Efeu - Die Kulturrundschau
Ein Totenglöckchen in den gesungenen Choral
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22.07.2024. Die FAZ empfiehlt fröstelnd RP Kahls Film "Die Ermittlung" nach dem Stück von Peter Weiss über den Auschwitz-Prozess 1963. In der NZZ beklagt der schwule nigerianische Autor Logan February die Queerphobie in seinem Land. Nach einer grandiosen, bewegenden Salzburger Matthäus-Passion ist es SZ und NZZ egal, ob und wie verbandelt Dirigent Teodor Currentzis mit Putin ist. Die Welt empört sich über das Ausmaß des Antisemitismus bei der Biennale in Venedig. Die nachtkritik erliegt in Salzburg dem Charme eines werkgetreuen "Jedermann".
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
22.07.2024
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Musik
In Salzburg hat Dirigent Teodor Currentzis zusammen mit dem Utopia Ensemble die Festspiele mit Bachs "Matthäus-Passion" eröffnet. Und es war offenbar so grandios, dass weder Reinhard J. Brembeck noch Michael Stallknecht sich noch mit der Frage aufhalten wollen, wie nahe Currentzis Putin wirklich steht. Die Musik hat die Kritiker einfach überwältigt. So ernst, hart, klar und erschütternd hat Stallknecht (NZZ) die Passion nie gehört, obwohl der Dirigent auch Effekt kann: "Currentzis lässt kleinteilig phrasieren, in subtil bewegten Wellen, lotet häufig Piano und Pianissimo aus, realisiert damit feinste Textnuancen. Ebenso wie Julian Prégardien, der schon lange als einer der eindrücklichsten Evangelisten gelten darf. Doch unter Currentzis geht er weiter als je zuvor, überschreitet mit zunehmendem Verlauf herkömmliche ästhetische Grenzen bis ins Hässliche, zum Schrei. Die Qualen, die Folter Jesu werden so zur körperlichen Erfahrung, wie er hier auch als Figur nicht nazarenerhaft weichgezeichnet wird.
Currentzis erlaubt sich sogar Eingriffe in die Musik, erzählt voller Bewunderung Reinhard J. Brembeck in der SZ: Er "lässt die vielen Choräle, auch etliche Chöre lange Zeit leise und innig singen, das klingt unvertraut nach orthodoxer Kirchenmusik, ist ganz Seele und Empfindung. Mit der steigenden Dramatik in Prozess, Folter und Hinrichtung intensiviert Currentzis den Chorgesang bis hin zu hochromantischer Expressivität. Doch als Jesus zu Tode gefoltert am Kreuz stirbt, lässt der Dirigent wie in vielen Weltgegenden noch immer üblich ein Totenglöckchen in den gesungenen Choral hineintönen, äußert leise und in völliger Dunkelheit, nur Currentzis ist schemenhaft zu erkennen. Die Musik wird von einem Fernchor hinter der Bühne sehr viel leiser wiederholt. Das ist ein Theatercoup, er unterstreicht nicht nur, dass Bach hier eine geistliche Oper ohne Szene komponiert hat, sondern auch, dass da ein wahrer Mensch und wahrer Gott gestorben ist."
"Wegen seiner Nähe zu Putin, weil er sich nie dazu oder zu dessen Ukrainekrieg geäußert hat, weder kritisch noch sonst wie, ist Currentzis manchen Menschen ein Ärgernis", meint Brembeck übrigens. Äh, ein bisschen weiter gehen die Vorwürfe doch. Die vielen Recherchen von Axel Brüggemann und NMZ hat der Perlentaucher zum Glück getreulich widergespiegelt.
Weitere Artikel: Benedikt Kendler hat sich für die Berliner Zeitung mit dem Lichtenberger Liedermacher Elias getroffen, um über die Kunst des Liebeslieds zu sprechen. Adrian Schäder berichtet in der NZZ vom Gurten-Open-Air-Konzert mit dem französischen Dance-Duo Justice, Patent Ochsner und Tiffany Limacher alias To Athena. Michael Maier unterhält sich für die Berliner Zeitung mit dem französischen Countertenor Philippe Jaroussky. Max Florian Kühlem wundert sich in der SZ, dass es so viel Hype um Taylor Swift gibt und so wenig um Coldplay, die am Wochenende in Düsseldorf spielten. Wolfgang Sandner gratuliert in der FAZ dem Gitarristen Al Di Meola zum Siebzigsten. Andreas Platthaus gratuliert in der FAZ Supertramp-Gründer Rick Davies zum Achtzigsten.
