Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.02.2025. Alle trauern um Gene Hackman, der aus dem Alltäglichen etwas ganz Besonderes machen konnte. Der bayerische Kulturminister kündigt Rechtssicherheit für Restitutionen an, der Tagesspiegel bleibt skeptisch. Ebenfalls der Tagesspiegel entdeckt in der Berliner Akademie der Künste die DDR-Ästhetik des Dorfes Berka, das Ute und Werner Mahler und Ludwig Schirmer über siebzig Jahre fotografiert haben. Das Theaterkollektiv tutti d*amore räumt in der Deutschen Oper mit Wagnermythen und Operettenklischees auf, die taz schaut zu. Außerdem ärgert sie sich über die Machenschaften von Spotify.
Gene Hackman, 2008. (Bild: Christopher Michael Little/Wikipedia, CC BY 2.0) Alle Feuilletons trauern um den großen GeneHackman. Er war der "amerikanischeJedermann", schreibt Jürgen Kaube in der FAZ. Mit seiner Physis wäre er im klassischen Hollywoodkino wohl der ewige Nebendarsteller geblieben. Die gebrochenen Helden von New Hollywood bescherten ihm jedoch eine Position mitten im Rampenlicht: "Der Held wurde ein verhaltensunsicherer, überforderter Typ. In keiner seiner Rollen verkörperte Hackman Sicherheit. ... Während Eastwoods Puls stets verlässlich fällt, während er seine Waffen entlädt, verliert Hackman in seinen Filmen fast ständig die Nerven, greift sich ins Gesicht, hantiert verlegen mit seinem Hut, lacht hilflos, zwinkert, um die Situation, vor allem aber sich selbst zu beruhigen. Hackman war die verkörperte Angst vor Kontrollverlust. Deswegen haben wir ihm alle diese Rollen abgenommen. Er war in seinen Bundfaltenhosen und seinem überbetont Lässigkeit vorspielenden Gang stets so durchschnittlich und überfordert, wie wir es an seiner Stelle gewesen wären."
Großartig etwa, wie er am Ende von Coppolas "The Conversation" in einem Paranoia-Anfall seine eigene Wohnung zerlegt - jeder Schweißtropfen sitzt:
"Gerade das Alltägliche seiner Erscheinung machte er zu seiner Besonderheit", schreibt Marion Löhndorf in der NZZ. Hackman "vermaß das menschliche Innenleben vom Spießigen ('The Birdcage', 1996) bis zum Dämonischen ('The Chamber', 1996), vom Autoritären ('Geronimo', 1993) und vom Rechtschaffenen ('The Poseidon Adventure', 1972). Ganz zu schweigen vom Sadistischen in 'Unforgiven'. ... Er ließ Widersprüche zu, erlaubte Kompliziertheiten, und das alles spielte er sehr präzise. Auf der Straße wäre er niemandem aufgefallen. Aber auf der Leinwand vereinte sich seine besondere Energie, die einen Star zum Star macht, mit einer riesigen Bandbreite an Ausdrucksmöglichkeiten: Er machte die oft Übersehenen, scheinbar Unauffälligen überlebensgroß."
Seinen Durchbruch feierte er als getriebener Cop in "French Connection" von William Friedkin. "Auf das Charakterfach des harten Hundes und getriebenen Überzeugungstäters war er darauf erst einmal festgelegt", schreibt Dirk Knipphals in der taz. "Am interessantesten waren seine Rollen dabei, wenn er eigentlich positiv besetzte Figuren verkörperte wie einen Präsidenten, einen Polizisten oder auch einen Schiffskommandanten wie in 'Crimson Tide', die aber allesamt etwas Böses in sich bargen, einen nicht zu zivilisierenden Kern, der gewaltsprühend jederzeit explodieren konnte."
Mit der legendären Verfolgungsjagd in "French Connection" schrieben Friedkin und Hackman Filmgeschichte:
Mit "seinen Augen verstand er es wie kein Zweiter, die Widersprüche des amerikanischen Zeitgeschehens bis ins Mark spürbar zu machen", schreibt Daniel Moersener auf Zeit Online: "Wenn er lächelte, wusste man, dieses Lächeln umspielt nur seinen Mund, ist ein warnendes Manöver, die Rückenflosse eines kreisenden Haifischs. Und dann konnten seine Augen plötzlich tiefschwarz werden, gnadenlos, und sein Gegenüber musste hoffen, aus dieser Situation wieder in einem Stück herauszukommen."
