Efeu - Die Kulturrundschau
Hier gärt schon der Most
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.09.2024. Die FR erliegt in Potsdam dem farbkrachenden Frühwerk von Maurice Vlaminck. Der Tagesspiegel macht es sich derweil auf der Biennale in Lyon zwischen Gürteltieren mit Hundekopf gemütlich. Die Welt kann sich in Hamburg wieder mit Carl Orff anfreunden, wenn Calixto Bieito ihn als Tanztheater der Geschlechterkämpfe inszeniert. Im Tagesspiegel denkt Hengameh Yaghoobifarah über queere Literatur nach. Die Feuilletons gratulieren Michael Douglas, dem Trüffelschwein für Stoffe, zum Achtzigsten.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
25.09.2024
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Bühne

In Zeiten von Homeoffice und Arbeitsschutzrecht scheint Brechts "Klassenkampfparabel" "Herr Puntila und sein Knecht Matti" ziemlich in die Jahre gekommen, daran ändert auch Karin Beiers Inszenierung am Deutschen Schauspielhaus Hamburg nichts, seufzt Till Briegleb in der SZ. Zum Glück aber ist das Stück mit großartigen Schauspielern besetzt, allen voran Joachim Meyerhoff, der literweise Aquavit in sich hineinschüttet: "Seinem charmanten Virtuosentum folgt das Publikum selbst dann noch gebannt, wenn es inhaltlich längst nichts mehr Neues erzählt. Ein Rätsel mit Gewinn ist dagegen sein Gegenspieler, der 'gute Freund' und 'schlechte Mensch' Matti. Kristof Van Boven lässt seine Motive und Haltungen geschickt im Unklaren, maskiert mit einem stoischen Ernst seinen wahren Charakter und spiegelt damit die Schizophrenie seines Chefs in weit feinerer Weise." Nahezu hingerissen ist hingegen Nachtkritiker Stefan Forth von Beiers "düsterem, grotesk-komischem Abgesang auf die fatale Hilfslosigkeit männlichen Machtgehabes": "Derbe Momente und leise Töne, Schenkelklopfer und Abgründe, Slapstick und Poesie, wilde Tänze und lakonische Moritaten fügen sich klug arrangiert zu einer lustvollen Gesamtkomposition, in der jedes Tempo stimmt."

Carl Orffs Zeit ist vorbei? Nicht wenn Calixto Bieito dessen "Trionfi", dirigiert von Kent Nagano, auf die Bühne der Hamburger Oper bringt, staunt Manuel Brug in der Welt: Mit dem ukrainischen Chor der Liatoshynski Capella Kiew veranstaltet Bieito "ein minimalistisch schlüssiges, an Pina Bausch gemahnendes Tanztheater der Geschlechterkämpfe. Angeführt wird es von dem sich grandios entäußernden Tenor Oleksiy Palchykov und der lässig zwischen Anziehung und Abstoßung ihre Soprantöne wie Emotionen verteilenden Nicole Chevalier. Die küssen, schlagen und lieben sich in packender Direktheit, der Chor begleitet das mit seinen heidnischen Hymnen in streng rhythmisierter Orgiastik. Männer in Brautkleidern, Frauen mit verschmierten Lippenstiftmündern, ein paar nackte Statisten, eine Kleinwüchsige, Federvieh, Fortuna als alte Frau und durchgehend präsentes Memento Mori, da finden sich viele Wuppertaler Stilmittel in dieser überraschend stimmigen, aktuellen Orff-Zurichtung."
Weitere Artikel: Nachtkritiker Janis El-Bira macht sich Gedanken zur Namensänderung von Theatern. Pipilotti Rists Gestaltung des "Eisernen Vorhangs" der Wiener Oper wurde gestern der Öffentlichkeit vorgestellt, meldet der Standard mit APA.
