Efeu - Die Kulturrundschau
Den Fisch stibitzen
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04.12.2024. Wird die Volksbühne bald abgewickelt? Die SZ zumindest befürchtet dies, nachdem Ida Müller und Vegard Vinge ihre Interimsintendanz abgesagt haben. Dass der verantwortliche Kultursenator Joe Chialo die eskalierende Krise der Berliner Kulturszene schulterzuckend abtut, ist skandalös, findet die FAZ. Kazuhiro Sodas Dokumentarfilm "Die Katzen vom Kogoku-Schrein" glänzt mit pittoresk herumliegenden Vierbeinern, freut sich die taz. Die SZ erkennt in den Impressionisten angesichts einer Ausstellung in der Alten Nationalgalerie die Apple-Watch-Träger des 19. Jahrhunderts. Wenig Verständnis hat sie dafür, dass "Dark Romance"-Romane aus Schulbibliotheken verbannt werden sollen.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
04.12.2024
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Bühne
Es läuft nicht gut für Joe Chialo. Nachdem Details der geplanten Kürzungen in seinem Ressort bekannt wurden, musste der Berliner Kultursenator viel Kritik einstecken - viele der Betroffenen fühlten sich überrumpelt. Die Kürzungen haben jetzt auch dazu geführt, dass Ida Müller und Vegard Vinge nicht, wie geplant ihre Interimsintendanz bei der Volksbühne antreten. Kein Wunder, findet Peter Laudenbach in der SZ: "Das für kommendes Jahr vorgesehene Sparvolumen der Volksbühne in Höhe von zwei Millionen Euro ist höher als ihr künstlerischer Programmetat." Will Chialo die Volksbühne auf ihre Abschaffung vorbereiten? Was ist eigentlich sein Plan, fragt Laudenbach. Es wäre "seine Aufgabe gewesen, die Berliner Kultureinrichtungen auf die drohenden Einsparungen vorzubereiten und gemeinsam mit ihnen so an ihren Strukturen zu arbeiten, dass sie auch mit knapperen Zuwendungen arbeitsfähig bleiben. ... Auch weil Chialo seit Amtsantritt vor anderthalb Jahren zwar andauernd von 'Exzellenz' und 'Resilienz' spricht, aber nichts für die Zukunftsfähigkeit der ihm qua Amt anvertrauten Institutionen getan hat, sind sie jetzt in einer desaströsen Situation."
Chialos eigene Bilanz ist im Eimer, kommentiert Simon Strauß in der FAZ: Der Senator "ist von den Aufgaben, die die Berliner Kultur an ihn stellt, überfordert. Er hat kein Gefühl für die Eigenarten ihrer verschiedenen Schauplätze, von ihrer Geschichte weiß er zu wenig oder nimmt sie nicht ernst genug. Und das Schwerwiegendste: Er hat keine Sprache gefunden, um über Berlins Kultur und mit ihren Akteuren zu sprechen. Denn nicht der Umstand, dass die Kultur in Berlin sparen muss, ist ein Skandal. Wenn beim Sozialen gekürzt wird, müssen auch Probebühnen geschlossen werden können, ohne dass gleich das Totenlicht angeht. Verheerend ist aber die Art, wie Chialo diese neuen Härten an die Kulturszene vermittelt: nämlich schulterzuckend." Für den Tagesspiegel analysiert Rüdiger Schaper die Situation.
Außerdem: Wolfgang Behrens schreibt auf nachtkritik über Dramaturgie und Grafikagenturen. Besprochen wird Alice Birchs Neufassung des Frederico-Garcia-Lorca-Stücks "Bernarda Albas Haus" im Deutschen Schauspielhaus Hamburg (taz Nord).
Chialos eigene Bilanz ist im Eimer, kommentiert Simon Strauß in der FAZ: Der Senator "ist von den Aufgaben, die die Berliner Kultur an ihn stellt, überfordert. Er hat kein Gefühl für die Eigenarten ihrer verschiedenen Schauplätze, von ihrer Geschichte weiß er zu wenig oder nimmt sie nicht ernst genug. Und das Schwerwiegendste: Er hat keine Sprache gefunden, um über Berlins Kultur und mit ihren Akteuren zu sprechen. Denn nicht der Umstand, dass die Kultur in Berlin sparen muss, ist ein Skandal. Wenn beim Sozialen gekürzt wird, müssen auch Probebühnen geschlossen werden können, ohne dass gleich das Totenlicht angeht. Verheerend ist aber die Art, wie Chialo diese neuen Härten an die Kulturszene vermittelt: nämlich schulterzuckend." Für den Tagesspiegel analysiert Rüdiger Schaper die Situation.
