Efeu - Die Kulturrundschau
Unerwartete ästhetische Begegnung
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.09.2024. In der FAZ denkt Maria Stepanova über ihren Versuch nach, die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg zu rekonstruieren - und über Putin. Die FR bewundert die Arbeiten der Fotokünstlerin Akosua Viktoria Adu-Sanyah in Frankfurt. Der Tagesspiegel stellt die myanmarische Punkband The Rebel Riot vor. Kirill Serebrennikov inszeniert Verdis "Don Carlo" in Wien als protestgebeutelten Familienzwist, so die FAZ. Auch der Standard berichtet. Und: Maggie Smith ist gestorben. Erste Nachrufe auf eine Ikone, der nur die Queen das Wasser reichen konnte, in NZZ und Guardian.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
28.09.2024
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Film

Es war ja zu erwarten, aber wir haben es trotzdem nicht kommen sehen: Maggie Smith ist im Alter von 89 Jahren gestorben. Die Meldung kam für die meisten Zeitungen zu spät für Nachrufe. Immerhin: In der NZZ würdigt Marion Lehndorf die britische Schauspielerin: "Die Langlebigkeit ihrer Karriere mag auch einem Äußeren zuzuschreiben sein, das nie im Trend lag und daher nicht aus der Mode kommen konnte. Das markante Gesicht, die Augen unter oft halb geschlossenen Lidern, die sie immer ein bisschen müde aussehen ließen. 'She always looks so extreme!', kreischt eine Schülerin in ihrem frühen Erfolgsfilm 'The Prime of Miss Jean Brodie', in dem sie eine Lehrerin spielte. Maggie Smiths Erscheinung schmiegte sich nie dem Zeitgeist an - ganz gleich, welches weibliche Idealbild gerade propagiert wurde. Sie war zu wenig kurvig für die fünfziger Jahre, in denen ihre Karriere begann, zu wenig frech für die sechziger Jahre, nicht lässig genug für die Siebziger und in den 2000er Jahren - zu alt. Jedenfalls nach gängigen Maßstäben. Ihr Werdegang zeigt - mit eindrucksvoller Kontinuität -, dass es trotzdem und auch anders geht."
Hier eine Szene aus "The Prime of Miss Jean Brodie":
Dame Maggie Smith's Oscar-winning performance in THE PRIME OF MISS JEAN BRODIE (1969) remains a touchstone of cinematic brilliance.
- The Academy (@TheAcademy) September 27, 2024
In her portrayal of a fiercely passionate teacher at a Scottish all-girls school, Smith captivated audiences with her ability to balance… pic.twitter.com/nE6KOdXo8s
Und natürlich bringt auch der Guardian einen Nachruf, von Peter Bradshaw: "Vielleicht hatte nur die Queen selbst einen höheren Stellenwert als Ikone, vor allem in den Vereinigten Staaten. Bevor sie zur größten Grande Dame der Welt aufstieg, setzte Smith ihren flinken Witz und ihre theatralische Sicherheit in lebhaften Rollen ein, in denen ihre Sexualität und deren Verheimlichung und Unterdrückung von großer Bedeutung waren. In der Neil-Simon-Komödie 'California Suite' von 1978, die ihr einen Oscar als beste Nebendarstellerin einbrachte, war sie eine Version ihrer selbst: eine Meta-Wende als britischer Bühnenstar, der von einer katastrophalen Preisverleihung zurückkehrt und deprimiert ist über den Niedergang seiner Karriere im Alter (was ironisch ist, wenn man bedenkt, dass ihre eigene Karriere mit dem Alter nur besser wurde) und seiner Ehe mit einem heimlich schwulen Mann, gespielt von Michael Caine."
Hier ein Ausschnitt aus einer Fernsehshow, der zeigt, wie schön England seine Hommagen auf die Akzente der populären Klassen darbringt.
