Efeu - Die Kulturrundschau

Die Wollust lüpft ihr knisterndes Gewand

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10.12.2024. Auf Zeit Online erklärt der nach Deutschland geflohene Schriftsteller Ahmad Katlesh, was es bedeutet, erstmals nach zwölf Jahren wieder Sehnsucht nach der Familie in Syrien empfinden zu dürfen. Die FAZ staunt in Maastricht, wie vertraut ihr die sieben Todsünden sind. Der Tagesspiegel bewundert im Berliner Brücke-Museum die kraftvoll gewirkten Harmonien der Davoser Weberin Lise Gujer. Und der Perlentaucher publiziert den Text der PEN-Berlin-Schriftsteller, die sich von der Resolution zum Nahost-Konflikt distanzieren.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2024 finden Sie hier

Literatur

"In der vergangenen Dekade wussten die Syrer nicht, was es bedeutet, Sehnsucht nach der Familie zu empfinden", schreibt der 2012 nach Deutschland geflohene Schriftsteller Ahmad Katlesh auf Zeit Online unter den Eindrücken des Assad-Sturzes zur Lage der Syrer in Deutschland. "Das Gefühl, das unser Bewusstsein beherrschte, war die Angst um sie: Angst vor Verhaftung, Bombardierung, vor Scharfschützen. ... Die Schuldgefühle der Überlebenden hinderten uns daran, Gedanken, Ängste oder Träume über das Land auch nur mit unseren Partnern oder Freunden zu teilen." Doch jetzt "erlaubte ich mir zum ersten Mal seit zwölf Jahren, zu denken - nur zu denken -, dass ich bald nach Syrien reisen könnte. Es kam mir auch dieser Gedanke: Wenn mich jetzt ein älterer Deutscher fragt, warum ich nicht zurückgehe, kann ich ihm antworten: 'Nun, ich kann zurückgehen, und wenn Sie möchten, können Sie mitkommen, um auf dem Kasiun-Berg in Damaskus zu wandern, syrisches Essen zu genießen, und vielleicht hören Sie dann auf, solche Fragen an Syrer und andere zu stellen.'"

Die in einem längeren internen Prozess ausgearbeitete, es nach Möglichkeit allen Seiten recht machen wollende Resolution des PEN Berlin zum Nahostkostkonflikt sorgt nach Verabschiedung weiterhin für Unmut unter den Mitgliedern, berichtet Christiane Lutz in der SZ. Gestern "distanzierte sich eine ganze Gruppe von der Resolution, in der Unterzeichnerliste Namen wie Ralf Bönt, Alexander Estis oder Ronya Othmann. Die Resolution lege eine Solidarisierung 'auch mit Autor:innen nahe, die gegen Jüd:innen gehetzt haben und/oder als Propagandist:innen des Terrors von Hamas und Hisbollah tätig waren.' ... Diese Autoren begreife man nicht als 'Kollegen und Kolleginnen'. Aber auch die andere Seite jener ist nicht zufrieden, die diese Resolution initiiert haben. Tomer Dotan-Dreyfus, ein aus Israel stammender und die dortige Regierung oft und heftig kritisierender Autor, deutete seinen Unmut auf Instagram an. Der PEN Berlin habe sich von Kollegen aus Gaza 'distanziert'."

Die "Distanzierung" unter dem Titel "Journalismus von Propaganda unterscheiden" ist im Perlentaucher publiziert.

Weitere Artikel: Sehr interessiert liest Paul Jandl die von der Schriftstellerin Charlotte Gneuß herausgegebene neue Ausgabe der Neuen Rundschau, die sich um die Frage dreht, wie sich von der DDR erzählen lässt. Thomas Hahn ist für die SZ nach Gwangju gereist, der Heimatstadt der Schriftstellerin Han Kang, die heute mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wird und in "Menschenwerk" über das Massaker geschrieben hat, das 1980 hier stattfand (mehr dazu hier). Andrea Pollmeier berichtet in der FR vom Frankfurter Festival Textland.

