Efeu - Die Kulturrundschau

Von Jazz, über Soul zu Pop

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05.11.2024. Der Prix Goncourt geht 2024 an Kamel Daoud für dessen Roman "Houris": Diese Entscheidung ist "ein Segen für Frankreich und darüber hinaus", jubelt die SZ. FAZ und FR applaudieren Nadia Loschky zu ihrer Inszenierung von Alban Bergs Oper "Lulu" in Frankfurt, die die Heldin als reale Frau und nicht als mythisches Wesen zeigt. Die taz schaut sich in der albanischen Theaterszene um. Die Musikkritiker trauern um den Komponisten und Musikproduzenten Quincy Jones.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2024 finden Sie hier

Literatur

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Der Prix Goncourt geht 2024 an Kamel Daoud für dessen Roman "Houris" (mehr zu diesem Roman hier). Diese Entscheidung "entspricht der Funktion des Literaturbetriebs in der französischen Gesellschaft: Ein Gegengewicht zu bilden, wenn Staat und Gesellschaft ins Schlingern geraten", denkt sich Nils Minkmar in der SZ, sie "ist ein Segen für Frankreich und darüber hinaus." Denn Daoud "schreibt seit vielen Jahren die präzisesten politischen Analysen der frankophonen Welt." Mit seinem Roman gibt er "den Opfern des algerischen Bürgerkriegs der Neunzigerjahre eine Stimme. .. Die Erfahrungen, die Daoud als politischer Beobachter in Algerien gemacht hat, bewegen ihn zu deutlichen Warnungen an das europäische Publikum. Reaktionäre und islamistische oder allzu tolerante Kräfte arbeiten Hand in Hand, um die offene Gesellschaft zu bedrohen." Er "warnt vor der 'Zange', in die sich eine westliche Gesellschaft naiverweise hinein manövriert. Damit nervt er rechte und ideologische, angeblich postkoloniale Kreise gleichermaßen."

Weitere Artikel: Irritierend stillos findet Andreas Platthaus von der FAZ das Schreiben, mit dem der Hanser Verlag die ja nicht unwesentliche siebzig Jahre umfassende Zusammenarbeit mit der Literaturzeitschrift Akzente für beendet erklärt: Jo Lendles "Verlautbarung benutzt den wohlbekannten Sound von Arbeitgeber-Beurteilungen beim Ausscheiden ungeliebter Mitstreiter".

Besprochen werden unter anderem Julian Volojs und Jörg Hartmanns Comic "Liberty" (Jungle World), Martin Beckers und Tabea Soergels Krimi "Die Schatten von Prag" (online nachgereicht von der Welt), Una Mannions "Sag mir, was ich bin" (FR), Andrea Köhlers Essay "Vom Antlitz zum Cyberface. Das Gesicht im Zeitalter seiner technischen Manipulierbarkeit" (NZZ), Tine Melzers "Do Re Mi Fa So" (FAZ) und eine Neuauflage von Arnold Zweigs "De Vriendt kehrt heim" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Kunst

Besprochen werden die Ausstellung "Parrot Territories" im Tieranatomischen Theater der Humboldt Universität (taz) und die Gustav-Metzger-Retrospektive im Frankfurter Museum für Moderne Kunst (Tsp).
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Musik

Quincy Jones, 1980. Foto: Los Angeles Times und cc 4.0-Lizenz
Die Feuilletons trauern um Quincy Jones. Einig sind sich alle: Von Ray Charles und Ella Fitzgerald über Frank Sinatra und Donna Summer bis hin zu den globalen Blockbuster-Alben von Michael Jackson, vom Jazz über Soul zu Pop - wie kaum ein zweiter hat der Komponist, Arrangeuer, Produzent und Musiker über Jahrzehnte hinweg die populäre Musik geprägt. "Damit ist das 20. Jahrhundert und seine Moderne musikhistorisch endgültig abgeschlossen", seufzt Andrian Kreye in der SZ. "Er war eine jener Figuren, die aus der Emanzipation der Bürgerrechtsbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg einen Kanon schufen, der die Befreiung aus den Zwängen der Vergangenheit in der Kulturgeschichte zementierte." Diesen Kanon verdichtet Karl Fluch im Standard mit einer Auswahl von sieben essenziellen Stücken, an die Jones Hand angelegt hatte. Kein leichtes Unterfangen, denn: "Er hat über tausend Originalkompositionen geschrieben, mehr als 300 Alben und an die 3000 Songs aufgenommen."