Besprochen werden Dušan David Pařízeks Adaption von Alfred Döblins Roman "Berlin Alexanderplatz" am Schauspiel Stuttgart (FAZ) und der Abend "Drei Tage für Österreich. Ultimative Feier der Demokratie (bevor's zu spät ist!)" am Wiener Volkstheater, für das Intendant Kay Voges unter anderem mit dem vertonten FPÖ-Wahlprogramm Wahlkampf macht (Standard)
Kunst
Unter dem Titel "Les voix des fleuves/Crossing the water" findet derzeit die 17. Biennale von Lyon statt, eines der wichtigsten französischen Kunstevents, und im Tagesspiegel atmet Nicola Kuhn auf: Zwischen all den politischen Kunstereignissen fällt diese Biennale "sanfter, weiblicher" aus. Mitunter aber wird es auch bizarr, etwa in den Werken von Annette Messager, die in den Apothekerräumen des Grand Hotel-Dieu ausstellt: "In den geöffneten Schubladen und Schranktüren der ehemaligen Apotheke, ganz oben auf den Regalen neben geschnitzten Putten, hocken ihre Chimären aus Kuscheltier und realen Bewohnern der Natur, die präpariert sind. Das Gürteltier trägt einen Hundekopf aus Plüsch, auf einer Ente sitzt der Stoffkopf eines Huhns und umgekehrt, von oben äugt ein Fuchs niedlich aus den Knopfaugen eines Kuscheltiers herunter, in der Ecke eines Schranks hängt eine Fledermaus mit lachender Fratze. Es könnte einen schütteln, aber diese Art danse macabre ist keine Erfindung der Gegenwart, es gab ihn schon im Mittelalter. Jahrhunderte später sind wir dem Machbaren sehr viel näher gerückt."
Knapp hundert Jahre ist es her, dass Maurice Vlaminck in einem deutschen Museum gezeigt wurde, was möglicherweise auch an dessen Nähe zur Kunstpolitik der Nazis lag. Zum Glück spart die "prächtige" Retrospektive im Barberini Museum in Potsdam die Irrungen des Franzosen nicht aus, meint Ingeborg Ruthe (FR), die sich dann aber doch mehr am "rigoros farbkrachenden" Frühwerk erfreut: "Hier gärt schon der Most für die weit hochprozentigere Kunst des 20. Jahrhunderts. (…) Vlamincks wilder Stil war der deutschen Moderne, den 'Brücke'-Malern und der sieben Jahre später gebildeten Gruppe 'Blauer Reiter' nahe: die Stimmung als Weltzugang in einer synthetisierten Bildsprache. Die 'Fauves' wollten vor allem mit den Farben spielen. Dinge und Figuren hatten keine atmosphärischen Licht- oder Schattenseiten mehr. Alles erschien fast schemenhaft oder heftig konturiert. Wider alle künstlerischen Konventionen."
Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung kommentiert Ingeborg Ruthe die baldige Schließung des Berliner Grosz-Museums: "Es ist erstaunlich, wie abgeklärt der vor zwei Jahren so kühn und ambitioniert gestartete kleine Museumsverein nun das Feld, also den attraktiven Ausstellungsort in der Bülowstraße, räumt." Auch die Kunsthalle Baden-Baden stellt ihre Arbeit ein, zumindest solange das Badische Landesmuseum dort einzieht, während das Karlsruher Schloss saniert wird, meldet Adrienne Braun im Tagesspiegel.
Besprochen werden die Ausstellungen "Gisèle Vienne: This Causes Consciousness to Fracture - A Puppet Play" im Berliner Haus am Waldsee, die Ausstellung "Ich weiß, dass ich mich verdoppeln kann. Gisèle Vienne und die Puppen der Avantgarde" im Georg-Kolbe-Museum in Berlin (beide SZ, mehr hier) und die Ausstellung "Van Gogh, Poets & Lovers" in der Londoner National Gallery (FAZ).
Knapp hundert Jahre ist es her, dass Maurice Vlaminck in einem deutschen Museum gezeigt wurde, was möglicherweise auch an dessen Nähe zur Kunstpolitik der Nazis lag. Zum Glück spart die "prächtige" Retrospektive im Barberini Museum in Potsdam die Irrungen des Franzosen nicht aus, meint Ingeborg Ruthe (FR), die sich dann aber doch mehr am "rigoros farbkrachenden" Frühwerk erfreut: "Hier gärt schon der Most für die weit hochprozentigere Kunst des 20. Jahrhunderts. (…) Vlamincks wilder Stil war der deutschen Moderne, den 'Brücke'-Malern und der sieben Jahre später gebildeten Gruppe 'Blauer Reiter' nahe: die Stimmung als Weltzugang in einer synthetisierten Bildsprache. Die 'Fauves' wollten vor allem mit den Farben spielen. Dinge und Figuren hatten keine atmosphärischen Licht- oder Schattenseiten mehr. Alles erschien fast schemenhaft oder heftig konturiert. Wider alle künstlerischen Konventionen."
Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung kommentiert Ingeborg Ruthe die baldige Schließung des Berliner Grosz-Museums: "Es ist erstaunlich, wie abgeklärt der vor zwei Jahren so kühn und ambitioniert gestartete kleine Museumsverein nun das Feld, also den attraktiven Ausstellungsort in der Bülowstraße, räumt." Auch die Kunsthalle Baden-Baden stellt ihre Arbeit ein, zumindest solange das Badische Landesmuseum dort einzieht, während das Karlsruher Schloss saniert wird, meldet Adrienne Braun im Tagesspiegel.