Außerdem: Wolfgang Behrens schreibt auf nachtkritik über Dramaturgie und Grafikagenturen. Besprochen wird Alice Birchs Neufassung des Frederico-Garcia-Lorca-Stücks "Bernarda Albas Haus" im Deutschen Schauspielhaus Hamburg (taz Nord).
Film

Diese Woche startet Kazuhiro Sodas Dokumentarfilm "Die Katzen vom Gogoku-Schrein", der bereits auf der Berlinale die Herzen von Publikum und Kritik eroberte. Der japanische Filmemacher erzählt dabei von der Katzen- und der Menschen-Community, die sich in seinem Wohnort, dem Küstendörfchen Ushimado, gebildet hat - und wie beide miteinander auskommen oder auch nicht. "Beobachtende Filme" nennt Soda seine Methode, für die er sich selbstauferlegte Regeln unterwirft - keine Vorbereitung einerseits, keine Fremdfinanzierung andererseits. "Sehen und Hören sind die wichtigsten Elemente des Dokumentarfilmschaffens, aber sie werden oft vernachlässigt, weil viele Regisseure eine Agenda haben und diese Agenda priorisieren, sodass sie die Realität auf ihre Pläne hin zuschneiden", sagt Soda Lukas Foerster im Filmdienst-Gespräch. Deswegen taucht er auch selbst in seinen Filmen auf: "Es ist nicht möglich, sich selbst von der Realität, die man zeigt, zu trennen. Dadurch, dass man anwesend ist, verändert man etwas. Ich will da ehrlich sein, und außerdem ist die Dynamik zwischen dem Filmemacher und der Realität, die er filmt, oft sehr interessant; deshalb zeige ich auch Interaktionen zwischen mir und den Menschen in meinen Filmen."
Die Methode geht glänzend auf, freut sich Barbara Schweizerhof in der taz: "Sehr, sehr herzig" findet sie es etwa, wenn eine Katze unvermittelt nach Sodas Mikrofon fischt und es abzuschlecken beginnt. Und "Man lernt tatsächlich die Gegend kennen: die Treppe hinauf zum Schrein, der Parkplatz am Ufer, den von Bäumen beschatteten Hügel darüber. Es kommt zu diversen Begegnungen vor der Kamera. Zum einen natürlich mit den Katzen, die pittoresk herumliegen oder in allen möglichen Ecken und Nischen kauern, um vorm Regen Schutz zu suchen. Es sind Straßenkatzen, weshalb sie mit ihren von Verletzungen gezeichneten 'Visagen' in Nahaufnahmen oft ein weniger social-media-freundliches Bild abgeben. Dann wiederum sind Szenen, in denen sie den Anglern am Hafen den gefangenen Fisch stibitzen und unter sich verteilen, allerliebst."
Besprochen werden außerdem Nora Fingscheidts Alkoholikerinnendrama "The Outrun" mit Saoirse Ronan (FAZ), Quentin Dupieuxs vorerst nur in Österreich startender, neuer Ironiestreich "Le Deuxième Acte" mit Léa Seydoux (Standard), die neue "Star Wars"-Serie "Skeleton Crew" (Welt, Zeit Online) und die Sky-Serie "Get Millie Black" (taz).
Literatur
"Neue Trends, alte Menschen", seufzt Lara Marmsoler in der SZ angesichts der Warnung des Fachdienstes "Bibliotheksservice - Schulen" im Lahn-Dill-Kreis, Bücher aus dem "Dark Romance"-Genre in Schulbibliotheken anzubieten: Die unter jungen Lesern sehr populären Romane schildern offenbar recht explizit Beziehungen, die man als toxisch bezeichnen kann - bis hin zu Vergewaltigungen. Auf die Lektüre der jungen Generation zu achten, "ist sicher richtig und wichtig. Erstaunlich nur, welch große Wirkungsmacht man Büchern dabei wieder zuschreibt. Als flösse das Gelesene widerstandslos in die jugendlichen Köpfe. Oder zeugen das Verbannen gewisser Titel in eine Ecke der Schulbibliothek und eine Altersbeschränkung womöglich von einer Art neuen satanic panic? ... Zur Frage, ob es nicht sinnvoller wäre, einzelne dieser Bücher sogar ins Unterrichtscurriculum aufzunehmen und kritisch zu besprechen, sagen die Vertreter des Lahn-Dill-Kreises, das würden sie begrüßen, es liege aber nicht in ihrem Aufgabenbereich. Dabei wäre es doch interessant, ob der direkte Vergleich ergäbe, inwiefern ein 55-jähriger übergriffiger Faust, der einer 14-jährigen Margarete nachstellt, der bessere Protagonist für den Deutschunterricht sein soll." (Das wäre bestimmt interessant, vorausgesetzt, man beschränkt Lesen auf einen reinen Faktencheck.)