Sein kommerziell größter Erfolg: "Thriller" von Michael Jackson, das bis heute meistverkaufte Popalbum. Es "ist von Anfang bis Ende kompositorisch wie rhythmisch hochkomplex, erscheint dabei simpel und eingängig; man könnte diese bedeutende Pop-Platte auch ohne Weiteres als Bigband-Werk bezeichnen", schreibt Jan Wiele in der FAZ. "Die abgefeimten Bläsersätze sind indes so geschickt ins Pop-Gewand eingenäht, dass sie kein Genre-Hindernis darstellen. Dass die einzelnen Stücke von Michael Jackson auch auf anderen von Jones produzierten Alben so gut (und so erfolgreich) sind, hat in vielen Fällen auch mit ihrem jeweiligen 'Gimmick' zu tun: ein Gitarrensolo des Rockmusikers Eddie Van Halen ('Beat It'), ein einmontiertes Motiv des kamerunischen Saxophonisten Manu Dibango ('Wanna Be Startin' Somethin''), ein auf Colaflaschen gespielter Disco-Groove ('Don't Stop Til You Get Enough')." Und die Regie beim fast viertelstündigen Clip zum Titelsong führte John Landis, damals auf der Höhe seines Hollywooderfolgs:



Jones' überwältigender Erfolg hat mit den amerikanischen Tugenden von "Ehrgeiz, Frechheit und Talent" zu tun, schreibt Tobi Müller auf Zeit Online. Aber auch mit Jones' Umzug nach Paris im Jahr 1957: Dort "produziert er viele Sessions und studiert vor allem Orchestrierung bei Nadia Boulanger, einer Mentorin von Igor Strawinsky und Lehrerin von vielen US-amerikanischen Genies wie Leonard Bernstein und Philip Glass. Er bleibt auch deshalb lange in Europa, weil er denkt, dass man einem Schwarzen in den USA niemals erlauben würde, Musik für Streicher zu schreiben. Jones wird in Paris zwar kein Avantgardekomponist, aber seine Arrangements werden komplexer, ohne die Leichtigkeit und den Swing zu verlieren. ... Hoch hinaus und doch locker bleiben wollte Jones damit, und beides gelingt ihm auf beispiellose Weise. Die Astronauten der Apollo 11 spielen 1969 auf dem Mond 'Fly Me to the Moon' im Kassettenrekorder, gesungen von Sinatra, gespielt von Basies Band, arrangiert von Jones. Houston grinst und wippt mit."



Weitere Nachrufe schreiben Julian Weber (taz), Stefan Hentz (NZZ), Josef Engels (Welt) und Harry Nutt (FR).

KA (Kaseem Ryan). Foto von Unbekannt. Original publication: Immediate source, Fair use
Kaseem Ryan, genannt KA, war einer jener Musiker, "die von der Unbedingtheit ihrer Kunst überzeugt sind, die ihr Leben nach der Notwendigkeit ausrichten, nicht leben zu können, ohne so zu schreiben, wie sie es müssen", hält Berthold Seeliger in seinem ND-Nachruf fest. Oder kurz: KA war "einer der tiefsten und wunderbarsten Rapper unserer Tage". Im Hauptberuf war er Feuerwehrmann und seinerzeit auch bei 9/11 in den Twin Towers im Einsatz, erfahren wir. "Seine Lyrics schrieb er nachts oder an den Wochenenden, sie handeln von Schach, Samurai-Symbolik, von biblischen Gleichnissen, Religion, der 'Ilias' oder anderen Mythen. Die Musik ist sparsam, er verwendet besondere Samples, mitunter geradezu müde Loops, sich quälende Beats, kaum Drums. Klassischer Hip-Hop, keine Frage, aber im Mittelpunkt stehen seine drängenden, häufig melancholischen Lyrics - ausdrucksstarke Texte, die von Verletzungen der Kindheit ebenso berichten wie von einem Leben in Verhältnissen, die wenig veränderbar scheinen."



Weitere Artikel: Cassandra Schwarz blickt in der taz auf den anhaltenden Boom der koreanischen Popmusik und die Drangsal, die für ihre Aushängeschilder damit einhergeht. Manuel Brug weiß in der Welt, warum die Klassikwelt Kopf steht angesichts eines kurzen, in einem Archiv aufgestöberten Walzers von Chopin.

Besprochen werden ein Konzert von Jan Garbarek mit Band und dem Perkussionisten Trilok Gurtu in Wien (Standard), Laura Marlings Album "Patterns in Repeat" ("Wer das ominöse Kitchensink-Drama sucht, hier findet es sich in nicht unironischer Blüte", schreibt Christian Schachinger im Standard), diverse Popveröffentlichungen, darunter "Chromakopia" von Tyler, The Creator (Standard) und das gemeinsame Album "La grande accumulation" von Anadol und Marie Klock, das tazlerin Stephanie Grimm "an einen spätsommerlicher Spaziergang mit psychoaktiven Pilzen am Wegesrand" denken lässt.

