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10.08.2024. Die DDR war auch Pop, lernt die erstaunte taz in einer Designausstellung in Eisenhüttenstadt. Die FAZ bewundert die Wachstumsenergie der Natur in den Keramiken Axel Saltos. Die Welt überlegt, was sie in all den aktuellen Ausstellungen über vergessene Künstlerinnen gelernt hat. In der Berliner Zeitung bekennt sich Frank Castorf zu den zwei Seelen in seiner Brust: die nach Kleinbürgerlichkeit verlangen und nach Zerstörung des Systems. Die SZ begeistert sich für David Gilmours zorniges, zartes und tief romantisches neues Album. Critic.de feiert Harmony Korines mit einer Infrarotkamera aufgenommenen Film "Aggro Dr1ft" als Ausnahmekunstwerk.
Der Krieg hat auch die russische Kunstszene zutiefst gespalten, berichtet der in Leipzig forschende Kulturhistoriker Michail Ilchenko in "Bilder und Zeiten" (FAZ): Die einen sind geblieben, weil sie woanders nicht arbeiten können, die anderen sind gegangen, weil sie in Russland nicht arbeiten können und betrachten die Gebliebenen als Putinisten. Das Schweigen "wird nur noch gelegentlich durch einzelne Stimmen gebrochen. Und die, so scheint es, sorgen oft für Irritationen auf beiden Seiten. Für diejenigen, die außerhalb Russlands leben, erscheinen sie zu schwach und einflusslos. Für diejenigen, die innerhalb Russlands leben, stören sie den schmerzhaften, zerbrechlichen und riskanten Konsens, der sich herausgebildet hat. ... Aber es gibt noch eine andere Dimension der russischen Gegenwartskunst, die für den Blick von außen unsichtbar ist. Sie existiert in Form von geschlossenen Wohnungsausstellungen, in besetzten Häusern, Kommunen und an ständig wechselnden Orten. 'Mit dem Ausbruch des Krieges ist die echte Kunst im Grunde in den Untergrund gegangen."
Catharina van Hemessen: Selbstbildnis an der Staffelei, 1548. Aus der Ausstellung "Geniale Frauen" im Kunstmuseum Basel, Foto: Martin P. Bühler
Lange ignoriert, werden weibliche Künstler plötzlich en masse ausgestellt. Ein richtiger Modetrend ist das geworden, staunt Hans-Joachim Müller in der Welt mit Blick auf Ausstellungen im Kunstmuseum Basel, im Kupferstichkabinett Berlin, im Arp Museum in Remagen, in der Gemäldegalerie in Dresden, in der Londoner Tate, in Karlsruhe, Ludwigshafen, Bielefeld, Frankfurter Städel und 2026 im Kunstmuseum Gent. Dabei waren Publikum und Sammler gar nicht so ignorant, wie man glaubt. In der Wissenschaft sah es etwas anders aus: Es zeigt sich, "dass Frauen durch alle neuzeitlichen Jahrhunderte hindurch an der Kunstproduktion beteiligt waren. Auch gegen den Widerstand intakter Männerclans. Und nicht selten auf dem Markt geradeso umworben waren wie ihre erfolgreichen Kollegen. Sie hatten ihre vermögenden Sammler, ihre Auftraggeber in Kirche und Adel, ihren Platz im Salon und begeisterten ein bürgerliches Publikum, das ganz offensichtlich nicht viel auf die Mär von der gleichsam naturwüchsigen Minderbegabung der künstlerischen Frau gab. Das alles hätte man natürlich auch schon vorher wissen können, nur wollte man es offensichtlich nicht wissen", meint Müller, der dafür eine Geschichtsschreibung verantwortlich macht, "die ihren Stoff nie anders denn als Fortentwicklung erzählt, als Stufenprozess, bei dem eine Leistung von der nächsten gleichsam überboten wird".
In der FAZ erinnert Freddy Langer am Beispiel dreier Künstlerinnen - Melissa Shook, Orlan und Francesca Woodman - daran, dass es die Kunst des Selfies schon vor den sozialen Medien gab und radikal avantgardistisch war: "Unter dem Begriff 'Feministische Avantgarde' werden mit der Verspätung eines halben Jahrhunderts allenthalben Werke einer Generation von Künstlerinnen entdeckt, für die das Selbstporträt zur Möglichkeit wurde, ihre Position in der Gesellschaft zu überdenken. Und die dafür Bildmetaphern entwickelten, die in ihrer Radikalität die Grenze des Schmerzes immer wieder überschritten haben", so Langer, geschockt von der "bestürzenden Rücksichtslosigkeit und Gewalttätigkeit dieser Frauen sich selbst gegenüber ... Orlan bot 1976 auf einem Markt in Portugal zwischen Körben mit Karotten, Lauch und Kartoffeln auf Holz aufgeklebte Fotografien ihrer Körperteile feil und kroch für ihre Arbeit 'WUTmessung' auf allen vieren um den Petersdom in Rom, um den Vatikan mit ihrem Körper zu vermessen. ... Der Körper war für Orlan vom privaten Phänomen zur öffentlichen Waffe der Rebellion gegen das Schubladendenken und des Kampfes für Gleichberechtigung geworden."
