Efeu - Die Kulturrundschau
Genug Glitzer
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15.01.2025. Die FAZ schaut mit Jesse Eisenbergs Film "A Real Pain" nach Polen, wo um die Erinnerung an den Holocaust eine brummende Tourismusbranche entstanden ist. Darf Carrie Underwood wegen ihres Auftritts bei der Trump-Inauguration angefeindet werden? Nein, meint die SZ. Der Standard findet mit Christoph Bochdanskys und Rose Breuss' Tanzstück "Fragments of our time" am Wiener Theater Nestroyhof Hamakom verlorene Tänze wieder.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
15.01.2025
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Film

In "A Real Pain", der zweiten Regiearbeit Jesse Eisenbergs, der hier auch gleich eine Hauptrolle übernimmt, reisen "zwei nicht mehr ganz junge jüdische Männer aus Amerika" nach Polen, um "etwas von dem spüren können, was sie aus dem Schicksal ihrer Vorfahren betrifft", schreibt Bert Rebhandl in der FAZ. Sie treffen dort auf eine brummende Tourismusbranche, die sich um die Erinnerung an den Holocaust herum aufgestellt hat. "Eisenberg, der selbst das Drehbuch geschrieben hat, beschäftigt sich mit der vielfach diskutierten Frage nach einem Gedächtnis, das sich über Generationen und auch leibseelisch fortschreibt. ... Eisenberg durchsetzt 'A Real Pain' mit fast unmerklichen Ironien. Eine der deutlicheren betrifft die Figur des Eloge, eines jungen Mannes, der den Genozid in Ruanda überlebt hat, in Kanada zum Judentum konvertiert ist und nun mit dem Traumawissen um einen afrikanischen Genozid einen europäischen besser verstehen will." Weitere Besprechungen in Presse und BLZ.
Der auf künstlerische Dokumentarfilme spezialisierte Regisseur Thomas Riedelsheimer begibt sch in seinem neuen Film "Tracing Light" (mehr dazu bereits hier) philosophisch, wissenschaftlich und künstlerisch auf die Suche nach dem Licht. "Wenn wir Licht wahrnehmen, sehen wir in Wirklichkeit niemals das Licht selbst, sondern stets die Dinge, auf die es trifft", sagt der Filmemacher gegenüber Chris Schinke im Filmdienst-Gespräch. Es "transportiert Informationen - über Gegenstände, Materialien, Oberflächen. Es ist wie eine Sprache des Universums. Das Faszinierende daran ist, dass wir mit ihm die Beschaffenheit unserer Umgebung erkennen, ohne jedoch das Licht selbst erfassen zu können. Das Unsichtbare ist hier ein Kernelement. ... Wir haben nicht einmal eine angemessene Sprache für die Phänomene." Dies "führt zu einer gewissen Bescheidenheit. Wir müssen akzeptieren, dass unser Platz im Universum begrenzt ist und unser Wissen unvollständig bleiben wird."
Besprochen werden Halfdan Ullmann Tøndels Elternabend-Kammerspieldrama "Armand" (diese "verflochtene Melange aus Horror, Sozialdrama, Komödie und Satire steigert sich bisweilen ins Absurde", schreibt Carolin Weidner in der taz), Al Pacinos Autobiografie "Sonny Boy" (Jungle World), Clint Eastwoods Justizthriller "Juror #2" (SZ) und die Netflix-Miniserie "American Primeval" (TA).
Bühne

(c) Gregor Grkinic
Ein herausragendes Stück Tanztheater bringen Christoph Bochdansky und Rose Breuss am Wiener Theater Nestroyhof Hamakom auf die Bühne. "Fragments of Our Time" erzählt, so Sofia Teresa Müller im Standard, von exilierten Künstlern, die verlorene Tänze aufführen. "Aus der Hommage an vergangene Zeiten erwächst ein vielschichtiger Dialog zwischen Erinnerung und Gegenwart. Das Ensemble - unter ihnen internationale Künstler aus Argentinien, Taiwan oder der Ukraine - verwebt Vergangenheit mit biografischen Momenten der eigenen Tanzkarriere, die bis heute nachhallen. Mal wirken die Tanzenden wie im Stillstand gefangen, mal explodiert die Energie, wenn sich zeitgenössische Soundeffekte mit klassischer Klaviermusik verdichten." Besonders bemerkenswert sind außerdem "die überdimensionierten Puppen, die als Protagonisten auftreten und den Übergang von Historie zu zeitgenössischem Erlebnis erleichtern. Sie sind keine bloßen Spielfiguren, sondern werden zu Gesprächspartnern, Kommentatoren, manchmal sogar zum Teil der Identität der Tänzer."
