt sich in der NZZ dem Tenor an und nennt den entlassenen Bernhard Maaz ein "Bauernopfer."

Wer in Berlin wohnt, muss jetzt nicht mehr raus nach Brandenburg fahren, um mal Kühe zu Gesicht zu bekommen, es reicht ein Besuch im Kunsthaus Dahlem: Der vor sechzig Jahren verstorbene Künstler Ewald Mataré hat etliche Kuh-Skulpturen geschaffen, die Elke Buchholz für den Tagesspiegel nun (neben einigen anderen Tieren) in der Ausstellung "Nichts ohne Natur" betrachten kann. "An ihnen erprobte er sein Formempfinden, frönte seinem Hang zur Perfektion und zur radikalen Vereinfachung, selbstkritisch bis zur Verzweiflung", hält sie fest, "die Kühe ruhen schwer und massig, sie grasen still oder stehen reglos einfach da. Sie sind die Stars." Auch ein Wandteppich mit "ornamental verknappten Kühen" ist zu entdecken, wichtig war Mataré laut Buchholz vor allem aber die Haptik seiner Werke: "jede Skulptur müsse so beschaffen sein, dass auch Blinde sie genießen könnten, schrieb er einmal. Er begann seine Arbeiten immer als Unikate in Holz, ließ später manches Stück als Bronze gießen, aber nur in kleinen Auflagen."

Weiteres: Ursula Scheer schaut sich für die FAZ die Restauration von Giottos Wandbildern in der Bardi-Kapelle an. Lisa-Marie Berndt interviewt den Künstler Pol Taburet für Monopol. Frauke Steffens spekuliert in der FAZ, was Trumps neue Einfuhrzölle für den Kunstmarkt bedeuten könnten. Die Kulturhauptstadt Chemnitz hat mit dem Karl-Schmidt-Rottluff-Haus nun ein neues Museum vorzuweisen, melden FR und FAZ, benannt ist es nach dem expressionistischen Maler, der die Künstlergruppe "Die Brücke" mitbegründet hatte. Roman Bucheli unterhält sich für die NZZ mit dem Künstler Roman Signer.

Besprochen werden: Die Ausstelllungen "An den Rändern taumelt das Glück: Die späte DDR in der Fotografie" im Brandenburgischen Landesmuseum für moderne Kunst im Dieselkraftwerk Cottbus (Monopol), "Susan Sontag: Sehen und gesehen werden" in der Bundeskunsthalle Bonn (Filmdienst), "Roman Signer: Landschaft" im Kunsthaus Zürich (NZZ) und Tobias Rehbergers "on top of surface - beneath some thought" in der Galerie Neugerriemschneider (Berliner Zeitung).
Archiv: Kunst

Film

Gestus der Unmittelbarkeit: "Mit der Faust in die Welt schlagen" von Constanze Klaue

Constanze Klaues Debütfilm "Mit der Faust in die Welt schlagen" nach dem gleichnamigen Roman von Lukas Rietzschel ist mitunter "brillant", schreibt Matthias Dell im Tagesspiegel. Der Film handelt vom desolaten Aufwachsen im Osten des Landes nach der Wende-Euphorie und einem Alltag, der von Neonazis bestimmt wird. Der Film "hält viel aus in seinem Gestus der Unmittelbarkeit (Kamera: Florian Brückner) und mutet dem Publikum damit einiges zu." Es ist "ein präzises Gesellschaftsportrait, gerade weil nicht alles erklärt werden soll; fast auch das bessere Andreas-Dresen-Kino, weil nichts versöhnt werden muss." So "gelingt eine differenzierte Beschreibung des Lebens im 'Osten', das häufig hinter medialen Klischees verschwindet. Und die nur deshalb ein wenig an Wirkung verliert, weil es sich um eine Vorgeschichte zu heute handelt. Zu sehen, wo die Neonazis herkamen, hilft einem auch nicht weiter angesichts der gesellschaftlichen Rechtsdrift."

Regisseurin wie Romanautor "leiten nichts her", stellt Bert Rebhandl online nachgereicht in der FAZ fest, sondern "sie setzen aus kleinen Beobachtungen etwas zusammen, was bei fiktiven Figuren so etwas wie Identität ergibt. Wie weit diese Identität auf Abgrenzungen und wie weit sie auf Annäherungen beruht, das ergibt ein Spannungsmoment, das dem subtil erzählten Film möglichst große Aufmerksamkeit bringen sollte." Weitere Besprechungen auf Artechock und critic.de.