Weitere Artikel: In der FAZ stellt Jana Voigt auf der Fotografieseite Dotan Saguys Bildband "Dogtown" vor: Schwarz-weiße Straßenszenen mit Hunden in Venice voller "skurriler Details". Außerdem meldet die FAZ, dass die slowakische Kulturministerin Martina Šimkovičová den Generaldirektor des Slowakischen Nationaltheaters (SND) Matej Drlička entlassen hat: Regierungskritische Medien ordnen die Entscheidung als einen weiteren Schritt im Kampf des Kulturministeriums gegen die Kulturszene ein.
Besprochen werden die Frans-Hals-Ausstellung in der Berliner Gemäldegalerie (Tsp), "Arktische Hysterie" der grönländisch-dänischen Künstlerin Pia Arke in den Berliner Kunst-Werken (BlZ), die Ausstellung "Careers by Design: Hendrick Goltzius und Peter Paul Rubens und Case Studies on Rubens by Slawomir Elsner" in der Münchner Pinakothek der Moderne (FAZ) und die dreiteilige Ausstellung "Bauhaus und Nationalsozialismus" der Klassik-Stiftung Weimar (FR).
Nicht im Kino, aber per VoD auf der Plattform EDGLRD zu sehen ist Harmony Korines neuer Film "Aggro Dr1ft". Nino Klingler bespricht auf critic.de dieses Ausnahmewerk, das durchweg mit einer Infrarotkamera aufgenommen wurde und eine Gangstergeschichte erzählt, die mit allerlei Artefakten der Webkultur durchsetzt ist: "Unter all den verschmierten Farbflächen, unter all der unleugbaren Hässlichkeit und dem drastischen Chauvinismus quillt da ein unausgegorener Ruf nach Gefühlen und Nähe hervor. Die Thermalbilder des Filmes sind auf den ersten Blick vielleicht frustrierend arm an Informationen, aber sie zeigen dafür ganz unmittelbar die Wärme von Körpern. Sie scheinen heller, je intensiver sie kämpfen, rennen, morden. 'We live in a heated world', sagt der Loner-Hero, und damit könnte er das planetare oder das politische Klima meinen."
Weitere Artikel: Mariam Schaghaghi unterhält sich in der FAS mit der Regisseurin Marjane Satrapi über deren neuen Film "Paris Paradies" (unsere Kritik). Hanns-Georg Rodek porträtiert in der Welt den Filmproduzenten Günter Rohrbach anlässlich dessen 95. Geburtstags. Jakob Thaller erkundet im Stadard das Programm des diesjährigen Filmfestival Locarno. Anne Vollmer blickt in der FAZ auf den 15 Jahre alten Film "Kleine Verbrechen" zurück.
Besprochen werden der Horrorfilm "Longlegs" (SZ) und die Apple TV+-Serie "Bad Monkey" (Welt).
In der FAZ warnt ein entsetzter Georg Imdahl davor, das ehemalige Audimax der Fachhochschule in Düsseldorf mit seiner von Günter Fruhtrunk gestalteten Fassade zu entkernen (mehr dazu bei monopol).
Frank Castorf, der demnächst den Fallada-Roman "Kleiner Mann, was nun?" am Berliner Ensemble inszeniert, kokettiert sich - mal rechts, mal links - durch ein Interview mit Ulrich Seidler (Berliner Zeitung). Er hat viel Sympathie für Falladas Protagonistin Lämmchen, die sich ein bisschen Wohlstand wünscht, aber dann doch lieber die Kommunisten wählen will: Castorf erkennt darin eine Sehnsucht nach der Zerstörung des Systems, und "Sehnsucht nach dem zugekleisterten Bruch unter dem Kitt unserer Gesellschaft. Die vielen, die gegen rechts, oder was sie dafür halten, auf die Straße gehen, erinnern mich mehr an die Demonstrationen zum Tag der Republik und zum 1. Mai in der DDR, wo alle Erich Honecker, der tatsächlich bei den Nazis im Zuchthaus in Brandenburg gesessen hat, mit ihren roten Fahnen zugewinkt haben und dann schnell abgebogen sind, um einen schönen freien Tag zu haben. Nach dem Motto: Ich mach, was ihr wollt, aber ansonsten leckt mich am Arsch."
