Efeu - Die Kulturrundschau

Begrenzung, Entsagung, Unterwerfung

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03.07.2024. Die Filmkritiker bejubeln die spielerische Leichtigkeit von Richard Linklaters Krimikomödie "A Killer Romance": Der Filmdienst bewundert die geschmeidigen Rollenwechsel von Hauptdarsteller Glen Powell. Auf weniger Liebe stößt "Kinds of Kindness", der neue Film von Yorgos Lanthimos, trotz der gewohnt vollen Dröhnung Nihilismus, Zynismus und Brutalität: Den Tiefgang muss man hier nicht suchen, es gibt ihn nicht, ärgert sich die FAZ. Die NZZ rekonstruiert noch einmal den Shitstorm um den Band "Oh Boy", der ganze Karrieren gefährdet. Der Tagesspiegel flaniert durch dänische Stadtviertel, in denen zwischen nachhaltiger Architektur Wildblumenwiesen sprießen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2024 finden Sie hier

Film

Identität als formbare Ressource: "A Killer Romance" von Richard Linklater

Richard Linklaters Krimikomödie "A Killer Romance" über einen Akademiker, der in Trubel mit der Polizei gerät, für die er einen Auftragskiller geben soll, zählt zu jenen Filmen, "die so gut sind, dass man lange nicht merkt, wie gut sie wirklich sind", schwärmt Lukas Foerster im Filmdienst. Der Film hat rege Freude am Spielen mit seinen Elementen, zumal die "Regeln nicht von Anfang an feststehen, sondern erst im Zuge des Spiels, Spielzug für Spielzug, erfunden werden" und Hauptdarsteller Glen Powell beim Wechsel zwischen den Rollen ganz geschmeidig wird. "Spaß am Spiel heißt hier immer auch Spaß am Schauspiel. ... In gewisser Weise hat Linklater einen Film über eine gefährdete Gattung gedreht: Filmstars haben derzeit einen schweren Stand; tendenziell verschwinden sie hinter den Franchises und Multiversen, die das populäre Kino der Gegenwart, oder was von ihm übrig ist, dominieren. Was dabei verloren zu gehen droht, ist eben jene spielerische, elegante Leichtigkeit, die Wunderwesen wie Gary/Ron verkörpern. Identität ist für sie nicht klebriger Ballast, sondern formbare Ressource."

Ähnlich sieht es Karsten Munt im Perlentaucher: "'A Killer Romance' steht auf dem Fundament eines Film-Noir und ist albern wie eine Komödie. ... Das Spiel entfaltet sich nicht in der Genrekinodrastik, sondern in der absoluten Gelassenheit, mit der Adria Arjona und Glen Powell absolut jeden Ton treffen, den Linklater mit der filmgewordenen Entsprechung eines verschmitzten Grinsens vorgibt." Auch Standard-Kritiker Marian Wilhelm applaudiert: "In den Händen eines anderen Regisseurs würde dieses absurde Versteckspiel leicht bis zum Klamauk überstrapaziert. Linklater schafft es aber bravourös, das einstürzende Kartenhaus dieser Meta-Fiktion mit Leichtigkeit und Schmäh zu erzählen."

Emma Stone in "Kinds of Kindness" von Yorgos Lanthimos

Eigentlich schätzt FAZ-Kritiker Andreas Kilb die Filme des griechischen Autorenfilmers Yorgos Lanthimos, der nach Filmkunst-Anfängen im Low-Budget-Bereich seit ein paar Jahren im Dunstkreis von Hollywood arbeitet: Seine Spezialität ist es "Geschichten zu erzählen, die perfekt funktionieren und zugleich das Formelkino ad absurdum führen. ... Er nimmt eine filmische Form, pflanzt ihr ein neues Nervensystem ein und schaut dann, wohin der Austauschmotor das Vehikel treibt." Doch Lanthimos' neuer Film, "Kinds of Kindness", der aus drei separaten Geschichten besteht, funktioniert für Kilb nicht: "Statt sich dem Getriebe der Bilder zu überlassen, sucht man nach Spuren seiner Konstruktion", doch man kommt dabei "keinen Handbreit unter die Oberfläche, in die Tiefe dieses Films. Denn es gibt sie nicht. ... So bleibt ein Haufen virtuoser Bilder wie Stücke eines unfertigen Puzzles."

