Efeu - Die Kulturrundschau
Sexy in der Luft hängen
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
22.10.2024. Die FAZ lässt sich von Bruno Gollers Bildern, die im Kunstmuseum Bonn zu sehen sind, bereitwillig in ein ortloses Irgendwo entführen. Ebenfalls in Bonn schwingt die SZ in der Ausstellung "Tanzwelten" die Hüften. Außerdem staunt sie im Münchner Bergson-Kraftwerk über das Vivace-Klangsystem und "die perfekte klangliche Simulation eines Raums, der gar nicht da ist." Die FR verliebt sich, wie ganz Frankreich, in den jungen Chanson-Star Zaho de Sagazan.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
22.10.2024
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Bühne

SZ-Kritikerin Dorion Weickmann wandelt gut gelaunt durch die Ausstellung "Tanzwelten" in der Bundeskunsthalle Bonn, die "eher lässig als gelehrt die Tanzlandschaft zwischen Ballett und Ballroom, Community und Contemporary Dance" aufrollt. Tanzbegeisterte Besucher haben hier sogar die Möglichkeit richtig zu tanzen, freut sich Weickmann, aber auch das Ausgestellte kann überzeugen: "Trajal Harrells frühe Voguing-Experimente über den Monitor flimmern zu sehen: Extravagante Hüftschwünge und auf halbe Spitze gestelzte Schritte, denen die Zuschauer seinerzeit mit unverhohlener Reserve begegneten. Bis irgendwann der Knoten platzte und sich die queere Laufsteg-Energie in ein gehyptes Kunstphänomen verwandelte, von dem selbst Techno-Tanzdesigner wie Sharon Eyal profitieren. Zumindest für Nicht-Routiniers lässt sich beim Gang durch 'Tanzwelten' eine Menge entdecken: hier ein markanter Stil, dort ein unbekanntes Gesicht oder Collagen von Nyota Inyoka, einer Vordenkerin, der bereits vor Jahrzehnten eine universelle Ost-West-Ästhetik vorschwebte." Nur, dass es keinen Katalog gibt, ist ein echter Mangel, findet Weickmann.
In der Florentina Holzinger-Performance "Sancta", bei deren Aufführung in Stuttgart sich wohl mehrere Menschen übergeben mussten (unser Resümee), spielt die Schauspielerin Annina Machaz Jesus. Die Bild-Zeitung nahm das zum Anlass, sie auf der Titelseite abzudrucken, erfahren wir im SZ-Interview, und zwar direkt neben einem Bild von Putin. Machaz ärgert sich, dass ihre Arbeit hier falsch dargestellt wird und kann den Skandal nicht so ganz verstehen: "Ich war auf einmal der 'Nackt-Jesus' aus der 'Skandal-Oper'. Dazu ein Foto von mir aus dem Abend, mit Namen. ... Ich bin nicht respektlos an diese Rolle herangegangen, überhaupt nicht. Ich bin übrigens auch nicht nackt als Jesus. ... Um Jesus zu spielen, habe ich drei Monate recherchiert und gelesen, Texte geschrieben, an der Rolle gearbeitet. Drei Monate Arbeit - und dann lässt man es aussehen, als würde ich einfach nur neckisch mein Dress ausziehen und irgendwie sexy in der Luft hängen. Das ist verletzend und wird meiner Rolle nicht gerecht."
Außerdem: nachtkritiker Wolfgang Behrens beschäftigt sich in seiner Theater-Kolumne mit dem Beruf des Dramaturgen. Besprochen werden Sebastian Baumgartens Inszenierung von Brigitte Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" im Maxim Gorki Theater in Berlin (taz), Anne Teresa De Keersmaekers Choreografie "Il Cimento dell'Armonia e dell'Inventione" im Haus der Berliner Festspiele (taz), Bernd Mottls Inszenierung von David Bowies Musical "Lazarus" am Hans-Otto-Theater in Potsdam (taz) und Sophie Passmanns Bühnen-Performance ihres Buchs "Pick me Girls" am Berliner Ensemble (Welt).
Film
Christiane Peitz gibt im Tagesspiegel Hinweise zum Ukrainischen Filmfestival in Berlin. Patrick Holzapfel sah für die NZZ Erich Langjahrs in den Schweizer Kinos laufenden Dokumentarfilm "Die Tabubrecherin" über das Krebsleiden von Michèle Bowley. Thomas Klein bespricht in der taz die auf Netflix gezeigte Neowestern-Serie "Territory". Aus dem Viennale-Programm besprochen werden Nele Wohlatz' "Dormir de olhos abertos" (Standard), Milena Czernovskys und Lilith Kraxners "bluish" (Standard) sowie Klára Tasovskás "Ješte nejsem, kým chci být" über die queere Fotografin Libuše Jarcovjáková (Standard).