Besprochen werden unter anderem Serhij Zhadans Gedichtband "Chronik des eigenen Atems" (NZZ), der zweite Teil von Reinhard Kleists Comicbiografie über David Bowie (Standard), Christian Hallers "Das Institut" (NZZ), Max Gross' "Das vergessene Schtetl" (FR), Niels Schröders Comic "Widerstand. Tony Sender, Julius Leber, Theodor Haubach - Im Kampf für Freiheit und gegen Diktatur" (Tsp) und Nancy Mitfords "Schöne Bescherung" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Bild: Lise Gujer und Ernst Ludwig Kirchner, Schwarzer Frühling , Wandbehang, nach 1954, Verzahnte Wirkerei mit Leinenkette und farbigem Wollschuss, Brücke Museum

Ernst Ludwig Kirchner schätzte sie sehr, die Davoser Weberin Lise Gujer, die zu Lebzeiten des Malers und lange darüber hinaus dessen Motive webte, weiß Bernhard Schulz, der für den Tagesspiegel die Ausstellung "Eine neue Art zu malen" im Berliner Brücke-Museum besucht hat: "Lise Gujer, die webte und vor allem - was technisch ein Unterschied ist - wirkte, verwendete die Vorlagen seitenverkehrt auf ihrem Webstuhl, der maximal 95 Zentimeter breite Bahnen zuließ. (…) Kirchner tauchte in den zwanziger Jahren in die bäuerliche Welt ein, die außerhalb der Davoser Zauberberg-Szenerie fortbestand. Almauftrieb, Heumahd, Haustiere, Bauern auf dem Weg, das sind die Motive, die Kirchner zu Papier brachte und auch in Gemälden verarbeitete. Lise Gujer setzte die Vorlagen in farbkräftige Teppiche um. Lange nach Kirchners Freitod 1938 fand sie erneut zur Arbeit an seinen Vorlagen, aber nun zunehmend freier, auch in kleinen Serien, jedes Unikat abweichend gestaltet. ... Mit einem Mal meint man, Kirchner als bloßen Anstoßgeber, Lise Gujer als Schöpferin kraftvoller Harmonien zu sehen."

In der DDR wurde Karl-Heinz Adler als Kunst-am-Bau-Avantgardist, der Fassaden und Spielplätze gestaltete, geschätzt, sein malerisches Werk, ganz der Konkreten Kunst verhaftet, galt als "elitäre (westliche) Außenseiter-Disziplin", weiß Ingeborg Ruthe in der FR. Umso schöner, dass die Berliner Galerie Eigen+Art die "strahlenförmigen Gebilde" nun ausstellt: "Die wirbelnden Linien saugen den Blick förmlich ein, wie in schwarze Löcher. Die optische Suggestion ergibt sich aus Adlers Methodik des Seriellen, der Schichtung und Rhythmisierung des Bildraums mit minimalistischen Mitteln. Sein streng-schönes Werk ist gleichermaßen Ausdruck eines experimentellen wie philosophischen Denkens. Über Jahrzehnte hat er das Verhältnis Natur-Kunst befragt, Raum, Zeit und das Bildhafte. Erstaunlich ist, dass diese Entwicklung sich seit 64 Jahren im Osten - parallel zur Etablierung der Konzeptkunst, von Minimalismus, Zero, Op-Art und Konkreter Kunst in der westlichen Nachkriegsmoderne -, obwohl isoliert, völlig eigenständig vollzog. Adlers Bildwelten scheinen eigenen Gesetzen entsprungen."

Bild: Peter Dell, Allegorieën op de Zeven Hoofdzonden, ca. 1535-1540. Collectie Germanisches Nationalmuseum, Neurenberg. Foto: M. Runge Best

Merkwürdig vertraut erscheinen Stefan Trinks in der FAZ die Exponate aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die er in er Ausstellung "Truly Wicked" im Bonnefanten Museum in Maastricht zu sehen bekommt, dabei werden viele Werke erstmalig ausgestellt. Aber die sieben Todsünden, denen die Schau sich widmet, kennt Trinks nur zu gut - und dann sind sie auch noch so "schmerzhaft plastisch" dargestellt: "Wahren Meistern wie dem Renaissancebildhauer Peter Dell mit seinen heute nur noch sechs erhaltenen Schnitzfiguren aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg gelingt das Kunststück, nahezu ohne Attribute auszukommen. Die holzsichtigen weiblichen Kunstkammer-Personifikationen aus Birnbaum erzählen allein durch die elastisch zähe Feinheit des Materials alles Nötige: die Wollust lüpft ihr geradezu knisterndes Gewand, sodass der verführerisch glatte und nackte Oberschenkel zum Vorschein kommt; um das Bäuchlein der Völlerei wirbeln fein plissiert nur noch flache Zugfalten, weil es kugelrund den Stoff ebenso gespannt nach außen drückt wie die Brustwarzen der Lust die hauchdünn geschnitzte Stoffmembran über ihren Brüsten."

