Efeu - Die Kulturrundschau
Eine ständige subkutane Aktion
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05.07.2024. Die NZZ glaubt nicht, dass das Trump-Biopic "The Apprentice" je in die Kinos kommt: Die amerikanische Filmindustrie hat zu viel Angst vor dem Ruin. Die taz entdeckt mit Open Ground das neue Berghain ausgerechnet in Wuppertal. Die SZ setzt sich gegen Machtmissbrauch in der Tanzszene ein. Der NZZ ist außerdem nicht wohl zumute, wenn ein Zusammenschluss französischer Rapper Protest gegen den Rechtsruck in Frankreich mit Verschwörungstheorien verquickt.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
05.07.2024
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Bühne

Aufruhr in der Tanzwelt: Gegen Choreografin Anne Teresa de Keersmaeker werden Vorwürfe wegen ihres Führungsstils laut, Xenia Wiest hat ihren Posten als Ballettdirektorin in Schwerin verloren, berichtet Dorion Weickmann in der SZ. Es fehlen Präventionskonzepte, um psychischer Gewalt und ausbeutenden Hierarchien zuvorzukommen, meint die Kritikerin: "Im Blick auf alle bis dato ruchbar gewordenen Fälle von Machtmissbrauch - und es sind allein im Tanz ein Dutzend - lässt sich feststellen: Nirgendwo gab es ein derartiges Präventionskonzept, nirgendwo eine auf mehrere Schultern verteilte Leitung. Die Alleinherrschaft ohne gleichberechtigtes Korrektiv begünstigt autoritäre Eskapaden. Umgekehrt müssen Tänzer und Tänzerinnen allerdings lernen, trotz Konkurrenz- und Karrieredruck ihr häufig mangelhaft präpariertes Selbstbewusstsein zu stärken und beim ersten Anzeichen eines Übergriffs das Stoppschild zu zücken. Wenn Verfehlungen erst Jahre später ans Tageslicht kommen, gestaltet sich die Aufarbeitung extrem schwierig: Die Fronten sind dann verhärtet, Kommunikation ist oft nicht mehr möglich." Und sie fügt an: "Systemisch gesehen sind Generalintendanten klassische Alleinherrscher. Kulturpolitiker lieben diese Konstruktion, weil sie sich dann nur mit einem einzigen Theatermenschen herumschlagen müssen. Aber ist der pyramidale Zuschnitt noch zeitgemäß? Darüber muss gestritten werden, mit offenem Visier."
"Es gibt keinen Moment, in dem hier irgendetwas in Ordnung ist. Es gibt keinen Moment, in dem nicht alles sitzt", hält die begeisterte Judith von Sternburg in der FR angesichts der Uraufführung der von Cecilia Arditto Delsoglio und Annette Müller komponierten Oper "Der Fremde" am Nationaltheater Mannheim, basierend auf dem Roman von Camus, fest. Eine aufregende, neue Variante der Geschichte: "Alles bleibt immer dicht am Text, alle bleiben auch dicht beieinander. Pierre-Alain Monot dirigiert eine klassische Kammerauswahl des Nationaltheaterorchesters, so dass man wieder bewundern muss, wie professionell und cool (und aufgeschlossen!) Opernorchester sich inzwischen allen Belangen neuer Musik stellen können. Es gilt mitzusummen, zu murmeln und zu sprechen - viele analoge Effekte, viele davon finden an der Grenze des Hörbaren statt, manchmal bloß wie kleine Irritationen, Störgeräusche. Eine ständige subkutane Aktion auch unterhalb des offensichtlichen Geschehens vermittelt eine Unheimlichkeit, aber auch eine tiefe Lebendigkeit."
Besprochen werden: "Carol. Shakespeare in Jena" von Lizzy Timmers am Theaterhaus Jena (Nachtkritik), "Donezk. UA" von Andreas Merz am Theaterdiscounter Berlin (Nachtkritik), "Schaf sehen" von Christof Seeger-Zurmühlen auf dem Asphalt Festival in Düsseldorf (Nachtkritik) und "Dirty Dancing" an der Alten Oper Frankfurt (FAZ).
Film

Ob Ali Abbasis bereits mit großem Erfolg in Cannes gezeigtes Trump-Biopic "The Apprentice" tatsächlich je in die US-Kinos kommen wird, ist weiterhin ungewiss, schreibt Andreas Scheiner in der NZZ. Dass der Film behauptet, Trump habe in jungen Jahren seine frühere Frau Ivana Trump vergewaltigt, ist dabei wohl gar nicht mal so sehr das Problem. "In der amerikanischen Filmindustrie herrscht schlichtweg Angst. ... Denn Trump hat längst angekündigt, gegen den Film vorzugehen." Und "schon die Prozesskosten können ruinös sein." Außerdem "fürchten die Firmen Retourkutschen. ... Denn wenn Trump im November gewählt würde, wäre Rache garantiert. Wie die Vergeltung aussehen könnte, wisse man zwar nicht. Aber Trump würde sich schon etwas einfallen lassen, um es den Verleihern und vielleicht auch den Kinos heimzuzahlen. In vorauseilendem Gehorsam knicken die Leute ein."