Weiteres: Für die SZ porträtiert Philipp Bovermann die Kostümbildnerin LisyChristl, die am Sonntag für ihre Arbeit an EdwardBergers Vatikanfilm "Konklave" (unser Resümee) mit einem Oscar ausgezeichnet werden könnte. Matthias Heine kann sich in der Welt nicht vorstellen, dass auf Amazons "James Bond"-Deal auch nur ansatzweise ein Segen liegt: "Amazon und Bezos werden Bond nicht einfach töten, sondern sie werden ihn mit den gleichen Methoden erledigen, mit denen Kanaillen-Konzerne bereits andere Legenden zerstört haben."
Besprochen werden PetraVolpes "Heldin" mit LeonieBenesch als überlastete Krankenpflegerin (FAZ, SZ, unsere Kritik), KláraTasovskás Porträtfilm "Noch bin ich nicht, wer ich sein möchte" über die Fotografin LibušeJarcovjáková (Tsp), JamesMangoldsBob-Dylan-Film "Like A Complete Unknown" (NZZ, Standard, mehr zum Film hier), GustavMöllers "Die Wärterin" (SZ, FD), der vierte Teil aus der "Bridget Jones"-Reihe mit RenéeZellweger (Zeit Online) und die dritte Staffel der Amazon-Thrillerserie "Reacher" (NZZ).
Dass sich Minister vor ihrem Parlament entschuldigen, ist selten, hält Nicola Kuhn im Tagesspiegel bezüglich des Raubkunstskandals (unsere Resümees) fest, dass die Entschuldigung des bayrischen Kulturministers Marcus Blume eher halbherzig klingt, ist hingegen wenig überraschend. Die Rede ist von "Raum für Fehlinterpretationen", den die Liste der 200 Gemälde aufgemacht habe, die aufdeckende SZ wird für den "Reputationsschaden" verantwortlich gemacht, den die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen erlitten hätten. Blume kündigt "Tempo" und eine "Taskforce" für rechtssichere Restitutionsentscheidungen an, Kuhn urteilt: "Die Betonung von Minister Blume, dass mit ihnen endlich Rechtssicherheit für die Erben herbeigeführt werde, lässt nicht unbedingt Gutes ahnen. Im Zweifel für die Nachfahren galt bisher bei strittigen Fällen. Aus diesem Grund dürfte sich das Ministerium einer Verhandlung über das Picasso-Bildnis 'Madame Soler' und die einstigen Werke des Kunsthändlers Alfred Flechtheim bisher verweigert haben. Die künftigen Schiedsgerichte werden strenger urteilen, steht zu befürchten." Auch die Welt berichtet weiter über den Raubkunstskandal.
Bestellen Sie bei eichendorff21!Der European Month of Photography steht vor der Tür, die Akademie der Künste feiert die Eröffnung mit der Ausstellung "Ein Dorf 1950-2022." Ute und Werner Mahler und Ludwig Schirmer, Vater der erstgenannten, haben das Dorf Berka in der Generationenfolge über mehr als siebzig Jahre fotografisch begleitet. Tagesspiegel-Autorin Gunda Bartels kann nun beim Betrachten dieser 120 Schwarz-Weiß-Fotos die DDR-Ästhetik wieder zum Leben erwecken lassen: "Zur Jugendweihe gibt es Eierlikör, vor einer Betondatsche klafft ein Minipool, und die Schürzen der Bäuerinnen und Mütter sind aus wild geblümten Dederon. Schlachtefest und Kartoffelernte im Handbetrieb haben die Zeitläufte überdauert." Ein Langzeitprojekt, das auch für die Fragen der Gegenwart relevant ist: "Sollte die ärmliche Vergangenheit Berkas etwa atmosphärischer und fotografisch interessanter als die materiell begütertere Gegenwart sein? Durch den Kamerablick der drei Fotografinnen betrachtet, ist das so. Was das Leben in der thüringischen Provinz angeht, können das nur die Dörfler, die 'Berkschen', sagen." Vergangenes Jahr war bereits ein Bildband zum Projekt erschienen.
