Efeu - Die Kulturrundschau
Wenn das Feuilleton aufjault
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
29.06.2024. Die taz schäumt vor Wut, wenn sie sieht, wie die öffentlich-rechtlichen Sender, die Literatur auf die Straße setzen - und das während die Neue Rechte die Literatur immer mehr umschmeichelt. Die Welt blickt zurück auf die Theatersaison und ärgert sich über einen neuen Trend: das politisch korrekte Umschreiben. Die taz sieht die Kunstfreiheit in Gefahr. Die Musikkritiker trauern um Kinky Friedman: Sein Leben sollte von den Coen-Brüdern verfilmt werden, findet die FR.
9punkt - Die Debattenrundschau
vom
29.06.2024
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Literatur
Dirk Knipphals spuckt in der taz Gift und Galle angesichts dessen, wie die öffentlich-rechtlichen Sender einer nach dem anderen die Literatur auf die Straße setzen - und das übrigens, wie Knipphals schreibt, während die Neue Rechte die Literatur immer mehr umwirbt und umschmeichelt. Protest gegen solche Sender-Entscheidungen wirken zusehends "sinnlos" auf ihn. "Weil die Managerriegen der Sender längst illiterat sind. Weil diese Managertypen sich womöglich sogar bestätigt fühlen, wenn das Feuilleton aufjault - weil sie ihre sogenannten Programmreformen dann nämlich als antielitären Einsatz verkaufen können; nicht öffentlich natürlich, aber hinter ihren Gremientüren, zwinker, zwinker. ... Wenn sie zumindest ehrlich wären! Wenn sie sagen würden: Wir sind gerade mit uns selbst beschäftigt. Mit dem Aufbauen neuer Hierarchieebenen. Damit, weitere Anlässe für interne Konferenzschalten zu schaffen. Damit, Planstellen von der Beschäftigung mit Inhalten auf die Verwaltung umzuschaufeln."
Von einem ertragreichen zweiten Tag beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt (hier alle Videos) berichtet Gerrit Bartels im Tagesspiegel: Neben Tijan Sila, dem Favoriten des ersten Tages (unser Resümee), kommen nun noch Henrik Szanto und Denis Pfabe hinzu, die beide auch von der Jury gelobt wurden (hier und dort deren Texte zum Nachlesen). Die Diskussion um Olivia Wenzels Text (hier zum Nachlesen) zeigte ihm jedoch, "dass auch die Literaturkritik hie und da von (gesellschafts)-politischen Motiven geleitet wird und ästhetische Kriterien eine Sache der Auslegung werden können." Zwar "steckt einiges drin in Wenzels Text. Es geht um Mutterschaft, Sexualität und Begehren, um Rassismus, Klasse und Gender, und doch wirken die vielen Themen mitunter hineingezwungen. ... Mithu Sanyal fühlte sich jedenfalls 'umgeworfen'. ... Mara Delius las dagegen einen einzigen 'Thesentext' ... und Philipp Tingler, Sanyals Widerpart seit deren Eintritt in die Jury und kein Freund von identitätspolitischem Aktivismus, sagte, dass 'der Text mit modischen Begriffen von Identitäten arbeitet, die sich ableiten aus Zugehörigkeiten.'"
Wenzel ist übrigens die erste Autorin dieses Wettbewerbs, die die allen Autoren offen stehende Möglichkeit nutzt, der Jury die Stirn zu bieten, berichtet Marie-Luise Goldmann in der Welt. "So erklärt sie der Jury nicht nur, worum es in ihrem Text geht, sondern adressiert sogar eine fassungslose Nachfrage in Delius' Richtung: 'Ein Fußballer, der an einer Brust saugt, ist ein konventionelles Bild?' 'Kommt darauf an, was man unter 'konventionell' versteht', entgegnet die Jurorin." Michael Wurmitzer resümiert den zweiten Wettbewerbstag im Standard. Anna Vollmer bietet in der FAS ein Zwischenfazit nach Eröffnungsabend und erstem Lesetag.
