Efeu - Die Kulturrundschau

Extremist der Innigkeit

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12.11.2024. Die FAZ ist ganz benommen vor Glück nach Julia Burbachs Inszenierung der Händel-Oper "Partenope" in Frankfurt. Die taz verliert sich gerne in der fremdartigen Hamburger Installation "Spacewalks" des Künstlers Simon Hehemann. Die SZ meint, wer die Cowboy-Ranch-Serie "Yellowstone" aufmerksam geschaut hat, konnte das Wahlergebnis in den USA ohne Probleme vorhersagen. Das FAZ-Feuilletonteam denkt über das Lesen im Wandel nach.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.11.2024 finden Sie hier

Film

Liberty schlägt Freedom, Trump schlägt Harris: "Yellowstone"

Wer die in den USA immens erfolgreiche Cowboy-Ranch-Serie "Yellowstone" aufmerksam mitverfolgt hat, wundert sich nicht so sehr über den Ausgang der US-Wahl, sondern über die allseitige Überraschung danach, schreibt David Steinitz in der SZ. Die Serie "verhandelt seit Jahren den oft beschriebenen Gegensatz von zwei verschiedenen Freiheitsbegriffen, die Amerika spalten", nämlich Liberty und Freedom, also den Widerspruch zwischen individueller und gesellschaftlicher Freiheit. Erstere ist dabei "ein direkt vom Herrgott an den Cowboy in all seinen Inkarnationen überreichtes Freiheitsideal, das dieser sich von niemandem nehmen oder beschneiden lässt, besonders nicht vom Staat - und das er notfalls mit Gewalt verteidigt", vor "von ans Gemeinwohl denkenden Politikern über rinderzuchtverachtende Umwelt- und Klimaschützer bis zu aufbegehrenden Ureinwohner-Nachkommen, deren Vorfahren das Land eigentlich mal gehört hat." Der Erfolg dieser Serie in den USA "ist doch ein deutliches Indiz, dass die Freedom-Vertreter von Kamala Harris bis Beyoncé mindestens einen schweren Stand haben."

Weitere Artikel: "In ihren besten Filmen war die Duisburger Filmwoche ein Plädoyer für eine neugierige Begegnung mit der Welt", resümiert Fabian Tietke in der taz. Wie geht es nach dem Ampel-Aus und dem damit ungeklärten Haushalt 2025 mit der Reform der Filmförderung weiter? In Claudia Roths Kulturministerium "herrscht selber Unklarheit", schreibt Christiane Peitz im Tagesspiegel. Klar ist nur: "Das aktuelle Filmfördergesetz läuft nach bereits zwei Verlängerungen Ende Dezember definitiv aus. ... Kein Gesetz, keine Filmabgaben: Es wäre eine Katastrophe.

Besprochen werden Ridley Scotts "Gladiator 2" (Welt, TA), Steve McQueens "Blitz" mit Saoirse Ronan (taz), Eileen Byrnes Verfilmung von Jasmin Schreibers Roman "Marianengrab" (Standard), die vierte Staffel der Netflix-Krimicomedy "Only Murders in the Building" (FD) und die ARD-Geschichtsdokuserie "Die Spaltung der Welt" (FAZ).
Archiv: Film

Bühne

"Partenope" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller.

"Vor lauter Glück ganz benommen" ist FAZ-Kritiker Jan Brachmann nach dem Besuch von Julia Burbachs Inszenierung der Händel-Oper "Partenope" an der Oper Frankfurt. Einfach nur großartig, was hier passiert, schwärmt der Kritiker, Dirigent George Petrou ist eben ein echter "Händel-Spezialist":  "Von der himmlischen E-Dur-Arie des Arsace, 'Ch'io parta', hatte schon Händels Zeitgenosse Charles Burney behauptet, sie habe nur einen Fehler: Sie sei zu kurz. Aber Petrou und der umwerfende kroatische Countertenor Franko Klisović halten hier für sechs Minuten die Zeit an. Klisovićs warmes, technisch hervorragend von der Bruststimme her grundiertes Falsett wird von einem schier endlosen Atem getragen. Beim Da-capo der langsam ansteigenden Sekundsequenz, die er mit rührenden Melismen ausziert und so in der Wirkung noch steigert, scheint er durch die Ohren Luft zu holen. Der Mann ist ein Extremist der Innigkeit."

Auch Judith von Sternburg verfolgt angeregt, wie Königin Partenope von Neapel von drei Männern umworben wird - und am Ende alle "an ihren Platz verweist": "Jessica Niles hält als Titelheldin den Ball melancholisch flach, Partenope verliert die Staatsräson nie aus dem Blick. Niles' goldener, satter Sopran kann in Wallung und in Kaskaden geraten, aber meistens ist sie der ruhende Pol, um den herum die Werbenden sich umlauern. Das dunkle Timbre ihrer Stimme ist umso aparter, als sie der einzige Sopran weit und breit ist."

