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18.09.2024. Der Perlentaucher lässt sich in den Wiener "Problembezirk" Favoriten entführen, wo Ruth Beckermann für ihren Dokumentarfilm über mehrere Jahre hinweg Schüler begleitet hat. Apropos Favoriten: Die Literaturkritiker schließen Wetten ab, wer das Rennen um den Deutschen Buchpreis macht. ZeitOnline fragt sich mit Albert Oehlen in Hamburg, wie der Computer unser Leben verändern wird. Die taz sehnt sich zurück nach den robusten Brücken der Römer. Und die SZ fiebert aufgeregt dem neuen Köchelverzeichnis entgegen.
Albert Oehlen wird siebzig - und Georg Diez (Zeit Online) singt dem "Punk", der stets den "Trash" suchte und dessen BRD-Bilder "so reflektiert im Exzess, so kontrolliert in der Ekstase" sind, eine Hymne. Oehlens Arbeiten fragen stets: "Wie geht es voran, in diesem kleinen, großen Land?", erinnert Diez, der die Aktualität des Künstlers auch in der Ausstellung "Computerbilder" in der Hamburger Kunsthalle erkennt: "Wie würde es werden, sich anfühlen, in einer Welt zu leben, die von diesem Instrument bestimmt sein würde? Und wie wäre es, diesen Computer zu benutzen wie einen Pinsel, wie wäre es, erst mal die Zwänge und Notwendigkeiten dieser Technologie zu akzeptieren und damit umzugehen und zu lernen und zu zeigen, wie sich eine Welt gestalten ließe, im Widerstand wie in der Affirmation? Und so nahm Oehlen diese Maschine, er nahm sie ernst, und er druckte das, was er mit den frühen Grafikprogrammen gestalten konnte, schwarz auf eine weiße Leinwand - dann nahm er einen Pinsel und fuhr darüber, weniger scharf und zackig als üblich, eher forschend, scheu fast, tastend."
Weitere Artikel: Deprimierend, aber dennoch äußerst sehenswert findet SZ-Kritiker Till Briegleb die im Rahmen der Ruhrtriennale gezeigte Ausstellung "Landscapes of an Ongoing Past" im Salzlager auf der Zeche Zollverein, die zwar osteuropäische Positionen versammelt, aber vor allem aus ukrainischer Perspektive auf die Zukunft blickt. Und da wird manche Utopie zur Dystopie: "Die schmerzbunte Dreikanal-Animation eines Paradieses von Yuri Yefanov, der aus Kiew nach Bochum umgezogen ist, zeigt Mensch, Tier und Natur in perfektem Einklang. Doch diese völlig übertriebene Harmonie, die das Ende aller Kriege gegen Leben und Umwelt als digitalen Exzess feiert, entpuppt sich als Fieber-, Angst- und Hungertraum in einem Luftschutzkeller."
Besprochen werden außerdem eine Ausstellung im Frauengefängnis auf der Insel Giudecca im Rahmen der Biennale (NZZ), außerdem die Gustav-Metzger-Retrospektive im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt (Welt, mehr hier) und die Installation "The End of the World" des chilenischen Künstlers Alfredo Jaar im Berliner Kindl Zentrum für zeitgenössische Kunst (Tsp).