Weiteres: Alexandra Kedves spricht für den Tagesanzeiger mit dem Schriftsteller Axel Hacke. Besprochen werden Reinhard Kaiser-Mühleckers vor kurzem mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichneter Roman "Brennende Felder" (Tell), Ulrike Draesners "zu lieben" (FR), Elsa Koesters "Im Land der Wölfe" (NZZ), Claudia Marquardts und Amelie Thomas Neuübersetzung von Simone de Beauvoirs "Die Mandarins von Paris" (FAZ) und Emmanuel Fayes "Hannah Arendt und Martin Heidegger - Zerstörung des Denkens" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Weiteres: Alexandra Kedves spricht für den Tagesanzeiger mit dem Schriftsteller Axel Hacke. Besprochen werden Reinhard Kaiser-Mühleckers vor kurzem mit dem Österreichischen Buchpreis ausgezeichneter Roman "Brennende Felder" (Tell), Ulrike Draesners "zu lieben" (FR), Elsa Koesters "Im Land der Wölfe" (NZZ), Claudia Marquardts und Amelie Thomas Neuübersetzung von Simone de Beauvoirs "Die Mandarins von Paris" (FAZ) und Emmanuel Fayes "Hannah Arendt und Martin Heidegger - Zerstörung des Denkens" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Kunst

Auch nach 150 Jahren kann man am französischen Impressionismus noch Neues entdecken, freut sich Peter Richter in der SZ. Er flaniert durch die Ausstellung "Monet und die impressionistische Stadt" in der Berliner Alten Nationalgalerie. Was ist das Besondere an der Ausstellung? Ihr Fokus auf die Impressionisten als Cheerleader der insbesondere städtebaulichen Moderne. "Was diese Bilder zeigen, ist die neue Weite. Was sie thematisieren, ist das Fehlen der alten Enge. Anders gesagt: des alten Paris." Insgesamt zeigt die Schau, "warum die heute eher als gefällige Schönwettermaler geltenden Impressionisten ihre Zeitgenossen so verstören konnten. In der betont unsentimentalen Bejubelung von Abbruch und Neubau der Welt kommen ihnen danach eigentlich nur die Futuristen gleich - oder heute die Art von Leuten, die freiwillig Apple Watches tragen und gern 'disruption' sagen."

"Der Autodidakt war ein Weltmeister", so Willi Winkler in der SZ über den im Alter von 84 Jahren verstorbenen Fotografen Michael Ruetz. Bekannt geworden als Chronist der 68er-Proteste, wandte er sich später erhabeneren Motiven zu, wandelte auf den Spuren Goethes durchs Saaletal und auf denen Fontanes durch die Mark Brandenburg. "Nichts durfte an die Gegenwart erinnern, kein Alltagspartikel die Bildmeditationen stören. (...) Immer mehr war er auf Archetypen aus: der Mond, das Meer, Bäume, Felsen. Der Fotograf wandelte sich zum Lichtmaler. Das ausgebleichte Totholz am Stand von Lincoln City in Oregon wirkt dann so monumental und metaphorisch wie Caspar David Friedrichs 'Eismeer'." In der FR erinnert Ingeborg Ruthe an Ruetz, im Tagesspiegel Kai Müller.
