Efeu - Die Kulturrundschau

Der chaotische Pulsschlag

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25.03.2025. Die NZZ lauscht in Beat Furrers Oper "Das große Feuer" hingerissen den Stimmen des Waldes, der Tiere und sogar der Wolken. Schon wieder ein Skandal in der Bayerischen Kunstwelt, berichtet die SZ: Auf dem Cover des Programms des Nationalmuseums prangte eine antisemitische Darstellung des Judas. In der NZZ fragt sich der Schriftsteller Davide Coppo, ob die Miniserie "M. Der Sohn des Jahrhunderts" über Mussolini nicht etwas zu viel Identifikationsfläche mit dem Diktator bietet. 
9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.03.2025 finden Sie hier

Film

Der "Duce" als lächerliche Figur: "M. Der Sohn des Jahrhunderts" (Sky)

Der Schriftsteller Davide Coppo berichtet in der NZZ davon, wie in Italien die Miniserie "M. Der Sohn des Jahrhunderts" über Mussolini (lose nach der Romanserie von Antonio Scurati) wahrgenommen wird. Dass der Regisseur Joe Wright und die Autoren Stefano Bises und Davide Serino den italienischen Diktator als lächerliche Figur darstellen, findet Coppo zwar "interessant und mutig", aber dieses Manöver "erfordert einen gut geschulten kritischen Geist. Denn allzu leicht könnte man sich in jenen Mann einfühlen. ... So schrieb etwa Marco Travaglio, Chefredaktor von Il Fatto Quotidiano: 'Es besteht die Gefahr, dass die Zuschauer denken, der Duce und die historischen Figuren, die um ihn kreisen, seien wirklich so: Marionetten, Parodien und Silhouetten aus dem Puppentheater oder der Groteske.' Und der Corriere della Sera fühlte sich zu dem Hinweis bemüßigt, dass 'der Faschismus keine Komödie, sondern eine Tragödie' sei. Der chaotische Pulsschlag der Kommentare in den sozialen Netzwerken lässt anderseits erkennen, dass vor allem Nostalgiker oder Bewunderer des Duce über das Porträt empört waren. Von den Fratelli d'Italia scheint niemand Zeit gehabt zu haben, sich mit der Serie auseinanderzusetzen."

Im Kunstmuseum Stuttgart ist aktuell Christian Marclays mittlerweile legendäre Installation "The Clock" zu sehen, die einmal alle 24 Stunden abläuft und dabei zu jeder Uhrzeit des Tages einen Ausschnitt aus der Filmgeschichte zeigt, in dem gerade genau diese Uhrzeit herrscht. Am Stück nur für Athleten des Kinositzens zu packen, weshalb sich um diese Installation ein regelrechter Tourismus entwickelt hat von Menschen, die, wann immer sich die Möglichkeit dazu bietet, ein paar Stunden mitnehmen, um so den Eindruck allmählich zu vervollständigen. Für den Filmdienst war Patrick Holzapfel in den frühen Morgenstunden dort. "Gerade das Wieder-Reinkommen zählt zu den schönsten Momenten, die man mit 'The Clock' verbringen kann. Plötzlich stellt sich so etwas wie Parallelität ein, man bekommt das Gefühl, dass das Kino geblieben ist, während man weg war, und dass es für einen immer läuft, wenn man es braucht. ... Immer zur vollen Stunde verdichtet sich dann das Geschehen. Countdowns setzen ein, Duelle werden ausgefochten, abfahrende Züge müssen erwischt werden. Das Kino liebt die vollen Stunden."

Weiteres: Hamdan Ballal, der palästinensische Co-Regisseur des Dokumentarfilms "No Other Land", soll laut einer dpa-Meldung bei einem Scharmützel im Westjordanland von israelischen Siedlern verletzt und im Anschluss in Gewahrsam genommen worden sein - der genaue Ablauf der Geschehnisse ist allerdings noch unklar. Besprochen werden die Netflix-Serie "Adolescence", die gerade wegen ihres Themas - Gewalt gegen Frauen - und ihrer Inszenierung - jede Folge wirkt wie in einer Einstellung gedreht - für sehr viel Aufsehen sorgt (taz), Kurdwin Ayubs "Mond" mit Volksbühnen-Schauspielerin Florentina Holzinger (Tsp) und Marc Webbs Realfilm-Remake des Disneyklassikers "Schneewittchen" (taz).
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Musik

In der NZZ spricht der US-Jazzsaxofonist Kamasi Washington mit Ueli Bernays über die bedrückende Lage in den USA unter Trump: "Die Situation ist grauenhaft. Viele Leute, die sich eigentlich wehren sollten, haben Angst vor der Regierung. ... Wir sind alle überrumpelt. Aber die Künstler sind jetzt gewarnt, sie schauen genau hin. Und ich habe den Eindruck, dass sich bereits eine Widerstandsbewegung zu formieren begonnen hat, auch wenn sie sich noch nicht klar manifestiert hat." Dabei gehe es auch, aber nicht nur um die "Gruppen, die unter der Regierung Trump unter Druck geraten sind: Immigranten, Schwarze, Frauen, Handicapierte, LGBTQ. Aber es geht dabei auch um die Mehrheit. Wenn einer Minderheit demokratische Institutionen und Rechte verwehrt werden, ist das eine Gefahr für alle."