Weitere Artikel: Für die taz reist Yelizaveta Landenberger von Uschhorod bis Lwiw, um die Kunstszene im westukrainischen Untergrund zu besuchen. Geradezu berauscht ist Birgit Rieger (Tagesspiegel) nach dem Besuch der Ausstellung "Singing in Full Color" im Hamburger Bahnhof, die das malerische Werk der türkischen Operndiva Semiha Berksov würdigt. Im Standard berichtet Olga Kronsteiner über das drohende Aus des Bank-Austria-Kunstforums. Im Tagesspiegel resümiert Birgit Rieger ein zweitägiges Symposium an der TU Berlin, bei dem Wissenschaftler, Kuratorinnen, Künstler und Pädagoginnen über Antisemitismus in Bildform sprachen. Für die NZZ porträtiert Philipp Meier Nan Goldin und kommt zu dem Schluss: "Was Nan Goldin tut, tut sie mit radikaler Kompromisslosigkeit. Ihr Vorgehen hat oft etwas Blindwütiges, wie ihre einseitige Parteinahme im Nahostkonflikt zeigt."

Besprochen werden die Ausstellung "Mirage" im Kunstverein Braunschweig (taz) und die Mariechen-Danz-Ausstellung in der Berlinischen Galerie (taz).
Archiv: Kunst

Bühne

Szene aus "Liliom". Foto: Tommy Hetzel

Terézia Mora hat Ferenc Molnárs Stück "Liliom" über das "kleinkriminellen Milieu des Wiener Wurstelpraters" frisch übersetzt, Philipp Stölzl hat das Stück des Ungarn nun auf die Bühne des Wiener Burgtheaters gebracht - und den gewalttätigen Liliom, der seine Frau schlägt, überraschenderweise als Frau besetzt, staunt Wolfgang Kralicek in der SZ: "Stefanie Reinsperger, die mit dieser Rolle ins Burgtheaterensemble zurückkehrt, ist nicht als Mann verkleidet. Aber solche äußerlichen Hilfsmittel braucht sie gar nicht, sie ist auch so ganz offensichtlich ein Macker, Kraftlackel, Riesenbaby. Alle Zweifel an der Besetzung sind im Nu verflogen, verwandeln sich in Staunen: Dass Liliom von einer Frau gespielt wird, befreit die Figur automatisch von allen Macho-Stereotypen; dieser Liliom ist ein weicher, naiver, auch lächerlicher Mann. Es fehlt ihm zwar an Gefährlichkeit - den Schläger traut man Reinsperger nicht wirklich zu -, dafür wird die Geschichte, die ohnedies märchenhafte Züge hat, auf eine andere Ebene gehoben. Trotz Neuübersetzung und auch ohne Prater-Flair ist es eine sehr wienerische Inszenierung geworden."

Szene aus "Ici sont les Dragons". Foto: Lucile Cocito

Eine ganze Menge hat sich Ariane Mnouchkine mit ihrem neusten Stück "Ici sont les Dragons" am Pariser Théâtre du Soleil da vorgenommen, seufzt Marc Zitzmann in der FAZ: Das Stück bildet den Auftakt zu einer Serie über russische Geschichte, Mnouchkine beginnt mit den Jahren 1917/1918, lässt Putin als Drachen vom Himmel schweben, Hexen, Hitler und Goebbels auftreten - und bleibt trotz einiger starker Bilder doch zu sehr Aktivistin, so Zitzmann: "Was herauskommt, ist ein hölzern-statischer historischer Abriss, den man am ehesten als eine lose Kette dramatisierter Buchberichte beschreiben kann. Wobei 'dramatisiert' hier lediglich die Aufbereitung für die Theaterbühne meint, nicht den Spannungsgehalt, das Konfliktpotential, die szenische Zündkraft - diese fehlen der Produktion durchweg. Ihre extensiven Lektüren zum Thema 'russische Revolution' haben die Mitglieder des Théâtre du Soleil in Form glatt polierter Improvisationen verarbeitet, die mehrheitlich monologischer Natur sind."