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Film

Besprochen werden Andres Veiels "Riefenstahl" (Jungle World) und Simon Verhoevens Komödie "Alter weißer Mann" (NZZ, unsere Kritik).
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Bühne

Szene aus "Lulu" an der Oper Frankfurt. Foto: Barbara Aumüller.

"Bewundernswerte Eleganz und hohes Formbewusstsein" zeichnet Nadia Loschkys Inszenierung von Alban Bergs Oper "Lulu" aus, schwärmt FAZ-Kritiker Jan Brachmann. Loschky hat das Stück für die Oper Frankfurt in die Dreißigerjahre verlegt, was Brachmann an den "stilvoll-dezenten, in allen Schattierungen von beige und oliv gehaltenen Kostümen" von Irina Spreckelmeyer erkennen kann. Damit wird das in der Oper transportierte Frauenbild, das nun nicht gerade emanzipatorisch ist, "klug historisiert", findet der Kritiker. Die amerikanische Sopranistin Brenda Rae stellt die Tragik der Figur zudem überzeugend dar: "Lulu wird auf Herkunft und Körper reduziert; wo ihr der Weg ins Erwerbsleben versperrt ist, bleibt am Ende nur der Ausweg ins Gewerbe. Zugleich wird die Gefühlskälte Lulus angesichts der toten Männer um sie verständlich: Sie bringt innerlich ihre Seele vor den Ansprüchen, stets eine andere sein müssen, in Sicherheit. Brenda Rae als Lulu macht das ebenso überzeugend wie staunenswert sparsam. Stimmlich ist sie eine Frau der langen, hohen Töne, weshalb ihr das Parlando in mittlerer Lage im ersten Bild nicht so gut liegt. Aber ihr ans Publikum adressiertes 'Lied der Lulu' und der Ausruf 'O Freiheit! Herr Gott im Himmel!' sind stimmlich von irisierender Schönheit". 

Das Stärkste an dieser Inszenierung, bekräftigt Judith von Sternburg in der FR, ist, dass Lulu hier auf das Leid reagiert "wie ein Mensch, nicht wie ein wunderliches Wesen". Optisch hat die Aufführung auch einiges zu bieten: "Auf der Drehbühne gleiten mehrere hohe Halbkreise flugs und geschmeidig und geben den Blick frei auf immer neue Arrangements, vom schneeweißen Badezimmer bis zum gespenstischen Londoner Sperrmüllberg. Sie können die Bühne auch abschotten."

Szene aus Sajza Flower, National Experimental Theater "Kujtim Spahivogli"


Im Mai 2020 ließ die albanische Regierung das Nationaltheater in Tirana abreißen (unser Resümee). Doch die albanische Theaterszene ließ sich davon nicht unterkriegen. Tom Mustroph berichtet für die taz vom Festival "Kosovo Albania Theatre Showcase" (mehr hier), das den Austausch mit dem Rest europäischen Theaterszene sucht: "Die Austauschprozesse gingen in vielerlei Richtungen. Die Eröffnungsproduktion 'Flower Sajza' vom hauseigenen National Experimental Theatre bot einen berührenden Einstieg in die albanische Geschichte. Stacheldraht trennte Bühne und Zuschauerraum. Jenseits des Drahtes wühlte sich eine junge Frau aus einer Schlammgrube heraus, versank aber immer wieder darin. Sie wirkte wie der Geist jener Kinder, die in der ersten Dekade des Enver-Hoxha-Regimes unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in Zwangsarbeitslagern umkamen. Den historischen Kontext lieferten Augenzeugenberichte - mal als Videoeinspieler, mal als Bühnenmonolog inszeniert."

Besprochen werden außerdem Leonie Rebentischs Adaption von Charlotte Gneuß' Roman "Gittersee" am BE Berlin (SZ), Timofej Kuljabin Inszenierung von Bertolt Brechts "Furcht und Elend des dritten Reiches" am Badischen Staatstheater Karlsruhe (nachtkritik), Emre Akals Inszenierung von "Barrrbie ein Puppenheim" im Thalia Theater Hamburg (taz) und Axel Ranischs Inszenierung der Strauss-Oper "Intermezzo" an der Semperoper Dresden (Welt), Kirill Serebrennikows Inszenierung von Alfred Schnittkes Opernsatire "Leben mit einem Idioten" am Opernhaus Zürich (NZZ).
Archiv: Bühne