Efeu - Die Kulturrundschau

Die Mystik der Maulbeerfeige

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23.04.2026. Le Point kann es nicht fassen: Kamel Daoud wurde vom algerischen Regime zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er es wagte, über das Schwarze Jahrzehnt zu sprechen, während tausende Terroristen durch das gleiche Gesetz freigesprochen wurden. Nach Orbans Abwahl setzen sich Ungarns Filmemacher für eine neue Ära ein, die wieder unabhängige Gremien über die Filmförderung entscheiden lässt. Los Angeles mausert sich zur neuen Kunstmetropole, staunt die Zeit. Die FAZ bewundert den Neubau V&A East Museums, der nach Röntgenaufnahmen von Balenciaga-Kleidern entworfen wurde. Und die Welt lernt Bernini als Erfinder des barocken Rom kennen.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2026 finden Sie hier

Film

Viktor Orbáns Wahlniederlage wirkt sich auch auf den ungarischen Film aus, schreibt Jörg Taszman im Filmdienst. So ist der frühere Regisseur und Orbán-Intimus Csaba Kaél - an dem sich "gut festmachen lässt, wie eng Korruption und politische Vetternwirtschaft in Ungarn in den vergangenen 16 Jahren miteinander verflochten waren" - von seiner Position als Leiter des Nationalen Filminstituts sofort zurückgetreten. Dieses "zentralisierte die Filmförderung und unterstützte kaum noch kleinere ungarische Filme, die nicht in den Fidesz-Kanon passten". Und jetzt? "Ungarische Filmemacher wie Kristóf Déak, Benedek Fliegauf oder György Pálfi plädieren in offenen Briefen für eine Neuausrichtung der nationalen Filmförderung und einen Neuanfang. Unabhängige Gremien und Jurys sollen transparent entscheiden. Statt einer einzigen zentralen Förderinstitution soll es wieder mehrere Fördertöpfe geben."

Weitere Artikel: In der SZ porträtiert Andrej Schenk den russischen Lehrer Pawel Talankin, der sich gegen Putins Auflagen zu einem nationalistischen Schulunterricht wehrte, deshalb ins Exil ging und als Protagonist des Dokumentarfilms "Ein Nobody gegen Putin" im März mit einem Oscar prämiert wurde. Tobias Sedlmaier plaudert in der NZZ mit Joe Dante, der für eine Retrospektive nach Zürich gekommen ist.

Besprochen werden Saïd Hamich Benlarbis "Zwischen uns das Meer" ("ein gut beobachtetes Drama über Freiheiten und die Schmerzen des Exils, vor allem aber ist der Film großes Kinoglück", schwärmt Fabian Tietke im Perlentaucher), Karim Aïnouz' Gesellschaftssatire "Rosebush Pruning" (Perlentaucher, critic.de, mehr zum Film bereits hier), Thierry Klifas "Die reichste Frau der Welt" mit Isabelle Huppert (taz, FAZ), die Wiederaufführung von Bernhard Sinkels "Lina Braake" aus dem Jahr 1975 (taz), Amazing Amezianes Comic-Biografie über Steven Spielberg (FD) und Antoine Fuquas Biopic über Michael Jackson (FR, Standard, mehr dazu bereits hier). Außerdem werfen Tagesspiegel und Filmdienst einen Blick auf die wichtigsten Kinostarts der Woche.
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Architektur

V&A East Museum London. Image credit Peter Kelleher Victoria & Albert Museum, London

Die Eröffnung des V&A East Storehouses ist nicht mal ein Jahr her, schon folgt 15 Fußminuten entfernt die Eröffnung des Neubaus V&A East, staunt Gina Thomas in der FAZ. In die übrige Architektur will sich der Entwurf des Architektenpaares Sheila O'Donnell und John Toumey zwar nicht recht einlassen, für sich überzeugt der fünfstöckige Bau aber sehr wohl, findet sie: "Dessen ungewöhnliche Form wurde von Überlegungen über den Zwischenraum zwischen Kleidung und Körper angestoßen. Die Idee kam den Architekten dank einer Ausstellung im Haupthaus des V&A, die im Jahr 2017 dem Werk des spanischen Modeschöpfers Cristóbal Balenciaga gewidmet war. Dessen skulpturales Gespür für den Raum zwischen Körper und Kleidungsstück faszinierte die Architekten. Röntgenaufnahmen von Kleidern führten das in der Schau anschaulich vor Augen. .... Vor diesem Hintergrund ist die Fassade mit ihren Kanten und Schrägen zu verstehen - als ein die stählerne Struktur umhüllender Mantel aus 479 vorgefertigten Betonplatten."

