Efeu - Die Kulturrundschau

Derart monochrome Darstellung

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04.04.2014. Die Welt feiert Teodor Currentzis' "Figaro"-Einspielung: Niemandes Mozart ist zur Zeit so federleicht. Die Diskussion über das Politische in Ai Weiweis Kunst geht weiter.  Harold Pinters Stück "Der Hausmeister" in der Regie von Andrea Beth stößt bei Gerhard Stadelmaier erwartungsgemäß auf Begeisterung, die Nachtkritik ist skeptischer. In der taz erklärt Alexander Kluge, warum er keine Lust hat, sich mit der Apokalypse zu befassen. Außerdem: Andreas Schlüter im Bode-Museum.

Kunst

taz-Autor Ingo Arend sieht das mit dem Politischen in der Kunst Ai Weiweis vertrackter als die meisten anderen Kritiker, die gestern die Nase rümpften (siehe auch unsere gestrige Kulturrundschau): "Dass das politische Denkmal Ai Weiwei den Künstler zu erdrücken droht, lässt sich diesem Mann also nicht anlasten. Dennoch zeigt die Schau, wie er die Zumutungen, derer er sich erwehren muss, in eine Formensprache übersetzt, die das Politische übersteigt." Sehr differenziert setzt sich auch Bert Rebhandl im Standard mit Ais politischer Kunst auseinander.

Die Bundeskunsthalle Bonn stellt dem abstrakten Frühwerk Malewitschs die im Westen selten gezeigten figurativen Werke seiner Spätphase gegenüber, schreibt Catrin Lorch in der SZ. "Diese Periode [erscheint] erstmals nicht als schlichter Abfall vom Gipfel. Man kann ironisch konstatieren, dass das reine Rot vom quadratischen Suprematismus einer Bäuerin jetzt wieder die Bäckchen der 'Arbeiterin' färbt, die Malewitsch 1933 wuchtig auftreten lässt. Doch tragen die drallen Figuren schimmernde Wämse, haben unerwartet flache Gesichter, sind hybride Wesen..."

Anlässlich der großen Andreas-Schlüter-Würdigung im Berliner Bode-Museum flaniert Tagesspiegel-Autor Michael Bienert durch Berlin zu den Bauwerken und barocken Ornamenten, die Schlüter geschaffen hat. Im Zeughaus staunt er über Schlüters Kunst: "Die Schlusssteine über den Fenster- und Torbögen des Erdgeschosses sind sein Werk, die Kriegerköpfe im Innenhof legendär. Einer beißt sich auf die Lippen, andere öffnen den Mund zum stummen Schrei oder scheinen sanft entschlummert. Keine blutleeren Kampfmaschinen, sondern junge und alte Männer im Todeskampf."

Rainer Haubrich macht in der Welt darauf aufmerksam: "Ohne den Wiederaufbau des Berliner Schlosses gäbe es diese Ausstellung nicht. Ohne die jahrelange Diskussion darüber, ob man das architektonische Hauptwerk Andreas Schlüters rekonstruieren sollte, das 1950 von der DDR gesprengt und abgetragen wurde und dann dem kollektiven Vergessen anheimfiel - ohne diese Schlossdebatte wüsste heute kaum jemand in Berlin, geschweige denn in Deutschland, von Andreas Schlüter." Für die FAZ bespricht Andreas Kilb die Ausstellung.

Außerdem bespricht Andreas Breitenstein in der NZZ eine Ausstellung über die "Habsburger Juden" im Jüdischen Museum Hohenems.
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Bühne

Das Münchner Residenztheater zeigt Harold Pinters Stück "Der Hausmeister" von 1960 in der Inszenierung von Andrea Breth. Für Nachtkritik.de hat Sabine Leucht die Vorstellung besucht. Recht überzeugt ist sie nicht: "Sie hat diese im Wenn-Modus steckengebliebene Dreiermannschaft des freudlosen Müßiggangs aus dem Spielplanabseits geholt und neugierig beschaut. Zweiteres tut man als Zuschauer auch, aber ein bisschen so, wie ein altes Bild in einem Museum, hinter dem man die Tür bald wieder schließt." Bravo ruft unterdessen Gerhard Stadelmaier in der FAZ dem Schauspieler Hans-Michael Rehberg zu, dessen Gesichtsartistik er höher schlagenden Herzens lobt: "Bei anderen wären das Grimassen. Oder Elendsdeklamationen. Bei ihm ist es eine funkelnde Feuerwerksmimik. Oh Herr, das Elend ist sehr groß, Rehberg lässt dagegen seine Witz-Dämonen los!" Wiederum verhalten reagiert Christopher Schmidt in der SZ: Dieses über 50 Jahre alte Stück ist "einfach nur ein bisschen grau geworden".
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Literatur

Es gibt keine afrikanische Literatur, hat Taiye Selasi (wohl nicht zum ersten Mal) bei einem Vortrag in Zürich gesagt, über den Angela Schader in der NZZ berichtet: Mit diesem Begriff sehe sich die Autorin in die Ethno-Ecke abgeschoben: "Das, monierte Selasi zu Recht, bedeute eine Missachtung der Tatsache, dass Afrika - ein Kontinent, der 54 Staaten, zahlreiche, kulturell äußerst diverse Bevölkerungsgruppen und rund 2000 Sprachen beherbergt - wohl der ungeeignetste Ort auf Erden für eine derart monochrome Darstellung sei."