Anna Stiede vom Berliner Theaterkollektiv "Panzerkreuzer Rotkäppchen" plagen in Ostdeutschland eher klassische Ängste einer Linken, von denen sie in der tazerzählt: "Für Beschwerden muss man gar nicht mehr auf die AfD warten. Mitte Juni wurde bekannt, dass rechte Gymnasiast:Innen eine Inszenierung am Stollberger Theater als 'linksradikale Indoktrination' kritisierten, in der Fotografien von Putin, Trump und Weidel eine Hitlerabbildung ersetzen sollten. Das Stück befasste sich mit der Münchner Widerstandsgruppe 'Weiße Rose'."
Weitere Artikel: Marco Frei schreibt in der NZZ über die Wiederentdeckung der Barockoper "Cesare in Egitto" von Geminiano Giacomelli, mit der Dirigent Ottavio Dantone seinen Einstand als neuer musikalischer Leiter der Festwochen Innsbruck gab. Schauspieler Ulrich Matthes plaudert mit Jakob Hayner (Welt) über das deutsche Gegenwartstheater und bekennt, dass er "von the bottom of my heart an die Schönheit der Vielstimmigkeit des Theaters glaubt". Ulrich Seidler trauert in der Berliner Zeitung um den viel zu früh verstorbenen Berliner Schauspieler Luca Schaub.
Besprochen werden Calderóns Mysterienspiel "Das große Welttheater" in Einsiedeln (nmz), Lola Arias' Musical "Los Días afuera - Tage draußen" beim Sommerfestival auf Kampnagel Hamburg (nachtkritik), Nicolas Stemanns "Orestie I-IV" ("Antike für Anfänger" und "Nicolas Stemann freut sich ein letztes Mal, dass er Gehaltvolles über die gefährdete Demokratie in Zeiten vager, glücklicherweise noch einigermaßen weit entfernter Kriege erzählen durfte", ätzt Manuel Brug in der Welt), Joshua Kaplans Inszenierung von "Terf", einem Stück über den Streit zwischen J.K. Rowling und der Trans-Community beim Theater- und Comedy-Festival "Fringe" im schottischen Edinburgh (Welt) sowie Choreografien und ein Auftritt der 84-jährigen Tanz-Ikone Lucinda Childs bei der Eröffnung von Kampnagels Sommerfestival ("Die vier als 'Uraufführungen' deklarierten Miniaturen sind einer schlacken- und schnörkellosen Ästhetik verpflichtet - reine Form, reine Struktur", schreibt ein bewundernder Dorion Weickmann in der SZ)
Bestellen Sie bei eichendorff21!Andreas Platthaus setzt sich in der FAZ mit einem Text auseinander, den Susanne Schüssler, Leiterin des Wagenbach-Verlages, im jüngsten Jubiläumsalmanach des Verlags veröffentlicht hat. Unter anderem geht es um die Rolle der Digitalisierung und den Bedeutungsverlust der Feuilletons. Platthaus erhebt hier und da Einspruch, vor allem auch, wenn es um eine Zukunftsvision Schüsslers für die finanziell gebeutelte Branche geht: "Für die [Verlagsförderung] soll künftig der Staat zuständig sein - das ist Schüsslers Forderung zum Schluss. Nun gibt es ja schon jährliche Buchhandels- und Verlagspreise, auf Bundes- und Landesebene. Solche Subventionierung wird in der Branche als selbstverständlich betrachtet; man ist ja schließlich Kultur. Aber die wachsende Abhängigkeit von der öffentlichen Hand geht einher mit Verlagsprogrammen, die weniger auf Qualität als auf Diversität schauen, weil das gerade politisch opportun ist. Leider auch bei Wagenbach. Der Almanach zeigt nämlich durch seine Textauswahl aus sechzig Jahren, wie viel literarischer auch dort die Programme einmal waren."
Weitere Artikel: Hannah Lühmann erinnert in der Welt an Michel Houellebecqs "Vernichten". Die FAZ druckt Carmen-Francesca Bancius Kurzgeschichte "Maria-Maria". Volker Weidermann erinnert sich in der Zeit an Michael Holzachs Buch "Deutschland umsonst". Stefan Müller-Doohm untersucht in der FAZ die unterschiedlichen Cover der "Minima Moralia" Adornos. Katharina Granzin schreibt in der taz über die derzeit wieder mehr gelesene Krimiautorin Josephine Tey. Alexander Kosenina beschreibt in der FAZ das schwierige Verhältnis zwischen Rezensenten und Schriftstellern. In der FAZ rekonstruiert Andreas Kilb das halbe Jahr, das Franz Kafka ab September 1923 in Berlin verbrachte.