Die Shortlist des Deutschen Buchpreises steht fest - und so ganz scheint sie die Kritiker nicht aus der Fassung zu bringen. Eine "erfreulich unerschrockene Auswahl", meint immerhin David Hugendick, der sich auf ZeitOnline freut, dass die Jury auch das "Experimentelle und Grenzgängerische jenseits des konfektionellen Handwerks belohnt." Besonders ein Titel galt vorab als gesetzt und steht jetzt tatsächlich auf der Liste, wie Richard Kämmerlings in der Welt notiert: Clemens Meyers Epos "Projektoren". Ist die Sache damit entschieden? "Keineswegs. Auch wenn die 'Projektoren' etwa so viel Lesezeit benötigen dürften wie die übrigen fünf Titel zusammen, ist der reine Umfang, die Fülle an Figuren, Schauplätzen, Nebenhandlungen nicht der einzige Maßstab literarischer Qualität." Cornelia Geißler hebt in der Berliner Zeitung ebenfalls vor allem Meyers "Projektoren" hervor, die FAZ sieht hingegen Martina Hefters"Hey guten Morgen, wie geht es Dir?" in der Pole Position, der Standardvermerkt die Abwesenheit österreichischer Autoren auf der Shortlist. Tom Kraushaar, verlegerischer Geschäftsführer bei Klett-Cotta, kann das Gejammer über den vermeintlich unmittelbar bevorstehenden Untergang der Buchbranche nicht mehr hören. Dabei hat doch kaum etwas die Digitalisierung so gut überstanden wie das Buch, stellt er in der FAZ klar. Mehr noch: Wer trotzdem weiterhin Untergangsszenarien entwirft, argumentiere nicht nur kontrafaktisch, sondern schade der Branche: "Dass die Literatur immer mehr ins Unterholz der öffentlich-rechtlichen Radio- und Fernsehprogramme vertrieben wird, ist auch eine Folge davon. Ebenso die alarmierenden Nachrichten von Kürzungen bei Literatur- und Übersetzungsförderung. Und schließlich treffen Selbstverzwergung und trübes Rumgejammer die Branche an ihrer sensibelsten Stelle: Wer das Signal in die Welt sendet, dass die eigene Branche ein sinkendes Schiff ist, voller rückständiger Wichtigtuer, die den Schuss nicht gehört haben, der darf sich nicht wundern, wenn er zukünftige Mitarbeiter nur noch mit Workation, Betriebsyoga, Bällebad und Viertagewoche locken kann."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Die Berliner Zeitungunterhält sich mit Hengameh Yaghoobifarah über ihren neuen Roman "Schwindel". Zur Sprache kommen jedoch auch andere Themen, wie etwa der Slogan "It's not complicated" der unter anderem von antizionistischen Linken immer wieder verwendet wird. Yaghoobifarah kritisiert: "Es ist halt ignorant. Die Behauptung, alles sei einfach, lädt zu antisemitischen Verschwörungsmythen ein. Ich finde es gut, dass Linke in vielen Zusammenhängen das Maximum fordern, beim Thema Umverteilung zum Beispiel. Eine Utopie klingt auch nach einer Überspitzung, aber man kann doch danach streben. Dieses 'Es ist nicht kompliziert' ist aber eher dystopisch, denn der Satz verkennt eine Realität. Einfache Antworten bekämpfen vielleicht Symptome, aber damit wird es nie eine grundlegende Veränderung geben."
Weiteres: Ulrike Baureithel widmet sich im Tagesspiegel anlässlich des Berliner Literaturfests der afrikanischen Literatur. Besprochen werden unter anderem Davide Coppos "Der Morgen gehört uns" (SZ), Jessica Linds "Kleine Monster" (SZ), Katja Oskamps "Die vorletzte Frau" (FR), James Kestrels Thriller "Bis in alle Endlichkeit" (FR), Marica Bodrožićs Entwicklungsroman "Das Herzflorett" (FAZ) und Wolfgang W. Müllers "Musik der Engel" (FAZ).
Favoriten - Regie: Ruth Beckermann Mit Ruth Beckermanns "Favoriten" startet ein vielbeachteter Dokumentarfilm in den deutschen Kinos. Die Langzeitstudie begleitet in einer Schule eines sogenannten "Problembezirks" im titelgebenden Wiener Stadtteil Favoriten Schüler und eine Lehrerin über mehrere Jahre hinweg. Patrick Holzapfel wird im Perlentaucher nicht ganz glücklich mit einem Film, der kindliches Leben an gesellschaftlich relevanten Diskursen abgleicht: "Alles ist pointiert und das eigentlich Unverdauliche wird allzu beiläufig ins Mundgerechte verpflanzt. Wenn es schmerzt, wechselt der Film die Fronten. Aufgrund der extremen Verdichtung der Ereignisse bekommt man das Gefühl eines Durchrauschens, eines Highlightreels. Wenn die Kinder etwas Lustiges gesagt haben, ist es im Film gelandet, so der Eindruck." Siehe zum Film auch Bert Rebhandl im Standard und Anne Küper auf critic.de.
