Im Kino
Steroide für das Love Interest
Die Filmkolumne. Von Michael Kienzl
16.07.2024. Rose Glass' "Love Lies Bleeding" weiß die Verführungskraft von Körpern in Szene zu setzen und kann einen hochkarätigen Cast - unter anderem Kristen Stewart und Ed Harris - aufbieten. Erzählerisch bleibt diese Mischung aus Bodybuilder-Thriller und Liebesfilm eher skizzenhaft.
Langsam und gleichmäßig schwillt ein mit Schweißperlen benetzter Bizeps in Großaufnahme an und wieder ab. Das Treiben in einem Fitnessstudio irgendwo in der Wüste New Mexicos inszeniert die englische Regisseurin Rose Glass mechanisch und unpersönlich. Vielleicht wollen die Sportler hier nicht gleich Maschinen werden, zielen aber doch auf eine Selbstoptimierung ab, in der das Menschliche teilweise überwunden wird. Schweres Keuchen und ein nervös monotoner Electro-Score dröhnen auf der Tonspur, während die Kamera an erbarmungslosen Motivationssprüchen vorbeigleitet. "Pain is Weakness Leaving the Body" lautet einer von ihnen und weist die improvisierte Lagerhalle als Ort der Transformation aus. Die Bodybuilderin Jackie (Katy O'Brian) ist hier gestrandet, um für einen Wettbewerb in Las Vegas zu trainieren. Bei ihrem Bewerbungsgespräch auf einem Schießstand in der Nähe offenbart die junge Frau mit puscheliger Dauerwelle und ansteckendem Lächeln sinngemäß, dass sie nichts von Waffen halte, sondern auf die Zerstörungskraft des Körpers vertraue.
Etwas deplatziert inmitten von Fleiß und Schweiß wirkt dagegen Lou (Kristen Stewart), die mit erhabener Genervtheit am Tresen der Muckibude sitzt. Dass sie ständig raucht, während sie sich Tapes anhört, die sie eben davon abbringen sollen, demonstriert ihr deutlich entspannteres Verhältnis zur Selbstdisziplin. Vielleicht drückt sich darin aber auch ihre Zerrissenheit aus, zwischen einer gescheiterten Emanzipation und einem umso stärker ausgeprägten Schutzbedürfnis. Von ihrem verhassten, in kriminelle Machenschaften verstrickten Vater (Ed Harris), dem nicht nur das Fitnessstudio, sondern auch der Schießstand gehört, kann sie sich nicht lösen, von ihrer hoffnungslos einem prügelnden Widerling (Dave Franco) verfallenen Schwester (Jenna Malone) will sie sich nicht lösen. Die Obsession, die Lou schließlich für Jackie entwickelt, ist vielleicht auch eine Sehnsucht nach ihrer Stärke. Als Vorspiel für die erste schwitzige Liebesnacht spritzt sie ihrem ohnehin schon recht stattlichen Love Interest eine Ladung Stereoide.
Mit ihrem Debüt "Saint Maud" hatte Rose Glass ein arty Horrordrama über eine religiöse Pflegerin mit zunehmendem Realitätsverlust gedreht. Auch ihr zweiter Film bewegt sich im Grenzbereich von Wahn und Wirklichkeit, und kommt dabei in stylisher Verpackung daher, die ein wenig an das Kino Nicolas Winding Refns erinnert. Die Geschichte von "Love Lies Bleeding" ist zwischen Anziehung und Abstoßung angesiedelt, zwischen der flammenden Leidenschaft der beiden Frauen einerseits und einem Disput mit Lous über Leichen gehenden Vater andererseits. Die Ästhetisierung verwandelt diese Gegensätze mitunter in fließende Ambivalenzen. Wie wichtig dem Film sein Äußeres ist, zeigt sich schon an der Wahl des Settings - eine Nachrichtensendung über den Deutschen Mauerfall verrät, dass wir uns im Jahr 1989 befinden, auch wenn das für die Handlung keinerlei Bedeutung hat. Das Wüstenkaff ist ein unwirtlicher Ort voller unangenehmer Menschen, dem Glass jedoch mit ihrem Redneck-Retro-Chic einen hippen Glanz verleiht. "Love Lies Bleeding" erschafft eine raue, hässliche, oft in farblich verfremdetes Neonlicht getauchte Welt, in die immer wieder Bilder aus bösen Träumen dringen.

Glass weiß zweifellos die Verführungskraft von Körpern in Szene zu setzen. Vor allem Kristen Stewart gelingt es, die Kamera zu verzaubern, indem sie sich in verwegene Butch-Posen wirft, die von ihren feinen Gesichtszügen und sich nach Liebe sehnenden Augen gebrochen werden. Auch Ed Harris besticht durch seine Leinwandpräsenz. Mit seinem Frisurenmix aus Halbglatze und langen Haaren, dem imposanten Kassengestell und den bedächtigen Bewegungen strahlt er die Autorität eines Western-Bösewichts aus. Den mit Abstand sonderbarsten Auftritt legt aber Lous aufdringliche, körperlich regelrecht abstoßend in Szene gesetzte Verehrerin Daisy hin. Mit dickem gelbem Zahnbelag, einer nervtötend säuselnden Stimme und manieriert koketter Gestik schwingt sich Anna Karyshnikov zu einer grotesken Performance auf, die schon deshalb bemerkenswert ist, weil jeder Funken an Sympathie, die man dieser Figur entgegenbringen könnte, im Keim erstickt wird.
"Love Lies Bleeding" besitzt zwar ein gutes Gespür für körperliche Gegenwart und vibrierende Bilder, die erzählerischen Fähigkeiten sind aber umso begrenzter. Nun kann man natürlich einwenden, dass das bei einem derart visuellen Film ohnehin egal ist, aber dafür macht sich Glass wiederum zu abhängig von ihrer Story. Nachdem die anfängliche sexuelle Anziehung zwischen den Frauen regelrecht spürbar war, steuert der Film auf ein großes Liebesfinale zu, das ein wenig aufgesetzt und unverdient wirkt. Ähnlich verhält es sich mit dem unterentwickelten und nur halbherzig umgesetzten Thriller-Plot.
Das Dilemma des Films ist, dass er zwar zu verführen, am Ende aber nicht einzulösen weiß. Nach dem Sex spannt sich einmal Jackies Oberarm zu einem knackenden Sound an, der so ohrenbetäubend ist, als würde sie gleich platzen. Erst der darauf folgende Schnitt verrät, dass es sich bei dem Geräusch lediglich um ein aufgeschlagenes Frühstücksei handelte. Immer wieder versucht sich Glass an solchen Body-Horror-Motiven, die lange offen lassen, ob sie nur dem Reich der Fantasie entsprungen sind. "Love Lies Bleeding" spielt lustvoll mit solchen Motiven, weiß dann aber doch recht wenig mit ihnen anzufangen. Was den Film konkret an seinen Figuren oder dem Kraftsport interessiert, bleibt skizzenhaft: irgendwas mit Körperlichkeit, möglichst bildstark und intensiv. Neben dem offensichtlichen Augenschmaus kommt dabei nicht sehr viel mehr heraus als eine mit skurrilen Einfällen garnierte generische Handlung. Anders als der Titel verspricht, wirkt der Film durch seinen mangelnden Unterbau am Ende ein wenig blutleer.
Michael Kienzl
Love Lies Bleeding - USA 2024 - Regie: Rose Glass - Darsteller: Anna Baryshnikov, Kristen Stewart, Dave Franco, Katy O'Brian, Jena Malone, Ed Harris - Laufzeit: 104 Minuten.
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