Efeu - Die Kulturrundschau
Vorzugsweise im Schlafanzug
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.12.2024. Die Berliner Zeitung verliert sich in David Schnells farbstarken Halluzinationen im Berliner Mies-van-der-Rohe-Haus. Monopol schaut Martina Morger im Baseler Museum Tinguely beim Ablecken von Schaufenstern zu. Der Tagesspiegel spaziert mit dem Verlegerpaar Angelika und Bernd Erhard Fischer durchs Berliner Umland und entdeckt Löcher in der Zeit. Die Pianistin Hanni Liang erklärt der FAZ, wie ihre Konzerte der Vereinzelung in der modernen Welt entgegen wirken. Und die SZ rät Kindern zu Gruselfilmen, um zu lernen, mit Furcht umzugehen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
18.12.2024
finden Sie hier
Kunst

Einem fruchtbaren Motiv fürs Kunstschaffen widmet sich das Basler Museum Tinguely mit seiner Schau "Fresh Window": dem Schaufenster. Alexandra Wach schaut sich für monopol in der "über drei Stockwerke nach möglichst vielfältigen Schauwerten beschwingt suchenden Ausstellung" um. Zu den Fundstücken zählt unter anderem eine Arbeit der "Video-Künstlerin Martina Morger, die während des Lockdowns den französischen Ausdruck für Schaufensterbummel 'Lèche Vitrine' performte und in den geisterhaft leeren Einkaufsstraßen die Glasscheiben ableckte. Eine bemitleidenswerte Flaneurin des 21. Jahrhunderts, die der Trennwand zum Schlaraffenland der Waren und Objekte nur noch ihr verzweifeltes Begehren entgegensetzen konnte."
Ingeborg Ruthe begeistert sich in der Berliner Zeitung für David Schnells Kunst, die derzeit im Berliner Mies van der Rohe Haus ausgestellt wird. Die farbigen Muster, mit denen der Maler arbeitet, rufen Assoziationen an Drohnenflüge wach und regen auch ansonsten die Fantasie an: "Sind es Kartenhäuser? Farbstarke Halluzinationen von sicheren Behausungen, von urbanen Gebilden? Optische Täuschungen von (bedrohten) sozialen Gesellschaftsformationen, von Nachbarschaft? Kaum saugt der Blick sich fest an den wie schwebenden Bodenplatten im Gemälde 'Diorama', hat man das Gefühl, in die Tiefe hinabzustürzen, in eine Krypta. Doch dann fangen einen die vertikalen Strukturen oben auf, nachtdunkel die einen, kirchenfensterartig wie hinterleuchtet die anderen. Es ist, als brausten Orgelklänge auf einen herab."
Yelizaveta Landenberger streift für die FAZ durch das Museum für zeitgenössische Kunst Krakau. Thomas Steinfeld bespricht in der SZ ein Buch des Kunsthistorikers Willibald Sauerländer über den Barock-Maler Nicolas Poussin. In der taz Nord wiederum bespricht Bettina Maria Brosowsky einen Katalog, der die Arbeit des Braunschweiger Museum für Photographie sowie dessen Trägervereins würdigt. Ferial Nadja Karrasch denkt auf monopol darüber nach, weshalb die Museen plötzlich Künstlerinnen aus der DDR entdecken.
Besprochen werden eine Hans-Haacke-Ausstellung in der Frankfurter Schirn (Tagesspiegel), die Esel-Ausstellung "Einfach unentbehrlich" im Neuen Museum Berlin (taz), die Schau "Arte Povera: Giovanni Anselmo, Mario Merz, Giuseppe Penone" in der Berliner Konrad Fischer Galerie (taz Berlin), die Ausstellung "Alberto Giacometti - Surrealistische Entdeckungen" im Max Ernst Museum Brühl (NZZ) und Bethan Hughes' Ausstellung "Hevea Act 6: Ein elastisches Kontinuum" im Tiroler Kunstpavillon (Standard)
Bühne

Gottfried von Einems Opernadaption des "Prozess" kitzelt aus Kafka den Humoristen heraus, freut sich Holger Noltze in van. Zumindest in Stefan Herheims gelungener Inszenierung am Theater an der Wien. Unter anderem tragen bei Herheim sowohl Josef K. als auch die Musiker von-Einem-Perücken. Den Komponisten wiederum sehen wir "vorzugsweise im Schlafanzug. Auch das macht Sinn, denn die Regie legt mit großer Lust die Macht des Sexuellen als Triebfeder frei. Steht alles im Text. Dieser Josef K. ist ja mehrfach Objekt der Begierde mehrerer Frauen (von Anne-Fleur Werner allesamt mit Hingabe verkörpert); er vermag dennoch (sexuell wie vor Gericht) nicht recht 'durchzudringen' und gerät in ominöse Kopulationskonkurrenzen mit durchaus weniger komplizierten Kerlen."