Die Einstellung zum Publikum verändert sich seit 2011 langsam bei jüngeren Theaterschaffenden, meint im Interview mit der taz-Interview Charlotte Orti von Havranek, Kuratorin des "Fast Forward"-Festivals in Dresden: "Manche der Künstler sagten damals, dass sie beim Produzieren nicht ans Publikum denken. Aber die Frage danach, welche Erfahrungsräume man dem Publikum eigentlich anbietet, beginnt, meiner Wahrnehmung nach, eine immer stärkere Rolle zu spielen. Das Nachdenken über das Theater als gesellschaftliche Kunstform hat einen größeren Stellenwert bekommen."

Weiteres: Katja Kollmann hat für die taz das Festival Theater der Dinge in der Schaubude Berlin besucht. In der FAZ berichtet Gina Thomas vom irischen Opernfestival in Wexford. Besprochen werden Stéphane Braunschweigs Inszenierung von Anton Tschechows "Die Möwe" am Theatre Odéon in Paris (nachtkritik), András Dömötörs Adaption von Péter Nádas' Text "Der eigenen Tod" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg (nachtkritik) und Mariame Cléments Inszenierung von Charles Gounods Oper "Roméo et Juliette" an der Staatsoper Berlin (tagesspiegel).
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Kunst

"Spacewalks" Ausstellungsansicht, Simon Hehemann. Foto: Heiko Müller.

Taz-Kritiker Hajo Schiff kann nur jedem empfehlen, sich in Simon Hehemanns Installation "Spacewalks" im Hamburger Kunstraum "The Space" zu verlieren: Um in das Innere von Hehemanns fremdartigem Universums einzutauchen, müssen die Besucher ihren Weg durch ein komplexes Gängesystem finden, das eigens für die Ausstellung gebaut wurde: "Das Holzmaterial stammt übrigens aus der Hamburger Kunsthalle, ein Überbleibsel der Caspar-David-Friedrich-Ausstellung ebenso wie einige auserlesene Staubknäuel, die hier als filigrane Wolken präsentiert werden. Seltsamerweise höchst ähnlich ist diesen mancher Schatten der angestrahlten fein verästelten Farne, die sich im pflanzen- und spiegelbesetzten 'Glasraum' befinden, einem 'Blumenladen voller Tragödien'. Überhaupt spielt das Licht eine große Rolle, direkt und indirekt, von alten Karusselldiaprojektoren auf- und abblendend oder sternengleich durch die vielen Löcher blitzend und von kleinen Kügelchen reflektiert. Und was das Licht nicht dynamisiert, wird mit Seilzügen in Bewegung gebracht: Ein Stift schrapelt unermüdlich an einer Bodenzeichnung und über der Decke, durch Leiter und Guckloch zugänglich, fährt sogar als Jugendreminiszenz eine Modelleisenbahn."

Weiteres: SZ-Kritiker Thore Rausch trifft den Kunst-"Shootingstar" Anouk Lamm Anouk in Venedig und besucht dort ihre Soloausstellung "From Humans, Horses and Hounds" in der Patricia-Low-Galerie. Besprochen wird die Ausstellung "Brasil! Brasil! Aufbruch in die Moderne" im Zentrum Paul Klee in Bern (NZZ).
Archiv: Kunst

Literatur

Das FAZ-Feuilletonteam denkt in Notizen über das Lesen im Wandel nach. Kira Kramer etwa singt ein Loblied auf die Drangsal des am materiellen Gegenstand sich abarbeitenden Lesens von Texten, für die es neben Hirnschmalz auch körperlichen Einsatz braucht: "Wir müssen den Text aufbrechen mit Kringeln, Unterstreichungen, Klammern, Blitzen, Herzchen und Ausrufezeichen, die uns daran erinnern, was wir bereits verstanden haben und worauf wir zurückkommen wollen, wenn wir uns in den folgenden Absätzen wieder verlieren. Auch vor Eselsohren und Kaffeeflecken muss ein Aspirant auf die in den Wörtern codierten Essenzen nicht zurückschrecken, wenn es heißt, das Gegenüber gefügig zu machen. In einem solchen Kampf wird die Materialität des Textes zu unserem stärksten Verbündeten gegen das immaterielle Widerspenstige, denn sie ist das Einzige, woran wir uns festhalten können. Solch ein Zweikampf um den Inhalt eines Textes, den wir gemeinhin Lesen nennen, wird jeden Kämpfer Demut lehren vor der Gewalt der Sprache."

