25 Jahre Perlentaucher
Funken schlagen
Von Julia Encke
28.02.2025. "Ambivalenz - die eigentliche Voraussetzung für Literatur." Julia Encke antwortet auf die Kritikerumfrage des Perlentaucher.25 Jahre Perlentaucher: Wir fragen die bekanntesten Kritiker und Kritikerinnen Deutschlands: "Welches waren für Sie die fünf prägendsten Bücher der deutschsprachigen Literatur seit 2000" (Editorial). Als Orientierung haben wir ihnen diese Liste mit den meistbesprochenen Büchern der deutschen Literatur seit 2000 mitgegeben. Am 13. März feiern wir mit dem Deutschland Literaturarchiv in Marbach und der Frage: Wohin geht die deutsche Literatur? Das Archiv der bisherigen Beiträge finden Sie hier. D.Red.
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Zu den für mich wichtigsten Romanen seit dem Jahr 2000 zählt zuallererst Marcel Beyers "Spione" (2000): Nach seinem einmaligen Roman "Flughunde", in dem der Stimmenforscher Hermann Karnau die Stimmen der Goebbels-Kinder im Führerbunker auf Schallplatten presste und "die letzten Tage der Unmenschheit" dokumentierte, geht es hier um die Legion Condor, die 1936 in den Spanischen Bürgerkrieg eingriff. Marcel Beyer ist ein Meister der Reflexion von Erinnerung und menschlicher Wahrnehmung und lässt hier, wo es nach dem Hören um das Sehen geht, mit den "Spionen" auch das Moment der Überwachung und Beobachtung der Beobachtung nicht aus.

Rainald Goetz' "Johann Holtrop" (2012) und Benjamin von Stuckrad-Barres "Noch wach?" (2023) erzählen für mich faszinierend komplementär und in sprachlich komplett unterschiedlichen Projekten die Geschichten zweier Top- Manager in Deutschland. Goetz aus der brillanten analytischen Distanz die des charismatischen Vorstandsvorsitzenden Dr. Johann Holtrop, in den Nullerjahren Herr über 80.000 Mitarbeiter und einem Jahresumsatz von 20 Milliarden und dessen Absturz; Stuckrad-Barre aus dem analytischen Furor der unmittelbaren Nähe die des mächtigen Chefs eines deutschen Fernsehsenders, der seine globalen Plattformambitionen im Silicon Valley Anfang der 2020er Jahre enthemmt auslebt.
Von Helene Hegemann könnte ich "Bungalow" nennen, entscheide mich aber für ihre Erzählung über "Patti Smith" (2021), eine autobiographische Geschichte über den Tod der Mutter, die Begegnung mit dem Künstler Christoph Schlingensief und mit der Sängerin Smith; ein sprachliches Feuerwerk aus Erinnerung, Reflexion, Recherchiertem und Humor, dem Huldigung fernsteht. Woraus Helene Hegemann Funken schlägt, ist Ambivalenz - die eigentliche Voraussetzung für Literatur.
Und zuletzt Ronya Othmanns großen dokumentarischem Roman "Vierundsiebzig" (2024), mit dem sie den Toten und Überlebenden des Genozids an den Jesiden ein Denkmal setzt und unablässig die Frage nach dem "Wie" reflektiert, nach einer Sprache für das unvorstellbare Grauen.
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Zu den für mich wichtigsten Romanen seit dem Jahr 2000 zählt zuallererst Marcel Beyers "Spione" (2000): Nach seinem einmaligen Roman "Flughunde", in dem der Stimmenforscher Hermann Karnau die Stimmen der Goebbels-Kinder im Führerbunker auf Schallplatten presste und "die letzten Tage der Unmenschheit" dokumentierte, geht es hier um die Legion Condor, die 1936 in den Spanischen Bürgerkrieg eingriff. Marcel Beyer ist ein Meister der Reflexion von Erinnerung und menschlicher Wahrnehmung und lässt hier, wo es nach dem Hören um das Sehen geht, mit den "Spionen" auch das Moment der Überwachung und Beobachtung der Beobachtung nicht aus. 
Rainald Goetz' "Johann Holtrop" (2012) und Benjamin von Stuckrad-Barres "Noch wach?" (2023) erzählen für mich faszinierend komplementär und in sprachlich komplett unterschiedlichen Projekten die Geschichten zweier Top- Manager in Deutschland. Goetz aus der brillanten analytischen Distanz die des charismatischen Vorstandsvorsitzenden Dr. Johann Holtrop, in den Nullerjahren Herr über 80.000 Mitarbeiter und einem Jahresumsatz von 20 Milliarden und dessen Absturz; Stuckrad-Barre aus dem analytischen Furor der unmittelbaren Nähe die des mächtigen Chefs eines deutschen Fernsehsenders, der seine globalen Plattformambitionen im Silicon Valley Anfang der 2020er Jahre enthemmt auslebt.
Von Helene Hegemann könnte ich "Bungalow" nennen, entscheide mich aber für ihre Erzählung über "Patti Smith" (2021), eine autobiographische Geschichte über den Tod der Mutter, die Begegnung mit dem Künstler Christoph Schlingensief und mit der Sängerin Smith; ein sprachliches Feuerwerk aus Erinnerung, Reflexion, Recherchiertem und Humor, dem Huldigung fernsteht. Woraus Helene Hegemann Funken schlägt, ist Ambivalenz - die eigentliche Voraussetzung für Literatur.
Und zuletzt Ronya Othmanns großen dokumentarischem Roman "Vierundsiebzig" (2024), mit dem sie den Toten und Überlebenden des Genozids an den Jesiden ein Denkmal setzt und unablässig die Frage nach dem "Wie" reflektiert, nach einer Sprache für das unvorstellbare Grauen.
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