Efeu - Die Kulturrundschau
Sehnsucht nach Orten, die es nicht mehr gibt
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.01.2025. Der Guardian lernt in London fassungslos Simone de Beauvoirs Schwester Hélène kennen, die so radikal malte wie die Schwester schrieb. Die taz klettert mit Kieran Joel in Potsdam über die baumdicken Oberschenkel von Kim de l'Horizons Großmeer. Außerdem blickt die taz auf die Isolation israelischer DJs in der Elektro- und Clubszene. Die SZ liest zum fünfzigsten Todestag die traurigen, bissigen, melancholischen Exil-Gedichte von Mascha Kaleko.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
21.01.2025
finden Sie hier
Kunst

Nicht weniger als "Welterfahrung im Medium der Zeichnung" will die Ausstellung "Zeichnung. Idee - Geste - Raum" im Bochumer Museum unter Tage vermitteln, und im Tagesspiegel lässt sich Nicola Kuhn gern auf "beglückende Zwiegespräche" mit rund achtzig KünstlerInnen ein. Den Höhepunkt bilden für sie die abstrakten Arbeiten: "Zu einer phänomenalen Serie geraten Ellsworth Kelly, dann Robert Ryman, auf die Hermann Glöckner folgt als Grandseigneur der offiziell unerwünschten DDR-Abstraktion. Seine mit einem einzigen Linienschwung aufs Papier geworfene 'Wellenform von links nach rechts verlaufend' nimmt es locker mit den beiden Amerikanern auf. (…) Zuletzt tritt die Zeichnung in den Raum, niemand könnte dies besser einlösen als Fred Sandback, der stets Schnüre und Stahldrähte von der Decke zum Boden spannte. In Bochum befinden sich drei Linien aus weißem Garn zwar straff an der Wand, in ihnen stecken aber genauso alle Dimensionen, ja die ganze Welt. Er arbeite nicht entmaterialisiert, betonte der Amerikaner stets."
Amy Fleming ist im Guardian sprachlos, dass die Malerin Hélène de Beauvoir in Vergessenheit geraten konnte, dabei stand sie ihrer Schwester Simone in Produktivität und Radikalität in nichts nach, wie die Kritikerin in einer Ausstellung in der Amar Gallery in London feststellen kann: "Die Ausstellung trägt den Titel 'The Woman Destroyed', nach der Sammlung von drei Geschichten von Simone aus dem Jahr 1967, die, abgesehen von Hélènes Porträts ihrer Schwester, die einzige künstlerische Zusammenarbeit der Geschwister war. Hélène schuf eine Reihe von Stichen, die die Gefühle einer der weiblichen Protagonistinnen widerspiegeln, deren Ehemann eine Affäre zugibt. Die Werke wurden damals in Paris ausgestellt und in der Zeitschrift Elle veröffentlicht. (…) 'Hélène war ihrer Zeit voraus', sagt Claudine Monteil, eine enge Freundin der Schwestern, die sechs Bücher über sie geschrieben hat und nach London reisen wird, um für die Ausstellung zu werben. 'Sie malte die Studentenrevolution von 1968 und widmete sich dann den Frauenthemen der siebziger Jahre sowie dem Schutz von Natur und Umwelt. In vielen ihrer Gemälde sind Tiere und Frauen zu sehen, von denen einige unterdrückt wurden. Sie malte auch Einwanderinnen - Frauen, die alles verloren haben. Sie hat das vor 50 Jahren gemacht.'"
Weitere Artikel: Jens Malling erinnert in der taz an den Brand der Nationalgalerie Abchasiens, dem die große Sowjet- und Avantgarde-Kunst umfassende Sammlung zum Oper fiel. In der FAZ gratuliert Stefan Trinks Jeff Koons zum Siebzigsten. Besprochen wird die Ausstellung "Peche Pop - Dagobert Peche und seine Spuren in der Gegenwart" im Museum für angewandte Kunst in Wien (FAZ, mehr hier)
Literatur
Marie Schmidt erinnert in der SZ an die Lyrikerin Mascha Kaléko, die vor 50 Jahren gestorben ist und die aktuell mit einigen Wiederveröffentlichungen wiederentdeckt wird (etwa auch in dieser "Langen Nacht" beim Dlf Kultur). Vor den Nazis musste sie einst fliehen, in der wirtschaftswunderbaren Bundesrepublik weigerte sie sich, von einstigen Nazi-Parteigängern Auszeichnungen anzunehmen. "Über die Sehnsucht nach Orten, die es nicht mehr gibt, und das Pendeln zwischen den Ländern, Sprachen, Erinnerungen und neuen Realitäten hat Mascha Kaléko die leichtesten, herzzerreißendsten Gedichte geschrieben, die es in deutscher Sprache gibt. ... Diese traurigen, bissigen, melancholischen Exil-Gedichte gerade jetzt zu lesen, hat wieder einen besonders bitteren Beigeschmack in einem politischen Moment, in dem über Migranten geredet wird, als seien sie Verfügungsmasse, als seien Schlagworte von 'Rückführung', 'Aberkennung der Staatsbürgerschaft' und anscheinend 'sicheren Herkunftsländern' unvermeidlicher Teil des politischen Wettbewerbs."