Besprochen werden unter anderem Radu Pavel Gheos "Disco Titanic" (taz), Calla Henkels "Ein letztes Geschenk" (FAZ, taz). Nicolas Lunabbas "Bist du traurig, wenn ich sterbe" (SZ), Mario Vargas Llosas "Die große Versuchung" (FR) und Lara Rüters "amoretten in netzen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Sessel mit einklappbarer Lehne, sog. "Garten Ei", Entwurf: Peter Ghyczy, 1968. VEB Synthesewerk Schwarzheide, um 1971. Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden. Foto: Felix Ghyczy / FG Foundation
"Die DDR war auch Pop", lernttaz-Kritiker Tom Mustroph angesichts der wunderbar bunten "Kultobjekte aus DDR-Produktion", wie etwa das "Garten-Ei" oder der "Känguru-Stuhl", die das Museum Utopie und Alltag in Eisenhüttenstadt mit der Ausstellung "Pure Visionen" zeigt: "Beim "Garten-Ei" handelt es sich um eine stark abgeflachte Kugel von etwa 70 cm Durchmesser. Ihre Oberseite kann geöffnet und um 90 Grad als Rückenlehne aufgeklappt werden. Es gab Ausführungen in Rot, Rosa, Orange, Weiß und Blau. Im Inneren des Plaste-Eis befinden sich Polster, die das bodennahe Sitzen bequem machen. Die Hülle ist aus Polyurethan. Dieser Kunststoff wurde bereits 1937 in den Laboren der I.G. Farben hergestellt; wenige Jahre später wurde die Firma durch das in NS-Konzentrationslagern zum Massenmord eingesetzte Giftgas Zyklon B berüchtigt. Polyurethan, abgekürzt PUR, wurde dann ab den 1950er Jahren zu einer feinen Sache. Dank seiner Härte und Wetterbeständigkeit wurde PUR beim Häuserbau wie in der Möbelindustrie eingesetzt. Früh waren auch Ästhetikspezialisten begeistert von dem Werkstoff. Schade nur, dass Polyurethan in der Herstellung "hochgiftig" ist, so Mustroph.
Jan Nicolaisen hat für "Bilder und Zeiten" (FAZ) die von Edmund de Waal kuratierte dänische Ausstellung "Playing with Fire" mit Werken des Malers, Dichters und vor allem KeramikersAxel Salto besucht (sie endet heute, ist aber ab 27. September im norwegischen Kunstsilo in Kristiansand zu sehen). Zuerst betritt Nicolaisen einen imaginären Ofen: "Edmund de Waal mag zu dieser Präsentation unter anderem durch eine historische Fotografie von 1956 angeregt worden sein, die Salto in einem hohen abgekühlten Ofen zeigt, in dem die Keramik 'Der Kern der Kraft/Macht' gerade fertig gebrannt worden ist. Die Kraft, von denen seine Gefäße sprechen, ist nicht die angsteinflößende Kernkraft, wie man denken könnte, sondern die Wachstumsenergie der Natur. Salto beschwört in Gefäßen, aus denen buckelige Wölbungen oder spitzige Stacheln hervorsprießen oder die Münder haben wie die Trichter von Unterwasserschloten, elementare Naturkräfte. Hier knospen und blühen Formen, Gewächsen gleich, in der Tradition archaischer und antiker Plastik wie den steinernen Pflanzen, die antike Bildhauer aus den Kapitellen sprießen ließen."
Kanzaki Shihō, Teeschale (shino chawan), 1995/96 (gefördert durch die Kulturstiftung der Länder). Foto: Die Neue Sammlung (Kai Mewes)
Welt-Kritikerin Annegret Erhard bestaunt im Münchener Designmuseum eine kleine, aber sehr feine Auswahl japanischer Keramik aus der Sammlung von Gisela und Fred Jahn, die das Museum gerade erworben hat: "Ein dunkles Vorratsgefäß (tsubo), geformt vor dem Jahr 1573 von einem unbekannten Meister, dokumentiert die Qualität der vorbildlichen Gefäße aus der frühen Blütezeit japanischer Keramik. Eine große Deckeldose von der Designerin Tokutake Toshiko aus Schwarzlack mit Perlmutt- und Eierschaleneinlagen ist verspielt, aber von innovativer Kunstfertigkeit. Sie verweist auf das erweiterte Spektrum der Sammlung. Und geradezu majestätisch thront die große aus zwei Teilen zusammengesetzte Kugelvase mit sparsam und wirkungsvoll eingesetzten graublauen Pinselschwüngen im hellen Schlicker von Tsujimura Shiro. Die Ausstellung ist so - bei aller Knappheit - ein Reigen der exemplarischen keramischen Exzellenz japanischer Kunsthandwerker."
