Efeu - Die Kulturrundschau
Urkräfte kollidieren
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23.10.2024. Pedro Almodóvars Sterbedrama "The Room Next Door" entzweit die Filmkritik: Die FAZ schwärmt, der taz ist es zu blasiert. Die SZ verwandelt sich in Zürich mit Leonie Tholl vergnügt in Kafkas Käfer. Die FAZ wird ebenfalls in Zürich in Anne Lenks "King Lear" von Vaginas dentatas gebissen. Die SZ möchte lieber wieder über Clemens Meyers "Projektoren" reden. Zeit Online wundert sich: Bayerns Kulturminister Markus Blume fordert eine opferfreundlichere Restitutionspraxis - und drückt in einem prominenten Raubkunstfall selbst auf die Bremse.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
23.10.2024
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Film

Pedro Almodóvars (auf Sigrid Nunez' Roman "Was fehlt dir" basierender) Film "The Room Next Door" mit Julianne Moore und Tilda Swinton über die alte Freundschaft zweier Frauen, von denen eine an Krebs erkrankt ist und dem selbstbestimmten Sterben entgegen sieht, ist bereits beim Filmfestival in Venedig von der Kritk gefeiert und von der Jury ausgezeichnet worden (hier und dort unsere Resümees), jetzt kommt der Film bei uns in die Kinos. "Nunez' leichten, niemals ins Fatalistische abdriftenden Ton übersetzt der Spanier in seine opulenten Farbspiele, begegnet der Härte des Lebens mit purer Ästhetik", schreibt Maria Wiesner in der FAZ. "Jedes Zimmer, jedes Outfit strahlt. Julianne Moores Garderobe verankert ihre Ingrid in satten Grüntönen mitten im Leben. Olivfarbe Kaschmirpullover und tannengrünkarierte Wollmäntel setzen die schönsten Kontraste zu Moores Kupferhaar und den in dunklem Ochsenblutton geschminkten Lippen. Tilda Swintons Martha hingegen beginnt ihre Reise in Krankenhauspastell; je sicherer sie in ihrer Entscheidung wird, je mehr Macht sie sich über das eigene Schicksal zurückerobert, desto leuchtender strahlen ihre Sachen."
"Zwei Urkräfte kollidieren da in Almodovárs erstem englischsprachigem Film", schreibt SZ-Kritiker Philipp Bovermann: "der protestantische amerikanische Optimismus und der spanische Barock der Trauer, das Erbe Caldérons." Und diese Melancholie des Sich-Dem-Sterben-Fügens hat auch viel mit der Gegenwart zu tun: "Im liberalen, gebildeten Milieu, das der Film beschreibt - in den Kreisen also, die sich beispielsweise für Filme von Pedro Almodóvar interessieren - herrscht allenthalben ein Fin-de-Siècle-Gefühl des bevorstehenden Untergangs, des Überrolltwerdens von Kräften des Hasses und des Wahns. Wohin man auch guckt, nichts scheint das Vordringen menschenfeindlicher Ideologien in die Mitte der Gesellschaft aufhalten zu können."
Arabella Wintermayr haut diese Art von Filmpoesie in der taz entrüstet in die Tonne: "Almodóvars gewohnt überästhetisierte Bildwelten wirken im Kontext des Sterbedramas blasiert und bilden einen schmerzhaften Kontrast zu einer sich meist doch ganz anders darstellenden Realität." Doch "als weitaus irritierender als diese abgehoben wirkende Glamourisierung des Todes erweist sich allerdings das Gefühl der Belanglosigkeit, das der Film ausgerechnet gegenüber dem wahrscheinlich existenziellsten aller Themen erzeugt."

Besprochen werden Claire Burgers französisches Jugenddrama "Tandem - In welcher Sprache träumst du?" (Tsp), Andreas Dresens "In Liebe, Eure Hilde" (Standard), Laura Nix' Arte-Doku "USA: Demokratie unter Beschuss" (FAZ) und die vom ZDF online gestellte, deutsch-tschechische Science-Fiction-Serie "We're on it, Comrades!" (FAZ).
Außerdem gibt der Verband der deutschen Filmkritik die Nominierten für die beste Filmkritik des Jahres bekannt. Hoffnungen machen können sich Silvia Bahl ("Theatre of Violence"), Esther Buss ("Nataschas Tanz"), Denise Bucher ("Zone of Interest"), Daniel Gerhardt ("Back to Black", leider verpaywallt) und Till Kadritzke ("Megalopolis").
Bühne