Weitere Artikel: Gerrit Bartels liest für den Tagesspiegel weiterhin aufmerksam den Instagram-Account von Rainald Goetz, der auf der Plattform kürzlich auch über Sinn, Zweck und Möglichkeiten seiner Unternehmung dort nachgedacht hat. Nadine A. Brügger porträtiert für die NZZ den Autor Daniel Glattauer. Marc Reichwein gratuliert in der Welt dem Lyriker Eugen Gomringer zum hundertsten Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem Felix K. Nesis "Die Leute von Oetimu" (Presse), José Maria Eça de Queirós' "Die Maias. Episoden aus dem romantischen Leben" (NZZ), Kai Sinas "'Was gut ist und was böse'. Thomas Mann als politischer Aktivist" (FAZ) und Jean Hanff Korelitz' "Die Nachzüglerin" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Weitere Artikel: Gerrit Bartels liest für den Tagesspiegel weiterhin aufmerksam den Instagram-Account von Rainald Goetz, der auf der Plattform kürzlich auch über Sinn, Zweck und Möglichkeiten seiner Unternehmung dort nachgedacht hat. Nadine A. Brügger porträtiert für die NZZ den Autor Daniel Glattauer. Marc Reichwein gratuliert in der Welt dem Lyriker Eugen Gomringer zum hundertsten Geburtstag.
Besprochen werden unter anderem Felix K. Nesis "Die Leute von Oetimu" (Presse), José Maria Eça de Queirós' "Die Maias. Episoden aus dem romantischen Leben" (NZZ), Kai Sinas "'Was gut ist und was böse'. Thomas Mann als politischer Aktivist" (FAZ) und Jean Hanff Korelitz' "Die Nachzüglerin" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Bühne

Kieran Joel hat Kim de l'Horizons mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichneten Roman "Blutbuch" auf die Bühne des Potsdamer Hans Otto Theaters gebracht - und in der taz ist Michael Wolf erstaunt, wie gut das funktioniert: Im Zentrum der Inszenierung steht die Großmeer: "Nackt auf dem Rücken liegend, füllt sie, von der Bühnenbildnerin Barbara Lenartz entworfen, mit sicher zehn Metern vom Kopf bis zu den fast mannshohen Füßen die Bühne aus. Charlott Lehmann und Paul Sies, die beide die Hauptfigur Kim spielen, tollen auf dieser Landschaft aus Fleisch herum, rutschen über die Brüste, klettern die baumdicken Oberschenkel hinauf zum Knie, kriechen in die leeren Augenhöhlen, schlüpfen durch rotes Schamhaar. Da wäre in Kieran Joels Inszenierung also einerseits der riesenhafte, aber zugleich verschwindende, der sterbende Körper der alten Frau, der, einer Demenz geschuldet, seine eigenen Grenzen nicht mehr klar erkennen kann, der Kim ständig berührt, streichelt, abklopft, um sich zu vergewissern, wo sie aufhört und der andere Mensch anfängt. (…) Vor der Großmutter spielt das Kind Modenschau und hängt sein ganzes Glück daran, ob sie seine Schönheit lobt oder es tadelt, weil es 'Mädchenkleidung' trage. Eine solche Kategorisierung ist hier nichts anderes als nackte Gewalt."
Während sich Shirin Sojitrawalla in der nachtkritik darüber beklagt, dass jüngst wieder überwiegend Männer an Theatern bestimmen, berichtet Annette Reuther auf den Panorama-Seiten der SZ von der Inszenierung der Regisseurin Silvia Gallerano, die derzeit mit dem Stück "Svelarsi" (zu deutsch: "Enthüllen") durch Italien tourt: Sieben "Schauspielerinnen treten nackt auf die Bühne. Männern dürfen weder im Publikum sitzen noch bei der Produktion in irgendeiner Form mitwirken, keine Techniker, keine männlichen Journalisten, selbst die Feuerwehrbereitschaft im Theater muss eine Frau übernehmen. Eine Produktion frei vom 'männlichen Blick'. 'Wir zeigen uns nicht wie Tiere in einem Zoo', heißt der Aufruf."