Mina Marschall gibt einem in "Bilder und Zeiten" (FAZ) das Gefühl, etwas verpasst zu haben, weil man 1999 Jamie Babbits "But I'm a Cheerleader" nicht gesehen hat, "eine satirische Coming-of-Age-Komödie aus den späten Neunzigern, die alle Erwartungen an einen amerikanischen Highschool-Film gnadenlos enttäuscht. Stattdessen wird die christlich erzogene Megan zu einer Konversionstherapie gezwungen. Dabei ist sie, anders als ihre Eltern, zunächst davon überzeugt, nicht lesbisch zu sein. Schließlich sei sie ein Cheerleader, wie sie als Beweis für ihre Heteronormativität anführt. Ihre Eltern erwidern nur, sie esse Tofu."Everyone will be talking about Harry Potter and Downton, but early years Maggie Smith was so so good. pic.twitter.com/YC8YlP5nFp
- Tom Wilson 🇺🇦 (@feedthedrummer) September 27, 2024
In der FAZ gratuliert Andreas Kilb Brigitte Bardot zum Neunzigsten, in der SZ David Steinitz, der eine eher unbekannte Meisterschaft von BB enthüllt: "Neben anderen Talenten muss Brigitte Bardot eine begnadete Pokerspielerin sein. So berichtete es zumindest der im Jahr 2022 verstorbene Regisseur Klaus Lemke - er fehlt jeden Tag - aus leidvoller persönlicher Erfahrung: 'Die Bardot drehte 'Shalako' mit Sean Connery in Almería. Beim Pokern in ihrer Hotelsuite nahm Madame meinem Produzenten Peter Berling siebzigtausend Dollar ab. Die hatten wir vom italienischen Weltvertrieb. Für sie. Für ihre Unterschrift unter einen Vorvertrag für einen Film, den ich drehen sollte. Jetzt hatte sie die siebzig. Und wir nix. Niemand hatte uns vor der Bardot gewarnt.'"
Weiteres: Im Tagesspiegel huldigt Andrea Dernbach il divo Mastroianni, der heute Hundert geworden wäre, in der NZZ gratuliert Thomas Ribi. Besprochen wird Todd Phillips' Joker-Fortsetzung "Folie à deux" (die Hanns-Georg Rodek in der Welt maßlos enttäuscht: "Aus dem anarchischen Robin Hood für die Unterprivilegierten ist ein bedauernswertes Weichei geworden, das nur noch an sich selbst denkt.")
Kunst

Ganz fasziniert von deren Neuartigkeit betrachtet Lisa Berins für die FR die Arbeiten der Fotokünstlerin Akosua Viktoria Adu-Sanyah im MMK Zollamt Frankfurt. Die Ausstellung "Corner Dry Lungs", die auch aus der Trauer um ihren verstorbenen Vater entstanden ist "eine Work-in-Progress-Schau: Das Zollamt MMK ist zu einer Art begehbarem Studio der 1990 in Bonn geborenen und in Zürich lebenden Künstlerin geworden. Ihre Arbeit ist das Eintauchen in den Prozess der Fotografie. Niemals würde man sagen, dass diese monochromschwarzen Bilder analoge Fotografien sind. Sie sind es - auf der einen Seite. Andererseits sind sie das Ergebnis einer konzeptuellen Auseinandersetzung mit dem Material und dem Entstehen von Fotografie - ein Experimentieren auf der Metaebene. Dafür rollt Adu-Sanyah analoges, glänzend beschichtetes Fotopapier aus, das durch die wenigen Halogenlampen im Raum belichtet wird und damit eigentlich zerstört ist. Es färbt sich zunächst gelb und lachsrosa, dann violett. Danach bearbeitet sie das Papier mit Schwämmen und einem chemischen Entwickler, der die belichteten Stellen - also das gesamte Papier - schwarz färbt."
Die FAZ fragt beim Kunstfestival Steirischer Herbst nach, wie Heimatliebe aussehen kann, die nicht rechts ist. Jetzt, wo in Österreich Wahlen anstehen und die FPÖ eine reelle Chance hat, über Budgetkürzungen ihre Vorstellungen von Kunst durchzusetzen, liefert das Grazer Festival in verschiedenen Sparten erfolgreiche Gegenbeispiele, die von Victor Sattler bestaunt werden: "Das Video 'Voices' (2024) von Ieva Epnere ist ein kleines Meisterwerk. Es zeigt schöne Trachtenmode, wie sie die FPÖ öfter beim Steirischen Herbst sehen möchte, Stichwort Volkskultur. In diesem Fall ist es aber keine österreichische Tracht, sondern eine lettische. Und getragen wird sie nicht ausschließlich von gebürtigen Letten, auch nicht von Schauspielern, sondern von Mitgliedern eines obskuren Chors in Graz, dem Österreicher und Ukrainer angehören. Manche von ihnen seien auf unergründliche Weise zu ihrer Liebe für Lettland gekommen. Sie wirken im Video verloren in Raum und Zeit, scheinen voller Sehnsucht zu sein. In Detailaufnahmen und Totalen singen sie zwischen stillen Passagen ein lettisches Volkslied über den Sonnenauf- und -untergang."
