Efeu - Die Kulturrundschau

Über ein Gedicht zu Gericht sitzen

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18.07.2024. Wütend, aggressiv und äußerst aktuell finden Tagesspiegel und Berliner Zeitung die Boris-Lurie-Ausstellung am Rande der Biennale in Venedig, die sich unter anderem der Frage widmet, wie sich die Vernichtung der Körper im KZ im Kapitalismus fortsetzte. Um Körper und Gewalt geht es auch in Rose Glass' Bodybuilderinnen-Film "Love Lies Bleeding", den die Zeitungen als queeres Fetischkino feiern. Die russischen Theatermacherinnen, Schenja Berkowitsch und Swetlana Petrijtschuk sind in Moskau zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, in der FAZ kennt Viktor Jerofejew die wahren Hintergründe. Kein Tag ohne Taylor Swift: Die Musikkritiker schreien mit in Gelsenkirchen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2024 finden Sie hier

Musik

Probesingen in Gelsenkirchen:



Gestern abend gab Taylor Swift ihr erstes Konzert in Gelsenkirchen. Angesichts zehntausender junger Frauen, die einer anderen jungen Frau ihre Liebe zeigen wollten, kam bei den Musikkritikern diesmal Zynismus gar nicht erst auf. Die Zeiten sind auch einfach zu mies dafür. Lena Karger (Welt) bläst es gleich zu Beginn fast vom Sitz: "In den ersten Sekunden im selben Raum mit dem Megastar wäre man lieber woanders. 60.000 Menschen schreien, als wollten sie Glas zerspringen lassen. In einer Lautstärke, die keine Beyoncé und auch keine Billie Eilish in Deutschland ausgelöst hat. Eigentlich seltsam, dass keine Tränen fließen. Die Ohnmacht-gefährdete Teenagerin fängt an, in einem Bildmodus zu filmen, der gleichzeitig Swift auf der Bühne und ihre eigene Ekstase dazu aufnimmt. Ein paar Reihen weiter vorne reckt ein junges Mädchen Arme in die Luft, die von vernarbten Schnitten übersäht sind. An den Handgelenken werden die alten Wunden von Freundschaftsarmbändern umschlossen. Die selbst gebastelten Friendship Bracelets gehören auf jedem Swift Konzert dazu - auf Wunsch der Sängerin. Es ist 19.45 Uhr, das Konzert wird drei Stunden und 15 Minuten gehen."

Auch SZ-Reporter Joachim Hentschel, der vor dem Konzert die Fanmeile in Gelsenkirchen besucht hat, ist schwer beeindruckt: "Um sich auf Taylor Swift vorzubereiten, wird die ganze Show schon einmal gemeinsam durchgesungen - es ist eine Logik des künstlerischen Reenactments, die einem beim Zusehen das Herz aufgehen lässt und möglicherweise viel mehr erklärt als die gedruckten Analysen." Beim Konzert dann hört er zwar das Altmodische und weniger Gelungene in Swifts Musik, aber irgendwie ergibt das Sinn, erkennt er: "Es gibt in der gesamten 'Eras'-Show nicht einen einzigen Moment, in dem Taylor Swift sich mutwillig raffiniert gibt, das Publikum hinterrücks zu erobern versucht. Oder gar, wie viele ihrer Zeitgenossinnen in tollen Parallelwelten es tun, als Cybermuse die Körpergrenzen sprengen will. Ihre Kunst ist immer bis in die letzte Faser nachvollziehbar. Was Strecken des Abends in die Nähe zum Kitsch rückt, aber dabei auch fest auf der Augenhöhe hält, in der sie mit ihren Leuten kommunizieren will." Weitere Berichte in der Berliner Zeitung und im Tagesspiegel.

Weitere Artikel: Der SWR macht es sich mit der Berufung von François Xavier Roth zum Chefdirigenten des SWR Symphonieorchesters zu leicht, ärgert sich in der Welt Manuel Brug (mehr zur Affäre hier). Andreas Hartmann besucht für die taz Manuel Liebeskind, Mitbegründer des Labels Skin and Speech, das sich auf Postindustrial, Noise, Klangkunst und andere entlegene Musik spezialisiert hat. Gerald Felber berichtet in der FAZ vom Alte-Musik-Festival in Ravenna. Ueli Bernays resümiert in der NZZ das Montreux Jazz Festival. Andrian Kreye ist in der SZ glücklich über den Auftakt des Münchner Jazzsommers mit Konzerten von Al Di Meola und Jacques Schwarz-Bart. Christoph Wagner schreibt in der NZZ zum Tod der Pianistin Irène Schweizer. Zum Tod von R. P. S. Lanrue, Gitarrist von Ton Steine Scherben, schreiben Harry Nutt in der FR, Gunnar Leue in der taz, Andreas Hartmann im Tagesspiegel, Susanne Lenz in der Berliner Zeitung. Und Alexander Schmalz schreibt in der Berliner Zeitung zum Tod des DJs Tomcraft.