Weiteres: In den "Actionszenen der Weltliteratur" erinnert Jan Röhnert an ein handgreifliches Scharmützel zwischen Ossip Mandelstam und Alexej Tolstoi. Besprochen werden unter anderem Clemens Böckmanns "Was du kriegen kannst" (FR), Adelheid Duvanels "Nah bei Dir. Briefe 1978-1996" (NZZ), Anuschka Roshanis "Truboy. Mein Sommer mit Truman Capote" (FAZ) und Siegfried Lenz' Erzählungsband "Dringende Durchsage" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Stichwörter: Lesen

Musik

Die Feuilletons stürzen sich auf "Gehen um zu stehen", dem mit mehr als 130.000 Abrufen bislang größten Hit von MB Sounds. Hinter diesem Namen steckt bekanntlich Ex-Bundesjustizminister und Feierabend-Musikproduzent Marco Buschmann, der mit pathetischen Sounds über das Ende der Ampelkoalition lamentiert. "In den ersten Takten gibt es gleich das volle Brett", schreibt Axel Weidemann auf FAZ.net. "Piano, Streichermarmelade und Glockenspiel dürfen gleich losdonnern. Sechzehn Sekunden lang, klanglich irgendwo zwischen tiefempfundener Nachdenklichkeit und der Hoffnung, nach dem Konsum von sechs Litern Apfelschorle irgendwo in Berlin noch eine saubere Toilette zu finden. Dann setzen die Männerstimmmen ein, die zu allem entschlossen aber völlig unverständlich von dramatischen Dingen singen. Gregorianische Gesänge auf dem Abschiedsball, die statt Gotteslob übergangslos in Zweifinger-Synthesizer-Klänge münden. Lässiger kann man knapp 1500 Jahre Musikgeschichte eigentlich nicht verklammern."



Im Zwischenspiel aber, hält Daniel Gerhardt auf Zeit Online fest, öffnet Buschmann "alle Schleusen für den persönlichen Schmerz, den er im Angesicht seiner Zwangsrückkehr in die freie Wirtschaft zu spüren scheint. 'Manchmal muss man etwas aufgeben, das man liebt, um zu bleiben, wer man ist', heißt es in einer Notiz zur Komposition - und was bringen die 29 Synthietöne des Zwischenspiels zum Ausdruck, wenn nicht genau dieses Dilemma der liberalkonservativen Lebensbewältigung? ... Der Platzhirschrede, mit der Scholz den Rauswurf Lindners begründete, stellt Buschmann versöhnliche Töne entgegen. Die persönliche Kränkung seines Parteichefs ersetzt er durch einen Sound, in dem Selbstkritik- und -zweifel anklingen. Hätte es mehr davon gegeben in der Koalition, gäbe es vielleicht noch immer eine funktionierende Regierung in Deutschland." Jakob Biazza gibt sich in der SZ als langjähriger Buschmann-Fan zu erkennen - zumindest, was dessen Musik betrifft. Das neue Werk aber enttäuscht ihn: Buschmann "scheint - für den Moment wenigstens - sein Mojo verloren zu haben".

Weitere Artikel: Ein in der Kurie für Wissenschaft und Kunst kursierender Offener Brief plädiert dafür, das ORF Radio-Symphonieorchester auch für die Zukunft an den öffentlich-rechtlichen Sender angedockt zu lassen, meldet Ronald Pohl im Standard. Ljubiša Tošić berichtet derweil im Standard von einem Gagenstreit beim Wiener Mozart Orchester.

Besprochen werden das neue Album von So Sner (taz), ein Konzert der Jazzsaxofonistin Signe Emmeluth (FR) und neue Popveröffentlichungen, darunter "I Was An Apple And I Got Peeled" von Panik Deluxe, die darauf laut Standard-Kritiker Christian Schachinger eine "nicht gerade der Sonnenuhr des Lebens verpflichtete Sicht auf das Dasein" präsentieren.

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Design

Ganz schwindelig wird SZ-Kritiker Peter Richter bei der Eröffnungsveranstaltung zur Ausstellung "Design for Behinds" im "Fragil Royal" angesichts der grafischen Gestaltung der Sitzmuster, mit denen sich herumplagen muss, wer die Angebote des Berliner ÖPNV in Anspruch nimmt. Es handelt sich also um "Gestaltung für den Hintern", übersetzt Richter den Titel der Ausstellung und lauscht aufmerksam, wenn sich Laura Ewert und Tom Gräbe über die Funktionalität der Sitzmuster austauschen, die vor allem Graffiti abhalten sollen, "gerade in Nachtbussen aber immer wieder auch Erbrochenes. Fraglich blieb, ob speziell dies von den Designs nur ästhetisch sozusagen sublimiert oder zum Teil auch hervorgerufen wird. ... Auf der Empore des 'Fragil Royal' hängt nun eine ganze Galerie groß kopierter Fotografien von Bus- und Bahnsitzmustern unbekannter Designer, die in diesem Format und in dieser Präsentation mal an Werke der Op-Art, mal an solche des Abstrakten Expressionismus denken lassen. Auf den ersten Blick könnten sie so auch auf einer Kunstmesse hängen. Auf den zweiten Blick sogar erst recht."
Archiv: Design