Weitere Artikel: Karl Fluch freut sich im Standard auf das Konzert von Stereolab in Wien im Sommer: "So dröhn, so schön." Patricia Shams verabschiedet sich im Tagesanzeiger von The Searchers, die nach fast 70 Jahren in Rente gehen.

Besprochen werden das zweite Album des Christine Corvisier Quintets mit Jazzvarianten von Chansons (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter "Schwarze Magie" von Die Heiterkeit ("Das Weinen hilft doch sehr, nun geht es uns allen besser", schließt Christian Schachinger im Standard).

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Design

Brigitte Werneburg wirft für die taz einen Blick auf die Gewinner des italienischen Modepreises "International Talent Support 10x10x10 Creative Excellence Award", die nun im Museum of Art in Fashion in Triest zu sehen sind. Besprochen wird Emanuele Coccias und Alessandro Micheles Buch "Das Leben der Formen. Eine Philosophie der Wiederverzauberung" (online nachgereicht von der FAS).
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Bühne

Szene aus "Das große Feuer" am Opernhaus Zürich.

Beat Furrer hat es am Opernhaus Zürich geschafft, ein Musiktheater über das Verhältnis des Menschen zur Natur auf die Bühne zu bringen, ohne eine reine "Öko-Oper" zu konzipieren, oder zu "zeitgeistig" zu werden, freut sich Kritiker Christian Wildhagen in der NZZ. Furrer hat sich den 1971 erschienenen Roman "Eisejuaz" der argentinischen Schriftstellerin Sara Gallardo zum Vorbild genommen und erzählt in "Das große Feuer" die Geschichte vom Anführer eines indigenen Stammes, der von spanischen Kolonisatoren bedroht wird. Auf einfachen Schwarz-Weiß-Schemata ruhe sich die Oper aber nicht aus, allein schon diese Hauptfigur, genannt Eisenjuaz, ist ein komplexer Charakter der zwischen animistischem Naturverständnis und dem Einfluss der Kolonisatoren, vor allem in Gestalt des Rassisten Paqui, hin- und hergerissen ist. Musikalisch findet Wildhagen das sowieso großartig: "In einer Art obligatem Soundtrack, der dem Stück eine zweite Ebene verleiht, macht er die Stimmen des Waldes, der Tiere, ja der Flüsse und Wolken hörbar, für die einer wie Paqui keine Ohren besitzt, die aber auch in Eisejuaz, zu dessen Kummer, mehr und mehr verstummen. So farbig und suggestiv tönt das, dass man ab und an die Augen schließen und bloß lauschen möchte."

Etwas anders sieht es FAZ-Kritiker Jan Brachmann, für den Furrer und Dramaturg Thomas Stangl einen seltsamen Spagat hinlegen, wenn sie im Programmheft betonen, "dass sie keinen billigen Exotismus wollen, dass sie keine kulturelle Aneignung betreiben, dass sie den Techniken und Prinzipien westeuropäischer Kunst treu blieben, letztlich dass sie keine Kolonialisten seien. Aber natürlich machen sie dabei das Schicksal eines indigenen Volkes, dessen Kultur und Lebensraum zerstört wird, zum Brennstoff ihrer eigenen Kunst, um ihr eine größere Dringlichkeit zu verleihen." Trotzdem kann Brachmann einigen Szenen ihre Intensität nicht absprechen: "Wenn die Frauenstimmen des Vokalensembles Cantando Admont, teils vierteltönig verdichtet, als Tierengel von Eidechse, Nandu, Gürteltier und Rokokokröte auf Eisejuaz einsingen, klirrend schrill, von den wortlos schreienden Holzbläsern der Philharmonia Zürich unterstützt, wird die Begegnung mit dem Heiligen als Erfahrung von Gewalt beschrieben."

