Efeu - Die Kulturrundschau

Lautstärke ist Testosteron

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.02.2016. In der FR beklagt Andreas Scholl das überholte Männerbild im klassischen Gesang. Die Welt verabschiedet die letzte deutsche Ballerina. Die NZZ freut sich, mit Stratis Tsirkas endlichen einen griechischen Klassiker der Moderne entdecken zu dürfen. Die FAZ erlebt in der großen Frankfurter Manierismus-Schau die Gegenwart des Cinquecento. Und: Kurtag spielt Bach nach Kurtag.

Kunst


Jacopo Pontormo: Venus und Amor, um 1533. Galleria dell'Accademia, Florenz

In der FR erkennt Christian Thomas in der großen Manierismus-Schau im Frankfurter Städel vor allem die Kunst, den Körper in Szene zu setzen. Im Positivtiven mit exzessiven Gesten und exzentrischen Blicken. Im Negativen mit nackter Gewalt: "Der Besucher wird konfrontiert mit den unbestritten ewigen Gesetzen eines Gemetzels. Der Manierismus machte daraus eine Choreographie des Grauens. Überliefert durch eine frühchristliche Legende, ist diese die entsetzliche Erzählung über die heillose Schutzlosigkeit von zehntausend Unterworfenen, ihr Ausgeliefertsein an die Willkür, gegen die, aus dem Himmel herab, eine andere als die irdische Gerichtsbarkeit gegen Kreuzigung und weitere Kulturtechniken des Abschlachtens blickt."

Ganz "großartig" findet auch FAZ-Kritikerin Rose-Maria Gropp die Ausstellung, bei der sich einige verblüffende Beobachtungen einstellen: Manche von Pontormos Arbeiten "erinnern frappierend an den zeitgenössischen amerikanischen Maler John Currin (oder umgekehrt), der sich mit seiner seltsamen Personage, was Wunder, auf die Renaissance bezieht. Mehr solcher Assoziationen stellen sich ein. Viel Gegenwart lauert aus dem nur scheinbar fernen Cinquecento zu uns herüber, künstlerische Widerständigkeit auch unter zerrütteten Zuständen. "

Besprochen werden außerdem die laut Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung "spektakuläre" Hieronymus-Bosch-Schau in 's-Hertogenbosch (Berliner Zeitung) und die Stephen-Shore-Retrospektive im C/O Berlin (Tagesspiegel).
Archiv: Kunst

Bühne

Für die FR unterhält sich Stefan Schickhaus mit dem Countertenor Andreas Scholl unter anderem über Geschlechterrollen in der Oper und wie dort noch immer ein eisernes Regiment herrscht: "In der Klassik - anders als in der Popmusik - definiert sich Maskulinität ja noch immer durch Schalldruck und Dramatik. Lautstärke ist Testosteron. Aber was ist das für ein Mann-Bild? Selbst im Mittelalter mussten Männer Gedichte schreiben können und nicht nur das Schwert schwingen. Im Pop gilt Falsettieren schon lange als sexy und zugleich männlich. In der Oper abseits der Barockmusik-Szene ist das noch etwas anders. Da ist es noch etwas besonderes, wenn man eine Heldenrolle mit einer scheinbar nicht heldenhaften Stimme besetzt."

Hier Scholl in Händels supermännlichem "Giulio Cesare":



Im Standard verteidigt die Intendantin des Wiener Volkstheater, Anna Badora, ihre als Selbstzensur heftig kritisierte Entscheidung, das Stück "Homohalal", eine "bitterbös-satirische Flüchtlingsdystopie", vom Spielplan zu nehmen: Die Zeit sei über diese Form hinweggefegt, Flüchtlinge kein Randthema mehr, meint sie. "Seither beherrscht es die Agenden der Öffentlichkeit, ist aber auch eine Frage von Leben, Tod und Zukunft für viele hunderttausend Menschen. Seit Köln ist die Auseinandersetzung darüber militant geworden und die öffentliche Meinung hat sich deutlich gedreht."