Außerdem: "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Laudatio des Verlegers Sebastian Guggolz auf die Schriftstellerin Esther Kinsky zur Auszeichnung mit dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Im Literaturfeature des Dlf Kultur erzählt Carsten Hueck von seiner Begegnung mit der niederländischen Schriftstellerin Connie Palmen. Roman Bucheli erinnert in der NZZ an Erich Maria Remarques Zeit im Exil in Ascona. Das Freie Deutsche Hochstift hat Clemens Brentanos Handschriftenkonvolut zu seinen Begegnungen mit der Nonne Anna Katharina Emmerick angekauft, schreiben Judith von Sternburg (FR) und Tilman Spreckelsen (FAZ). Der Literaturwissenschaftler Eckhardt Köhn widmet sich in "Bilder und Zeiten" der FAZ der Prosasammlung "Einbahnstraße" von Walter Benjamin und nennt gute Gründe für die Annahme, dass diese ihren Titel einer entsprechend unterschriebenen Fotografie einer Girl-Gruppe in der Berliner Illustrierten Zeitung verdanken könnte. Kai Kauffmann schreibt im "Literarischen Leben" der FAZ über Klopstock, der vor 300 Jahren geboren wurde.
Besprochen werden Theresia Enzensbergers Essay "Schlafen" (taz), Marianna Kijanowskas Gedichtband "Babyn Jar. Stimmen" (FR), Evelyn McDonnells Biografie über Joan Didion (taz), Christof Meuelers Biografie über Wiglaf Droste (taz), Claudius Seidls "Anstiftung zum Bürgerkrieg" mit gesammelten Essays (Zeit), Ika Sperlings Comic "Der Große Reset" (taz), Andreas Stichmanns Erzählungsband "Loreley" (taz), Monika Geiers Krimi "Antoniusfeuer" (taz), eine Neuausgabe von Józef Hens Jugenderinnerungen "Nowolipie" (FAZ) und James Baldwins Essay "Kein Name bleibt ihm weit und breit" (SZ). Außerdem sammeln die Sender des Deutschlandradios hier die PDFs ihrer Rezensionen des Monats.
Von einem ertragreichen zweiten Tag beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt (hier alle Videos) berichtet Gerrit Bartels im Tagesspiegel: Neben Tijan Sila, dem Favoriten des ersten Tages (unser Resümee), kommen nun noch Henrik Szanto und Denis Pfabe hinzu, die beide auch von der Jury gelobt wurden (hier und dort deren Texte zum Nachlesen). Die Diskussion um Olivia Wenzels Text (hier zum Nachlesen) zeigte ihm jedoch, "dass auch die Literaturkritik hie und da von (gesellschafts)-politischen Motiven geleitet wird und ästhetische Kriterien eine Sache der Auslegung werden können." Zwar "steckt einiges drin in Wenzels Text. Es geht um Mutterschaft, Sexualität und Begehren, um Rassismus, Klasse und Gender, und doch wirken die vielen Themen mitunter hineingezwungen. ... Mithu Sanyal fühlte sich jedenfalls 'umgeworfen'. ... Mara Delius las dagegen einen einzigen 'Thesentext' ... und Philipp Tingler, Sanyals Widerpart seit deren Eintritt in die Jury und kein Freund von identitätspolitischem Aktivismus, sagte, dass 'der Text mit modischen Begriffen von Identitäten arbeitet, die sich ableiten aus Zugehörigkeiten.'"
Wenzel ist übrigens die erste Autorin dieses Wettbewerbs, die die allen Autoren offen stehende Möglichkeit nutzt, der Jury die Stirn zu bieten, berichtet Marie-Luise Goldmann in der Welt. "So erklärt sie der Jury nicht nur, worum es in ihrem Text geht, sondern adressiert sogar eine fassungslose Nachfrage in Delius' Richtung: 'Ein Fußballer, der an einer Brust saugt, ist ein konventionelles Bild?' 'Kommt darauf an, was man unter 'konventionell' versteht', entgegnet die Jurorin." Michael Wurmitzer resümiert den zweiten Wettbewerbstag im Standard. Anna Vollmer bietet in der FAS ein Zwischenfazit nach Eröffnungsabend und erstem Lesetag.