Weiteres: Egbert Tholl unterhält sich für die SZ mit dem neuen Intendanten der Hamburger Staatsoper Tobias Kratzer. Besprochen wird Christian Breys Inszenierung des Musicals "The Addams Family" am Staatstheater Mainz (FR).
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Literatur

Eric Amblers 1938 veröffentlichter Roman "Anlass zur Unruhe" lässt Wolfgang Matz in der FAZ-Reihe "Pflichtlektüre für Demokraten" geradezu frösteln: Vieles von dem, was der Autor über die Dreißiger schreibt, ähnelt in manchem unseren Zwanzigern. "Während Ambler 1937 und 1938 schreibt, weiß er noch nichts vom Schicksal der Trümmerlandschaft Europa in den Vierzigern, vom neuen Weltkrieg, vom millionenfachen Mord; er schreibt ganz aus der Perspektive des Augenblicks und erkennt jetzt schon die Zeichen des Späteren. 'Anlass zur Unruhe' ist nicht der Roman eines Nachgeborenen, der die Vergangenheit, den Weg ins Unheil rekonstruiert, weil er das blutige Ende kennt; lesen muss man ihn unbedingt als Warnung eines unmittelbaren Zeitgenossen, der illusionslos das Unheil analysiert, das vor Europas Türe steht." Bei Kaliber 38 finden wir Thomas Wörtches Nachwort zu einer Neuausgabe von 2012 dokumentiert.

Weiteres: Die FAZ stellt die fünf wichtigsten Romane aus ihrer Literaturbeilage zur Leipziger Buchmesse vor. Besprochen werden unter anderem Serhij Zhadans Erzählungsband "Keiner wird um etwas bitten" (online nachgereicht von der LitWelt), der Debütroman "Image" der auf Social Media populären Meme-Künstlerin Sveamaus (Standard), Natasha Browns "Von allgemeiner Gültigkeit" (Freitag), Margery Allinghams Krimi "Campion. Tödliches Erbe" (FR), Nicolas Mathieus "Jede Sekunde" (NZZ), Georgi Demidows "Zwei Staatsanwälte" (NZZ), neue Lyrikveröffentlichungen, darunter "Brüchige Stücke" von Nancy Campbell (Freitag), und Patricia F. Blumes "Die Geschichte der Leipziger Buchmesse in der DDR" (FAZ).
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Kunst

Jörg Häntzschel traute seinen Augen nicht, als er auf das Programm des Bayerischen Nationalmuseums blickte: Dort war ein Abbild des Judas Iskariot abgedruckt, berichtet er in der SZ, "mitsamt seiner üblichen Attribute: gelber Mantel, Bart, rote Haare und um den Hals ein dicker Geldsack". Es ist ein Detail aus einer Bilderreihe über die Passionsgeschichte. Ist den Verantwortlichen der Antisemitismus der Darstellung nicht aufgefallen? Besonders pikant ist die Angelegenheit, weil Ende März eine Gedenkveranstaltung zu Ehren der Opfer des Nationalsozialismus im Museum stattfinden wird. "Hätte ein solches Motiv nicht eingeordnet und erläutert werden müssen, zumal wenn es so aus dem Kontext herausgelöst wird? Nicht um der politischen Korrektheit willen, sondern um aufzuklären? Generaldirektor Frank Matthias Kammel scheint das anders zu sehen. In seinen Beteuerungen des Bedauerns hebt er nur auf die 'verletzten Gefühle' des Publikums ab: 'Wir werden zukünftig noch sensibler als bisher auf die Motivwahl achten'" verkündete er. Die Flyer wurden mittlerweile eingestampft!

Der Wolfsburger Kunstverein leidet stark unter Einsparungen, berichtet Bettina Maria Brosowsky in der taz. Das geplante Programm klingt aber trotzdem spannend, meint sie und findet ihren Eindruck mit der erste Ausstellung des Jahres "Auf Reisen" bestätigt. Gut gefallen haben ihr hier zum Beispiel die Arbeiten von Atiye Noreen Lax: "Sie zeigt zwei Videos. Für das erste, 'Restlessness', hat sie viele Jahre lang ihre Füße an verschiedensten Orten gefilmt, ihr empfundenes Nomadentum. Für ihre zweite, 13-minütige Videoarbeit war sie 2024 für sechs Monate in der Türkei unterwegs. Sie bereiste entlegene Gegenden mit familiären Bezügen, aber auch Touristen-Hotspots wie die zentralanatolische Region Kappadokien. Dieses Unesco-Weltkultur- und Naturerbe zeichnen nicht nur bizarre Höhlen vulkanischen Ursprung aus, teils zu Architekturen transformiert, es ist auch hoch frequentierter Ausgangspunkt für Ballonfahrten. Man sieht Scharen asiatischer Touristen in den Himmel aufsteigen - und die Künstlerin fragt sich: Was unterscheidet mich von ihnen? Bin ich nicht nur in Deutschland Fremde, sondern auch in der 'Haymat', so der Titel des Videos gemäß der türkischen Transkription dieses urdeutschen Gefühlspotenzials."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Alex Wissel. Der zwanglose Zwang" im Bielefelder Kunstverein (FAZ) und die Ausstellung "Will McBride - Die Berliner Jahre" im Bröhan-Museum Berlin (Tsp).
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