Als letzte deutsche Ballerina in einer klassischen Kompanie verabschiedet Manuel Brug in der Welt Beatrice Knop, die heute an der Deutschen Oper noch einmal im "Schwanensee" tanzt: Die Königin, nicht Odette, denn Knop war ideal für die bösen Mädchen. Aber: "Liebreiz und Lyrik muss man lernen und zulassen, diese Lektion hat sie gelernt, denn selbst die allergrößte Tanzkunst ist immer nur Talent, Technik, Wille, Intuition und sehr viel learning by doing."

Weiteres: In der FAZ bringt Frank Pergande Hintergründe zu den Plänen, das Theater Rostock in ein Opernhaus umzuwandeln.

Besprochen werden Tarek Assams in Frankfurt gezeigte Choreografie "Penelope wartet" (FR), ein tanzender Kongress an der Wiener Volksoper und Gioachino Rossinis "Otello" am Theater in der Wien (FAZ) und Stephan Kimmigs Inszenierung von John von Düffels Tragödienzusammenstellung "Orest. Elektra. Frauen von Troja" am Schauspiel Stuttgart (SZ).
Archiv: Bühne

Literatur

In der NZZ rühmt Jörg Plath die offenbar kanonische Romantrilogie "Steuerlose Städte" des griechischen Exil-Literaten Stratis Tsirkas von 1965, die von den Wirren der Kommunisten im Zweiten Weltkrieg erzählt und jetzt erstmals ins Deutsche übersetzt wurde: "Tsirkas' Protagonist Manos Simonidis kämpft gegen die Linie der moskautreuen Partei und ihre Unterwerfung unter die Briten. Sie bedeutet den Tod für viele: Nach einem Matrosenaufstand 1944 schicken die Briten die schwierigen Verbündeten auf einen militärisch sinnlosen Todesmarsch, Truppenteile werden in Wüstenlagern interniert. Die KP reagierte auf Tsirkas' Darstellung der ideologischen Differenzen in 'Der Club' so erbost, dass sie den Autor ausschloss... Immer aber ist in dieser Trilogie die Tragödie der Kommunisten nur ein Teil von jener des griechischen Exils." Online zu lesen sind die Romane auf den Seiten der Edition Romiosini.

In der Zeit berichtet die Schriftstellerin Ulla Lenze jetzt auch Online von ihrer Reise nach Basra, wo sie mit irakischen Schriftstellerinnen diskutierte.

Besprochen werden Heinz Strunks "Der goldene Handschuh" (SZ), Tom Coopers "Das zerstörte Leben des Wes Trench" (SZ), Ilija Trojanows Roman "Macht und Widerstand" (NZZ), Wolfram Siemanns "Metternich"-Biografie (NZZ), eine Wiederauflage von Irmgard Keuns "Kind aller Länder" (Freitag), Karen Duves "Macht" (ZeitOnline) und Pierre Guyotats "Eden Eden Eden" (FAZ).
Anzeige
Archiv: Literatur

Film

Besprochen werden Michael Moores "Where to Invade Next?" (SZ, Berliner Zeitung), die neue Netflix-Serie "Love" (Berliner Zeitung) und Tom McCarthys "Spotlight" (FAZ).
Archiv: Film
Stichwörter: Michael Moore, Netflix

Musik

(Via slippeddisc.com) Der neunzigjährige György Kurtag und seine Frau Marta spielen vierhändig eine Bach-Transkription von Kurtag:



Weitere Artikel: Musiker können sich dagegen wehren, wenn Extremisten ihre Stücke auf politischen Veranstaltungen spielen, erfährt Alex Rühle im SZ-Gespräch mit dem auf Medienrecht spezialisierten Anwalt Konstantin Wegner. In der Presse stellt Samir H. Köck nach dem Wiener Konzert der Eagles of Death Metals fest, dass jenseits der starken Symbolkraft vor allem der Macho-Rock steht. "Herrenwitze als Musik", winkt auch Karl Fluch im Standard ab.

Besprochen werden das Album "Und aus den Wolken tropft die Zeit" von Isolation Berlin (Freitag), sowie Konzerte von Roger Hodgson (FR), Ambiq (taz) und Kula Shaker (FAZ).
Archiv: Musik
Stichwörter: György Kurtag, Metal