Weiteres: Das Archiv des im vergangenen Jahr verstorbenen Fotografen Ulrich Mack wird von der Bayerischen Staatsbibliothek übernommen, weiß die FR. Ingeborg Ruthe fragt in der Berliner Zeitung anlässlich des Europäischen Monats der Fotografie, was Fotografie noch bewirken kann in diesen unsteten Zeiten. Und wir müssen über Armut in der Kunst sprechen, findet Larissa Kikol bei Monopol.
"Ab in den Ring!" Foto: Thomas Aurin. "Operette als Sinnbild walzerseliger Piefigkeit" war gestern, das Theaterkollektiv tutti d*amore räumt mit "Ab in den Ring!" an der Deutschen Oper Berlin mit Klischees und Altbekanntem auf: Mit Regisseurin Anna Weber wird das "bildungsbürgerliche Wagner-Erbe seziert, um es als gut gelaunten Klamauk zu servieren", freut sich Tazlerin Anna Schors. Das Kollektiv hat Spaß an der Zerstörung: "Die Abrissbirne zerschmettert das Bühnenbild. Aus den Trümmern, die an Reste einer mittelalterlichen Burg gemahnen, taucht ein Tenor in Korsage auf. Siegfried, Held der Nibelungen, umfasst eine blondbezopfte Schöne und besingt ihre strohige Perücke. Wenig später wird der zarte Moment durch eine Rapperin unterbrochen: 'Habt ihr euch schon mal selbst im Spiegel angeschaut? Da bröckeln die Jahrhunderte wie Staub auf eurer Haut!'."
Besprochen werden: "Modern Mermates" von Simone Saftig am Theater Kiel, inszeniert von Johannes Ender (Taz), Brechts "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" in der Inszenierung von Dusan David Parizek am Berliner Ensemble (Nachtkritik) und "Sei umschlungen, Millionen!" im Wiener Reaktor, die Choreografie Chris Harings, wird vom Tanzensemble Liquid Loft und Phace performt (Standard).
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ziemlich wütend isttazler Julian Weber nach der Lektüre von LizPellys Buch "Mood Machine", einer kritischen Recherche über die Machenschaften von Spotify. Nicht nur der Datenkapitalismus des Konzerns und die finanzkräftige Unterstützung von DonaldTrump durch Spotify-Gründer DanielEk stoßen ihm auf. Sondern vor allem, dass Spotify zwar Umsätze einfährt, wie sie zu den goldenen Zeiten der Musikbranche üblich waren und Ek gar nicht mehr weiß, wohin mit seinem Geld, während der überwältigende Teil der Musiker aber von dem Geldsegen so gut wie nichts abbekommt. "Spotify teilt Musikschaffende intern in verschiedene 'Etagen' (englisch tiers), je nach Erfolgsaussicht. ... 2023 entschied der Streaminganbieter, erst ab einer Anzahl von mehr als 1.000 Streams Musik zu vergüten. 'Das Internet ist ein Major-Business: Amazon, Eventim, Spotify', erklärt Maurice Summen. ... 'Wir bekommen seit Jahren die gleichen Microcent-Beträge ausgeschüttet. Mir fällt kein anderes Business ein, in dem die Preise seit ewig gleichgeblieben wären. Da wünsche ich mir zumindest mal einen Inflationsausgleich.' ... Aktuell kommt eine unabhängig erstellte Studie des Netzwerks Digitale Kultur zu einem eindeutigen Ergebnis: 75 Prozent der deutschen Streamingumsätze gingen 2023 an 0,1ProzentderKünstler:innen. 68 Prozent der Künstler:innen verdienten mit Streaming weniger als 1 Euro. The Winner takes it all. Auch darum hält sich in der Indieszene ein hartnäckiges Gerücht: Majorlabels haben Sonderkonditionen mit Spotify ausgehandelt."
Außerdem: Karl Fluch erzählt im Standard die tragische Geschichte der Musikerin QLazzarus, die immer mal wieder mit Erfolgen nach oben kam, bis sie in den Neunzigern komplett in der Versenkung und im Elend verschwand. Besprochen werden ein Konzert von Moin (taz), ein Auftritt des Jazzpianisten BradMehldau am Casals-Forum in Kronberg (FAZ) und Moonchild Sanellys Album "Full Moon" (FR).