Weitere Artikel: Mariam Schaghagi spricht für die Welt mit der Schauspielerin Alicia Vikander, die aktuell im Science-Fiction-Film "The Assessment" zu sehen ist, der von einer dystopischen Gesellschaft handelt, in der Geburten drastisch reguliert sind. Andreas Scheiner fragt sich in der NZZ, ob sich unter den vier Darstellern, die in Sam Mendes' angekündigten vier Beatles-Filmen die Fab Four spielen werden, wohl auch der nächste Bond-Darsteller finden lässt.

Besprochen werden Luzia Schmids Dokumentarfilm "Ich will alles" über Hildegard Knef (Zeit), Angela Christliebs Dokumentarfilm "Pandoras Vermächtnis" über den Regisseur GW Pabst (SZ, FD), Ron Howards "Eden" über eine deutsche Aussteiger-Kolonie auf den Galapagos-Inseln (Welt, SZ), Johan Grimonprez' Essayfilm "Soundtrack to a Coup d'Etat", der jetzt auch in Österreich startet (Standard, unser Resümee zum deutschen Kinostart), Jared Hess' Verfilmung des Videospielerfolgs "Minecraft" (Tsp, Welt),die Arte-Serie "Nur 37 Sekunden" (FAZ) und die Apple-Serie "The Studio" mit Seth Rogen (Freitag).
Archiv: Film

Bühne

Kader Attou: Prélude. Foto: Julie Cherki


Kader Attous "Prélude" wird im Rahmen des Tanzmainz-Festivals aufgeführt, freut sich Sylvia Staude in der FR. Der "Pionier des künstlerischen Hip-Hop" erzählt darin von seinem Leben zwischen Boxen, Kunstschaffen und Camus-Lektüren: "Glücklicherweise wird der Tanz dabei nicht vernachlässigt. Kader Attou gibt sich gleich als Dirigent des Ganzen zu erkennen, gehorsam und rhythmisch springt das Ensemble zu Beethovens pa-pa-pa-paam von den Stühlen auf, auf denen es wartete. Doch wirken seine Armbewegungen, seine Interventionen auch selbstironisch. Er und das achtköpfige Ensemble (darunter zwei Frauen) scheinen auf Augenhöhe zu arbeiten und aufzutreten. (…) Sehr rhythmusbetont, fesch vorangaloppierend ist die Musik von Romain Dubois. Dabei Attous Choreografie - was die Modern-Dance-Elemente betrifft - eher schlicht, dafür ausgreifend. Aber im Tanz ist eine solche energiegesättigte Schlichtheit allemal wirksam. Führt sie doch gleichsam zurück zu den Wurzeln des künstlerischen Tanzes im Ritual."

Besprochen werden Leos Janaceks Oper "Die Ausflüge des Herrn Broucek" in der Inszenierung von Robert Carsen an der Staatsoper Berlin (FR) und Brigitta Muntendorfs Musiktheaterstück "Orbit" im Humboldt-Forum, das Peter Uehling in der Berliner Zeitung dann doch etwas zu "lau" mit dem Thema "Vergewaltigungen im Krieg" umgeht.
Archiv: Bühne

Literatur

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So richtig Zunder hat die Debatte um den Leipziger Buchpreis für Kristina Bilkaus Roman "Halbinsel" bislang ja nicht (unsere Resümees hier und dort). Zwar hätten die Kritiker lieber Wolf Haas oder Christian Kracht ausgezeichnet gesehen, aber rundheraus in die Tonne stoßen wollte Bilkaus Roman auch niemand. Der Vorwurf, hier würden Männer mit einer Auszeichnung für eine Frau fremdeln, stand zumindest in den Feuilletons bislang allenfalls angedeutet im Raum (und wäre auch sonderbar, da der Leipziger Buchpreis in den letzten zehn Jahren quasi paritätisch vergeben wurde). Spiegel-Kritiker Xaver von Cranach, der an Bilkaus Buch zwar "manches beeindruckend" findet, aber dennoch Themenliteratur vorliegen sieht, fühlt sich dennoch angesprochen - und sei es nur auf Social Media: "Auf der Plattform Bluesky schickt die Autorin Nicole Seifert gleich die gesamten 'Feuilletonboys' in Gruppentherapie, weil die angeblich nicht aushalten können, dass mit Kristine Bilkau eine Frau einen Preis gewinnt. Bei einem Buch, das überwiegend positive Kritiken bekommen hat (Feuilletonerfolg), auf der Bestsellerliste steht (Publikumserfolg) und dann auch noch einen Preis bekommt (Betriebserfolg) so aus der Defensive heraus zu schreiben, ist etwas merkwürdig." Schreibt er und gibt zu Protokoll, dass Cemile Sahin mit "Kommando Ajax" seine Favoritin gewesen wäre.