Weitere Artikel: Die FAS begibt sich für die Ausstellungsreihe Borusan Contemporary in wochenends leergeräumte Istanbuler Bürogebäude. Kaspar König ist erst vor kurzem verstorben, jetzt wird seine Sammlung auf seinen eigenen Wunsch hin versteigert, berichtet die Wams.
Besprochen werden die Sylvia-Hagen-Ausstellung "Spuren: Bronze - Ton - Papier" auf Schloss Neuhardenberg (FR), die Thomas-Schütte-Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art (SZ) und die Ausstellung "THEATER" im Berliner Fluentum mit Werken von Calla Henkel und Max Pitegoff (Monopol).
Literatur

Weitere Artikel: Im Tagesspiegel gratuliert Lars von Tönne Hannah Brinkmann zum Dortmunder Comicpreis für ihr Buch "Gegen mein Gewissen". Außerdem dokumentiert der Tagesspiegel den Eröffnungsvortrag zum Branchentreffen "Comicexpansion", in dem der türkische Comickünstler Oktay Gençer die explosive Kraft des Comics in der Türkei erklärt: "Das aktuelle Tagesgeschehen in der Türkei hatte Priorität bei den Satirezeitschriften und ihre Haltung dazu gehörte zu ihrer Identität." Birgit Schmid besucht für die NZZ Emilia Roig und spricht mit ihr über den 7. Oktober, das Patriarchat, die Kleinfamilie, Diskriminierung aller Art und ihr neues Buch "Lieben", in dem sie "erwähnt, dass sie als Kind jahrelang sexuell missbraucht worden sei". Es reicht mit der Opfer-Literatur, meint die Autorin Caroline Wahl im Gespräch Frederic Schwielen (Welt), der mit ihr einen Porsche kaufen geht (am Ende wird es dann doch nur eine Sonnenbrille im KaDeWe). Die FAZ bringt in "Bilder und Zeiten" ein Langgedicht von Stephanie Bart, "Brache", über die Mühen einer Landarbeiterin, die das giftige Jakobs-Kreuzkraut aus der Erde sticht. Peter Geimer schreibt zum Tod des Künstlers und Autors Harry Walter. Und der israelische Autor Ron Segal erzählt vom unerwarteten Tod eines Freundes. In der FR schreibt Judith von Sternburg zum Hundertsten von Siegfried Unseld, in der SZ Nils Minkmar. In der FAS erinnert sich Thomas Meinecke daran, wie ihn Siegfried Unseld in den Suhrkamp-Orden aufnahm. Und David Hinzmann berichtet vom diesmal der deutschen Gegenwartsliteratur gewidmeten "Kapittel-Festival" im norwegischen Stavanger. Jan Wiele gratuliert in der FAZ Peter Wawerzinek zum Siebzigsten.
In der Frankfurter Anthologie widmet sich Alexander Kosenina Christian Felix Weißes Gedicht "Die kleinen Leute"
"In Lilliput, ich glaub es kaum,
Doch Swift erzählts, sind Leute
So groß, als ungefähr mein Daum:
Man denk erst in der Weite!
..."
Bühne

Kirill Serebrennikov inszeniert Verdis "Don Carlo" an der Wiener Staatsoper als protestgebeutelten Familienzwist nicht bei den Habsburgern, sondern unter der Belegschaft eines Museums für historische Kostüme. FAZ-Kritiker Holger Noltze hat ein wenig Schwierigkeiten, darin einen Gewinn für das Stück zu sehen: "Was sonst im Theater die sicherste Notlösung ist: alle sich dauernd an- und ausziehen zu lassen, hier wird es zum Prinzip.(...) Wir sehen eine im spanischen Hofzeremoniell erstarrte Gesellschaft; unterm Brokatwams aber bleibt keine Luft zum Atmen. Die Museumsmenschen der Jetztzeit gehen nicht nur mit dem jahrhundertealten, hochempfindlichen Material um, sie treten auch, je und je, in die Rollen des historischen Personals. Nur Rodrigo Posa macht nicht mit, er ist Aktivist einer Protestbewegung, die sich gegen Konsumismus und moderne Textilverschwendung stellt. Sie sprengen damit das Staatsspektakel der Ketzerverbrennung. (...) Man kann dem Regisseur gute Absichten und eine einleuchtende Analyse unterstellen und sieht doch kaum mehr als das Scheitern am Drama."