Besprochen werden die Ausstellungen "Gisèle Vienne: This Causes Consciousness to Fracture - A Puppet Play" im Berliner Haus am Waldsee, die Ausstellung "Ich weiß, dass ich mich verdoppeln kann. Gisèle Vienne und die Puppen der Avantgarde" im Georg-Kolbe-Museum in Berlin (beide SZ, mehr hier) und die Ausstellung "Van Gogh, Poets & Lovers" in der Londoner National Gallery (FAZ).
Literatur

Der Literaturwissenschaftler und Philosoph Frederic Jameson ist tot. Gregor Dotzauer würdigt im Tagesspiegel einen zentralen Denker der Postmoderne, die für Jameson den "intellektuellen 'Überbau' eines Spätkapitalismus" darstellt, "der sich seine Tempel und Paläste durchaus unter Zustimmung der Massen baut. Von den Zentralen multinationaler Konzerne bis zu großen Hotels, die Las Vegas an alle Ecken dieser Welt bringen, sieht er eine Sprache am Werk, wie er sie unter anderem am Beispiel von John Portmans Bonaventure Hotel in Los Angeles untersucht. Jameson war darauf aus, eine Totalität zu beschreiben, in der sich das Totalitäre dieser Gesellschaftsform zeigt." In der SZ nähert sich Carlos Spoerhase Jamesons Denken: "Literatur war für Jameson nicht einfach eine Kunst, sondern immer auch ein zentrales Medium von Ideologie. Umgekehrt begriff er aber auch Ideologie als etwas, das nicht ohne kulturelle Formen auskommt: Die Ideologie des Nationalismus kam etwa nie ohne kulturelle Artikulationsformen aus, die das Erfundene einer 'Nation' überhaupt erst herstellen, greifbar und erfahrbar machen." Mehr von Jameson bei der London Review of Books.
Außerdem: Der israelische Schriftsteller David Grossman erhält den Marion-Dönhoff-Preis, wie unter anderem der Tagesspiegel meldet. Tilman Spreckelsen gratuliert in der FAZ dem Übersetzer und Lyriker Ralph Dutli zum siebzigsten Geburtstag.
Besprochen werden u.a. Bernd Stegemanns "Was vom Glauben bleibt" (FAZ), Christoph Peters' "Innerstädtischer Tod" (FAZ), Edna St. Vincent Millays "Journal" (FAZ), Corinna Porians "Alleinekind" (FR), Gabriele Tergits "Im Schnellzug nach Haifa" (FR), Hape Kerkelings "Gebt mir etwas Zeit" (SZ), Sally Rooneys "Intermezzo" (SZ) und Manfred Krugs "Ich beginne wieder" (SZ).
Film

Die Feuilletons gratulieren Michael Douglas zum Achtzigsten. In der FAZ erinnert sich Dietmar Dath an den jungen Douglas, "der auch in den kariertesten Sakkos schnittig aussieht und dessen Haare man vermutlich per Düsenjet aus der Stirn geblasen hat." Er "ist damals knochig wie das Wort 'Karriere', die Kauleiste hat er vom Vater Kirk Douglas, und die Besetzungsbüros dürften ihn lange unter 'sachlicher Schädel' abgeheftet haben - nüchterne Parts, keine Schwärmer, Zartbesaiteten oder halben Hemden, denn selbst die längeren Haare, mit denen er sich zeitweise weicher zu zeichnen versuchte, verstärken den Effekt von Ernst, der von einer Backenmuskulatur ausgeht, die auch entspannt wohl noch irgendwie unentwegt bissig weiter mahlt." Tobas Kniebe beginnt seine Douglas-Hommage in der SZ mit der berühmten Lobrede auf die Gier, die Douglas als Finanzhai Gordon Gekko in Oliver Stones "Wall Street", hält: "Gier hat eben auch - was ein Kompliment sein soll! - Michael Douglas geprägt. Als Darsteller und als Trüffelschwein für Stoffe, als Produzent - sehr oft war er alles zugleich. Normale Stars wollen vor allem geliebt und verehrt werden und Sympathiepunkte sammeln. Michael Douglas war das egal, er wollte mehr." Für die NZZ gratuliert Marion Löhndorf.