Verena Großkreuz besucht für nachtkritik den Daniil Charms gewidmeten Soloabend "Zack. Eine Sinfonie". Der Schauspieler Wolfram Koch bringt diese dem 1942 als Opfer des stalinistischen Terrors verstorbenen Charms gewidmete Hommage derzeit am Schauspiel Stuttgart auf die Bühne - als absurde Nummernrevue, die sich aus Gedichten, Dialogen und kleinen Erzählungen zusammensetzt. "Eine ganz besondere, schön schockhafte Art von Komik entsteht oft gerade aus dem pausenlosen Umswitchen in die nächste Nummer. Das Lachen bleibt einem dementsprechend immer wieder im Halse stecken. Eine Professorenfrau, die gerade noch den Tod ihres Gatten betrauert, wird von 'fremden Menschen' gegen ihren Willen in eine Irrenanstalt abgeführt. Oder eine Hygienekommission legt den fast schon verhungerten Kalugin 'in der Mitte zusammen' und kippt ihn weg 'wie Müll'."
Weitere Artikel: Christiane Lutz kommentiert in der SZ die Entscheidung des Gerhart-Hauptmann-Theaters, die Namensrechte des Hauses zum Verkauf anzubieten: Warum nicht?, fragt sie sich beziehungsweise uns. Die FAZ erinnert an den verstorbenen Bremer Theaterindendanten Michael Börgerding. Atif Mohammed Nour Hussein plädiert auf nachtkritik für ein Comeback des kulinarischen Theaters. Das Berliner Ensemble nimmt, um Finanzierungslücken zu schließen, Übernachtungsgäste auf, berichtet Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung. Ebenfalls in der Berliner Zeitung fragt Carola Tunk: Hat das Land Berlin wissentlich eine korrupte Firma mit der Sanierung der Komischen Oper beauftragt?
Besprochen werden György Kurtágs "Fin de partie" an der Berliner Staatsoper (van, nmz) und Maria Milisavljevićs "Staubfrau" im Zürcher Schiffbau (NZZ).
Literatur

Weitere Artikel: Hubert Spiegel hat für die FAZ die Feierlichkeiten zum Besitzerwechsel der Essener Buchhandlung Proust besucht, deren alte Besitzer zwar in Rente gehen, ihren Laden aber weiterreichen konnten. Wilfried Hippen berichtet in der taz überaus begeistert von seinem Besuch in den Studios der Hörspielschmiede Ohrenkneifer, die neben eigenen Stoffen auf die Umsetzung gemeinfreier Romane setzen.
Besprochen werden unter anderem Kai Sinas "Was gut ist und was böse. Thomas Mann als politischer Aktivist" (Welt), Caroline Darians "Und ich werde dich nie wieder Papa nennen" (NZZ), Tommie Goerz' Krimi "Im Schnee" (FAZ) und Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Begeistert stromert Stefan Trinks im FAZ-Auftrag durch die Ausstellung "Medardo Rosso. Die Erfindung der modernen Skulptur" im Wiener Mumok. Rosso ist der "bekannteste Unbekannte unter den Bildhauern", erläutert Trinks und sollte in einem Atemzug mit Rodin genannt werden. Neue Wege beschritt er unter anderem darin, dass er in seinem Werk die Bildhauerei konsequent mit anderen Künsten, unter anderem der Fotografie, verband. Besonders radikal sind seine Arbeiten "in der Denkmalplastik. Er holte die Dargestellten buchstäblich wie Rodin seine Bürger von Calais vom Sockel, bringt sie auf Augenhöhe mit dem Betrachter, weil dieser nicht mehr zu jemanden aufschauen sollte, der schon durch diesen 'himmelnden Blick', wie ihn die Kunstgeschichte nennt, heroisiert würde. Im italienischen 19. Jahrhundert des Risorgimento gibt es in jeder Stadt des Belpaese eine Straße, einen Platz oder ein Denkmal für Giuseppe Garibaldi. Auch Rosso versucht sich an einem Denkmal für diesen Nationalhelden, lässt Garibaldi aber nicht stehen, vielmehr unheroisch sitzen."