Weitere Artikel: 2017 besetzten sie die Volksbühne, jetzt bewirbt sich die AktivistInnengruppe Staub zu Glitzer öffentlich für die Intendanz, meldet Erik Peter in der taz: "In ihrem Bewerbungsschreiben heißt es, man strebe nach einem 'Modellprojekt zur Überwindung des Intendanzsystems'. Das Kollektiv bewerbe sich nicht für die Intendanz, vielmehr gehe es ihnen darum, 'Enabler*innen eines völlig neuen Staatstheater-Modells' zu sein: Menschen aus der Volksbühnen-Community, darunter etwa die 230 Angestellten, Nachbar:innen, Wissenschaftler:innen und Aktivist:innen, sollen 'eingeladen sein, ihr Theater der Commons zu gestalten'." Für die SZ spricht Dorion Weickmann mit dem israelischen Choreografen Ohad Naharin, der das Stück "Momo" gemeinsam mit der israelischen Batsheva Dance Company auf die Bühne im Haus der Berliner Festspiele gebracht hat (unser Resümee) und der, obwohl er selbst die israelische Regierung kritisiert, immer wieder mit BDS-Protesten konfrontiert wird. Gerald Felber gratuliert dem Regisseur Peter Konwitschny in der FAZ zum Achtzigsten.
Besprochen werden die Tanztage in den Berliner Sophiensälen (taz), Christopher Rüpings Inszenierung "Ajax und der Schwan der Scham" am Hamburger Thalia Theater (taz), Martin G. Bergers Inszenierung der Wagner-Oper "Der fliegende Holländer" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Rainer Ewerriens Inszenierung von Elke Heidenreichs Ehe-Stück "Alte Liebe" in der Frankfurter Stalburg (FR) und Árpád Schillings Inszenierung von Peter Tschaikowskis "Eugen Onegin" an den Bühnen Bern (nachtkritik).
Film
Valerie Dirk blickt für den Standard zurück auf die lange Geschichte des Hasses extremer Konservativer, christlicher Fundamentalisten und Antisemiten auf Hollywood, die heute mit gar nicht mehr so insgeheimer Freude auf die Waldbrände in Kalifornien blicken. Weitere Nachrufe auf David Lynch (siehe auch hier und dort unsere Resümees) schreiben Dierk Saathoff (Jungle World) und Karl Fluch (Standard).
Besprochen werden Taylor Sheridans auf Paramount gezeigte Serie "Landman" ("Ist das etwa die erste Serie für den zweiten Turn von Donald Trump", fragt FAZ-Kritikerin Nina Rehfeld entsetzt), Jesse Eisenbergs "A Real Pain" (NZZ, unsere Kritik), Rich Peppiatts irische Rap- und IRA-Komödie "Kneecap" (SZ-Kritiker Joachim Hentschel verspricht "mehr als nur ein weiterer turbulenter Working-Class-Rumsbumsspaß") und der vorerst nur in der Schweiz startende Animationsfilm "Reise der Schatten" des Schweizer Künstlers Yves Netzhammer (NZZ).
Besprochen werden Taylor Sheridans auf Paramount gezeigte Serie "Landman" ("Ist das etwa die erste Serie für den zweiten Turn von Donald Trump", fragt FAZ-Kritikerin Nina Rehfeld entsetzt), Jesse Eisenbergs "A Real Pain" (NZZ, unsere Kritik), Rich Peppiatts irische Rap- und IRA-Komödie "Kneecap" (SZ-Kritiker Joachim Hentschel verspricht "mehr als nur ein weiterer turbulenter Working-Class-Rumsbumsspaß") und der vorerst nur in der Schweiz startende Animationsfilm "Reise der Schatten" des Schweizer Künstlers Yves Netzhammer (NZZ).