Besprochen wird das neue Album von Eminem (der in Sachen Autofiktion weitaus "radikaler und raffinierter" ist als Autoren wie Karl Ove Knausgård, Emmanuel Carrère und Annie Ernaux, findet Daniel Haas in der Zeit).
Archiv: Musik

Bühne

Die russischen Theatermacherinnen, Schenja Berkowitsch und Swetlana Petrijtschuk sind in Moskau zu sechs Jahren Haft verurteilt worden, angeblich weil ihr Theaterstück "Finist - heller Falke" Terrorismus und radikalen Feminismus propagiert. Ein Vorwand, denn "diese beiden freiheitsliebenden Künstlerinnen hegen eine tiefe Abscheu gegenüber jeder Form von Terrorismus", hält Viktor Jerofejew in der FAZ fest: "Das Stück handelt von der Krise der modernen Moral, wenn junge Russinnen auf der Suche nach einem Halt im Leben, vor allem aber nach der wahren Liebe in die Fänge radikaler terroristischer Organisationen geraten." Vielmehr ging es wohl um ein 2022 entstandenes Gedicht, in dem Berkowkitsch die Propaganda gegen "ukrainische Nazis" aufgriff: "So ein Gedicht zu verzeihen ist nach der Logik der Obrigkeit unmöglich. Über so ein Gedicht zu Gericht zu sitzen ist aber ebenfalls unmöglich - das wäre ja Werbung. Hier ein Auszug aus einem noch 'provokativeren' Gedicht von Schenja, das im Lager der Patrioten buchstäblich eine Explosion der Empörung hervorrief, in Prosaübersetzung:

(...)

Sie hätten den eigenen Hurra- Patriotismus bekämpfen
Essen und Trinken verweigern
ihre Mitstreiter töten
IHN töten können.

Weitere Artikel: Kurz vor dem Start der Bayreuther Festspiele überrascht Claudia Roth mit einem eigenwilligen Vorschlag: Auch andere Komponisten wie Engelbert Humperndinck sollen künftig gespielt werden, berichtet der Tagesspiegel mit dpa. Denn, so Roth: "Das Festival läuft auch nicht mehr von alleine wie in früheren Zeiten, wo man teilweise viele Jahre darauf warten musste, eine Karte zu bekommen." Laut Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins zur Saison 2022/2023 wird Goethes "Faust" auf deutschsprachigen Bühnen kaum noch gespielt, meldet Christiane Lutz in der SZ und erklärt: "Er steht in vielen Bundesländern, etwa in Bayern, nicht mehr verpflichtend auf dem Lehrplan. Und Theater inszenieren immer auch, was auf Lehrplänen steht." In der NZZ versucht Paul Jandl dem Phänomen des "Jedermann" auf den Grund zu gehen und hält fest: "Um sich international attraktiv zu machen, schminkt sich Österreich gerne auf alt und nennt das dann Tradition. Hugo von Hofmannsthals Antiquität steht bei diesem Geschäftsmodell ganz vorne."

Besprochen werden das europäische Jugendtheaterfestival "For/With/By" in Madrid, das mit dem Schwerpunkt Erinnerungskultur neue Theaterarbeiten aus Berlin, Madrid und Thessaloniki zeigt (taz) sowie Lola Arias' Stück  "Los días afuera / The Days Out There" und Marta Górnickas Chor-Stück "Mothers - A Song for Wartime", zwei Koproduktionen, mit denen das Maxim Gorki Theater in diesem Jahr beim Theaterfestival in Avignon gastiert (Tagesspiegel).
Archiv: Bühne

Film

Szene aus Rose Glass' "Love Lies Bleeding"