Außerdem: "Bilder und Zeiten" der FAZ dokumentiert die Laudatio des Verlegers Sebastian Guggolz auf die Schriftstellerin Esther Kinsky zur Auszeichnung mit dem Annette-von-Droste-Hülshoff-Preis. Im Literaturfeature des Dlf Kultur erzählt Carsten Hueck von seiner Begegnung mit der niederländischen Schriftstellerin Connie Palmen. Roman Bucheli erinnert in der NZZ an Erich Maria Remarques Zeit im Exil in Ascona. Das Freie Deutsche Hochstift hat Clemens Brentanos Handschriftenkonvolut zu seinen Begegnungen mit der Nonne Anna Katharina Emmerick angekauft, schreiben Judith von Sternburg (FR) und Tilman Spreckelsen (FAZ). Der Literaturwissenschaftler Eckhardt Köhn widmet sich in "Bilder und Zeiten" der FAZ der Prosasammlung "Einbahnstraße" von Walter Benjamin und nennt gute Gründe für die Annahme, dass diese ihren Titel einer entsprechend unterschriebenen Fotografie einer Girl-Gruppe in der Berliner Illustrierten Zeitung verdanken könnte. Kai Kauffmann schreibt im "Literarischen Leben" der FAZ über Klopstock, der vor 300 Jahren geboren wurde.
Besprochen werden Theresia Enzensbergers Essay "Schlafen" (taz), Marianna Kijanowskas Gedichtband "Babyn Jar. Stimmen" (FR), Evelyn McDonnells Biografie über Joan Didion (taz), Christof Meuelers Biografie über Wiglaf Droste (taz), Claudius Seidls "Anstiftung zum Bürgerkrieg" mit gesammelten Essays (Zeit), Ika Sperlings Comic "Der Große Reset" (taz), Andreas Stichmanns Erzählungsband "Loreley" (taz), Monika Geiers Krimi "Antoniusfeuer" (taz), eine Neuausgabe von Józef Hens Jugenderinnerungen "Nowolipie" (FAZ) und James Baldwins Essay "Kein Name bleibt ihm weit und breit" (SZ). Außerdem sammeln die Sender des Deutschlandradios hier die PDFs ihrer Rezensionen des Monats.
Film

David Steinitz porträtiert für die SZ die Schauspielerin Emma Stone, die dieses Jahr für "Poor Things" von Yorgos Lanthimos (unsere Kritik) einen Oscar erhielt und jetzt schon ihren nächsten Film mit dem griechischen Autorenfilmer in die Kinos bringt: "Kinds of Kindness" - die bereits dritte Zusammenarbeit der beiden, die vierte ist natürlich schon in Planung. "Er ist der Beste", schwärmt Stone. Seine Arbeitsweise sieht "mehrere Wochen skurriler Proben" vor, erfahren wir. "Das diene dazu, 'sich vor allen anderen möglichst lächerlich zu machen', wie Emma Stone es im Gespräch beschreibt. Man spielt also zum Beispiel eine menschliche Nudel. Oder macht den silly walk der Monty Pythons nach. Oder man spielt Reise nach Jerusalem mit erhöhtem Schwierigkeitsgrad (im Dunkeln). Wichtig sei, sagt Stone, dass man so ziemlich alles machen dürfe, außer das Drehbuch zu lesen, das man bald verfilmen wird, oder, noch schlimmer, es zu interpretieren: 'Es geht darum, dass man so viel intime Zeit miteinander verbracht hat, dass man sich vor den anderen für wirklich gar nichts mehr schämt.'"
Mit "Kinds of Kindness" geht Lanthimos nach seinen mit "The Favourite" und "Poor Things" bestrittenen Ausflügen ins Gefällige zurück zu seinen Wurzeln als galliger Kommentator, schreibt Jan Küveler in der WamS. Der Film "ist von einer derartigen Feindseligkeit, dass es schon fast lustig ist - eine klare Absage Lanthimos' an die Umarmung durch den Mainstream." Unter anderem "begegnen wir im Verlauf des Films einer totalitären Sex-Sekte, deren Mitglieder, wenn sie nicht gerade das Badewasser des Gurus saufen, auf der Suche nach einem neuen Lazarus sind. Zwischendurch haben wir befremdet einem Mann dabei zugesehen, wie er sich allmählich in einen Kannibalen verwandelte, nur um zu beweisen, dass seine Frau in Wahrheit eine Außerirdische ist."