Musik
Israelische DJs fühlen sich in der Elektro- und Clubszene zusehends isoliert, berichtet Nicholas Potter in der taz. Dies liege auch daran, dass das Schicksal der Ermordeten und der Überlebenden des Hamas-Massakers auf dem Nova-Festival am 7. Oktober 2023 "in der internationalen elektronischen Musikszene kaum Resonanz findet. In den vergangenen 15 Monaten wurde der Massenmord teils sogar als legitime Form von Widerstand gefeiert." Gedenkveranstaltungen für die Toten, etwa im Berliner Club About Blank, werden derweil mit Kampagnen und Boykottaufrufen erheblich unter Druck gesetzt. "'Wir waren sehr naiv zu glauben, dass wir als israelische Protagonisten der elektronischen Musikszene Teil von etwas Globalem sind', sagt Adi Shabat. ... Ähnlich sieht es 'Block'-Gründer Yaron Trax, der nun Festivals in der Negevwüste organisiert. Am 7. Oktober 2023 wurde auch der Tontechniker seines ehemaligen Clubs, Matan Lior, beim Nova-Festival ermordet. 'Viele Leute haben Angst, offen über die Ereignisse beim Festival zu sprechen, sogar internationale DJs, die hier regelmäßig aufgelegt haben', sagt er zur taz. Sie hätten Sorge um ihre Karrieren, glaubt er."
"In die abendfüllenden Konzerte ging man um sieben Uhr hinein und kam gegen elf als anderer Mensch wieder heraus", resümiert FAZ-Kritiker Max Nyffeler das Luzerner Festival Le Piano Symphonique, wo unter anderem auch eine gesundheitlich etwas angeschlagene Martha Argerich mit dem Cellisten Mischa Maisky und der Geigerin Janine Jansen ein Konzert gab. "Jeder Moment ist hier kostbar", seufzt dabei Christian Wildhagen in der NZZ. "Unerhört hell, in schwerelos-verspielter Heiterkeit löst sich Haydns Musik von den Saiten, schwebt gleichsam im Raum. Ähnlich beglückend und nuancenreich greifen die gesanglichen Linien bei Mendelssohn ineinander. Und im Zusammenspiel von Argerich und Maisky ... spürt man die über Jahrzehnte gewachsene Vertrautheit zwischen Künstlerfreunden. So tritt hier ... etwas in den Vordergrund, was nicht in den Noten steht: souveränes, uneitles Können, ein Lebensschatz an Erfahrungen und jenes Irrationale, das man behelfsweise Aura nennt."
Weiteres: Adrian Schräder plaudert für die NZZ mit der Schweizer Popsängerin Joya Marleen.
Besprochen werden das neue Album von FKA Twigs (Tsp), ein Auftritt in Frankfurt von Jan Lisiecki und der Academy of St Martin in the Fields (FR), ein Wiener Strauss-Konzert von Asmik Grigorian mit den Wiener Symphonikern (Standard), das Frankfurter Museumskonzert mit dem Dirigenten Giancarlo Guerrero und dem Pianisten Stewart Goodyear (FR), ein Konzert in Wien von FLAMMeS mit Franz Koglmann (Standard) und das Debütalbum des Pariser Powerpop-Quartetts Alvilda (Jungle World).
"In die abendfüllenden Konzerte ging man um sieben Uhr hinein und kam gegen elf als anderer Mensch wieder heraus", resümiert FAZ-Kritiker Max Nyffeler das Luzerner Festival Le Piano Symphonique, wo unter anderem auch eine gesundheitlich etwas angeschlagene Martha Argerich mit dem Cellisten Mischa Maisky und der Geigerin Janine Jansen ein Konzert gab. "Jeder Moment ist hier kostbar", seufzt dabei Christian Wildhagen in der NZZ. "Unerhört hell, in schwerelos-verspielter Heiterkeit löst sich Haydns Musik von den Saiten, schwebt gleichsam im Raum. Ähnlich beglückend und nuancenreich greifen die gesanglichen Linien bei Mendelssohn ineinander. Und im Zusammenspiel von Argerich und Maisky ... spürt man die über Jahrzehnte gewachsene Vertrautheit zwischen Künstlerfreunden. So tritt hier ... etwas in den Vordergrund, was nicht in den Noten steht: souveränes, uneitles Können, ein Lebensschatz an Erfahrungen und jenes Irrationale, das man behelfsweise Aura nennt."
Weiteres: Adrian Schräder plaudert für die NZZ mit der Schweizer Popsängerin Joya Marleen.
Besprochen werden das neue Album von FKA Twigs (Tsp), ein Auftritt in Frankfurt von Jan Lisiecki und der Academy of St Martin in the Fields (FR), ein Wiener Strauss-Konzert von Asmik Grigorian mit den Wiener Symphonikern (Standard), das Frankfurter Museumskonzert mit dem Dirigenten Giancarlo Guerrero und dem Pianisten Stewart Goodyear (FR), ein Konzert in Wien von FLAMMeS mit Franz Koglmann (Standard) und das Debütalbum des Pariser Powerpop-Quartetts Alvilda (Jungle World).
Kommentieren