Weitere Artikel: Das Siegel "basierend auf einer wahren Geschichte" entpuppt sich für Netflix immer mehr zum Publikums-, aber auch Rechtsstreit-Garanten, schreibt Barbara Schweizerhof im Freitag. Das CulturMag dokumentiert Moritz Baßlers Laudatio auf Georg Seeßlen (sowie dessen Dankesrede) zur Auszeichnung mit dem Lessing-Preis für Kritik. Michael Ranze (FD) und Jan Feddersen (taz) gratulieren der Schauspielerin Eva Marie Saint zum 100. Geburtstag.
Besprochen werden die DVD-Ausgabe von Trần Anh Hùngs in Cannes ausgezeichnetem Koch- und Liebesfilm "Geliebte Köchin" mit Juliette Binoche ("Wer das Kino liebt, als Feier der Subtilität in der Behandlung der Stoffe, in ihrer Auswahl, Zubereitung und Komposition, als Kunst des sinnlichen wie intellektuellen Genießens, wird bei all dem zerschmelzen", versichert Ekkehard Knörer in der taz), Richard Linklaters "A Killer Romance" (FAZ, Welt, critic.de, unsere Kritik hier), Yorgos Lanthimos' "Kinds of Kindness" (critic.de, Welt, mehr dazu bereits hier) und neue Filme der Streaminganbieter, darunter "Beverly Hills Cop: Axel F" mit Eddie Murphy (Standard).
Musik
Ein Zusammenschluss mehrerer französischer Rapper protestiert mit dem knapp zehnminütigen Track "No pasarán" gegen den Besorgnis erregenden Rechtsruck in ihrem Land, schreibt Ueli Bernays in der NZZ. Da geht es mitunter auch ziemlich drastisch zu, was Gewaltfantasien betrifft. "Gewiss darf man im Rap längst nicht alles wörtlich verstehen. Es geht um Zuspitzung und Übertreibung.". Doch "im kämpferischen Flow ... schwimmt allerdings viel irritierendes Treibgut mit. Akhenaton und seine Kollegen Demi Portion und Costa nehmen die Gelegenheit wahr, um Palästina ihre Unterstützung zu versichern - 'vive la Palestine d'la Seine au Jourdain', rappt Letzterer. Alkpote lobt nicht nur den Military-Chic von Ramsan Kadyrow, er droht auch dem prominenten liberalen Imam Hassen Chalghoumi. Schließlich werden auch Verschwörungstheorien bemüht und rechte Politiker als Illuminati bezeichnet oder als bluttrinkende Freimaurer: 'Espèce de franc-maçon, tu te nourris du sang qu'tu consommes', rappt Cocein."
Lars Fleischmann staunt in der taz: Seit Dezember befindet sich mit dem Open Ground ausgerechnet in Wuppertal ein Club, der dem Berliner Berghain ernsthaft den Rang ablaufen könnte. Und das nicht nur wegen der offenbar ausgesprochen offenen, zugewandten Atmosphäre, sondern vor allem wegen der sorgfältig konzipierten Raumakustik, die möglichst viel vom Direktschall aus den Lautsprechern retten will. Der Sound kann "kaum mit Worten beschrieben werden, muss empfunden werden. ... Auf sehr angenehme Art und Weise klingt Musik an diesem Ort wie in Watte gepackt. Es gibt kein Brummen, kein Plärren." Das bringt "den Vorteil, dass man anders als in den meisten Clubs nicht gegen die Eigenheiten des Raums anspielen muss, den DJs stattdessen eine Last von den Schultern genommen wird. Es gilt: Hier können sie spielen, was sie wollen und können. Das enorme Frequenzspektrum, dass selbst tiefste Sub-Bass-Regionen (um die 16 Hertz) sauber abbilden kann, macht nicht nur einen extrem qualitativen, sondern auch hochintensiven Sound erlebbar."
Außerdem: Christian Schachinger freut sich im Standard auf den Auftritt von Fever Ray am kommenden Wochenende in Wien. Andreas Danzer erkundigt sich für den Standard nach dem Stand der Dinge beim Wienerlied. Vladimir Tarnopolski schreibt in der FAZ zum Tod des russischen Komponisten Alexander Knaifel.
Besprochen werden Oliver Schwehms Dokumentarfilm "Born to Be Wild" über die Band Steppenwolf (NZZ, taz), ein Auftritt von Pussy Riot in Berlin (BLZ), ein Konzert von Nile Rodgers in Frankfurt (FR), der auf Amazon gezeigte Dokumentarfilm "I Am Celine Dion", in dem die Sängerin ihre Stiff-Person-Erkrankung zum Thema macht (NZZ), ein Berliner Jazzabend mit Uschi Brüning und Popette Betancor (Tsp) und Asya Fateyevas ABBA-Aufführung mit der Lautten Compagney Berlin beim Rheingau Musik Festival in Wiesbaden (FR, SZ).
Lars Fleischmann staunt in der taz: Seit Dezember befindet sich mit dem Open Ground ausgerechnet in Wuppertal ein Club, der dem Berliner Berghain ernsthaft den Rang ablaufen könnte. Und das nicht nur wegen der offenbar ausgesprochen offenen, zugewandten Atmosphäre, sondern vor allem wegen der sorgfältig konzipierten Raumakustik, die möglichst viel vom Direktschall aus den Lautsprechern retten will. Der Sound kann "kaum mit Worten beschrieben werden, muss empfunden werden. ... Auf sehr angenehme Art und Weise klingt Musik an diesem Ort wie in Watte gepackt. Es gibt kein Brummen, kein Plärren." Das bringt "den Vorteil, dass man anders als in den meisten Clubs nicht gegen die Eigenheiten des Raums anspielen muss, den DJs stattdessen eine Last von den Schultern genommen wird. Es gilt: Hier können sie spielen, was sie wollen und können. Das enorme Frequenzspektrum, dass selbst tiefste Sub-Bass-Regionen (um die 16 Hertz) sauber abbilden kann, macht nicht nur einen extrem qualitativen, sondern auch hochintensiven Sound erlebbar."
Außerdem: Christian Schachinger freut sich im Standard auf den Auftritt von Fever Ray am kommenden Wochenende in Wien. Andreas Danzer erkundigt sich für den Standard nach dem Stand der Dinge beim Wienerlied. Vladimir Tarnopolski schreibt in der FAZ zum Tod des russischen Komponisten Alexander Knaifel.
Besprochen werden Oliver Schwehms Dokumentarfilm "Born to Be Wild" über die Band Steppenwolf (NZZ, taz), ein Auftritt von Pussy Riot in Berlin (BLZ), ein Konzert von Nile Rodgers in Frankfurt (FR), der auf Amazon gezeigte Dokumentarfilm "I Am Celine Dion", in dem die Sängerin ihre Stiff-Person-Erkrankung zum Thema macht (NZZ), ein Berliner Jazzabend mit Uschi Brüning und Popette Betancor (Tsp) und Asya Fateyevas ABBA-Aufführung mit der Lautten Compagney Berlin beim Rheingau Musik Festival in Wiesbaden (FR, SZ).
Kunst
Weiteres: Silke Hohmann interviewt für monopol mit der Kuratorin Yasmil Raymond eines der Mitglieder der neuen Documenta-Findungskommission, zuvor war sie Leiterin der Frankfurter Städel-Schule. Jakob Thaller interviewt die Künstlerin Sophia Süßmilch, deren Ausstellung "Then I'll huff and I'll puff and I'll blow your house in" in der Kunsthalle Osnabrück die ortsansässige CDU-Gruppe verbieten wollte, weil sie sich unter anderem mit Kannibalismus beschäftigt (Standard).
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Sense of Human" von Sarah Lucas in der Kunsthalle Mannheim (Monopol), "Ohne Offenlegung" von Sung Tieu im Museum für Gegenwartskunst Siegen (taz), "Out of Focus" im Kunstverein Friedberg (FAZ) und "Mapping the 60s" im Wiener Mumok (Standard).
Besprochen werden: Die Ausstellungen "Sense of Human" von Sarah Lucas in der Kunsthalle Mannheim (Monopol), "Ohne Offenlegung" von Sung Tieu im Museum für Gegenwartskunst Siegen (taz), "Out of Focus" im Kunstverein Friedberg (FAZ) und "Mapping the 60s" im Wiener Mumok (Standard).
Literatur
Im CrimeMag schreibt Thomas Wörtche über die Krimi-Klassiker von Jim Thompson. Besprochen werden unter anderem Miranda Julys "Auf allen vieren" (NZZ), Scholastique Mukasongas "Kibogos Himmelfahrt" (FR) und Layla Martínez' "Heiligenbilder und Heuschrecken" (Freitag). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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