Weiteres: Das in Algerien in Abwesenheit seines Anwalts gefällte Urteil über Boualem Sansal "ist ein politischer Skandal", in dem "sich der autoritäre Charakter des algerischen Regimes spiegelt", kommentiert Bernd Beier in der Jungle World. Besprochen werden unter anderem Helge Timmerbergs "Bon Voyage - Mit Papas Benz bis nach Marokko" (taz), Marta Schwierz', Rüdiger Ritters und Greta von Richthofens Comic "Maczków. Eine deutsch-polnische Nachkriegsgeschichte" (BLZ), Tomas Espedals "Lust" (FR) und Martin Prinz' "Die letzten Tage" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Musik

tazler Julian Weber taucht ab in DJ Kozes neues Album "Music Can Hear Us": Wer an der Gegenwart gerade sehr verzweifelt, findet hier das adäquate musikalische Statement dazu, das ganze klingt aber "so gar nicht nach Hinschmeißen. ... Nennen wir es Songwriter-House, perfekt, um barfuß auf der glühenden Lava eines Vulkans zu tänzeln, es könnte ja zum letzten Mal sein. ... Wie immer bei Koze, entstehen Reibungen im Zusammenspiel mit illustren Gästen (darunter der britische Popstar Damon Albarn, Sofia Kourtesis, Soap&Skin, Markus Acher und das japanische Vokal-Quartett Marewrew). Wo auf Feature-Alben gerne die Gaststimmen prätentiös nach vorne gemischt sind, lässt Koze neue Stimmen und alte Bekannte wie Sophia Kennedy und Ada in kontemplativen solistischen Momenten, wenn er Beats, Hooklines und Glitches weitab vom Schlachtengetümmel im Alleingang sondiert, im Grotesken und Ungewohnten glänzen. ... Das Unbeschwerte, drall-Lustige früherer Koze-Alben ist auch noch da, in manch verzerrten Stimmen und Synthsounds blitzt es auf. Stärker im Vordergrund sind inzwischen Ängste, Alltagssorgen, all das, was die Leichtigkeit des Koze-Seins erschwert."



Weitere Artikel: Ein auf Obskuritäten spezialisierter Plattenhändler aus Vancouver namens Rob Firth will in seinen Tonbandbeständen auf jene Aufnahme gestoßen sein, mit der sich die Beatles weiland um einen Plattenvertrag bewarben (hier eine Kostprobe auf Firths Instagram), meldet Jakob Biazza in der SZ unter Rückgriff auf einen Artikel in der New York Times. Die Berliner Symphoniker wollen sich künftig ohne Intendant selbst verwalten, meldet Frederik Hanssen im Tagesspiegel. Merle Krafeld liest für VAN die Studienergebnisse des "Relevanzmonitor Kultur", demzufolge zwar nur ein Viertel der Bevölkerung Klassikkonzerte besucht, aber fast alle sie erhalten wollen.
Christian Schachinger trommelt im Standard für den heutigen Weltschlagzeugertag. In der Frankfurter Pop-Anthologie schreibt Jens Balkenborg über "A New Error" des Trios Moderat.



Besprochen werden das Jubiläumskonzert der Jungen Deutschen Philharmonie zum 50-jährigen Bestehen (FAZ), Helge Schneiders Auftritt in Frankfurt (FR), ein neues Album von Greentea Peng (taz) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von Black Country, New Road (Tsp).

Archiv: Musik
Stichwörter: Dj Koze