Außerdem: Marius Nobach führt für den Filmdienst durchs Programm des Filmfests München. Baha Kirlidokme erinnert sich in der FR mit warmem, nostalgischem Blick an die im Fantum ansonsten oft verfemte Episode 1 des Star-Wars-Franchise. Besprochen werden Michael Sarnorskis Horrorfilm "A Quiet Place. Tag Eins" (Standard, unsere Kritik) die Reality-Doku "Kaulitz und Kaulitz" über die beiden Tokio-Hotel-Zwillinge (taz).
Kunst

Boris Pofalla (Welt) kann die Werke Matthew Barneys in gleich fünf Ausstellungen bewundern, denn mehrere Orte, unter anderem die Fondation Cartier in Paris, teilen sich seinen neuen, wie immer "opulenten" Zyklus zum American Football: "Sein neues Werk 'Secondary'(2023) dauert eine Stunde und handelt von dem tragischen Football-Match zwischen den Oakland Raiders und den New England Patriots vom 12. August 1978, bei dem zwei Spieler aufeinanderprallten. Dabei wurde Darryl Stingley am Rückenmark verletzt und war infolgedessen gelähmt. Was auf den Bildschirmen läuft, ist nun allerdings kein historisches Football-Spiel, sondern die antitheatralische Abstraktion eines solchen, eine Abfolge aus Gesten und Verrichtungen im Atelier des Künstlers in Long Island City, das einem Hangar ähnelt. Hier werden Skulpturen aus Blei, Aluminium, Terrakotta geformt. Es sind Materialien, deren Elastizität, Brüchigkeit und Fähigkeit, Erinnerungen zu speichern, Barney mit Charaktereigenschaften vergleicht - ein bisschen Joseph Beuys steckt auch in ihm."
Mit Sorge sieht Sophie Jung in der taz "ein tiefes Misstrauen" in der öffentlichen Kulturförderung. Denn Museen werden immer mehr zum Ort des Kampfes: Die jüngsten Streits über eine Ausstellung in den Deichtorhallen (unser Resümee) oder im Albertinum Dresden. Schwierig wird es vor allem, so Jung, "wenn es um die Frage der Kunstfreiheit geht, um die gerade in der Debatte um Kulturförderungen so sehr gerungen wird. Der Kunstfreiheit sind die Ausstellungshäuser ihrem Selbstverständnis nach verpflichtet. Aber wann ist etwas Kunst, wann persönliche Meinung? Das ist nicht leicht auseinanderzuhalten, denn die Kunst ist aus gutem Grund nicht definiert. Das Grundgesetz sieht zwar in Artikel 5 die unbedingte Freiheit der Kunst vor, doch liefert der Gesetzgeber keine Definition darüber, was Kunst eigentlich ist. Wenn etwa Adorno in der Minima Moralia schrieb: 'Aufgabe von Kunst heute ist es, Chaos in die Ordnung zu bringen", und ganz gegenteilig der neue Direktor des ZKM in Karlsruhe, Alistair Hudson, eine 'usefulness', eine gesellschaftliche Nützlichkeit von Kunst, einfordert, so handelt es sich jeweils nur um einen Kunstbegriff. Und der kann selbst innerhalb eines Kunstwerks variieren."