Weitere Artikel: Fabian Tietke blickt in der taz Berlin auf das Programm der Dokumentarfilmtage Let's Dok, eine bundesweite Initiative, die nun auch in Berlin und Brandenburg zu Gast ist. Arnold Schwarzenegger wird in Berlin die Ehrendoktorwürde verliehen, teilt uns David Steinitz in der SZ mit.
Besprochen werden die Disney+-Serie "The Bear" (SZ), Coralie Fargeats "The Substance" (FAZ), Ellen Kuras' "Die Fotografin" mit Kate Winslet (taz) sowie Katharina Köster und Katrin Nemecs "Jenseits von Schuld" (taz Nord).
Nach dem Einsturz der Dresdner Carolabrückewirft Nikolaus Bernau in der taz einen Blick auf die jüngste Ingenieurgeschichte, die immer mehr auf "minimierten Materialverbrauch und maximale Spannweiten" setzt - und dabei Einsturzgefahr provoziert: "Das Dogma des Sparens hat nämlich eine zweite Seite: Die des Wegwerfens. Die allermeisten Konstruktionen gerade der Nachkriegszeit waren nur für eine Haltbarkeit von fünfzig bis siebzig Jahren gedacht. Römische oder mittelalterliche Brücken dagegen sind aus moderner Sicht völlig überkonstruiert, haben viel zu viel Steine für viel zu kleine Spannweiten verbraucht. Doch gerade das macht sie auch resilient. Selbst schwere Hochwasser überstehen solche Brücken. Sie können auch vergleichsweise leicht repariert werden, weil immer nur ein kleiner Teil des Baus von Schäden betroffen ist."
Weitere Artikel: Nach zwölf Jahren Sanierung und einer Kostenexplosion von 6,7 auf 33 Millionen Euro ist die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt fertig, wieder erstanden ist immerhin ein "architektonisches Juwel", freut sich Falk Jaeger im Tagesspiegel.
Szene aus "Blue Skies". Bild: Armin Smailovic Da ist dem SZ-Kritiker Till Briegleb der Pessismus von T. C. Boyle schon lieber: Jan Bosse hat Boyles Klimakrisen-Apokalypse "Blue Skies" als "feucht-fröhliche Desaster-Show" zum Auftakt der neuen Spielzeit auf die Bühne des Hamburger Thalia Theaters gebracht und geht dabei an Boyles Anliegen, die Gefahr für das globalen Ökosystem, vorbei: "In seiner dreieinhalbstündigen Nacherzählung des Inhalts wird vom ersten Moment an der gute Wille lächerlich gemacht und die böse Antwort des Klimawandels zur Show. Aus dem seriösen Anliegen von Mutter Ottilie, mit Grillen und Heuschrecken die Produkte der Massentierhaltung zu ersetzen, etwa macht Christiane von Poelnitz eine nach Lachern heischende Würge-Show. ... Und die biblischen Plagen erscheinen dazu in ästhetischen Bildern auf einem großen Rundhorizont." Selten hat eine Saison am Thalia Theater wohl derart "belanglos" begonnen, seufzt auch Nachtkritiker Michael Laages.