Weitere Artikel: In der FAZ schreibt Andreas Rossmann zum Tod des im Alter von 85 Jahren verstorbenen Regisseurs Jürgen Bosse.

Besprochen werden Leo Muscatos Inszenierung der Verdi-Oper "Die Macht des Schicksals" an der Mailänder Scala (Welt), Sebastian Hartmanns Inszenierung von Eugene O'Neills "Eines langen Tages Reise in die Nacht" am Staatsschauspiel Dresden (Welt), der Abend "Slow Burn" mit Choreografien von Aszure Barton und William Forsythe in der Hamburgischen Staatsoper (FR),  Noé Souliers Choreographie "Close Up" als Gastspiel am Theater Freiburg (FAZ) und Adele Thomas' Inszenierung der Verdi-Oper "Un ballo in maschera" am Opernhaus Zürich (NZZ).
Archiv: Bühne

Architektur

In der FAZ überlegt der Kunsthistoriker Horst Bredekamp, welches Vorbild für Macrons Fünf-Jahresplan bei der Restaurierung von Notre Dame Pate stand: Es war Kaiser Justinian, der die Hagia Sophia nach einem Aufstand im Jahr 532 in fünf Jahren wieder errichten ließ.
Archiv: Architektur

Film

Wenn sich das Leben in einem einzigen Winkel des Wohnzimmers abspielt: "Here" von Robert Zemeckis

Mit "Here" adaptiert Robert Zemeckis Robert McGuires gleichnamigen Avantgarde-Comic sowie dessen strenges Gestaltungskonzept gleich mit: Erzählt wird die Geschichte eines Wohnzimmers und der Leute, die darin wohnten - in einer starren Einstellung mit vielen Ein- und Überblendungen aus verschiedenen Zeitebenen. Mitten drin: Tom Hanks (68) und Robin Wright (58), die hier dank CGI und De-Aging über weite Strecken wieder in ihrer Jugend Maienblüte zu sehen sind. In dieser Technikverliebtheit liegt für die Kritiker auch die Crux des Films: "Die Technik sieht immer noch mindestens unbeholfen, wenn nicht gar gespenstisch aus", schüttelt sich David Steinitz in der SZ. "Außerdem wird man partout das Gefühl nicht los, dass die Filmemacher sich deutlich mehr mit den technischen Aspekten beschäftigt haben als mit den emotionalen. Aufgrund des Prinzips der einen Einstellung muss alles, vom Sex bis zum Streit, von der Geburt bis zum Tod, ausschließlich im Wohnzimmer stattfinden - was oft nur noch mäßig gut motiviert wirkt." Dem Schauspiel der in den digitalen Jungbrunnen gefallenen Schauspieler "haftet etwas Starres an", seufzt Simon Rayß im Tagesspiegel. Das will sich alles "nicht recht mit Leben füllen."

Rassismus und Zivilisationsverachtung? Bruce LaBruce' "The Visitor" eckt an

Mit "The Visitor" hat der für seinen queeren Provokationen berüchtigte Regisseur Bruce LaBruce eine Art Remake von Pasolinis "Teorema" gedreht. Timo Lindeman zeigt sich in der Jungle World nicht zuletzt durch den rustikalen politischen Gestus des Films sehr irritiert: Man sieht "plakative Parolen, die in greller Leuchtschrift während der Sexszenen eingeblendet werden. Von der 'sexuellen Revolution des Proletariats' ist da die Rede, von 'analer Befreiung', von 'offenen Grenzen und offenen Beinen'. ... Es wird dazu aufgerufen, revolutionären Sex statt kolonialer Kriege zu betreiben, bevor dann die Parole 'Black is beautiful' endgültig einen exotisierenden Kitsch beschwört, wie man ihn selbst in Kreisen queerer Antikolonialer kaum für möglich gehalten hätte. Das ist alles so dermaßen daneben, dass man es mit viel gutem Willen für eine Persiflage der politischen Urteilskraft jener Szene halten könnte, würde ihr Bruce LaBruce nicht so durch und durch angehören. Nimmt man die Parolen hingegen ernst, laufen sie auf die Forderung nach einer sexuellen Unterwerfung des Westens durch den als unvermittelt und tierhaft triebfixiert halluzinierten 'Globalen Süden' hinaus und sind darin an Rassismus und Zivilisationsverachtung schwer zu überbieten."