FAZ, Zeit Online, Welt Online und SZ resümieren die Ergebnisse eines Berichts zur Sammlung Bührle, den ein Team um den Historiker Raphael Gross zusammengestellt hat. Diese sind niederschmetternd: Gross und sein Team machten eine große Anzahl "jüdischer Vorbesitzer" aus, die in der öffentlichen Darstellung überhaupt nicht vorkommen, resümiert Marcus Woeller in der Welt. Jörg Häntzschel evaluiert in der SZ die Folgen für das Kunsthaus Zürich: "Wenn die Stadt die Sammlung weiterhin zeigen wolle, so schreiben die Experten um Gross, sei eine völlig neue Erforschung aller Provenienzen unabdingbar. Doch selbst dann, so machen die Autoren zwischen den Zeilen klar, wäre es besser, auf die Sammlung zu verzichten. Sollten die Bilder weiterhin zu sehen sein, würde das Kunsthaus mithelfen, den 'Raubmord' (Gross), der hinter einem großen Teil der Sammlung stehe, zu 'verdecken'. 'Ohne den Holocaust gäbe es die Sammlung Bührle nicht', sagt Gross der SZ."
Das Kunsthaus Zürich hat in der Affäre wirklich keine gute Figur gemacht, stellt Hubertus Hubin in der FAZ fest. Gross' Bericht zeige nämlich auch, dass eine frühere Evaluierung der Provenienz durch den Kunsthistoriker Lukas Gloor (der gleichzeitig Direktor der Stiftung war) große Mängel aufwies. Außerdem machte das Team um Gross neben den bereits identifizierten Werken weitere fünf aus, die eine problematische Herkunftsgeschichte haben. Hier der vollständige Bericht.
Weiteres: In "Bilder und Zeiten" der FAZ widmet sich Bernd Eilert in einem ausführlichen Essay dem Genre der Historienmalerei. Im Tagesspiegel unterhält sich der Kurator Klaus Biesenbach mit Hella Kaiser über die von ihm kuratierte Warhol-Ausstellung in der Neuen Nationalgalerie Berlin und die Erotik in Warhols Kunst (Unser Resümee). Besprochen werden die Ausstellung "Tyler Mitchell. Wish This Was Real" im C/O Berlin (FAZ), die Ausstellung "Edmund de Waal:letters home" in der Galerie Max Hetzler (tsp).
Musik
Kinky Friedman ist tot. Sein Leben können eigentlich nur die Coen-Brüder verfilmen, ist Harry Nutt in der FR überzeugt. "Für deren Spaß an anarchischen Charakteren jedenfalls wäre der Countrysänger, Krimiautor und spätberufene Politiker Kinky Friedman eine unerschöpfliche Fundgrube. ... Dick auftragen und mit Sanftheit verblüffen - seit seiner frühen Karriere fiel Friedman dadurch auf, dass seine Gesamterscheinung nicht unter einen Hut zu bringen war. Mitte der 70er Jahre posierte er mit wechselnden Kopfbedeckungen, Schnauzer, dicker Zigarre, weit aufgerissenem Hemd und glitzerndem Ohrring und erschreckte als Outlaw die konservative Country-Szene." Auch in allen übrigen politischen Milieus eckte er an: "Seine Humorfarbe triebe heute noch Röte in die Gesichter seines Publikums, vor allem die Farbe der Empörung stiege vielen hoch", schreibt Karl Fluch im Standard: "Kinky Friedman war ein Allrounder auf dem weiten Feld der Satire."
Andreas Platthaus kann dem in der FAZ nur zustimmen: "Friedman war politisch stets seine eigene Partei." Mit gepfeffertem Sarkasmus wie in Songs wie "They Ain't Making Jews like Jesus anymore" stieß er auf "ein begeistertes Publikum - und schäumende Empörung. Denn Friedman betonte seine jüdische Herkunft mit einem Selbstbewusstsein, das unüblich war - selbst sein Vater mokierte sich darüber - und ihm diverse antisemitische Hassattacken zuzog. Aber so hart er auch austeilen konnte, so empfindsam kommen manche seiner Lieder daher. Sein Verständnis von Countrymusik berücksichtigte auch die melancholische Tradition des Genres."