In "Love Lies Bleeding" von Rose Glass spielt Kristen Stewart Lou, die Managerin eines Fitnessstudios, das in einer Kleinstadt in New Mexico liegt. Hier schlägt eines Tages die Bodybuilderin und Waffennärrin Jackie (Katy O'Brian) auf. Die beiden verlieben sich - "oder besser: sie verfallen einander auf diese verrückte und vollkommene Weise, die einem die Sinne gefährlich vernebelt", so Annett Scheffel in der SZ und bald hat Lou alle Hände voll zu tun, die Leichen wegzuräumen, die ihre Geliebte produziert. Der Film ist "ein mitreißender queerer Action-Thriller, wie man ihn noch nicht gesehen hat", schwärmt Scheffel. "Auf eine ganz eigene Art ist 'Love Lies Bleeding' Fetischkino. Die flirrenden Bilder von O'Brians anschwellenden Muskeln, die Kameramann Ben Fordesman in sinnlichen Szenen einfängt wie eine außerirdische Mondlandschaft, hinterfragen gängige Ideale von Weiblichkeit, ohne plattes feministisches Statement zu sein. Und das Begehren der beiden Frauen wird auf eine befreiende Weise intensiv und körperlich inszeniert. Immer angetrieben von Clint Mansells pulsierendem Elektro-Score."

Auch FAZ-Kritikerin Lili Hering kann sich mit dieser Mischung aus Sex und Gewalt anfreunden: "'Love Lies Bleeding' schlägt sich auf die Seite der Körper, deren Existenz stets in Gefahr ist: Normative Frauenkörper gilt es vielleicht zu verteidigen im klassisch-patriarchalen Kino, im Sinne des Machterhalts, wer aber verteidigt queere Körper?" Perlentaucher Michael Kienzl ist eher zwiegespalten, er bewundert zwar, wie Glass "die Verführungskraft von Körpern in Szene setzt. Vor allem Kristen Stewart gelingt es, die Kamera zu verzaubern, indem sie sich in verwegene Butch-Posen wirft, die von ihren feinen Gesichtszügen und sich nach Liebe sehnenden Augen gebrochen werden. Auch Ed Harris besticht durch seine Leinwandpräsenz." Aber es fehlt ihm am Ende an einer stringenten Erzählung.

Weitere Artikel: Im Interview mit dem Tagesspiegel spricht der schwedische Regisseur Levan Akin über seinen Film "Crossing - Auf der Suchen nach Tekla", der eine Georgierin in Istanbul auf der Suche nach ihrer trans Nichte Tekla begleitet. Fabian Tietke annonciert in der taz eine Retro des bengalischen Regisseurs Satyajit Ray im Berliner Arsenal. Im Tagesspiegel berichtet Christiane Peitz über Streit um das üppig geförderte neue Berliner Filmfest Dokumentale, das bereits existierende, thematisch ähnlich gelagerte Festivals im Oktober, Dokuarts und das Human Rights Film Fest Berlin (HRFFB) zu verdrängen droht. Ekkehard Knörer schreibt in seiner dvdesk-Kolumne in der taz über das Gangsterfilm-Köln in "Schock" von Daniel Rakete Siegel und Denis Moschitto.

Besprochen werden Thomas Arslans "Verbrannte Erde" (FR) Gabriela Cowperthwaites Thriller "I.S.S." (Tsp, FR), Lee Isaac Chungs Remake von Jan de Bonts "Twister" (Welt, SZ), Kurt Langbeins Dokumentarfilm "Projekt Ballhausplatz" über Sebastian Kurz (taz), Blandine Lenoirs Familiendrama zbd "Juliette im Frühling" (FR, SZ).
Archiv: Film

Literatur

Im Perlentaucher stellt Marie Luise Knott den afroamerikanischen Lyriker Terrance Hayes vor, der am 20. und 21. Juli auch auf dem Berliner Poesiefestival auftreten wird: "Hayes ist ein Sprach-Enthusiast. Doch tatsächlich lebt seine Dichtung nicht vom, sondern im Austausch mit den anderen, wie man schon in seinen ersten Gedichtbänden erkennen konnte. Als sei er gemeinsam mit seinen [afroamerikanischen] Kollegen Teil einer Free-Verse-Band, in der die Dichter im ständigen Austausch miteinander jammen. Jeder Spieler oder jede Sängerin hört genauestens auf seine Mitspielerinnen oder Mitsänger, um dann seiner-/ ihrerseits auf das, was der oder die Anderen 'zu sagen' haben, in ihrer Antwort den Move weiterzutragen. Manchmal haben sie sich Schreckliches zu erzählen, schreibt James Baldwin in 'Sonny's Blues'; sie widersprechen einander, kommentieren sich vielleicht und erweitern einander mit ihrem je eigenen Herzschlag. In Hayes' Repertoire finden sich Wallace Stevens, Emily Dickinson, Patti Smith oder auch Amiri Baraka. Doch viele der Stimmen sind uns hierzulande kaum bekannt: Margaret Danner, Toi Derricotte, Afaa M.Weaver, Reginald Shepherd. Im Zentrum steht die Kunst der großen Dichter-Königin Gwendolyn Brooks (1917-2000). Warum nur, fragt er, hat sie nie den Nobelpreis bekommen? 'Ist sie nicht unsere Wisława Szymborska, unser Pablo Neruda?'"