Äußerst beschwingt lässt sich die Interimsintendanz Ulrich Khuons am Schauspielhaus Zürich an, berichtet ein mehrfach beglückter Egbert Tholl in der SZ. Unter anderem gibt das Theaterkollektiv Raum+Zeit "Doktor Spielrein" (heute auch in der NZZ besprochen), eine emotional intensive Virtual-Reality-Inszenierung mit Julia Jentsch als Sabina Spielrein, der berühmten Patientin C. G. Jungs, die später selbst Psychoanalytikerin wurde. Mindestens genauso toll findet Tholl Leonie Böhms Bühnenversion von Kafkas "Verwandlung" mit Eva Löbau, Lukas Vögler und Vincent Basse. Ein Stück, das zeigt, "dass man die Verwandlung in ein Insekt auch sehr positiv empfinden könnte. Nämlich als Befreiung von allen Zwängen und als Freude an neuen Fähigkeiten wie dem Krabbeln an der Decke. Dazu planschen die Drei in einem wie aus dem Bühnenboden gewachsenen Teich, flirten mit dem Publikum und finden immer wieder, freilich versponnen mäandernd, zu Kafka und einigen originalen Sätzen zurück, um am Ende mit Eric Claptons 'Tears in Heaven' zu enden."

Auch FAZ-Autorin Salomé Meier macht sich auf nach Zürich und erfreut sich an Anne Lenks phänomenaler "King Lear"-Inszenierung. Mit viel inszenatorischem Geschick wird hier ein abgründiger Geschlechterkampf in Szene gesetzt: "In einer riesigen, aufgerissenen Mundhöhle mit verführerischen Lippen haben sich die beiden Töchter Goneril und Regan eingerichtet. Ihre Kleidung ist jetzt ganz die zweier Racheköniginnen: seidene Hosen und rosarote Bustiers, von denen schreiende Frauenköpfe medusenartig aufs Publikum herabblicken, Zierbänder, auf denen die Namen einflussreicher Technologie- und Computerpionierinnen wie Ada Lovelace, Grace Hopper und Shirley Ann Jackson eingraviert sind, und aufgeplusterte Ärmel, die mit den Schlitzen und doppelten Perlenreihen an Vaginas dentatas denken lassen. Das also ist die verführerisch-tödliche Höhle des Bösen, wo King Lear und seine Armee alter Männer entmannt, excusé: entmachtet werden sollen."
Außerdem: Merle Krafeld setzt sich auf Van noch einmal ausführlich mit den Reaktionen auf Florentina Holzingers vermeintliches Skandalstück "Sancta" auseinander, das am Staatstheater Stuttgart für ausverkaufte Säle sorgt, jedoch auch Kritik auf sich zieht. Offensichtlich wird letztere kampagnenartig von fundamentalistischen Christen aufgezogen. Sylvia Staude befragt Tony Rizzi und Irene Klein in der FR über deren Arbeit mit Bill Forsyth. Holger Noltze schreibt in van über den Gütersloher Operngesangswettbewerb "Neue Stimmen", den er selbst moderiert. Wolfgang Behrens beschäftigt sich auf nachtkritik mit dem Berufsbild des Dramaturgen.
Literatur