Kunst

Auf das Werk eines absoluten "Sonderfalls moderner Malerei" kann man in der Bruno-Goller-Retrospektive im Kunstmuseum Bonn zurückblicken, freut sich Georg Imdahl in der FAZ. Abseits aller "Strömungen und Neuerungen" bewegte sich der Düsseldorfer Maler, und die Faszination, die von seinen Bildern ausgeht und von der "malerischen Bleiche, die gleichwohl von Tiefenschärfe" rührt, hat nicht nachgelassen, so Imdahl: "Bei Goller lenkt sie von nichts ab, Malerei als solche gerät, völlig illusionslos, in den Blick. Die homogene Chroma bewirkt in den ersten Räumen der Schau einen Gleichklang zwischen den Werken mit ihren seltsamen Motiven, über denen ein Hauch von Pittura metafisica liegt: Junge Frau und Haus schweben in ortlosem Irgendwo ebenso wie Haus und bellender Hund; Männerhand scheint Blumenstrauß nicht recht fassen zu können; Mädchen erscheint als Statue ihrer selbst. Nicht minder seltsam der Befund, dass all die grauen Bilder nicht in Monotonie, gar Langeweile münden, vielmehr geht ein regelrechter Sog von ihnen aus. Als kämen sie aus einer versunkenen Welt, einem Pompeji, ins Diesseits - in ihrer flachen Farbigkeit sehen sie übrigens auch aus wie Fresken."
Besprochen werden die Ausstellung "The Wall" mit Fotografien von Birgit Kleber in der Alten Feuerwache Berlin (tsp) und die Ausstellung "Beyond Water" in der Stadtgalerie Kiel (taz).
Literatur
Ja, Clemens Meyer hätte für "Die Projektoren" den Deutschen Buchpreis in der Tat verdient, findet Michael Hametner im Freitag. Eshkol Nevo schreibt im Freitag Kriegstagebuch aus Israel. Der Tagesanzeiger dokumentiert Stefan Zweifels Laudatio auf die Schweizer Autorin Fleur Jaeggy zur Auszeichnung mit dem Gottfried-Keller-Preis. David Hinzmann spricht für FAZ.net mit Josi Wismer, die eben in Frankfurt als "#BookTok Autorin des Jahres" ausgezeichnet wurde. Zeit Online hat an dieser Stelle alle am Frankfurter Stand der Zeit geführten Autorengespräche als Videomitschnitte gesammelt.
Besprochen werden unter anderem Francesca Melandris "Kalte Füsse" (NZZ), Max Gross' "Das vergessene Schtetl" (online nachgereicht von der Welt), Caroline Peters' "Ein anderes Leben" (Standard), Sasha Filipenkos "Der Schatten einer offenen Tür" (FAZ), Can Xues Erzählungsband "Schattenvolk" (FAZ) und Agi Mishols "Gedicht für den unvollkommenen Menschen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Besprochen werden unter anderem Francesca Melandris "Kalte Füsse" (NZZ), Max Gross' "Das vergessene Schtetl" (online nachgereicht von der Welt), Caroline Peters' "Ein anderes Leben" (Standard), Sasha Filipenkos "Der Schatten einer offenen Tür" (FAZ), Can Xues Erzählungsband "Schattenvolk" (FAZ) und Agi Mishols "Gedicht für den unvollkommenen Menschen" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Musik
SZ-Kritiker Egbert Tholl staunt im Münchner Bergson-Kraftwerk über das dort installierte Vivace-Klangsystem. Diesem gelingt mithilfe eines ausgeklügelten Verhältnisses zwischen tonabnehmenden Mikrofonen und im Saal platzierter Lautsprecher unter Berücksichtigung der spezifischen Nachhallzeit "die perfekte klangliche Simulation eines Raums, der gar nicht da ist". Beim Konzert gab es etwa "eine Idee von einer Symphonie Gustav Mahlers, weit aufgefächert, perfekt transparent. Jedes einzelne Instrument ist deutlich zu hören, bleibt aber nicht individualistisch, wird Teil des Ganzen. ... Das ist auch deshalb so beeindruckend, weil man nie das Gefühl hat, hier käme Musik aus den Boxen. Das Ohr wird überlistet, man erlebt einfach nur ein anderes akustisches Raumgefühl. Aber Vivace kann noch mehr", denn "rüstet man einzelne Instrumente mit Mikrofonen aus, so kann Vivace deren akustische Position im Raum verschieben. Unfassbar nah kann so einem die Musik kommen."
Unter der neuen Leiterin Lydia Rilling herrscht bei den Donaueschinger Musiktagen "Aufbruchsstimmung", freut sich Lotte Thaler in der FAZ. "Eine Entdeckung brachte das SWR-Vokalensemble mit seinem Dirigenten Yuval Weinberg" mit: Claudia Jane Scroccaros "On the Edge" (hier beim SWR nachzuhören), dies "ein Werk, das die Zuhörer wahrscheinlich am emotionalsten berührte. Einmal durch die Schönheit der Klangräume, die sich durch die Verteilung der Sänger um das Publikum herum und die auf Luigi Nonos 'Prometeo' verweisende Feinarbeit des SWR-Experimentalstudios auftaten. Zum anderen durch den musikalischen und sozialen Bezug: Wiegenlieder aus europäischen Ländern, die die Komponistin in mündlicher Überlieferung von Frauen am Rande der Pariser Gesellschaft aufgezeichnet hat. Und schließlich formal: Das Publikum kommt in den Saal, während die Musik schon angefangen hat, als wäre sie schon immer da gewesen, und am Schluss zieht der Chor als Erster wieder nach draußen, 'verlässt' seine Zuhörer und macht sie als Gemeinschaft einsam." Marco Frei resümiert das Festival für die NZZ.