Inga Barthels vom Tagesspiegel erlebte bei diesem Triptychon "die volle Dröhnung Nihilismus, Zynismus und Brutalität. Die wenigen Charaktere, die zunächst nett und normal wirken, entpuppen sich als die größten Monster. Der alte Lanthimos ist also zurück, allerdings in schlechterer Form als bei seinen frühen Werken." Der Film kommt "zu dem Schluss, dass die Lust nie absolut sein kann, dass zum Begehren immer auch Begrenzung, Entsagung, Unterwerfung gehören, und er tut das so rasant, dass er nicht im Absurden landet, sondern im Albernen", lautet das Fazit von Fritz Göttler in der SZ.

Außerdem: Christiane Peitz wirft im Tagesspiegel einen Blick auf die ersten Neuerungen bei der Berlinale unter der neuen Leiterin Tricia Tuttle: Die von ihrem Vorgänger eingerichtete Sektion "Encounters" entfällt künftig, dafür gibt es mit "Perspectives" einen neuen Wettbewerb für Spielfilmdebüts. Die französischen Regisseure Jacques Doillon und Benoît Jacquot befinden sich nach MeToo-Vorwürfen nun in Gewahrsam, meldet Susan Vahabzadeh in der SZ.

Besprochen werden Ti Wests "MaXXXine" (Perlentaucher Rajko Burchardt lobt "genrefilmhistorisch geschultes Stilbewusstsein sowie zügellose Gestaltungslust"), der auf Netflix gezeigte neue Teile der "Beverly Hills Cop"-Reihe mit Eddie Murphy (NZZ, FAZ), Hanna Slaks Psychodrama "Kein Wort" (Tsp), Christy Halls "Daddio" (Jungle World) und die spanische, im ZDF gezeigte Serie "Operation Marea Negra" (FAZ).
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Literatur

Nadine A. Brügger rollt in der NZZ nochmal den Skandal um die Textsammlung "Oh Boy" aus dem vergangenen Jahr auf. Diese war ins Shitstorm-Visier geraten, nachdem einigen aufgefallen war, dass einer der beiden Herausgeber, Valentin Moritz, darin in einem Essay über sein übergriffiges Verhalten gegenüber einer Frau nachdenkt. In Folge bildeten sich anonyme Kollektive im Netz, die alle Beiträger des Buches unter Druck setzten und bei nicht genehmen Verhalten an den Pranger stellten, schreibt Brügger. Moritz hat den Literaturbetrieb mittlerweile verlassen, der zweite Herausgeber des Buches, Donat Blum - "nonbinär und bisher Teil jener feministischen Gemeinschaft, in der die Wut auf 'Oh Boy' am größten ist" - strauchelt. Er will "nicht verschwinden, sondern sich wehren. Die eigene verlorene Ehre wiederherstellen. Dass das nicht gelingt, daran arbeiten einige Menschen aktiv. Bis heute werden Veranstalter kontaktiert und aufgefordert, von 'Oh Boy' unabhängige Events mit Blum abzusagen. ... Viele Türen, die einst offen gestanden seien, seien nun zu. Der dadurch erwachsene finanzielle Schaden belaufe sich auf rund einen Drittel des eigenen kleinen Jahreseinkommens. Anfragen für Lesungen oder andere Engagements kamen seit dem Shitstorm keine mehr. Stellt Blum selber etwas auf die Beine, wird es angegriffen. Das tue finanziell weh, und auch persönlich - weil es oft die eigenen Leute seien, die diese Türen geschlossen hätten."

Weitere Artikel: Paul Jennerjahn erzählt auf 54books von seiner Reise nach Klagenfurt zum Bachmann-Lesewettbewerb. Volker Weidermann erinnert in der Zeit an den vor 300 Jahren geborenen Schriftsteller Friedrich Gottlieb Klopstock, den "ersten Popstar der deutschen Literatur". Für Tell unterzieht Sieglinde Geisel den Roman "Radio Sarajevo" des diesjährigen Bachmannpreis-Gewinners Tijan Sila dem Page-99-Test. Stefan Busz gibt im Tagesanzeiger Tipps fürs Literaturfestival Zürich.

Besprochen werden unter anderem Annie Ernauxs "Eine Leidenschaft" (FR), Madame Nielsens "Mein Leben unter den Großen" (Zeit Online), Maxi Obexers "Unter Tieren" (taz) und Dénes Krusovszkys Erzählungsband "Das Land der Jungen" (SZ). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Architektur

Bernhard Schulz schildert im Tagesspiegel, wie in Dänemark nachhaltige Architektur ganze Stadtteile prägt. Zum Beispiel das Nordhavn-Quartier in Kopenhagen: "Die hier wie überall vorzügliche Baukunst, die Kopenhagen mit dem Titel einer 'Architekturhauptstadt Europas' kokettieren lässt, ist das eine; hinzu kommen immer stärker Aspekte des Umweltschutzes und der Nachhaltigkeit. Im Falle des regen- und küstenreichen Dänemarks heißt das: Wassermanagement. Man sieht's vielleicht nicht auf den ersten Blick; oder vielmehr, was ins Auge springt, ist das viele Grün: Wildblumenwiesen, die zwischen Häuserzeilen sprießen, üppig in Breite und Höhe und derzeit mit den herrlichsten bunten Blüten."
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Musik