Weiteres: Im taz-Gespräch mit Andreas Hartmann erinnert sich Fan Ernst Ludwig an die Metalszene in der DDR. tazler Johann Voigt plaudert mit Ron Schindler über das Splash, das größte Hiphop-Festival Deutschlands. Besprochen werden die Compilation "Tránsitos Sónicos" mit elektronischer Musik peruanischer Komponisten aus den Jahren 1964-1984 (The Quietus), die auf Paramount+ gezeigte Doku "How Music Got Free" über die Geschichte der Musikpiraterie im Netz (TA), ein Konzert des Geigers Guido Sant'Anna in Wiesbaden (FR), der Auftritt von Kings of Leon beim Lido Sounds Festival in Linz (Presse, Standard), Rod Stewarts Konzert in Zürich (NZZ) und neue Musikveröffentlichungen, darunter "Night Reign" von Arooj Aftab (Standard, mehr dazu bereits hier).
Andreas Platthaus kann dem in der FAZ nur zustimmen: "Friedman war politisch stets seine eigene Partei." Mit gepfeffertem Sarkasmus wie in Songs wie "They Ain't Making Jews like Jesus anymore" stieß er auf "ein begeistertes Publikum - und schäumende Empörung. Denn Friedman betonte seine jüdische Herkunft mit einem Selbstbewusstsein, das unüblich war - selbst sein Vater mokierte sich darüber - und ihm diverse antisemitische Hassattacken zuzog. Aber so hart er auch austeilen konnte, so empfindsam kommen manche seiner Lieder daher. Sein Verständnis von Countrymusik berücksichtigte auch die melancholische Tradition des Genres."
Weiteres: Im taz-Gespräch mit Andreas Hartmann erinnert sich Fan Ernst Ludwig an die Metalszene in der DDR. tazler Johann Voigt plaudert mit Ron Schindler über das Splash, das größte Hiphop-Festival Deutschlands. Besprochen werden die Compilation "Tránsitos Sónicos" mit elektronischer Musik peruanischer Komponisten aus den Jahren 1964-1984 (The Quietus), die auf Paramount+ gezeigte Doku "How Music Got Free" über die Geschichte der Musikpiraterie im Netz (TA), ein Konzert des Geigers Guido Sant'Anna in Wiesbaden (FR), der Auftritt von Kings of Leon beim Lido Sounds Festival in Linz (Presse, Standard), Rod Stewarts Konzert in Zürich (NZZ) und neue Musikveröffentlichungen, darunter "Night Reign" von Arooj Aftab (Standard, mehr dazu bereits hier).
Bühne
In der Welt blickt Jakob Hayner zurück auf die Theatersaison und wütet gegen einen neuen Trend: das politisch korrekte Umschreiben. Was nicht passt, wird passend gemacht, ärgert sich der Kritiker: Klassiker bekommen einen anti-rassistischen oder feministischen Anstrich, manchmal bleibt vom Original nicht viel übrig, der ursprünglich Autor "steht nur noch als Abgekanzelter auf dem Spielplan". Dabei dient die moralisierende Kunst oft nur dem eigenen Ego: "Wer in der Kunst, wohin man auch blickt, immer nur sein eigenes Antlitz sehen will, leidet an einem ästhetischen Narzissmus. Die einzige Sorge gilt dem Selbstbild, jegliche Werthaltigkeitgeht verloren. Selbstermächtigung kippt in Selbstentmächtigung, wo der Kitsch über Widersprüchliches triumphiert. Wem das gefällt? Einem Publikum, das das hypermoralische Selbstbild zum Politik- und Religionsersatz erhoben hat und sich an widerspruchsfreier Selbstbestätigung durch plumpe Meinungssoße erfreut."