Nach Frauke Steffens in der FAZ besucht auch Hanno Rauterberg für die Zeit die von Peter Zumthor entworfenen David Geffen Galleries des LACMA in Los Angeles (unser Resümee). Aber das ist nicht das einzige "unerhörte wagemutige" Museum, das L.A. zur neuen Kunstmetropole machen könnte, staunt Rauterberg: "Schon im September wird das nächste Architekturwunder fertig sein, das Lucas Museum of Narrative Art, das für die popkulturelle Sammlung von George Lucas, dem Erfinder der Star-Wars-Saga, gegründet wurde. Mit seinen weißen, weichen, auf Flugtauglichkeit getrimmten Formen, entworfen von MAD Architects, will es unbedingt wie ein Raumschiff aussehen, das jedes noch so weit entfernte Universum spielend leicht erkundet." Und auch der Künstler Refik Anadol plant ein Museum: "Dataland wird das Museum heißen und nur Installationen zeigen, die ohne künstliche Intelligenz nicht entstanden wären. Und die eine Zukunft beschwören, neben der die Raumschiffträume von George Lucas auf rührende Weise altertümlich wirken."

Weitere Artikel: Sehr zufrieden betrachtet Hubertus Adam in der NZZ das frisch restaurierte Museum Langmatt in Baden in der Schweiz.
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Literatur

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Kamel Daoud ist vom algerischen Regime in Abwesenheit zu drei Jahren Gefängnis ohne Bewährung verurteilt worden. Vorgeworfen wird ihm, mit seinem Roman "Huris" gegen das "Gesetz für den Frieden und die nationale Versöhnung" verstoßen zu haben. Er schreibt in seinem Roman verbotenerweise über das "Schwarze Jahrzehnt". Etienne Gernelle kann es in Le Point nicht fassen: ein Gesetz, das nach dem Bürgerkrieg eingeführt wurde und dessen Artikel 46 diejenigen bestraft, die es wagen, über ihn zu sprechen. Nicht Blutvergießen ist also schwerwiegend, sondern zu sagen, dass Blut vergossen wurde. Kamel Daoud ist der einzige Fall, in dem dieses verrückte Gesetz angewendet wurde. Sein Verbrechen, das ihn offenbar gefährlicher macht als Terroristen, besteht also darin, dass er... das Tabu gebrochen hat. Der Roman beginnt übrigens mit der Wiedergabe dieses Artikels 46 der 'Charta für Frieden und nationale Versöhnung'." Durch das Gesetz wurden Tausende Terroristen amnestiert - und nun ein Schriftsteller verurteilt, "eine unfreiwillige Hommage der Zensoren: Die Feder wird in Algerien offiziell als eine Waffe anerkannt, die mächtiger ist als die Bombe..."

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Eine Recherche von Anh Tran für den Dlf kommt nochmal auf die Kontroverse um Ingo Schulzes "Mängelliste" zu Charlotte Gneuß' Debütroman "Gittersee" vor drei Jahren zu sprechen: Demnach soll es der Schriftsteller Frank Witzel gewesen sein, der diese Liste an die Jury des Deutschen Buchpreises durchgestochen hatte - weil er angeblich die mit ihm befreundete Juryvorsitzende Katharina Teutsch "nicht ahnungslos dastehen" lassen wollte, während Schulze der Autorin mit seiner Liste angeblich nur "helfen" wollte. Witzel hatte der Recherche zufolge nach Rücksprache mit Schulze gehandelt, der 2023 noch abgestritten hat, an dieser Weitergabe beteiligt gewesen zu sein. "Ob - und wenn ja wie - Schulzes Liste die Entscheidung der Jury beeinflusst hat, wird sich vermutlich nie eindeutig feststellen lassen. Katharina Teutsch verneint eine Beeinflussung. Doch auf der Shortlist taucht 'Gittersee' nicht mehr auf. ... Unabhängig davon, ob Ingo Schulze Charlotte Gneuß und seinem Verlag helfen wollte oder ob Frank Witzel seine Freundin Katharina Teutsch 'nicht ahnungslos dastehen' lassen wollte: Am Ende handelt es sich hier um die versuchte Einflussnahme auf die Jury eines der wichtigsten Literaturpreise hierzulande."

Weiteres: Das Literaturteam der FR feiert den "Welttag des Buches" mit Lesetipps. Besprochen werden unter anderem Saba Sams' "Wir sind das Leben" (taz), Fleur Jaeggys "Die letzten Tage von Ingeborg" (NZZ), Elena Ferrantes Essayband "An den Rändern" (Zeit), Joann Sfars Comic "Terre de sang" (FAZ) und Esther Schüttpelz' "Grüne Welle" (SZ). Mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr.
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Kunst

Bernini, Büste von Papst Urban VIII. im Palazzo Barberini, 1637-8. Foto von I, Sailko, CC BY-SA 3.0