Michael Ernst berichtet in der FAZ von den Schostakowitsch-Tagen in Gohrisch. Konstantin Nowotny ärgert sich im Freitag, dass die einstige Verti Hall in Berlin nun, dem neuen Sponsoren sei Dank, lächerlicherweise Uber Eats Music Hall heißt. Dennis Sand freut sich in der Welt auf das kommende neue Album von Eminem. Karl Fluch macht sich im Standard schon mal warm für den heutigen Auftritt der Suicidal Tendencies in Wien. Frank Schäfer plauscht für die Welt mit John Kay, dem Sänger von Steppenwolf, der ursprünglich aus Deutschland stammt.

Besprochen werden der Auftakt des Nürnberger Musikfests ION (NMZ), Eric Pfeils Buch "Ciao Amore, ciao. Mit 100 neuen und alten Songs durch Italien" (FAZ) und neue Popveröffentlichungen, darunter ein neues Album von Beak> ("Es darf gekifft werden", freut sich Christian Schachinger im Standard).

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Bühne

Michael Wurmitzer blickt im Standard auf den österreichischen Theatersommer. Ebenfalls im Standard berichtet Stefanie Ruep über die Pläne des Regisseurs Robert Carsen für seine "Jedermann"-Inszenierung bei den Salzburger Festspielen. Janis El-Bira besucht für nachtkritik das Gefangenentheater aufBruch, das derzeit mit einer von Peter Atanassow inszenierten "Dreigroschenoper" für Aufsehen sorgt (mehr hier). Gleichfalls in der nachtkritik findet sich ein Text Joseph Hanimanns über das diesjährige Festival d'Avignon.

Besprochen werden zwei Aufführungen am Staatsheater Mainz: "Rosenkavalier" (FR) und "Ich, Antigone" (SZ).
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Kunst

William Blake: Amerika, eine Prophezeiung © The Fitzwilliam Museum, University of Cambridge

Wolfgang Krischke besucht für die FAZ die William-Blake-Ausstellung in den Hamburger Deichtorhallen (siehe auch hier). Er begegnet dort einem Künstler, dessen Werk zu Lebzeiten kaum angemessen gewürdigt wurde und nach wie vor zu selten ausgestellt wird. Blakes Bilder "sind bevölkert von Kriegern und Engeln, Ungeheuern, Fabeltieren und heldenhaften Recken, denen Blake Namen wie Orc, Los oder Bromion gab. In der Lichtgestalt Enitharmon hat er seiner Frau Catherine ein Denkmal gesetzt, die ihn beim Drucken und Kolorieren seiner Bilder intensiv unterstützte. (…) Die Bilderfolgen wirken streckenweise wie überaus anspruchsvoll gestaltete Storyboards zu Fantasyfilmen; tatsächlich liegen ihnen oft Visionen zugrunde, die Blake seit Kindertagen immer wieder überkamen. Doch was wie eine Flucht aus den Bedrückungen des Alltags in das Reich der Imagination wirken mag, war von Blake ganz anders gemeint. Er thematisierte mit seinen mystischen Allegorien die Gegenwart, in der er lebte und die bestimmt war von der ersten Phase der Industrialisierung, dem Aufstieg der exakten Wissenschaften und den Revolutionen in Nordamerika und Frankreich."

Am Linzer Dom wurde eine Marienstatue geköpft, möglicherweise aus religiösen Gründen, meldet der Standard. Ingeborg Ruthe erinnert in der Berliner Zeitung an den verstorbenen Maler Horst Zickelbein. Kerstin Holm stellt in der FAZ ein weiteres Fußballbild vor: Alexander Dejnekas "Torwart". Maxi Broecking schaut sich für die taz auf dem französischen Fotografiefestival "Les Rencontres d'Arles" um. Gerrit Terstiege bespricht für monopol den Fotoband "Stadt der Fotografinnen / Frankfurt 1844 - 2024".

Besprochen werden die Doppelausstellung "Passage" von Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl in der Hamburger Sammlung Falckenberg (monopol), Anna Steinerts Schau "Was am Tiefsten in der Welt liegt" in der Berliner Galerie Tanja Wagner (taz Berlin) und die Ausstellung "X. Premio Fondazione VAF - Aktuelle Positionen italienischer Kunst" in der Stadtgalerie Kiel (taz Nord).
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