Nicht nur die Kritiker, auch das Publikum hat diese Oper nicht ganz so gut aufgenommen, fügt Ljubiša Tošić im Standard an: "Zum Dramaschluss hin, als auf der Bühne in einem Moment der Musikstille T-Shirts und sonstige kurzlebige Wegwerfmodestücke in Metallkisten verstaut wurden, entlud sich der Zorn enttäuschter Hitzköpfe so lästig-beharrlich, dass Dirigent Philippe Jordan ein Taschentuch auf seinen Dirigierstab platzierten musste. Mit dieser Simulation einer geschwenkten weißen Fahne bat er um Ruhe, worauf es tatsächlich weitergehen konnte."
Weiteres: Die SZ drückt in Sachen Antisemitismus in Kinderbüchern die Schulbank im Londoner Royal Court Theatre: "Giants" von Mark Rosenblatt zeigt den antisemitischen Gehalt der Bücher von Roald Dahl auf. Besprochen werden Karin Beiers Inszenierung des Brecht-Stücks "Herr Puntila und sein Knecht Matti" am Schauspielhaus Hamburg (WamS) und Anna Bergmanns "Das Schiff der Träume (fährt einfach weiter)" am Deutschen Theater Berlin (FAZ).
Musik
Felix Lill stellt uns im Tagesspiegel die myanmarische Punkband The Rebel Riot vor. "In ihrer Musik gehe es um Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit, sagt Sänger und Gründer der Band, Kyaw Thu Win", der unter anderem The Clash als sein Vorbild nennt, weil sie "Kämpfer" waren. Das ist vielleicht etwas übertrieben, wie Kyaw Thu Win musste Joe Strummer wohl nie kämpfen. Win wurde mit seiner Musik "zu einer gefeierten Stimme der myanmarischen Demokratiebewegung, die seit dem Putsch um die noch junge Demokratie des 54-Millionen-Landes kämpft. ... Seit 2021 ist es für The Rebel Riot besonders gefährlich geworden. 'Unsere Band musste sich immer wieder verändern', sagt Kyaw Thu Win. Mal hat sie drei, mal sechs Mitglieder. Erst ging der Schlagzeuger in den bewaffneten Widerstand, dann floh dessen Ersatz mit dem Bassisten nach Thailand. 'Sie waren hier nicht mehr sicher, als das Militär sie einziehen wollte.' Mit neuen Mitgliedern veränderte sich auch der Sound der Band, mittlerweile leben alle im Untergrund und kochen stattdessen wöchentlich für obdachlose Personen. Nur vorübergehend, versichert Kyaw Thu Win, der bald wieder Songs aufnehmen will."
Für "dear comrade":
Weitere Artikel: Joachim Hentschel unterhält sich für die SZ mit dem Schauspieler Charly Hübner über dessen "Element Of Crime"-Doku (auch im Theater wird Hübner demnächst Regie führen). Ein sehr sehr langes Gespräch mit Hübner führt auch die taz. In der Zeit freut sich Berit Dießelkämper, dass Musikerinnen wie Chappell Roan die heterosexuellen Männer verdrängen und den Spaß in die Popmusik zurückbringen. Christina Pausackl unterhält sich für Zeit online mit Franz Adrian Wenzl alias Austrofred über seine Kunstfigur, seine Buch "Gänsehaut" und die FPÖ. Johanna Schmidt stellt in der taz die HipHop-Musikerin Ebru Düzgün alias Ebow vor.
Besprochen werden Lady Gagas Album zu ihrem Film "Joker: Folie à deux" (taz, SZ) und ein Konzert des Jerusalem Symphony Orchestras in der Synagoge Rykestraße (Tsp).
Für "dear comrade":
Weitere Artikel: Joachim Hentschel unterhält sich für die SZ mit dem Schauspieler Charly Hübner über dessen "Element Of Crime"-Doku (auch im Theater wird Hübner demnächst Regie führen). Ein sehr sehr langes Gespräch mit Hübner führt auch die taz. In der Zeit freut sich Berit Dießelkämper, dass Musikerinnen wie Chappell Roan die heterosexuellen Männer verdrängen und den Spaß in die Popmusik zurückbringen. Christina Pausackl unterhält sich für Zeit online mit Franz Adrian Wenzl alias Austrofred über seine Kunstfigur, seine Buch "Gänsehaut" und die FPÖ. Johanna Schmidt stellt in der taz die HipHop-Musikerin Ebru Düzgün alias Ebow vor.
Besprochen werden Lady Gagas Album zu ihrem Film "Joker: Folie à deux" (taz, SZ) und ein Konzert des Jerusalem Symphony Orchestras in der Synagoge Rykestraße (Tsp).
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