Außerdem: Margarete Affenzeller berichtet im Standard von digitalen Experimenten am Wiener Burgtheater, wo Roman Senkl das Lisa-Wentz-Stück "Das Haus" für einen Streamingkanal inszenieren wird.
Besprochen werden die Gogol-Inszenierung "Revisor" am Wiener Akademietheater (FAZ; "Aber wozu das alles?"), die Theaterperformance "Die Schatten neben dem Sonnenschirm" in der Synagoge in Chania (taz) und die Kinderoper "Sagt der Walfisch zum Thunfisch" an der Staatsoper Wien (van; "der kindgerecht gedachte Text bleibt selbst für geübte Opern-Ohren über weite Strecken unverständlich").
Literatur
"In Zeiten, in denen sich jeder ungefragt aufgefordert fühlt, die Weltlage zu kommentieren, und der Mangel an Sachkenntnis die Bekenntniswut nicht bremst, sondern eher befördert, sind die Debatten im PEN Berlin bezeichnend", meint Paul Jandl in der NZZ: "Was sich gerade im Berliner PEN abspielt, ist intellektuell beschämend und erinnert an die sektenhaften Auseinandersetzungen in den linken K-Gruppen der siebziger Jahre."
Dorothee Nolte erzählt im Tagesspiegel von ihrem Besuch bei dem Verleger-Ehepaar Angelika und Bernd Erhard Fischer, die sich auf bibliophile Broschüren über Schriftsteller und ihre Schreiborte spezialisiert haben. Dazu inspirierte sie einst in der Nachwendezeit ein Zufallsfund beim Spazieren im Berliner Umland: Sie stießen "im Süden Berlins auf ein heruntergekommenes Herrenhaus mit verkrautetem Park voller Skulpturen und Brücken: Blankensee, einst der Wohnort des Theaterautors und zu seiner Zeit viel gelesenen, heute vergessenen Schriftstellers Hermann Sudermann. Fasziniert von dem verwunschenen Ort begannen sie, seine Geschichte zu erforschen. 'Wir hatten ein Loch in der Zeit entdeckt', erzählt Bernd Erhard Fischer." Geschrieben werden die Veröffentlichungen "von verschiedenen Autoren, die Fotos sind stets von Angelika Fischer und haben einen ganz eigenen, stimmungsvollen Charakter. Mit ihrer Hasselblad-Kamera wartet die Künstlerin manchmal stundenlang auf das richtige Licht, sucht die passende Perspektive, um, über die Fotos der Räume und Objekte, ein 'indirektes Porträt' des Menschen zu schaffen, der sie einst bewohnte und benutzte."
Weitere Artikel: Der Jugendbuchautor Martin Schäuble erzählt im taz-Interview davon, wie schwierig es ist, einen Roman über sexuellen Missbrauch im Sport zu schreiben. Tilman Spreckelsen spricht für die FAZ mit der Jugendbuchautorin Kerstin Gier über deren "Vergissmeinnicht"-Trilogie.
Besprochen werden unter anderem Christoph Ransmayrs "Egal wohin, Baby" (FR), Daniel Clowes' Comic "Monica" (taz), Craig Thompsons Comic "Ginsengwurzeln" (Intellectures), Isabelle Graws "Angst und Geld" (FR), Sibylle Anderls und Claus Leggewies "Die Sonne. Eine Entdeckung" (NZZ, online nachgereicht von der FAZ), Friederike Mayröckers "1 Nervensommer" mit Illustrationen von Andreas Grunert (FAZ) und Ines Geipels "Fabelland. Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Dorothee Nolte erzählt im Tagesspiegel von ihrem Besuch bei dem Verleger-Ehepaar Angelika und Bernd Erhard Fischer, die sich auf bibliophile Broschüren über Schriftsteller und ihre Schreiborte spezialisiert haben. Dazu inspirierte sie einst in der Nachwendezeit ein Zufallsfund beim Spazieren im Berliner Umland: Sie stießen "im Süden Berlins auf ein heruntergekommenes Herrenhaus mit verkrautetem Park voller Skulpturen und Brücken: Blankensee, einst der Wohnort des Theaterautors und zu seiner Zeit viel gelesenen, heute vergessenen Schriftstellers Hermann Sudermann. Fasziniert von dem verwunschenen Ort begannen sie, seine Geschichte zu erforschen. 'Wir hatten ein Loch in der Zeit entdeckt', erzählt Bernd Erhard Fischer." Geschrieben werden die Veröffentlichungen "von verschiedenen Autoren, die Fotos sind stets von Angelika Fischer und haben einen ganz eigenen, stimmungsvollen Charakter. Mit ihrer Hasselblad-Kamera wartet die Künstlerin manchmal stundenlang auf das richtige Licht, sucht die passende Perspektive, um, über die Fotos der Räume und Objekte, ein 'indirektes Porträt' des Menschen zu schaffen, der sie einst bewohnte und benutzte."