Einen Föhn stellen Jakob Lena Knebl und Markus Pires Mata im Landesmuseum Darmstadt neben das Bild eines Herrn mit Föhnfrisur, neben einen Mülleimer hängen sie Landschaftsmalerei. Das Kunst- und Designexpertenduo durfte für eine Ausstellung mit dem Titel "Ich muss mich erst einmal sammeln" die Depots des Museums durchforsten. Katharina J. Cichosch war für die taz vor Ort und freut sich: "Die gesamte Schau vollführt eine assoziative Vermengung aus High und Low, Kunst und Design, Natur und Kunst, den schönen und den praktischen Dingen. Vor Ort stellt sich bald eine gute Orientierungslosigkeit ein: Namen, Jahreszahlen, Epochen, bildungsbürgerliches oder akademisches Wissen sollen für den Ausstellungsbesuch keine Rolle spielen. Überhaupt keine, wie das Duo im Gespräch versichert."
Außerdem: Freddy Langer gratuliert in der FAZ dem Fotografen Andreas Gursky zum 70. Laura Ewert trifft sich für Monopol mit der Schweizer Künstlerin Sandra Knecht.
Besprochen werden die Ausstellung "Die Mauer: vorher, nachher, Ost und West" im Berliner Max-Liebermann-Haus (Tagesspiegel), Max Schaffers Schau "Weihnachtsfeier der Senatsverwaltung für Finanzen (abgesagt)" in der Berliner Galerie Die Möglichkeit einer Insel (taz Berlin), die Schau "Ernst Ludwig Kirchner und die Künstler der Gruppe Rot-Blau" im MASI, Lugano (NZZ) und "Neue Sachlichkeit" in der Kunsthalle Mannheim (FR).
Musik
FAZ-Kritiker Clemens Haustein ist begeistert vom Dänischen Nationalen Symphonieorchester. In der Berliner Philharmonie war "ein Klangkörper zu erleben mit Streichern, die satten Ton mit schlanker Beweglichkeit verbinden, die Holzbläser zeigen Kraft und Intensität, die Blechbläser strahlende Wärme. Die Agilität dieses Orchesters ist bemerkenswert, der Chefdirigent Fabio Luisi (er leitet das Ensemble seit acht Jahren) macht von ihr regen Gebrauch. Wenige Orchesterleiter, die so frei mit dem Tempo umgehen wie Luisi: Ein starres Zeitmaß gibt es bei ihm nicht, als später Nachfahre einer vormodernen Tradition bremst oder beschleunigt er den Fluss. Besonders in Sergej Rachmaninows zweitem Klavierkonzert mit Khatia Buniatishvili als Solistin zeichnet er die Wellenbewegung der Musik, ihr An- und Abschwellen, mit großem Einfühlungsvermögen nach. Die Musiker folgen wach und kredenzen ihren süffigsten Klang."
Fast bedauerlich findet es Jakob Biazza in der SZ, dass Carrie Underwood für ihren angekündigten Auftritt bei Trumps Inauguration so angefeindet wird, denn die aus einer Casting-Show siegreich hervorgegangene Country-Sängerin "taugt unter Umständen ja wirklich zur Identifikationsfigur. ... Underwoods Stimme etwa hat dieses druckvolle Strahlen, das es braucht, damit die Country-Anteile ihrer Musik die nötige Weite bekommen und der Pop-Rock genug Glitzer."
Außerdem: Georg Rudiger erzählt auf Backstage Classical von seinem Besuch in Freiburg beim Experimentalstudio des SWR, das derzeit auf der Suche nach einer neuen Bleibe ist. Ein Teil von Udo Jürgens' Nachlass wird bei Sotheby's versteigert, meldet Eva Komarek in der Presse. Besprochen wird das Frankfurter Konzert von Jan Böhmermann mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld (FR).
Fast bedauerlich findet es Jakob Biazza in der SZ, dass Carrie Underwood für ihren angekündigten Auftritt bei Trumps Inauguration so angefeindet wird, denn die aus einer Casting-Show siegreich hervorgegangene Country-Sängerin "taugt unter Umständen ja wirklich zur Identifikationsfigur. ... Underwoods Stimme etwa hat dieses druckvolle Strahlen, das es braucht, damit die Country-Anteile ihrer Musik die nötige Weite bekommen und der Pop-Rock genug Glitzer."
Außerdem: Georg Rudiger erzählt auf Backstage Classical von seinem Besuch in Freiburg beim Experimentalstudio des SWR, das derzeit auf der Suche nach einer neuen Bleibe ist. Ein Teil von Udo Jürgens' Nachlass wird bei Sotheby's versteigert, meldet Eva Komarek in der Presse. Besprochen wird das Frankfurter Konzert von Jan Böhmermann mit dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld (FR).
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