Besprochen werden ein Konzert des Trios E.T.A. auf Schloss Johannisberg (FR), Mary Ochers Album "Your Guide To Revolution" (FR), ein Konzert von Roland Kaiser in Frankfurt (FAZ), ein Konzert von Candy Dulfer in Wiesbaden (FR), die neue CD "Notausgang" der Berliner Band Die Verlierer (taz) und das gerde erschienene, aber schon 1998 entstandene Album "7 Stücke" vom Ost-West-Quartett Kunstkopf (taz).
Currentzis erlaubt sich sogar Eingriffe in die Musik, erzählt voller Bewunderung Reinhard J. Brembeck in der SZ: Er "lässt die vielen Choräle, auch etliche Chöre lange Zeit leise und innig singen, das klingt unvertraut nach orthodoxer Kirchenmusik, ist ganz Seele und Empfindung. Mit der steigenden Dramatik in Prozess, Folter und Hinrichtung intensiviert Currentzis den Chorgesang bis hin zu hochromantischer Expressivität. Doch als Jesus zu Tode gefoltert am Kreuz stirbt, lässt der Dirigent wie in vielen Weltgegenden noch immer üblich ein Totenglöckchen in den gesungenen Choral hineintönen, äußert leise und in völliger Dunkelheit, nur Currentzis ist schemenhaft zu erkennen. Die Musik wird von einem Fernchor hinter der Bühne sehr viel leiser wiederholt. Das ist ein Theatercoup, er unterstreicht nicht nur, dass Bach hier eine geistliche Oper ohne Szene komponiert hat, sondern auch, dass da ein wahrer Mensch und wahrer Gott gestorben ist."
"Wegen seiner Nähe zu Putin, weil er sich nie dazu oder zu dessen Ukrainekrieg geäußert hat, weder kritisch noch sonst wie, ist Currentzis manchen Menschen ein Ärgernis", meint Brembeck übrigens. Äh, ein bisschen weiter gehen die Vorwürfe doch. Die vielen Recherchen von Axel Brüggemann und NMZ hat der Perlentaucher zum Glück getreulich widergespiegelt.
Weitere Artikel: Benedikt Kendler hat sich für die Berliner Zeitung mit dem Lichtenberger Liedermacher Elias getroffen, um über die Kunst des Liebeslieds zu sprechen. Adrian Schäder berichtet in der NZZ vom Gurten-Open-Air-Konzert mit dem französischen Dance-Duo Justice, Patent Ochsner und Tiffany Limacher alias To Athena. Michael Maier unterhält sich für die Berliner Zeitung mit dem französischen Countertenor Philippe Jaroussky. Max Florian Kühlem wundert sich in der SZ, dass es so viel Hype um Taylor Swift gibt und so wenig um Coldplay, die am Wochenende in Düsseldorf spielten. Wolfgang Sandner gratuliert in der FAZ dem Gitarristen Al Di Meola zum Siebzigsten. Andreas Platthaus gratuliert in der FAZ Supertramp-Gründer Rick Davies zum Achtzigsten.
Besprochen werden ein Konzert des Trios E.T.A. auf Schloss Johannisberg (FR), Mary Ochers Album "Your Guide To Revolution" (FR), ein Konzert von Roland Kaiser in Frankfurt (FAZ), ein Konzert von Candy Dulfer in Wiesbaden (FR), die neue CD "Notausgang" der Berliner Band Die Verlierer (taz) und das gerde erschienene, aber schon 1998 entstandene Album "7 Stücke" vom Ost-West-Quartett Kunstkopf (taz).
Film

Besprochen wird außerdem die Apple-Serie "Lady in the Lake" mit Natalie Portman (taz, SZ).
Bühne

nachtkritiker Reinhard Kriechbaum muss zugeben: Das hat was! Eine so werkgetreue Inszenierung von Hugo von Hoffmannsthals "Jedermann" hat er bei den Salzburger Festspielen schon lange nicht mehr gesehen. Nach einigen ziemlich experimentellen Inszenierungen und der überraschenden Absetzung von Michael Sturmingers Version des letzten Jahres, ist bei Robert Carsen jetzt "buchstabengetreue Läuterung" angesagt, so Kriechbaum. Der Kritiker kann sich damit anfreunden, trotz ein paar Längen: "Die Tischgesellschaft! Robert Carsen hat auf ein Bühnenbild verzichtet, dafür bietet er Mengen an Komparsen auf. Jedermann bietet seinen Freunden ein Fest im Clubsetting, es wird viel getanzt, Philipp Hochmair und Deleila Piasko legen auf einem der sieben runden Tische einen flotten Tango hin. Der Dicke Vetter hebt zu einer Gesangseinlage an. Es gibt zu hören und zu schauen. Die Jedermann-Rufer platzen in eine Rock-Nummer hinein. Wie sich der Tod durch dieses Getriebe einen Weg zu Jedermann bahnen soll, kann man sich erst gar nicht vorstellen. Plötzlich ist er in der Bühnenmitte da. Im Outfit eines Kellners schenkt er Jedermann reinen Wein - Rotwein - ein."