Es gibt in Deutschland kaum irgendwo ein Klassikpublikum, das so anspruchsvoll und "kundig" ist, wie in München. Um so trauriger, findet Reinhard J. Brembeck in der SZ, dass es sich nun doch mit einer sehr abgespeckten Variante eines neuen Konzerthauses begnügen muss (Unser Resümee). Da guckt man vielleicht doch etwas neidisch auf die Pläne für ein neues Konzerthaus in Düsseldorf, wo möglich scheint, was in München niemand finanzieren will:"Bisher sollte, so der Plan, das alte Haus am Hofgarten abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden, weder ein billiges noch ein unumstrittenes Projekt. Jetzt aber ist den Stadtvätern der in finanzielle Schieflage geratene Investor René Benko unfreiwillig zum Helfer in der Planungsnot geworden. Dessen insolvente Firma Signa besaß ein 9000-Quadratmeter-Grundstück in bester Düsseldorfer Lage ... das neue, Stand heute, 700 Millionen Euro teure Opernhaus soll spätestens in zehn Jahren stehen, auch die Musikhochschule und womöglich das Lager für den Opernfundus sollen dort unterkommen. "
Besprochen werden Sarah Kohms Inszenierung von Jovana Reisingers Stück "Enjoy Schatz" an der Schaubühne Berlin (nachtkritik), Simone Sterrs Inszenierung des Stücks "Fifty Degrees of Now" nach Kim Stanley Robinson Roman "Das Ministerium für die Zukunft" am Stadttheater Gießen (nachtkritik), Knut Webers Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" am Theater Ingolstadt (nachtkritik).
Es gibt in Deutschland kaum irgendwo ein Klassikpublikum, das so anspruchsvoll und "kundig" ist, wie in München. Um so trauriger, findet Reinhard J. Brembeck in der SZ, dass es sich nun doch mit einer sehr abgespeckten Variante eines neuen Konzerthauses begnügen muss (Unser Resümee). Da guckt man vielleicht doch etwas neidisch auf die Pläne für ein neues Konzerthaus in Düsseldorf, wo möglich scheint, was in München niemand finanzieren will:"Bisher sollte, so der Plan, das alte Haus am Hofgarten abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden, weder ein billiges noch ein unumstrittenes Projekt. Jetzt aber ist den Stadtvätern der in finanzielle Schieflage geratene Investor René Benko unfreiwillig zum Helfer in der Planungsnot geworden. Dessen insolvente Firma Signa besaß ein 9000-Quadratmeter-Grundstück in bester Düsseldorfer Lage ... das neue, Stand heute, 700 Millionen Euro teure Opernhaus soll spätestens in zehn Jahren stehen, auch die Musikhochschule und womöglich das Lager für den Opernfundus sollen dort unterkommen. "
Besprochen werden Sarah Kohms Inszenierung von Jovana Reisingers Stück "Enjoy Schatz" an der Schaubühne Berlin (nachtkritik), Simone Sterrs Inszenierung des Stücks "Fifty Degrees of Now" nach Kim Stanley Robinson Roman "Das Ministerium für die Zukunft" am Stadttheater Gießen (nachtkritik), Knut Webers Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" am Theater Ingolstadt (nachtkritik).
Architektur

Auf den "Bilder und Zeiten"- Seiten der FAZ plädiert Dan Teodorovici eindringlich für eine Wiederentdeckung des rumänischen Architekten Georges Cantacuzino. Einst wichtiger Avantgardist, geriet er in seinem Heimatland in Vergessenheit "ähnlich wie viele Mitglieder seiner Generation, die das moderne Rumänien der Zwischenkriegszeit mitaufgebaut haben", so Teodorovici. Sein Ansatz vereinte "Schönheit und Nützlichkeit" und "zeugt von der Suche nach Möglichkeiten, die weitgehend im lokalen Heimatstil verfangene Baukultur Rumäniens zu erneuern und zur Modernität hin zu öffnen", wie es beispielsweise am Entwurf des Hotel Belona an der Schwarzmeerküste zu beobachten ist: "Das Hotel Bellona verarbeitet das Dampfermotiv der Architektur-Moderne. Doch der wuchtige Sockel, auf dem der Bau ruht, wirkt auf den ersten Blick verstörend: eine massive zweigeschossige Anlage mit einer bugartigen Rundung, die mit großen sechseckigen Granitplatten verkleidet ist. Die Verbindung mit dem felsigen Untergrund verstärkt noch den festungsartigen ortsgebundenen Charakter und erinnert an historische Grenzfestungen wie Akkerman oder Hotin (heute in der Ukraine), während die in den Sockel eingelassenen Rundblendbögen auf Spuren der griechisch-römischen Antike an der Schwarzmeerküste deuten, etwa in Tomis (heute Constanţa)."
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