Weiteres: Olga Kronsteiger berichtet im Standard über die Versteigerung des Gemäldes "Hanswurst", das Ernst Klimt nach dem Tod seines Bruders Gustav vollendet hatte. Besprochen werden eine Louise Bonnet gewidmete Ausstellung in der Berliner Galerie Max Hetzler (FR), die Schau "Margarete Hahner: Romance of Digestion" in der Berliner Zwinger Galerie (taz Berlin), die Schau "InformElle. Künstlerinnen der 1950er/60er-Jahre" in der Kasseler Neuen Galerie (monopol), "Arte Povera" in der Pariser Pinault Collection (NZZ), die Ausstellung "Fernbeziehungen" im Berliner Kunstverein Ost (Tagesspiegel), die Karl-Heinz Adler gewidmete Ausstellung "Raum und Ordnung" in der Berliner Galerie Eigen+Art (Berliner Zeitung) und "Fotografie neu ordnen: Protestbilder", eine Auswahl der Arbeiten Nuri Musluoğlus, die Pınar Öğrenci für das Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg zusammengestellt hat (taz).
Musik
Der Komponist Hans Hammerschmid ist gestorben. Wer ihn nur auf Schwarzwaldklinik- und Traumschiff-Melodien reduziert, tut ihm Unrecht, schreibt Jan Feddersen in der taz. Vielmehr spiegele sich in diesem Leben auch die Geschichte der populären Musik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. "Er arbeitete mit Stan Getz, lebte in New York und leitete, zurück in Europa, das Südwestfunk-Tanzorchester. ... In den sechziger Jahren war er der entscheidende Musikmacher, Orchesterpartiturenschreiber wie Tonsetzer, der spätere Megastars wie die Ofarims produzierte und vor allem in der Kooperation mit der Chanteuse (und Schauspielerin) Hildegard Knef sein Lebenswerk krönte. Ihr schrieb er 'Für mich soll's rote Rosen regnen' und 'Von nun an ging's bergab' - elegante, jazzig angehauchte Stücke, geeignet für eine Sängerin, deren größte Begabung nicht in der Entfaltung von Großstimmigkeit lag, sondern in der Entwicklung von intimen Atmosphären. ... Mit ihm wollten sie arbeiten, er hatte das Händchen, aus Popularem Pop zu machen, eingängig und doch nicht simplizierend: Donna Summer, Anneliese Rothenberger, Helmut Zacharias, Miriam Frances, Curd Jürgens."
Acht Jahre lang arbeiteten Hammerschmid und die Knef zusammen, schreibt Christian Schröder im Tagesspiegel. "Die Langspielplatten 'Knef' (1970) und 'Worum geht's hier eigentlich?' (1971) floppten bei ihrer Veröffentlichung, werden wegen ihrer avantgardistischen Synthiesounds und der Mischung aus Jazz, Schlager und Soul inzwischen aber sehr geschätzt. 'Knef' schaffte es 2022 bei der Wiederveröffentlichung auf Platz 23 der deutschen Album-Charts."
Weitere Artikel: Im FR-Gespräch mit Max Dax blicken Herwig Mitteregger und Reinhold Heil auf die bewegte Geschiche ihrer 80s-Band Spliff zurück, deren Werk gerade in einer neuen Vinylausgabe herausgekommen ist. Anna Vollmer plaudert für die FAZ mit Gianna Nannini, die mit "Sei nell'anima" gerade ein Soulalbum veröffentlicht hat, über Altersdiskriminierung und unterschiedliche Musikkulturen in Italien und Deutschland. Ilo Toerkell berichtet in der taz vom Berliner Festival "Songs of Radical Kindness" mit Auftritten von Rasha Nahas und Golnar Shahyar. Ljubiša Tošić ist im Standard gespannt auf den Wiener Auftritt der bereits preisgekrönten Jazz-Newcomerin Yvonne Moriel.
Besprochen werden Caspar Battegays Buch "Leonard Cohens Stimme" (taz), Bernhard Eckers und Peter Hoseks Buch "Johann Strauss. Amerikanische Reise" (Presse) und der Auftakt von Moses Pelhams Abschiedstour (FR).
Acht Jahre lang arbeiteten Hammerschmid und die Knef zusammen, schreibt Christian Schröder im Tagesspiegel. "Die Langspielplatten 'Knef' (1970) und 'Worum geht's hier eigentlich?' (1971) floppten bei ihrer Veröffentlichung, werden wegen ihrer avantgardistischen Synthiesounds und der Mischung aus Jazz, Schlager und Soul inzwischen aber sehr geschätzt. 'Knef' schaffte es 2022 bei der Wiederveröffentlichung auf Platz 23 der deutschen Album-Charts."
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