FR-Kritiker Stephan Klemm ist völlig hingerissen beim Kölner Konzert von Zaho de Sagazan, die in ihrer Heimat mit 25 Jahren bereits ein Superstar ist: "Frankreich hat sich völlig verknallt in diese junge blonde Frau mit dem großen Charisma. Dort erschien ihr Gesicht auf den Titelseiten der wichtigsten Magazine, sie rockte die nationalen Festivals, sie trat bei den Filmfestspielen in Cannes auf und war der erste Akt bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele von Paris. ... Auf der Kölner Bühne lebt sie ihren Bewegungsdrang sehr offensiv aus, sie ruft: 'Tanzt. Seid glücklich. Macht, was ihr wollt.' Und knallt dann rhythmische Elektro-Hymnen in den Saal."
Im Standard sprechen Kruder & Dorfmeister mit Karl Fluch über ihre vor 25 Jahren erschienenen "K&D Sessions". In der taz erklärt Giorgia Grimaldi, warum sich im Netz gerade alle bei Beyoncé bedanken. Michael Pilz denkt in der Welt anlässlich der neuen Tocotronic-Single "Denn sie wissen, was sie tun" über "das alte Wir" und das "neue Wir" in den Liedern der Band nach.
Besprochen werden ein Konzert von Pat Metheny in Frankfurt (FR), das Debütalbum von The Blessed Madonna (Standard) und diverse neue Platten, darunter "The Way" des Joachim Kühn French Trio (Standard-Kritiker Ljubiša Tošić hört "Stücke, in denen das Wesentliche rasende und abstrakt nachdenkliche Gestalt annimmt").
Unter der neuen Leiterin Lydia Rilling herrscht bei den Donaueschinger Musiktagen "Aufbruchsstimmung", freut sich Lotte Thaler in der FAZ. "Eine Entdeckung brachte das SWR-Vokalensemble mit seinem Dirigenten Yuval Weinberg" mit: Claudia Jane Scroccaros "On the Edge" (hier beim SWR nachzuhören), dies "ein Werk, das die Zuhörer wahrscheinlich am emotionalsten berührte. Einmal durch die Schönheit der Klangräume, die sich durch die Verteilung der Sänger um das Publikum herum und die auf Luigi Nonos 'Prometeo' verweisende Feinarbeit des SWR-Experimentalstudios auftaten. Zum anderen durch den musikalischen und sozialen Bezug: Wiegenlieder aus europäischen Ländern, die die Komponistin in mündlicher Überlieferung von Frauen am Rande der Pariser Gesellschaft aufgezeichnet hat. Und schließlich formal: Das Publikum kommt in den Saal, während die Musik schon angefangen hat, als wäre sie schon immer da gewesen, und am Schluss zieht der Chor als Erster wieder nach draußen, 'verlässt' seine Zuhörer und macht sie als Gemeinschaft einsam." Marco Frei resümiert das Festival für die NZZ.
FR-Kritiker Stephan Klemm ist völlig hingerissen beim Kölner Konzert von Zaho de Sagazan, die in ihrer Heimat mit 25 Jahren bereits ein Superstar ist: "Frankreich hat sich völlig verknallt in diese junge blonde Frau mit dem großen Charisma. Dort erschien ihr Gesicht auf den Titelseiten der wichtigsten Magazine, sie rockte die nationalen Festivals, sie trat bei den Filmfestspielen in Cannes auf und war der erste Akt bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele von Paris. ... Auf der Kölner Bühne lebt sie ihren Bewegungsdrang sehr offensiv aus, sie ruft: 'Tanzt. Seid glücklich. Macht, was ihr wollt.' Und knallt dann rhythmische Elektro-Hymnen in den Saal."
Im Standard sprechen Kruder & Dorfmeister mit Karl Fluch über ihre vor 25 Jahren erschienenen "K&D Sessions". In der taz erklärt Giorgia Grimaldi, warum sich im Netz gerade alle bei Beyoncé bedanken. Michael Pilz denkt in der Welt anlässlich der neuen Tocotronic-Single "Denn sie wissen, was sie tun" über "das alte Wir" und das "neue Wir" in den Liedern der Band nach.
Besprochen werden ein Konzert von Pat Metheny in Frankfurt (FR), das Debütalbum von The Blessed Madonna (Standard) und diverse neue Platten, darunter "The Way" des Joachim Kühn French Trio (Standard-Kritiker Ljubiša Tošić hört "Stücke, in denen das Wesentliche rasende und abstrakt nachdenkliche Gestalt annimmt").
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