Weitere Artikel: Die Berliner Zeitung bringt eine kurze Erzählung des israelischen Autors Yali Sobol. Und alle trauern um den Schweizer Schriftsteller Urs Widmer: Nachrufe gibt es in der NZZ (Roman Bucheli ausführlicher als gestern), FAZ, SZ, taz, Zeit, Tagesspiegel und Berliner Zeitung.

Besprochen werden Nona Fernández' Roman "Die Toten im trüben Wasser des Mapocho" (SZ) und eine Vitrinenausstellung mit Artefakten aus dem Nachlass von Eva und Erwin Strittmatter in der Berliner Akademie der Künste (Berliner Zeitung).
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Musik

Um Teodor Currentzis' "Figaro"-Einspielung wird zwar eine Menge raunendes PR-Theater gemacht, so Manuel Brug in der Welt, aber Currentzis' federleichter Präzision kann er sich dann doch nicht entziehen: "Das dauert, bis ein solches unbedingtes Unterfangen im Ergebnis optimal ist, deshalb fängt Currentzis in den Aufnahmesitzungen immer wieder von vorne an. Unerbittlich. Und alle folgen, willig, fanatisch fast. 3000 Kilometer vom Uraufführungsort Wien entfernt und noch immer 1000 Kilometer von Moskau weg - in Perm." Und seine Muse, die Sopranistin Simone Kermes, die hier die Gräfin singt, ist seinetwegen sogar zum griechisch-orthodoxen Glauben übergetreteten. Skeptischer berichtete Peter Hagmann schon vor einem Monat in der NZZ.

Hier sind die beiden (vielleicht nicht ganz so überzeugend, wie Brug sie besingt) mit Donna Annas Arie "Non mi dir, bell'idol mio" aus "Don Giovanni":



"Gutes, altes Westberlin" seufzt Thomas Winkler in der taz beim Anhören des Debütalbums der Band Automat, in der sich diverse Prominenz aus der Westberliner Szene der achtziger Jahre tummelt. Und dieses alte Westberlin hat "dank guter Vernetzung und künstlerischer Renitenz ins neue, größere Berlin hinübergerettet (...), was es während der düsteren Postpunk-Zeiten über Grenzüberschreitungen und interdisziplinäres Arbeiten gelernt hat." Hier gibt es Hörproben.

Besprochen werden außerdem das Berliner Konzert von Cult (Berliner Zeitung), das bei Spex gestreamte Debütalbum "Tremors" von Sohn (taz) und ein von Valery Gergiev dirigiertes Konzert in Frankfurt (FAZ). Außerdem auf der Phono-Seite der NZZ eine CD-Box mit Aufnahmen des Dirigenten Fritz Reiner.
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Film

Für die taz unterhält sich Claudia Lenssen mit Alexander Kluge. Die Kritikerin vermisst in seinen Filmen die Angst vor der Zukunft. Er antwortet: "Filme sind nicht naturalistisch, sie sind nicht die Abbildung wirklicher Verhältnisse, die in unserer Welt durchaus bedrohlich sind. Im Kino gehe ich auf die andere Seite, ich gehe aus der Bedrohung raus. Die Libido hat keine Lust, sich mit der Apokalypse zu befassen."

"Einer der stämmigsten und zugleich sensibelsten (...) Männerfilme, die man sich mit verständnisvollen Frauen derzeit im Kino angucken kann", meint Dietmar Dath in der FAZ über Scott Coopers neuen Film "Auge um Auge". Auch Thomas Groh ist beim Perlentaucher sehr angetan: "Mit was für einer Liebe Cooper an seinen Stoff geht, was er aus seinem toll zusammengestellten Cast herausholt, mit welcher Konsequenz er seinen erwachsenen, unbedingt ernsthaften Slowburn-Hinterlands-Thriller minutiös aufbaut, um am Ende das Böse selbst auf denkbar böse Weise auf Kimme und Korn zu nehmen, das ringt einem schon deutlich mehr ab als nur Respekt."

Besprochen werden Lars von Triers "Nymphomaniac 2" (Perlentaucher), Darren Aronofskys Fantasyspektakel "Noah"(FR) und der koreanische Science-Fiction-Film "Snowpiercer" (Tagesspiegel, FR, sowie unsere Berlinale-Kritik).
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