Weitere Artikel: Der Jugendbuchautor Martin Schäuble erzählt im taz-Interview davon, wie schwierig es ist, einen Roman über sexuellen Missbrauch im Sport zu schreiben. Tilman Spreckelsen spricht für die FAZ mit der Jugendbuchautorin Kerstin Gier über deren "Vergissmeinnicht"-Trilogie.
Besprochen werden unter anderem Christoph Ransmayrs "Egal wohin, Baby" (FR), Daniel Clowes' Comic "Monica" (taz), Craig Thompsons Comic "Ginsengwurzeln" (Intellectures), Isabelle Graws "Angst und Geld" (FR), Sibylle Anderls und Claus Leggewies "Die Sonne. Eine Entdeckung" (NZZ, online nachgereicht von der FAZ), Friederike Mayröckers "1 Nervensommer" mit Illustrationen von Andreas Grunert (FAZ) und Ines Geipels "Fabelland. Der Osten, der Westen, der Zorn und das Glück" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Film
Kathleen Hildebrand und Susan Vahabzadeh fragen sich in der SZ, ob allzu spannende und vielleicht auch etwas gruseligere Kinder- und Jugendfilme ihr primär anvisiertes Publikum traumatisieren können und holen Rat bei Prüfern der FSK, dem Medienpädagogen Christian Exner und dem Filmforscher Tobias Kurwinkel ein. Letzterer "sieht sogar etwas Gutes in einem gewissen Grusel: 'Furcht ist nicht nur negativ. Im bildungspsychologischen Sinne gehört der Umgang mit ihr zu den Entwicklungsaufgaben - es ist wichtig für Kinder, sagen zu können: 'Ich kann das aushalten.'" Und "auch Christian Exner sieht im Film großes Potenzial, gerade für sensible junge Menschen. ... 'Gerade Kinder, die sich schnell ängstigen, können sich über Filme relativ kontrolliert mit schwierigen Themen auseinandersetzen' - und Techniken des Selbstschutzes trainieren: Augen zuhalten, das Gespräch mit und die Nähe zu vertrauten Personen suchen. Sich distanzieren, mit der Erkenntnis: 'Ist doch alles nur ein Film...'"
Weitere Artikel: Patrick Heidmann spricht für die taz mit der Regisseurin Payal Kapadia über ihren in Cannes mit dem "Großen Preis der Jury" ausgezeichneten Debütfilm "All We Imagine As Light", der von der Freundschaft dreier Frauen in Mumbai erzählt. Mit "Love Sucks" (ZDF), "Der Upir" (Joyn) und "Oderbruch" (ARD) bestimmt in diesem Jahr das Vampirmotiv die deutschen Serien, stellt Caroline O. Jebens in der Welt fest, findet aber nur "Oderbruch" wirklich überzeugend: Die Serie "bricht nicht nur die Sehgewohnheiten im deutschen Fernsehen auf, sondern findet neue Bilder für unersättliche Vampire". Martin Ostermann resümiert im Filmdienst den Wettbewerb des Menschenrechts-Filmpreises 2024. Andreas Kilb schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Schauspielerin Marisa Paredes. Der Musiker Thomas Amper verklagt Disney, weil er mehr Geld für seine deutschen Versionen der Songs in Disney-Filmen haben möchte, meldet David Steinitz in der SZ.
Besprochen werden Al Pacinos Memoiren (online nachgereicht von der FAZ), Matthew Browns "Freud - Jenseits des Glaubens" mit Anthony Hopkins in der Titelrolle (Tsp, FAZ), Barry Jenkins' Animationsfilm "Mufasa", der die Vorgeschichte zum "König der Löwen" erzählt (Welt) und der ARD-Weihnachtsfilm "Bach - ein Weihnachtswunder" mit Devid Striesow (FR).