Weitere Artikel: In der FAZ begutachtet der Soziologe Stefan Müller-Doohm die verschiedenen Covergestaltungen fürAdornos "Minima Moralia".
Alexander Gorkow zeigt sich in der SZ begeistert von "Luck And Strange", dem neuen Album David Gilmours (früher bei Pink Floyd): Diese Musik ist "zornig, zart und tief romantisch, eine bittersweet symphony, ein Wunderwerk voller Zeichen und Referenzen, als habe er bei den Aufnahmen hier auf dem Boot Instrumente versteckt, rausgekramt, gespielt, wieder versteckt, und eine Art Zauberer von Oz hat das alles für ihn - damit er wieder nach Hause findet wie einst die kleine Dorothy - zu einer Collage dirigiert aus großem Drama, schepperndem Bluesrock, Rumba, Kaffeehaus, und hinten legt Tarantino noch Morricone auf, nein? Das Ergebnis ist die interessanteste Kunst, seit er mit Waters, Richard Wright und Nick Mason Mitte der 70er in der Abbey Road an einigen wegweisenden Klängen herumbosselte." Hier die erste Single des Albums:
Noch mehr Musik von alten Männern: Thomas Mauch besucht für die taz das Festival "A l'Arme" im Berliner Radialsystem, das sich der Noise-Musik widmet. Mit dabei unter anderem der Japaner Keiji Haino: "Mittlerweile 72-jährig ist dieser japanische Zenmeister des Lärms, und so schleuderte er wenigstens am Anfang seine zuckenden Explosionen auf dem Stuhl sitzend aus seiner Gitarre heraus. Rupfte Klangfetzen aus den Saiten, klimperte, krachte über verstümmelte Melodien und freute sich am Ungestalten. Wie eine musikalische Übersetzung eines Bildes von Jean Dubuffet. Gekrakel, formlose Schlieren. Art brut. Manchmal lief das, vorangetrieben von den wuchtigen Schlägen von Paal Nilssen-Love und dem röhrenden Geschnatter der Saxofonistin Sofia Salvo als Keiji Hainos Begleitung, zum brachialen Free Jazz auf, in dem man sich immer neu anrennend gegen die Wand krachen ließ."
Anna Vollmer hat für die FAS versucht, sich mit Studenten der Barenboim-Said-Akademie über die Stimmung nach dem 7. Oktober unterhalten: "Mitarbeitende geben Auskunft, doch diejenigen, um die es eigentlich geht, die Studierenden, sollen nicht mit Journalisten sprechen. Dabei würde man in der aufgeheizten Debatte um den Nahen Osten gerne von einem positiven Beispiel hören, sehen, dass und wie ein Dialog möglich ist. ... Dafür haben die aktuellen Studierenden vor Kurzem einen eigenen Podcast herausgebracht, 'General Rehearsal' heißt er, man findet ihn auf der Website der Akademie. Gleich die erste Folge dreht sich um das eine große Thema, dem niemand von ihnen entkommen kann: Politik."
Der Standard bringt noch einmal mehrere Texte zum wegen Terrorgefahr abgesagten Taylor-Swift-Konzert in Wien: Helene Slancar weist darauf hin, dass sich Swift selbst noch nicht zu der Absage geäußert hat. Ebenfalls Slancar berichtet über Häme von Frauenhassern im Netz gegen Swift und ihre weiblichen Fans. Und zu guter Letzt schreibt Slancar auch noch über alternative Pläne für Swifties in Wien.
Außerdem: Martin Scholz unterhält sich in der Welt am Sonntag mit dem ehemaligen Police-Schlagzeuger Stewart Copeland. In der SZ stellt Martin Hentschel Überlegungen zu Shirin Davids Hit "Bauch Beine Po" an. Matthias Alexander blickt in der FAZ auf das Werk Joe Jacksons, der 70 Jahre alt wird.
Besprochen wird ein Klavierabend Pierre-Laurent Aimards bei den Salzurger Festspielen (SZ), ein Konzert des Barockensembles Le Consort beim Rheingau Musik Festival (FR) und ein Auftritt des Real Jazz Trios beim Frankfurter Jazz im Palmengarten (FAZ).
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