Weitere Artikel: Eva Ladipo sorgt sich in der SZ um die abgehängten Männer der Unterschicht, denen es viel zu leicht gemacht wird, sich bei den Rechtspopulisten und maskulinistischen Manfluencern einzureihen. Auch im Kino lasse sich das nachvollziehen: "Der Zeitgeist hat wenig Interesse an ihnen und macht sich, wenn er sie überhaupt wahrnimmt, gern über sie lustig. Vorbei sind die Zeiten, in denen sich orientierungslose Jungs aus der Arbeiterschicht in Sylvester Stallone, Al Pacino, Arnold Schwarzenegger, Russell Crowe, Mel Gibson oder Bruce Willis wiederfinden konnten." Hanns-Georg Rodek erzählt in der Welt online nachgereicht, warum es trotz Schriftsteller-Jubiläum und Bildungsauftrag dann doch keine Fortsetzung von Heinrich Breloers "Die Manns" im Fernsehen gibt, sondern nur als Buch: Die Kosten waren zu hoch. "Die Zeit für deutsche Kulturgeschichte im öffentlich-rechtlichen deutschen Fernsehen war offenbar abgelaufen, ob das nun am Budget oder einem unterstellten Desinteresse der Zuschauerschaft lag." Besprochen werden Gianluca Buttolos Comicbiografie über Laurel und Hardy (FD), die Arte-Serie "La Mesías" (FAZ), die ARD-Serie "Paartherapie" (Welt) und die auf Amazon gezeigte Animationsserie "Secret Level" (taz).
Archiv: Film

Musik

"Aus solcher Reue sprach weniger das Bedauern über das eigene Verhalten", schreibt Jürgen Kesting in der FAZ zu den Interviews, die John Eliot Gardiner zu seinem Comeback nach dem Ohrfeigenskandal gegeben hat, "geschweige denn darüber, was er dem Sänger (und vielleicht auch anderen) angetan hat -, als die Furcht vor der Beschädigung seiner Reputation." Das Publikum in der Elbphilharmonie, wo Gardiner jetzt seine neuen Constellations-Klangkörper präsentierte, fühlte sich davon jedenfalls nicht angefasst und kam in Scharen und feierte den Dirigenten. Es "genoss ein anachronistisch anmutendes Zeremoniell. Es sah ein kleines, überwiegend weibliches besetztes Orchester auf dem riesigen Podium. Es lauschte einem sanft leisen, fein ziselierten Klang. Es zeigte sich enthusiasmiert von den zarten, silbrig leuchtenden Kleinmädchenstimmen in den Sopran- und Alt-Arien. Nach 85 Minuten Musik ... konnte sich der Dirigent am Beifall laben... Nach dem Wunsch für ein friedvolles Weihnachten stimmten die achtzehn Mitglieder seines Chor das weihnachtliche "Es ist ein Ros' entsprungen" an. Gardiner wischte sich, einige seiner Musiker umarmend, Tränen aus den Augen. Welch wohlgelungene 'Auferstehung'."

Weitere Artikel: Für SZ-Kritiker Helmut Mauró ist das Projekt "EU Songbook" ein kleiner Lichtblick in der kulturellen Düsternis, die sich im allgegenwärtigen, existenzbedrohenden Sparzwangdruck am Horizont abzeichnet. "87 000 Musikbegeisterte aus 27 Ländern haben mitgemacht, haben Lieder ihrer Länder vorgeschlagen, darüber abgestimmt und damit die Vorgabe geliefert für die dann doch zehn Jahre währende Arbeit der 67 Redakteure und 39 Übersetzer." Christoph Irrgeher plaudert für den Standard mit dem Violinisten David Garrett. Christian Schachinger ist im Standard gespannt aufs Wiener Konzert von Desire.



Besprochen werden das Solo-Debütalbum der früheren Pixies- und Breeders-Musikerin Kim Deal (taz), ein Konzert des Monteverdi Choir in Frankfurt (FR), David Tedeschis auf Disney+ gezeigte Doku "Beatles '64" ("eine richtig relevante Doku ist das Ganze nicht geworden", seufzt Jakob Biazza in der SZ) und neue Jazzveröffentlichungen, darunter mit "The Old Country" eine weitere Archivaufnahme aus dem schier unerschöpflichen Fundus von Keith Jarrett (Standard).

Archiv: Musik