Besprochen werden unter anderem Willi Winklers "Kissinger & Unseld. Die Freundschaft zweier Überlebender - ein Doppelporträt" (taz), Ginevra Lambertis "Der Aufruhr unserer Herzen" (FAZ), Alexej Nawalnys postume Memoiren "Patriot. Meine Geschichte" (Welt) und Katja Oskamps "Die vorletzte Frau" (SZ).
Kunst
Praktiziert Bayerns Kunstminister Markus Blume in Sachen Restitution von Raubkunst nicht, was er predigt? Diesen Verdacht äußert Tobias Timm auf Zeit Online. Blume beklagte sich im Frühjahr dieses Jahres gemeinsam mit zwei Ministerkolleginnen anderer Bundesländer in der FAZ darüber, dass die bisher zuständige Beratende Kommission nicht in der Lage ist, Geschädigten angemessen zu helfen. Timm weißt nun darauf hin, dass Blume selbst in Sachen Restitution auf die Bremse drückt. Unterlagen, die der Zeit vorliegen, "belegen, dass eine Bronzeskulptur von Picasso, der Frauenkopf 'Fernande' aus dem Jahr 1906, nicht aus den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen zurückgegeben wurde an die Erben des jüdischen, 1937 im Londoner Exil verstorbenen Galeristen Alfred Flechtheim. Der Generaldirektor des Museums und sein Vize hatten sich zunächst ausdrücklich für eine Rückgabe ausgesprochen. Bei zwei weiteren Kunstwerken von Paul Klee, 'Grenzen des Verstandes' und 'Sängerin der Komischen Oper' von 1927, weigert sich das Land Bayern, die für die Klärung von strittigen Raubkunstfragen zuständige Beratende Kommission anzurufen, wie zahlreiche Schriftsätze belegen. Obwohl auch in diesen Fällen die Museumsleitung bereits im Sommer 2023 auf eine solche Anrufung drängte." In der SZ berichtet Jörg Häntzschel über den - juristisch komplexen - Fall.
Nicola Kuhn trifft sich für den Tagesspiegel mit dem israelischen Künstler Navot Miller, dessen Arbeiten jüdische Religiosität und Queerness auf lebensbejahende Weise verbinden. Elke Buhr interviewt in monopol den K-Pop Star Dawn, der inzwischen auch als Künstler von sich reden macht. Ebenfalls für monopol besucht Justine Konradt Wolfgang Laib, der in Oberschwaben an seinen meditativen Blütenstaubskulpturen arbeitet. Ingeborg Ruthe porträtiert in der Berliner Zeitung den belgischen Künstler James Ensor, einen Zeitgenossen der Expressionisten.
Besprochen werden die Schau "Arte Povera" in der Pariser Pinault Collection (FAZ) und die Ausstellung "Totentanz" in der Galerie Artler, Lübeck (taz Nord).
Nicola Kuhn trifft sich für den Tagesspiegel mit dem israelischen Künstler Navot Miller, dessen Arbeiten jüdische Religiosität und Queerness auf lebensbejahende Weise verbinden. Elke Buhr interviewt in monopol den K-Pop Star Dawn, der inzwischen auch als Künstler von sich reden macht. Ebenfalls für monopol besucht Justine Konradt Wolfgang Laib, der in Oberschwaben an seinen meditativen Blütenstaubskulpturen arbeitet. Ingeborg Ruthe porträtiert in der Berliner Zeitung den belgischen Künstler James Ensor, einen Zeitgenossen der Expressionisten.
Besprochen werden die Schau "Arte Povera" in der Pariser Pinault Collection (FAZ) und die Ausstellung "Totentanz" in der Galerie Artler, Lübeck (taz Nord).
Musik
Beinahe hätte ein Flugzeugschaden dem Debütkonzert des Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly in der Elbphilharmonie einen Strich durch die Rechnung gemacht. Nicht einmal eine Stunde vor Konzertbeginn traf das Orchester im Hause ein, berichtet Christian Wildhagen in der NZZ. Eine Hypothek angesichts der strengen Raumakustik des Saals, die jeden Fehler erbarmungslos transparent ans Publikum weitergibt? "Es ist faszinierend, zu hören, wie schnell und subtil das sonst im KKL Luzern beheimatete Ensemble auf den Saal reagiert: indem es nicht nur dynamische Härten im Tutti umgehend abmildert, sondern auch die Vorzüge des Raums spielerisch für sich zu nutzen beginnt, etwa die herrlich satten Bassresonanzen oder die außergewöhnliche Plastizität der einzelnen Instrumentengruppen. Dem schwerblütigen Ton des Violinkonzerts von Jean Sibelius kommt das sehr zugute. Gleichzeitig tritt der Solist, Daniel Lozakovich, fast mühelos aus den hoch aufbrandenden Klangwogen der Orchesterbegleitung hervor."
Außerdem: Wolfgang Sandner erinnert in der FAZ daran, wie der Jazzer Dizzy Gillespie 1964 US-Präsident werden wollte. Besprochen werden Alan Sparhawks Album "White Roses, My God" (taz), ein Jazzkonzert von Brad Mehldau in Wien (Standard), ein Konzert von Arooj Aftab in Heidelberg (FAZ.net), das neue Coldplay-Album (FR) und das neue Album der australischen Punkband Amyl & the Sniffers ("So herzhaft hat schon länger niemand gegeifert", schreibt Karl Fluch im Standard). Eine vom Online-Puritanismus unzensierte Version des unten eingebundenen, aktuellen Videos gibt es auf der Website der Band.
Außerdem: Wolfgang Sandner erinnert in der FAZ daran, wie der Jazzer Dizzy Gillespie 1964 US-Präsident werden wollte. Besprochen werden Alan Sparhawks Album "White Roses, My God" (taz), ein Jazzkonzert von Brad Mehldau in Wien (Standard), ein Konzert von Arooj Aftab in Heidelberg (FAZ.net), das neue Coldplay-Album (FR) und das neue Album der australischen Punkband Amyl & the Sniffers ("So herzhaft hat schon länger niemand gegeifert", schreibt Karl Fluch im Standard). Eine vom Online-Puritanismus unzensierte Version des unten eingebundenen, aktuellen Videos gibt es auf der Website der Band.
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