War Gianlorenzo Bernini der Erfinder des barocken Rom, fragt sich Boris Pofalla nach der phänomenalen Ausstellung "Bernini e i Barberini"  im Palazzo Barberini in Rom. Siebzig Werke sind in der Ausstellung zu bewundern, nicht wenige davon beauftragt von Papst Urban VIII. (Maffeo Barberini), der etwa den Bronzebaldachin über dem Altar im Petersdom bei Bernini in Auftrag gab: "Das Verständnis für das 'teatro sacro' der katholischen Kirche, für Inszenierung überhaupt, ist in diesem Künstler exemplarisch verkörpert. Aber es ist eben keine bloße Theatralik, kein leerer Prunk. Der Mensch und sein Wesen sind die Quelle, aus der Bernini schöpft. Das kann man besonders da gut sehen, wo Bernini mit den Papstbüsten jene Männer darstellt, denen er seine enorme Wirkungsmacht als Künstler verdankt - und die bei anderen doch oft in majestätischer Würde erstarren. Dank der Fülle solcher Porträtbüsten in der Schau kann man nicht nur verschiedene Fassungen miteinander vergleichen, sondern registriert auch, wie Bernini der Versuchung nicht erliegt, durch Verismus und übertriebenen Detailreichtum verblüffen zu wollen."

In der taz ärgert sich Harff-Peter Schönherr, dass Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) der 39. Ausgabe des Osnabrücker European Media Art Festival (EMAF) wegen "befremdliche Antisemitismus-Befürchtungen" die Schirmherrschaft entzogen hat. Dabei ist das Festival doch so "verrätselt, tiefgründig, kühn und provokant" und "zielt auf Diskursentfachung", meint Schönherr. Auslöser für den Rückzug von Lies war die palästinensisch-amerikanische Regisseurin Basma al-Sharif, die durch antisemitische Posts aufgefallen war (unsere Resümees), aber dennoch beim Festival ihren Kurzspielfilm "Morgenkreis" zeigen darf: "An ihrem Film, der das von Friedrich Fröbel im 19. Jahrhundert in die Frühpädagogik eingeführte Ritual zur Überwindung von Trennungsangst als Metapher und Medium nutzt, um von der Desorientierung von Migranten in Deutschland - konkret in Berlin - zu erzählen, lässt sich kein Hinweis darauf finden. Wie absurd und dialogfern es ist, sich von einem mehrwöchigen Event zu distanzieren, weil eine dessen 148 Künstlern, die persönlich noch nicht einmal anreist, Kritikwürdiges auf Instagram gepostet hat, zeigt sich in dieser Ausstellung überall."

Besprochen werden die Ausstellung Leyla Yenirce: "Werdegang" im Landesmuseum Kunst & Kultur Oldenburg (taz), die Helen-Frankenthaler-Ausstellung im Kunstmuseum Basel (Welt) und die Brancusi-Ausstellung in der Berliner Neuen Nationalgalerie (Tell).
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Musik

"Mit neuer Kammermusik wird sicherlich kein Einfluss aufs Weltgeschehen genommen", sagt Anselm Cybinski, der in diesem Jahr erstmals die Wittener Tage für Kammermusik leitet, im FAZ-Gespräch gegenüber Jan Brachmann, "aber vielleicht kommt über sie ein Bewusstwerdungsprozess in Gang." Politische Bekenntnisse von Künstlern einzufordern hält er indessen für "falsch und gefährlich. Das käme einer Instrumentalisierung von Kunst gleich. Sollten wir Positionen vorfinden, die völkerrechtswidrig oder nicht verfassungskonform wären, müsste man natürlich sofort einschreiten. Aber was wir hier, einer emphatischen Idee von Kammermusik folgend, leisten können, ist eine Auseinandersetzung mit all diesen Fragen in deren ganzer Vielschichtigkeit. Das muss von uns nicht auktorial vorgegeben werden. Die Leute, die hier zusammenkommen, sind ja mündige Menschen."

Weitere Artikel: Die Agenturen melden, dass 1100 Musikschaffende - darunter die üblichen Gestalten wie Roger Waters, Macklemore und Co. - zum Boykott des Eurovision Song Contest aufrufen, weil auch Israel an dem Wettbewerb teilnehmen wird. Thomas Wochnik porträtiert im Tagesspiegel den japanischen Dirigenten Kazuki Yamada, der ab der Saison 2026/27 das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin leiten wird. Georg Rudiger porträtiert in der NZZ die Dirigentin Marie Jacquot, die heute Abend erstmals das Tonhalle-Orchester in Zürich dirigiert. Merle Krafeld spricht für VAN mit der Sopranistin Annette Dasch. Torsten Groß plaudert für die SZ mit Foo-Fighters-Frontmann Dave Grohl. Phil Hebblethwaite porträtiert für VAN den Gitarristen Sean Shibe.



Besprochen werden der im Kino gezeigte John-Lennon-Konzertfilm "Power to the People" (FR), ein Konzert von Fazil Say in Frankfurt (FR), Lucy Krugers neues Album "Pale Bloom" (FR), der Auftakt des Berliner Klavierfestivals mit Severin von Eckardstein (VAN) und Courtney Barnetts Album "Creature of Habit" (SZ).
Archiv: Musik