Elisabeth Sobotka, einst an der Berliner Staatsoper als Operndirektorin engagiert, bildet als Intendantin mit Christian Thielemann als Generalmusikdirektor das neue Leitungsduo des Hauses. Im Antritts-Interview mit dem Tagesspiegel gibt sie Einblick ins neue Programm das neben wenig gespielten Opern auch zeitgenössische Werke enthält und verteidigt das Engagement von Anna Netrebko als Abigaille in Verdis "Nabucco": "Anna Netrebko ist ein Star, sie zieht darum jegliche Form von Aufmerksamkeit auf sich. Und hat entsprechend eine Angriffsfläche. Was die Menschen, die gegen sie demonstrieren, nicht sehen wollen, ist, dass sie nach anfänglichem Zögern den Angriffskrieg Putins verurteilt hat und seitdem nicht mehr in Russland auftreten ist."
Besprochen werden außerdem das Solo "Guintche (Live Version)" der Choreografin Marlene Monteiro Freitas bei der Ruhrtriennale im PACT Zollverein in Essen (FAZ), Michael Thalheimers Inszenierung von Richard Wagners "Tristan und Isolde" am Grand Theatre in Genf (Welt), Rafael Sanchez' Inszenierung von Mike Müllers "GRMPF" am Schauspiel Köln (taz) und die Musiktheatertage Wien (Standard).
Helmut Mauró ist in der SZ schon ganz gespannt: Morgen wird in Salzburg endlich das aktualisierte Verzeichnis der Werke Wolfgang Amadeus Mozarts vorgestellt. Ein neues Köchelverzeichnis also. Und das ist keineswegs nur ein Thema für Nerds der Musikgeschichte. In der Tat wurden Mozarts Kompositionen und Schriften oft äußerst fehlerhaft überliefert. Eine wissenschaftlich exakt erarbeitete Neuausgabe soll nun Abhilfe schaffen: "Es klingt einfach anders, ob die Basslinie nur mit Cembalo und Cello besetzt ist, oder ob da noch ein Kontrabass mitspielt. Und wenn man nicht weiß, welche Briefstellen von Mozarts Schwester oder seiner Witwe geschwärzt oder gleich ganz herausgeschnitten wurden, dann glaubt man, die Kanons mit Fäkalvokabular seien schon das Äußerste, womit Mozart seinen Spaß trieb."
Standard-Kritiker Christian Schachinger kann sich gar nicht satt hören an "Leave Me to the Future", einem Album des Wiener Indie-Pop-Projekts Ischia. Musikalisch stehen die frühen Tocotronic oder auch die proto-Grunge-Heroen der Pixies Pate. "Adele Ischia singt mit dunkler, abgeklärter Stimme dazu englische Texte über die Probleme, die man so hat, wenn die verlängerte Jugend in ein mühseliges Erwachsenendasein übergeht. In 'Sorry Mama' muss der Mutter daheim in Salzburg etwa in einem Telefonat erklärt werden, dass man in der großen Wienerstadt eh einer Arbeit nachgeht, gesund lebt, regelmäßig mit dem Staubsauger durch die Wohnung fährt und, nein, man noch keine Kinder haben will."
Wir hören rein:
Weitere Artikel: Der Rapper Sean "P. Diddy" Combs sitzt, wie unter anderem Zeit Onlineberichtet, in New York in Untersuchungshaft. Die Anklage lautet auf "sexuelle Gewalt, Erpressung, Menschenhandel sowie organisierte Kriminalität". Zu den Hintergründen siehe hier. In der FAZ spricht Alva Gehrmann mit Mari Boine, einer Sängerin der samischen Kultur, die jüngst ihr neues Album "Alva" herausgebracht hat. Frederik Hansen wiederum interviewt im Tagesspiegel die Violinistin Anne-Sophie Mutter. Nach Taylor Swift empfiehlt, vermerkt der Standard, nun auch Billie Eilish: Wählt Kamala Harris!
Besprochen werden das MC5-Album "Heavy Lifting" (NZZ), das Album "In einem blauen Mond" der Band Die Mausis (FR), die Doppel-CD "Be My Guest" von Michael Griener und Jan Roder (taz Berlin) und "Bei Solo", ein Bach-Konzert der Violinistin Isabelle Faust in der Alten Oper Frankfurt (FR).
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