Eher verhalten reagierte die Kritik bislang auf Francis Ford Coppolas exzentrischen, selbstfinanzierten Science-Fiction-Film "Megalopolis" (siehe hier und hier). Lukas Foerster hält im Perlentaucher dagegen: "Man kommt diesem eigenartigen Film, glaube ich, nicht auf die Schliche, wenn man ihn als ein unvollendetes Epos beschreibt, seine disparat anmutenden, sich ornamental, in Split-Screens und Spiegelungen vervielfältigenden Bilder als die kläglichen Überreste einer abwesenden größeren, vollkommenen Vision betrauert. 'Megalopolis' ist nicht Coppolas 'Gangs of New York'. Das Windige, Windschiefe ist in ihm ist von Anfang an angelegt - weil 'Megalopolis' nicht in die Vergangenheit blickt, sondern eine Wette auf die Zukunft abschließt."
Außerdem: Im Filmdienst porträtiert Esther Buss die Schauspielerin Margaret Qualley, die derzeit im Horrorfilm "The Substance" glänzt. Dessen Regisseurin Coralie Fargeat interviewt derweil Marie-Luise Goldmann in der Welt. In der taz gratuliert Thomas Abeltshauser Pedro Almodóvar zum 75.
Besprochen werden der Kinderfilm "Die Schule der magischen Tiere 3" von Sven Unterwaldt jr. (Perlentaucher), die HBO-Serie "The Penguin" (NZZ), Laurens Pérols "Å Øve - Üben, üben, üben" (Standard), der Paramount+-Streamingfilm "Apartment 7A" (Berliner Zeitung) und die NDR-Serie "So Long, Marianne" (Welt).
Musik
Clemens Goldberg beendet seine Klassik-Sendung "Goldberg-Variationen" bei Radio 3, wie er einem enttäuschten Frederik Hanssen im Tagesspiegel berichtet. Seine Idee von Radio ist schlicht nicht mehr dieselbe wie die seines Arbeitgebers, teilt er uns mit: "'Immer wieder haben Leute mir geschrieben, dass sie das Auto an der Straße abgestellt haben während der Sendung. Weil sie nicht gleichzeitig fahren und nachvollziehen können, was ich da gerade erzähle.' Leider sei genau diese Hörhaltung nicht mehr gefragt bei Radio 3, wie die Kulturwelle des RBB inzwischen heißt. 'Es geht um Durchhörbarkeit, die Musik rauscht so vorbei.' Doch der Blick zurück in die Klassik ist für einen wie ihn nun einmal nur dann sinnvoll, wenn ein Kontakt zum Vergangenen hergestellt wird. 'Wenn das aufgegeben wird, ist meine Sendung überflüssig.' Darum macht er jetzt Schluss."
Andrian Kreye gedenkt in der SZ dem verstorbenen Saxophonisten und Jazz-Komponisten Benny Goldson. Seinen Erfolg verdankt Goldman einem außergewöhnlichen Gespür für Melodien: "'Killer Joe' zum Beispiel, ein Thema, das mit nur sechs Akzenten eine ganze Geschichte erzählte. 'Ba ba daaah, ba ba daaah' - da steckte der breitbeinige Gang der Gangster drin, mit dem er keineswegs einen Auftragsmörder meinte, sondern im Slang seiner Heimatstadt Philadelphia die Frauenhelden, die in den Nachtclubs auf der Pirsch waren."
Wir pirschen mit:
Besprochen werden ein Chapelle-Roan-Konzert in der Berliner Olympiahalle (taz, Tagesspiegel), das Album "On the Intricate Inner Workings of the System" von The Bug Club (FR) und Katy Perrys Album-Comeback "143" (Standard).
Andrian Kreye gedenkt in der SZ dem verstorbenen Saxophonisten und Jazz-Komponisten Benny Goldson. Seinen Erfolg verdankt Goldman einem außergewöhnlichen Gespür für Melodien: "'Killer Joe' zum Beispiel, ein Thema, das mit nur sechs Akzenten eine ganze Geschichte erzählte. 'Ba ba daaah, ba ba daaah' - da steckte der breitbeinige Gang der Gangster drin, mit dem er keineswegs einen Auftragsmörder meinte, sondern im Slang seiner Heimatstadt Philadelphia die Frauenhelden, die in den Nachtclubs auf der Pirsch waren."
Wir pirschen mit:
Besprochen werden ein Chapelle-Roan-Konzert in der Berliner Olympiahalle (taz, Tagesspiegel), das Album "On the Intricate Inner Workings of the System" von The Bug Club (FR) und Katy Perrys Album-Comeback "143" (Standard).
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