SZ-Kritikerin Christine Dössel kann gut erkennen, dass Carsen, der gerne viele Menschen auf der Bühne versammelt, eigentlich Opernregisseur ist: "Am eindrucksvollsten ist die Party, die Jedermann auf der Terrasse vor seinem Palast im Licht der Discokugeln schmeißt, begleitet von einem Live-Orchester. Es sind Tanz- und Feierszenen, so lustvoll, glamourös und nächtlich schön wie in Paolo Sorrentinos oscargekröntem Film 'La Grande Bellezza', der in die High Society von Rom führt." Im Standard gefällt Stefan Weiss vor allem, wie der Tod hier daherkommt: "Carsen und sein Kostüm/Bühnen-Kollege Luis F. Carvalho verzichten auf jede Geisterbahnschminke und zeigen den Gevatter in Gestalt eines schönen Jünglings (Dominik Dos-Reis): gelockt und engelsgleich im weißen Messgewand - die Vorstellung, dass der Tod auch ansehnlich sein könne." Patrick Bahners freut sich in der FAZ über eine "im besten Sinne konservative" Aufführung.
Literatur

Besprochen werden Paul Austers Essay "Bloodbath Nation" (Standard), Peter Sloterdijks "Zeilen und Tage III - Notizen 2013.- 2016." (FR), Maximilian Steinbeis' Buch "Die verwundbare Demokratie - Strategien gegen die populistische Übernahme" (SZ) und Fang Fangs Roman "Glänzende Aussicht" (NZZ). Außerdem gibt die NZZ Lesetipps für den Sommer. Und die FAZ bespricht einige Kinderbücher, Nadia Buddes "Die Band, die keiner kennt", Magdalena Miecznickas "Toni sieht alles" und Frida Nilssons "Martin & Jack". Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
Kunst

Stefan Trinks (FAZ) lernt im Colmarer Musée Unterlinden nicht nur viel Interessantes über altdeutsche Tafelmalerei, sondern kann sogar vorher nie gezeigte Retabeln von Martin Schongauer und Albrecht Dürer bewundern. Sein persönliches Highlight stammt aber von Hans Baldung Grien: "Das bis heute rätselhafte und große Profilbild des stehenden heiligen Thomas mit Lanze als möglichem Martyriumswerkzeug. Enigmatisch sind an dem extrem schmalen Hochformat nicht nur die Profilstellung und die knöchelbrecherische Abwinkelung seines linken Fußes, sondern vor allem das aufflatternde stoffreiche Gewand in Giftgelb vor nachtschwarzem Hintergrund - der Apostel und legendarische Missionar Indiens schwebt buchstäblich im Nichts, weil Baldung ihm nicht einmal einen Boden unter den Füßen gönnt und malt."
Ein Biennale-Kurator, der Fake News über Israel teilt, Besucher, die antisemitische Parolen skandieren, vereinfachende Botschaften und Verherrlichung von Terror - Die israelische Kunstkritikerin und -dozentin Hili Perlson macht in der Welt nochmal das Ausmaß des Antisemitismus auf der Biennale von Venedig klar. Wie soll man damit umgehen, fragt sie? Zensur kann nicht die Lösung sein: "Absagen von Ausstellungen haben bereits die Integrität von Institutionen in Deutschland beschädigt. Gleichzeitig haben sie zu einer unverhältnismäßigen Verstärkung von Randfiguren geführt, die von angesehenen Medien eine Plattform erhalten und sich darüber beschweren, dass sie 'zum Schweigen gebracht' werden. Und doch sollten diejenigen, die soziale Normen überschreiten und Israels Dämonisierung normalisieren, zur Rechenschaft gezogen werden. Es sollte allen klar sein, dass die Wahrung sozialer Normen in unserem eigenen Interesse als Gesellschaft liegt. Das jüngste Verbot des Facebook-Konzerns Meta, das Wort 'Zionist' als Code für antisemitische Beiträge zu verwenden, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Gleiches gilt für den Vorstoß des Berliner Senats, das rote Dreieck in Deutschland zu verbieten, weil es mit der Hamas assoziiert und als Code für Gewalt verwendet wird."
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