In der Zeit versucht Ronald Düker vergeblich, den Erfolg der "Romantasy"-Autorin Mona Kasten zu verstehen, "im Moment die erfolgreichste deutsche Schriftstellerin". In der FAZ schreibt Hannes Hintermeier zum Tod des Hirmer-Verlegers Thomas Ruhr. In der Zeit schreiben Katrin Hörnlein und Volker Weidermann zum 50. Todestag von Erich Kästner. Besprochen werden u.a. Mikael Ross' Comic "Der verkehrte Himmel" (FAZ), Ruth-Maria Thomas' Roman "Die schönste Version" (FAZ), Louise Glücks "Marigold und Rose" (FAZ), die Erinnerungen von Michel Piccoli (NZZ) und Franz Friedrichs "Die Passagierin" (Dlf). Mehr in unserer Bücherschau heute ab 14 Uhr.
Archiv: Literatur

Kunst

Boris Lurie, NO with Mrs. Kennedy, 1963 © Boris Lurie Art Foundation

"Wütend, aggressiv und provokativ" ist die Kunst von Boris Lurie, aber immer auch ein "Schrei nach Humanität", erkennt Michaela Nolte im Tagesspiegel nach dem Besuch der Schau "Life with the Dead", die die New Yorker Boris Lurie Art Foundation und das Museum Zentrum für verfolgte Künste Solingen dem in St. Petersburg geborenen Künstler und Mitbegründer der NO!art-Bewegung am Rande der Biennale in Venedig zum Hundertsten ausrichten: "Mit kraftvoller Vehemenz rüttelt Lurie die Erinnerung an die Shoa wach, indem er sie in großformatiger collagierter Malerei wie 'Big NO Painting', 'Lolita' oder 'Lumumba is Dead (Adieu Amerique)' mit der Gegenwart verknüpfte. Künstlerisch gegen Kapitalismus und Imperialismus, Totalitarismus, Rassismus und Konsumismus aufbegehrte. Die verstörende Wirkung der KZ-Bilder steigert er mit Pin-Ups und Zeitungsausschnitten, mit Werbung und Wortbildern, mit rauschhaften Farbsetzungen und in jeder Collage, auf jeder Leinwand mit mindestens einem NO. Markenzeichen und Haltung, Appell und Verweigerung zugleich. Die Betrachtenden traktiert er so oft und so massiv mit Knochen, Leichen und Pornos bis das nackte Fleisch bar jeglicher Erotik ist."

Aktueller denn je erscheint in der Berliner Zeitung Eckhart J. Gillen die Ausstellung mit Werken des KZ-Überlebenden, der sich vor dem Hintergrund des Verlustes der Frauen seiner Familie immer wieder mit der Beobachtung beschäftigte, "dass die Vernichtung der Körper im KZ-System sich auf unterschwellige, subtile Weise in der Entwertung von Schönheit, Sinnlichkeit und Sexualität der Frauen im kapitalistischen Verwertungsprozess fortsetzt. Dieser zynische Missbrauch unserer intimsten Bedürfnisse und Wünsche durch die aggressive Vermarktung der Sinnlichkeit von Frauenkörpern ist für Lurie obszön, aber nicht seine aufklärende Verwendung von Pin-ups, um auf die Fortdauer der Gewaltverhältnisse und die Gleichgültigkeit des Publikums angesichts dieser Tatsachen hinzuweisen. Entgegen einer Erinnerungskultur, die uns suggerieren will, dass der Völkermord an den europäischen Juden ein überwundenes, abgeschlossenes Phänomen sei, konfrontiert uns Lurie mit der Kontinuität und Gegenwart des Terrors, wie wir ihn nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 in Israel und Gaza erleben."

Besprochen wird außerdem die Ausstellung "Cauleen Smith - The Deep West Assembly" im Astrup Fearnley Museum in Oslo (FAZ).
Archiv: Kunst