JuliaEnckeantwortet auf unsere Kritikerumfrage, welche der prägendsten deutschsprachigen Bücher der letzten 25 Jahre gewesen sind. Sie nennt Werke von RainaldGoetz, BenjaminvonStuckrad-Barre, HeleneHegemann, RonyaOthmann und ruft außerdem "Spione" von MarcelBeyer aus dem weit zurückliegenden Jahr 2000 in Erinnerung: Darin "geht es um die Legion Condor, die 1936 in den Spanischen Bürgerkrieg eingriff. Marcel Beyer ist ein Meister der Reflexion von Erinnerung und menschlicher Wahrnehmung und lässt hier, wo es nach dem Hören um das Sehen geht, mit den 'Spionen' auch das Moment der Überwachung und Beobachtung der Beobachtung nicht aus." Alle Beiträge zu unserer Umfrage finden Sie hier.
Ausführlich gibt Simon Roger in Le Monde Gerüchte wieder, die behaupten, Boualem Sansal sei gar nicht in den Hungerstreik getreten, und er habe alle seine Anwälte inklusive seines französischen Anwalts François Zimeray von seinem Fall entbunden. Verbreitet wurden diese Gerüchte vom Präsidenten der Anwaltskammer in Algier in der algerischen Zeitung El Watan (hier ein Link über Twitter). Roger zitiert auch Zimeray zu diesen Gerüchten: "sollte er wirklich einen Kündigungsbrief unterzeichnet haben?", fragt Zimeray, "Ich kann es nicht sagen, denn ich habe keinen Zugang zu meinem Mandanten - aus unwürdigen Gründen. Völlig sicher ist hingegen, dass Boualem nicht frei ist und dass er starkem Druck ausgesetzt war, seinen Anwalt zu wechseln. Er hat protestiert, wollte sich von seinem algerischen Anwalt trennen, aber den französischen behalten. In seiner Resignation hätte er sich dann entschieden, sich allein zu verteidigen. Meine einzige Gewissheit ist, dass das nicht seinem Willen entspricht, denn gegenüber Angehörigen hat er betont, dass ich sein Vertrauen genieße." Sansal soll nahegelegt worden sein, seinen franzöischen Anwalt zu wechseln, weil Zimeray Jude sei (unsere Resümees).
Weiteres: Ulrike Baureithel besucht für den Freitag die Tucholsky-Buchhandlung in Berlin-Mitte, die Ende März für immer schließen muss: Ein horrender neuer Mietpreis hat potenzielle Käufer des Ladens vergrault. Besprochen werden unter anderem JessicaAnthonys "Es geht mir gut" (Freitag), BeaDavies' Comic "Super-Gau" (Tsp), LeokadiaJustmans "Brechen wir aus! Als polnische Jüdin auf der Flucht in Tirol" (Standard), OlgaFlors "Ein kurzes Buch zum fröhlichen Untergang" (Standard), CatharinaValckx' Kinderbuch "Edith. Das Mädchen von hundert Jahren" (FR) und DmitrijKapitelmans "Russische Spezialitäten" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Charlotte Mew: Alle belebten Dinge halten den Atem an Aus dem Englischen von Wiebke Meier. Mit einem Nachwort von Norbert Hummelt. Charlotte Mew war eine der herausragenden lyrischen Stimmen ihrer Zeit. In ihren mit den Geschlechterrollen…
Katja Diehl, Mario Sixtus: Picknick auf der Autobahn Mit zehn Schwarzweiß-Abbildungen. Wie werden die Menschen in Deutschland in Zukunft autofrei und klimafreundlich unterwegs sein? Dieses Buch bietet Antworten und ist somit…
Pascal Mercier: Der Fluss der Zeit Pascal Mercier ist nun in fünf bisher unveröffentlichten Erzählungen auch als Meister der kurzen Form zu entdecken: Kann ein Mann auf dem Höhepunkt seiner Jahre noch einmal…
Vladimir Jankelevitch: Das Unumkehrbare und die Nostalgie Aus dem Französischen von Ulrich Kunzmann. Was ist das Wesen der Nostalgie? Und wodurch entsteht sie? Das sind die Fragen, die Vladimir Jankélévitch in seinem großen Spätwerk…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier