Im Kino

Rätselhaft sexy

Die Filmkolumne. Von Karsten Munt
02.07.2024. Ein Normalo mit Unijob verwandelt sich in "A Killer Romance" in einen weltgewandten, charmanten Auftragsmöder. Der neue Film von Richard Linklater vereint Elemente von Film Noir und Komödie, brilliert jedoch in erster Linie als kinematografisches Rollenspiel.

Es gibt eine Folge von "MTV Made", die mir bis heute im Gedächtnis geblieben ist. Das heute weitgehend vergessene Reality-TV-Format stellte in den frühen 2000ern einem Schüler/einer Schülerin einen Coach zur Seite, mit dessen Hilfe er/sie sich seinen/ihren Traum ("Rappen", "Hot sein", "Klassensprecher werden", etc.) erfüllen konnte. Zu Beginn der jeweiligen Episode sind die Kandidaten/Kandidatinnen der scheinbar passgenaue Gegenentwurf jener Wunschidentität, zu der sie "gemacht" werden wollen. "Meet Angelica", heißt es zu Beginn der Episode, die mir im Gedächtnis geblieben ist. Schönheitskönigin will sie werden und scheint doch, der Prämisse der Sendung entsprechend, meilenweit von ihrem Ziel entfernt. Tatsächlich braucht es kaum mehr als Kontaktlinsen und eine andere Frisur, um Angelica vor Augen zu führen, dass sie eben nicht das hässliche Entlein ist, das die High-School-Bullies aus ihr machen. Angelica lernt, dass Identität kein starres, sondern ein operatives und situatives Konzept ist.

Meet Gary. Gary ist ca. 20 Jahre zu alt für ein MTV-Format, aber ansonsten ein guter "Made"-Kandidat: Sein Hobby ist Vogelkunde, sein Leben, abgesehen von seinem Nebenjob ein gediegenes Einzelgängerdasein zwischen Proseminar und Ein-Mann-Rotwein-Dinner. Damit scheint er ganz zufrieden, aber man ahnt es doch: Gary wants to be made. Das passiert in dieser, von Richard Linklater geschaffenen Realität sogar noch schneller als bei MTV. Gary arbeitet freiwillig bei der Polizei. Er gibt sich bis zu dem Moment, in dem ein tatsächliches Treffen verabredet wird, als Serienmörder aus. Seine Auftraggeber trifft nicht er, sondern Undercover-Kollege Jasper (Austin Amelio). Als dieser ausfällt, muss Gary ran, die Brille gegen Kontaktlinsen und den inneren Normalo gegen den anrüchigen Draufgänger tauschen. Seine erste Performance ist ein Meisterstück. Gary weiß sich zu verkaufen, weiß zu improvisieren, ist charmant, aggressiv und lässig zugleich.

Fortan ist Gary derjenige, der den Auftragsmörder, bzw. den dazugehörigen Wunschtraum seiner Auftraggeber verkörpert. Als Dozent für Psychologie und Philosophie weiß er: Recherche lohnt sich. Das Spektrum der Rollen, die er sich erarbeitet, reicht vom volltätowieren Rambo-Entwurf, über den komplett in Leder gehüllten Sowjet-Agenten bis hin zum Hollywood-Halbgott-Killer Ron. Ron ist Garys Meisterstück: gefährlich, sexy und gesellschaftsfähig - der triumphale Schlusspunkt einer jeden Made-Episode. Die Fiktion ist wahr, bzw. so verführerisch geworden, dass die Welt ihr erliegt.


Gary weiß das selbst am besten. Er unterrichtet es schließlich, spricht in Vorlesungssälen von Identitätskonstrukten nach Nietzsche, von Freuds Ich, Über-Ich und Es, von der Fluidität des Ganzen. Sein Unterricht ist emblematisch für den Film: Linklater gibt genug Futter für Kontext, aber allzu akademisch möchte er nicht warden. Nicht die freudschen Untiefen, sondern die Sprache der Körper ist das, was der texanische Filmemacher perfekt beherrscht. Die beste Lektion aus dem Unterricht steht entsprechend nicht an der Tafel in Garys Klassenraum, sondern wird draußen auf der Campuswiese präsentiert, mehr von Ron als von Gary, der mit Fliegersonnenbrille, Humor und unerschütterlicher Selbstsicherheit plötzlich sogar von seinen Studentinnen als rätselhaft sexy wahrgenommen wird. Auch Madison (Adria Arjona), die Frau, für die Ron ursprünglich entworfen wurde, sieht das so. Bereits bei der ersten Begegnung vergisst Gary jegliches Berufsethos. Die Begegnung ähnelt eher einem Date als einer versuchten Festnahme; tatsächlich redet er Madison kurzerhand aus, ihren Ehemann, einen gewalttätigen Bilderbuch-Macho, umbringen zu lassen. Mit dem nächsten Treffen ist die Beziehung zwischen Ron und Madison gemachte Sache.

Was Linklater an diesem perfect match interessiert, ist nicht primär der bittere Abgrund, der das Ganze zu verschlingen droht. "A Killer Romance" steht auf dem Fundament eines Film-Noir und ist albern wie eine Komödie, ist aber mit beiden Genres weniger gut beschrieben als mit dem schlichten Label Rollenspiel. Gary spielt Ron, Madison spielt mit dem Feuer, auf dem Schießstand, im Bett und bald auf eigene Faust. Das Spiel entfaltet sich nicht in der Genrekinodrastik, sondern in der absoluten Gelassenheit, mit der Adria Arjona und Glen Powell absolut jeden Ton treffen, den Linklater mit der filmgewordenen Entsprechung eines verschmitzten Grinsens vorgibt.

Die eigentliche Grenze der perfekt gespielten Beziehung bleibt dabei Gary, der sich nicht einfach aus der Gleichung streichen lässt. Klar, der Sex ist super (auch hier: Rollenspiele!) und irgendwie kommt das Pärchen mit allen Grenzverschiebungen ihres Kinks durch, aber auch der Rausch der erfundenen und gefundenen Identität braucht irgendeine Basis. Wie jedoch zurückkehren zu der Stabilität, die das Abenteuer festhalten könnte? Auch das wird bald Teil des Spiels. Womit wir nicht nur wieder bei Gary, bei Glen Powell, sondern auch bei Angelica, der Beauty Queen mit Zahnspange und Brille sind, deren Weg zur Wunschidentität man eben nicht mit angespannter Ungewissheit begleitet, sondern mit dem ständig bestätigten Gedanken: "Ich hab's doch gleich geahnt!" Eine Beauty Queen ist sie schon immer gewesen. Es brauchte nur jemanden, der diese Identität in Szene setzt.

Karsten Munt

A Killer Romance - USA 2023 - OT: Hit Man - Regie: Richard Linklater - Darsteller: Glen Powell, Adria Arjona, Austin Amelio, Retta, Sanjay Rao - Laufzeit: 116 Minuten.