Weitere Artikel: Patrick Heidmann spricht für die taz mit der Regisseurin Payal Kapadia über ihren in Cannes mit dem "Großen Preis der Jury" ausgezeichneten Debütfilm "All We Imagine As Light", der von der Freundschaft dreier Frauen in Mumbai erzählt. Mit "Love Sucks" (ZDF), "Der Upir" (Joyn) und "Oderbruch" (ARD) bestimmt in diesem Jahr das Vampirmotiv die deutschen Serien, stellt Caroline O. Jebens in der Welt fest, findet aber nur "Oderbruch" wirklich überzeugend: Die Serie "bricht nicht nur die Sehgewohnheiten im deutschen Fernsehen auf, sondern findet neue Bilder für unersättliche Vampire". Martin Ostermann resümiert im Filmdienst den Wettbewerb des Menschenrechts-Filmpreises 2024. Andreas Kilb schreibt in der FAZ einen Nachruf auf die Schauspielerin Marisa Paredes. Der Musiker Thomas Amper verklagt Disney, weil er mehr Geld für seine deutschen Versionen der Songs in Disney-Filmen haben möchte, meldet David Steinitz in der SZ.
Besprochen werden Al Pacinos Memoiren (online nachgereicht von der FAZ), Matthew Browns "Freud - Jenseits des Glaubens" mit Anthony Hopkins in der Titelrolle (Tsp, FAZ), Barry Jenkins' Animationsfilm "Mufasa", der die Vorgeschichte zum "König der Löwen" erzählt (Welt) und der ARD-Weihnachtsfilm "Bach - ein Weihnachtswunder" mit Devid Striesow (FR).
Musik
Lilli Ann Vorbeck porträtiert für die FAZ die Pianistin und Konzert-Designerin Hanni Liang, die "vom Musizieren auf kaputten Instrumenten über Klaviere auf befahrener Straße im Kongo bis hin zu großen Momenten in der Elbphilharmonie zeigt, was klassische Musik heute alles sein kann. ... Beim Designen" oder Entwickeln neuer Konzertformate stellt die Pianistin bewusst die Frage nach der Rolle des Künstlers, des Publikums und des Kunstwerks in der gesamten Konzertsituation und erweitert damit das ursprüngliche, rein werkzentrierte Konzertdenken. ... 'In meinen Konzerten geht es oft um den Begegnungsaspekt, darum wie es in einer Gesellschaft, in der die Vereinzelung zunimmt, es möglich ist, sich wieder als Subjekte würdevoll zu begegnen.'"
Weitere Artikel: Konstantin Nowotny sorgt sich im Freitag, dass mit der "Spotify Wrapped"-Jahresendstatistik ein allzu sehr ums eigene Image bemühter Musikkonsum befördert wird. Ein brasilianisches Gericht hat Adele dazu verurteil, ihren 2015 veröffentlichten Song "Million Years Ago" nicht mehr zu verbreiten, da dieser zu sehr dem Song "Mulheres" von Martinho da Vila ähnelt, meldet Adrian Eng im Tagesanzeiger. Und das alteingesessene Machtdose-Blog bringt die erste Lieferung seines traditionellen "Die besten Alben des Jahres"-Rankings.
Besprochen werden unter anderem Caspar Battegays Buch "Leonard Cohens Stimme" (NZZ), Snoop Doggs und Dr. Dres neues Album "Missionary" ("es ist nicht peinlich", schreibt Karl Fluch im Standard) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter "The Night" von Saint Etienne ("Alles wirkt sehr hübsch und stimmig, verströmt Fadesse auf höchstem Niveau", meint Karl Fluch im Standard).
Weitere Artikel: Konstantin Nowotny sorgt sich im Freitag, dass mit der "Spotify Wrapped"-Jahresendstatistik ein allzu sehr ums eigene Image bemühter Musikkonsum befördert wird. Ein brasilianisches Gericht hat Adele dazu verurteil, ihren 2015 veröffentlichten Song "Million Years Ago" nicht mehr zu verbreiten, da dieser zu sehr dem Song "Mulheres" von Martinho da Vila ähnelt, meldet Adrian Eng im Tagesanzeiger. Und das alteingesessene Machtdose-Blog bringt die erste Lieferung seines traditionellen "Die besten Alben des Jahres"-Rankings.
Besprochen werden unter anderem Caspar Battegays Buch "Leonard Cohens Stimme" (NZZ), Snoop Doggs und Dr. Dres neues Album "Missionary" ("es ist nicht peinlich", schreibt Karl Fluch im Standard) und weitere neue Popveröffentlichungen, darunter "The Night" von Saint Etienne ("Alles wirkt sehr hübsch und stimmig, verströmt Fadesse auf höchstem Niveau", meint Karl Fluch im Standard).
Kommentieren